Reinhard Sprenger: Solidarität braucht Grenzen

Matteo Perez d’Aleccio - Die Befestigungsanlagen von Valetta auf der Insel Malta (gemeinfrei)

Reinhard K. Sprenger gilt als einer der einflussreichsten Experten für Unternehmensführung im deutschsprachigen Raum. In einem aktuellen Aufsatz setzt er sich mit dem Wesen der Solidarität auseinander. Echte Solidarität könne es nur im Rahmen klar abgegrenzter, hinreichend homogener Gemeinschaften von Menschen geben. Sprenger kritisiert, dass der Begriff der Solidarität gegenwärtig häufig missbraucht würde, um beliebige Forderungen moralisch aufzuladen und der Debatte zu entziehen.1

Solidarität sei die gegenseitige Unterstützung in einer abgegrenzten Gemeinschaft von Menschen, die durch Gemeinsamkeiten miteinander verbunden seien und unter Druck von Außen stünden:

„Der Begriff bedeutet zunächst Zusammenhalt und Unterstützung. Dabei ist Solidarität, schaut man genauer hin, partikularistisch. Solidarität ist Gruppensolidarität. Sie kann sich nicht auf alle und jeden beziehen, nicht auf die Menschheit, auch nicht auf die Gesellschaft, sonst löst sich der Begriff ins Grenzenlose auf. Wer sich solidarisiert, tut das also mit einer Gruppe gegen Widerstand.

Die zweite Bedingung für Solidarität sind gleiche Gesinnungen, gemeinsame Erfahrungen und entsprechende Ziele. Diese Faktoren stiften Einheit und legitimieren den Aufruf zur Geschlossenheit.“

Echte Solidarität gehöre zu den „edelsten Tugenden, zu denen wir Menschen fähig sind“. Sie beziehe sich immer auf den Nahbereich, etwa den Bereich der eigenen Familie. Sie werde zudem immer freiwillig gewährt. Man könne sich Solidarität daher „wünschen, aber eben nicht einklagen, nicht herbeinötigen, auch nicht einfach voraussetzen“.

Wer heute in Europa von „Solidarität“ spreche, verwendete den Begriff hingegen meist in einem entstellten Sinne. Dies sei etwa dann der Fall, wenn Solidarität universell ausgeweitet werde und auf die Benennung von Gruppengrenzen verzichtet werde, „die eine allgemeine Menschenliebe pragmatisch einschränken“. Wer dies tue, wolle mit diesem Begriff nicht offen gelegte oder nicht näher begründete Forderungen moralisch aufladen. Wer diese in Frage stelle, werde als unsolidarischer bzw. als moralisch schlechter Mensch dargestellt, um damit „das Gespräch zu beenden, Kritik zu unterbinden und Alternativen zu ersticken“.

Hintergrund und Bewertung

Das Solidaritätsprinzip gehört zu den Prinzipien der christlichen Soziallehre. Solidarität wird hier als die Bejahung eines Gemeinwesens und die Bereitschaft zum Einsatz für dieses verstanden. Diese Bejahung beruhe auf Bindungen, weshalb Solidarität auch den Einsatz für den Schutz und die Stärkung dieser Bindungen umfasst.

Damit Solidarität praktikabel und gerecht ist, muss sie nach dem Grad der Nähe abgestuft werden. Dem eigenen Nahbereich, etwa der eigenen Familie und der eigenen Nation gebührt dabei das größte Maß an Solidarität. Eine Pseudo-Solidarität, die sich auf abstrakte Bezugspunkte wie die Menschheit bezieht und auf Kosten des eigenen Nahbereichs praktiziert wird, wäre daher keine Solidarität im Sinne der christlich-abendländischen politischen Philosophie und stünde zudem im Widerspruch zu den Erfordernissen der Kardinaltugend der Gerechtigkeit.

Quellen

  1. Reinhard K. Sprenger: „Das Gerede von der Solidarität“, Neue Zürcher Zeitung, 15.02.2021.