Familien und Völker als Feindbilder globalistischer Ideologien

Pieter Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe Lorenz Jäger war an der Stanford University tätig und leitete später das Ressort Geisteswissenschaften der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In einem aktuellen Aufsatz setzt er sich mit Gedanken Walter Benjamins (1882-1940) auseinander. Dieser habe vor rund einhundert Jahren eine “grandiose globalistisch-kulturrevolutionäre Vision des künftigen Zusammenlebens” entworfen, die viele der Inhalte der globalistischen Ideologien der Gegenwart vorweggenommen habe. Völker und Familien hätten in dieser Vision keinen Platz, weil sie der angestrebten totalen Vereinheitlichung der Menschheit im Wege stünden.1

Benjamin habe das Bild einer neuen Menschheit entworfen, die sich mit den Mitteln der Technologie zu einer Weltgesellschaft transformiere, in der es keine Völker oder Familien mehr gebe:

„Alles, was im kollektiven Leben noch naturwüchsig gewesen war, soll dem Verschwinden preisgegeben sein; an die Stelle der vielen begrenzten Sittlichkeiten würde die eine universale, qualitativ neue, nie dagewesene treten – eben die ‚Menschheit‘ – und mit ihr würde die Technik mitsamt der künstlichen Intelligenz eine Art Exo-Skelett bilden. […] Völker soll es nicht mehr geben, nur noch Bevölkerungen. Die Familie wird zu einer Lebensform unter vielen, de sich unter dem Titel ‚Ehe für alle‘ sammeln lassen.“

Völker und Familien seien die Feindbilder globalistischer Ideologien, weil sie der angestrebten Vereinheitlichung im Weg stünden:

„Völker und Familien bilden Zellen des engen Zusammenhalts, der Loyalität, auch des Widerstands. Wo es Völker und Familien gibt, trifft die globalistische Revolution auf Verbindungen, denen sie nicht so leicht beikommt. Die Vereinzelten aber, die sich nicht mehr auf ihre Nächsten verlassen können, lassen sich problemloser in Massen organisieren.“

Das Menschenbild des Christentums und das Menschenbild globalistischer Ideologien sei unvereinbar. Die Bibel kenne das Ideal des atomisierten Menschen bzw. „isolierte Subjekte überhaupt nicht“. Mit „einem Paar beginnt alles, in Paaren setzt es sich fort“. Die Ehe sei nicht nur die Achse des christlichen Menschenbildes, sondern jeglicher traditioneller Kultur. Wer die Abschaffung von Ehe und Familie beabsichtige, habe erkannt, welche Kraft in ihr stecke.

Hintergrund

Globalistische Ideologie stellt eine Synthese von neoliberalen, postmodernen und neomarxistischen Ideologieelementen dar. Diese noch im Entstehen befindliche Ideologie strebt die Gestaltung aller Bereiche des Lebens nach ökonomischen Prinzipien an. Gleichzeitig fordert sie die Auflösung von Grenzen und Bindungen jeglicher Art, die als Einschränkungen menschlicher Freiheit betrachtet und deshalb abgelehnt werden.

Der Soziologin Cornelia Koppetsch zufolge habe sich globalistische Ideologie in Folge des Wirkens der 68er-Bewegung entwickelt. Die von ihr angestoßenen gesellschaftlichen Entwicklungen, etwa Individualisierungsprozesse, seien später zum „Treiber kultur- und marktliberaler Globalisierungsprozesse“ geworden. In akademischen Milieus in westlichen Gesellschaften hätten sich zunehmend die aus der 68er-Bewegung hervorgegangenen neomarxistischen Strömungen wie Feminismus, Antirassismus und Multikulturalismus sowie LGTB-Aktivismus durchgesetzt.2 Koppetsch zufolge seien die „linksliberalen Werte […] der Motor der Globalisierung“. Diese hätten sich mit dem „Projekt des Neoliberalismus“ verbunden, „auch wenn sie diesem eigentlich kritisch gegenüberstehen und sich ­gegen eskalierende Ungleichheiten aussprechen.“ Diese Werte würden sich jedoch „zum neuen Kapitalismus wie ein Schlüssel zum Schloss“ verhalten.3

Die Philosophin Nancy Fraser verwendete die Bezeichnung „progressiver Neoliberalismus“ zur Beschreibung des Globalismus. Dieser stelle ein „seltsames Bündnis zweier Kräfte“ dar; „auf der einen Seite die dynamischsten, postindustriellen, symbolisch aufgeladenen Teile der US-Wirtschaft – Silicon Valley, Wall Street und Hollywood. Auf der anderen Seite der liberale Mainstream der ‚Neuen sozialen Bewegungen‘ – liberaler Feminismus und LGBTQ-Rechte, Multikulturalismus und Umweltschutz.“4 Der progressive Neoliberalismus betrachte den Markt prinzipiell als das beste Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme, nehme gesellschaftliche Fragen primär aus einer ökonomischen Perspektive heraus wahr und fordere die Auflösung traditioneller Lebensmodelle als Voraussetzung für gesellschaftliche Liberalisierung.5

Quellen

  1. Lorenz Jäger: “Stolperstein des Globalismus”, Die Tagespost, 11.02.2021, S. 19.
  2. Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter, Bielefeld 2019, S. 88 f.
  3. „‚Viele Linke machen sich etwas vor‘“, taz – die tageszeitung, 07.07.2018.
  4. „Wir brauchen eine Politik der Spaltung“, Philosophie Magazin, Nr. 6/2018.
  5. Nancy Fraser: „Für eine neue Linke oder: Das Ende des progressiven Neoliberalismus“, Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 2/2017, S. 71-76.