Thomas Thiel: Die Transgender-Bewegung und die Abschaffung des Menschen

Louis Janmot - Souvenir du ciel (gemeinfrei)

Der Wissenschaftsjournalist Thomas Thiel betreut das Ressort Forschung und Lehre der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In einem aktuellen Aufsatz setzt er sich kritisch mit der Transgender-Bewegung auseinander. Dieser wirft er vor, von einem unwahren Menschenbild auszugehen, keine Rücksicht auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu nehmen, die Öffentlichkeit über ihre Absichten zu täuschen und aggressiv gegen jeglichen Widerspruch vorzugehen. Hinter der Bewegung stünden nicht nur die Interessen von Pharmaunternehmen, sondern auch eine radikale utopische Ideologie, welche die Abschaffung des Menschen anstrebe.1

Es gebe derzeit eine globale Kampagne von Transgender-Aktivisten, die ihre Ideologie in nationalen Gesetzen verankern wollten. In Deutschland hätten die Parteien FDP und Bündnis90/Die Grünen entsprechende Entwürfe vorgelegt, die „die über weite Strecken wirken, als wären sie von den Aktivisten selbst geschrieben“:

  • Die entsprechenden Aktivisten gingen von einer „fluiden Geschlechtlichkeit“ sowie davon aus, dass „geschlechtliche Zuordnung allein Sache des Gefühls ist und das Geschlecht durch Sprache vollkommen verändert kann“. Ab einem Alter von vierzehn Jahren solle jeder jährlich darüber entscheiden können, ob er rechtlich als Mann oder Frau betrachtet werde. Dieser Aktivismus beruhe jedoch auf einem unwahren Menschenbild, da Menschen durch bloße Umdeklarierung nicht wirklich ihr Geschlecht änderten. Dies sei auch dann nicht der Fall, wenn medizinische Eingriffe vorgenommen würden. Diese änderten nicht das Geschlecht, sondern nur das Erscheinungsbild eines Menschen.
  • Man strebe außerdem an, irreversible medizinische Eingriffe bei Kindern und Jugendlichen zu erleichtern, darunter etwa die Amputation von Geschlechtsorganen ohne medizinische Indikation. Minderjährige sollten sich „so früh und spontan wie möglich“ ohne ärztliche Beratung, ohne Information über die Risiken, ohne die Folgen ihrer Entscheidung überblicken zu können und ohne Zustimmung der Eltern solchen Eingriffen unterziehen dürfen. Thiel bezeichnet dies als „Experimente mit Kindern“.

Transgender-Aktivisten würden darüber hinaus die Öffentlichkeit täuschen. Sie forderten etwa, dass Kindern und Jugendlichen die Risiken medizinischer Eingriffe verschwiegen werden und diese stattdessen als „körperlich und psychisch folgenlose Wunscherfüllung“ dargestellt werden sollten. Aktivisten würden zudem in Schulen und Kindergärten Broschüren verteilen, „die Kindern den Geschlechtswechsel beispielsweise mit der gauklerischen Behauptung nahelegen, auch Männer könnten Kinder gebären“. Ein Strategiepapier der Transgender-Organisation IGLYO gehe in den offenbarten Täuschungsabsichten nocht darüber hinaus:

„Die Iglyo-Kampagne gibt sogar offen zu, die Öffentlichkeit über ihre Ziele täuschen zu wollen. Hängen Sie sich an eine populäre Reform, rät das Strategiepapier, um ‚unter deren Deckmantel‘ (!) Ihr eigentliches Ziel durchzusetzen. Unter der Überschrift ‚Vermeiden Sie exzessive Berichterstattung‘ wird empfohlen, sich mit weit ausgearbeiteten Plänen an einzelne Politiker zu wenden, um die Meinungsbildung vorwegzunehmen. Danach soll mit gesetzlichen Sanktionen verhindert werden, dass Kritik an dem streitbaren Konzept der Gender-Identität geäußert wird. Die Gesetzesentwürfe von Grünen und FDP kommen dem nah: Sie sehen Sanktionen bis 2500 Euro vor, wenn das frühere Geschlecht einer Person genannt wird […]. Nun spricht jemand, der das im Hinblick auf die Vergangenheit tut, nichts anderes als die Wahrheit aus. Ein Staat, der das unter Strafe stellt, fordert seine Bürger zum Schweigen oder zur Lüge auf. Praktiken, die diktatorischen Regimen vorbehalten waren, werden plötzlich von Freien Demokraten vertreten.“

Aktivisten würden außerdem mit aggressiven Methoden eine offene Debatte verhindern. Kritiker würden „mit Drohungen und Denunziationen überzogen, Verlage unter Druck gesetzt, kritische Bücher und unwillkommene Studien aus dem Programm zu nehmen“. Kritik richte „sich nicht gegen inhaltliche Argumente, sondern gegen die Person, die als transphob stigmatisiert wird.“

Transgender sei zudem „keine Graswurzelbewegung, sondern eine wirtschaftliche Macht“ und werde von Pharmaunternehmen unterstützt. Das Streben nach Profit verbinde sich hier mit radikalen utopischen Ideologien. Die transsexuelle Aktivistin Martine Rothblatt, die zugleich Vorstandsvorsitzende des Pharmaunternehmens United Therapeutics ist, habe etwa erklärt, dass der entsprechende Aktivismus “ die Auffahrtsrampe zur Überwindung des Fleisches“ sei. Menschen, „die sich weigern, als männlich oder weiblich bezeichnet zu werden“ seien „die Pioniere einer Menschheit, die nicht durch irgendein Substrat begrenzt ist“. Es gebe „eine Entwicklungslinie von transgender zu transhuman.“

Hintergrund und Bewertung

Transgender-Aktivisten agieren deutlich aggressiver als andere LGTB-Aktivsten und stellen jeglichen Widerspruch gegenüber dem von ihnen propagierten Menschenbild als Ausdruck von „Haß“ oder als einen mit physischer Gewalt vergleichbaren Angriff dar. Wer sich entsprechend äußert, wird in der Regel zum Ziel von rufschädigenden Kampagnen, die seine berufliche oder soziale Existenz zerstören sollen. Ein Beispiel dafür ist die seit 2019 laufende Kampagne gegen die Schriftstellerin J. K. Rowling.

Transgender-Aktivismus tritt für weitreichende und größtenteils irreversible medizinische Eingriffe zur „Geschlechtsangleichung“ bei Kindern und Jugendlichen ein, die mangels hinreichender Erkenntnisse über das Transgender-Phänomen und seine Ursachen Menschenversuchen gleichkommen. Der an der Universität Oxford lehrende Mediziner Carl Heneghan kritisierte daher die Anwendung pubertätsverzögernder Medikamente sowie Hormonbehandlungen bei Kindern mit Geschlechtsidentitätsstörungen. Die langfristigen Auswirkungen solcher Behandlungen an Kindern seien noch nicht hinreichend erforscht. Häufig seien diese Medikamente zur Behandlung anderer Krankheiten entwickelt worden. Ihre Anwendung bei Kindern mit Geschlechtsidentitätsstörungen stelle ein „Experiment an Kindern“ dar.2

In Großbritannien kündigten zwischen 2016 und 2019 mindestens 18 Ärzte aus ethischen Gründen, nachdem von ihnen die Beteiligung an entsprechenden medizinischen Eingriffen gefordert worden war. Sie kritisierten zudem, dass viele entsprechende Diagnosen bei Kindern falsch seien, vor allem bei Jugendlichen mit homosexuellen Neigungen, die Schwierigkeiten hätten, sich mit ihrem Geschlecht zu identifizieren oder unter Mobbing, aber nicht unter einer Geschlechtsidentitätsstörung im eigentlichen Sinne litten. In diesen Fällen würden derzeit irreversible Eingriffe vorgenommen, die nicht dem Krankheitsbild der Betroffenen entsprächen und deren Lage weiter verschlechtern könnten. Auf Ärzte werde Druck ausgeübt, den Behandlungen zuzustimmen, auch wenn diese nicht davon ausgingen, dass diese im gesundheitlichen Interesse der Betroffenen wären. Einer der Ärzte sprach davon, dass die Behandlungen Menschenversuche an besonders verwundbaren Kindern und Jugendlichen darstellten.3

Der Kinderpsychiater Alexander Korte, der als leitender Oberarzt am  Klinikum der Universität München tätig ist, erklärte 2019, dass die Zahl der Jungen und Mädchen, die sich als „Transgender“ wahrnehmen würden bzw. unter Geschlechtsinkongruenz und Genderdysphorie litten und sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren könnten, in den vergangenen Jahren stark angestiegen sei. Vor wenigen Jahren noch hätten solche Fälle eine „absolute Rarität“ dargestellt. Vor rund zehn Jahren hätte die Zahl der Fälle dann begonnen zuzunehmen. In den vergangenen fünf Jahren sei ein besonders starker Anstieg zu beobachten gewesen.

  • Man habe es „hier offensichtlich mit einem Zeitgeistphänomen zu tun“. Das „ganze Transgender-Thema wird gegenwärtig sehr gehypt“. Es gebe „eine Reihe von Transjungen“, die in sozialen Medien als „Influencer“ auftreten und so andere Jugendliche beeinflussen würden. Hier seien gruppendynamische „Nachahmereffekte“ zu beobachten, die vor allem hinter der bislang nicht beobachteten „Rapid-Onset Gender Dysphoria“ (ROGD) stehen würden, die nach der Pubertät auftrete und überwiegend bei bei Mädchen zu beobachten sei. Durch die Identifizierung als „Transgender“ könnten Jugendliche Aufmerksamkeit erhalten und „ihrem individuellen Leiden in einer Form Ausdruck zu verleihen, die in unserer Kultur zunehmend akzeptiert ist“.
  • Hinter dieser Identifizierung würden verschiedene unterschiedliche Probleme stehen, etwa die Schwierigkeit von Mädchen, körperliche Veränderungen während der Pubertät zu verarbeiten, traumatische Erfahrungen, Störungen der Persönlichkeitsentwicklung oder auch der Druck durch Schönheitsideale. In vielen Fällen läge eine schwierige familiäre Situation vor. Bei Jungen könne das Fehlen einer positiven männlichen Identifikationsfigur zur Transgender-Problematik beitragen.4

Ein Treiber des Transgender-Phänomens scheinen zumindest in den USA Mütter zu sein, die sich offenbar Anerkennung und Aufmerksamkeit erhoffen, wenn sie ein Transgender-Kind vorweisen können. Darauf deutet die Dokumentation „Transhood“ hin, die 2020 veröffentlicht wurde und dem Phänomen prinzipiell positiv gegenübersteht. Sie portraitiert betroffene Familien, wobei in mehreren Fällen sichtbar, dass Mütter Druck auf sehr junge Söhne ausüben, die sich gegen deren Widerstand zu einer Transgender-Identität bekennen sollen. Der Widerstand der Jungen wird dadurch erklärt, dass gesellschaftliche Intoleranz gegenüber dem Phänomen sie dazu veranlasse, sich mit ihrer biologischen Identität zu identifizieren.5

Die Kulturjournalistin Christine Lemke-Matwey führte das Transgender-Phänomen auf den „Selbstoptimierungswahn“ in westlichen Gesellschaften zurück. Es sei auffällig, dass achtmal so viele Mädchen Jungen werden wollten wie Jungen Mädchen.6

Quellen

  1. Thomas Thiel: „Die Überwindung des Fleisches“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2021.
  2. Carl Heneghan: „Doubts over evidence for using drugs on the young“, The Times, 08.04.2019.
  3. „Calls to end transgender ‚experiment on children‘“, The Times, 08.04.2019.
  4. „‚Macht doch endlich, sonst bringe ich mich um‘“, Der Spiegel, 19.01.2019.
  5. „Transhood“ (Video-Dokumentation), HBO 2020.
  6. Christine Lemke-Matwey: „‚Menschen mit Menstruationshintergrund‘“, Die Zeit, 25.06.2020.