Laura Greenfield: Die Konsumkultur als Kultur des Todes

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Fotografin und Dokumentarfilmerin Lauren Greenfield wurde als die „Chronistin der Plutokratie“ in den USA beschrieben. In ihrem Film „Generation Wealth“ setzt sie sich kritisch mit der amerikanischen Konsumkultur auseinander, die sich im Zuge der Globalisierung weltweit verbreite. Diese Kultur sei Ausdruck einer sterbenden Zivilisation, welche auf ihrem Weg in die Katastrophe die ganze Welt mit sich zu reißen drohe.

Im Film stellt sie eine Reihe von Protagonisten dieser Kultur vor, bei denen es sich überwiegend um beruflich erfolgreiche und wohlhabende, aber seelisch zerstörte Menschen handelt. Die von ihr portraitierte Kultur ist im wörtlichen Sinne eine Kultur des Todes, wie etwa die Äußerungen einer von ihr vorgestellten Schauspielerin zeigen, die angibt, elf Mal schwanger gewesen zu sein und alle ihre Kinder aus beruflichen Gründen noch vor der Geburt durch Abtreibung getötet zu haben. Ein von ihr ebenfalls vorgestellter ehemaliger Investmentbanker erklärt, er sei einem „giftigem Traum“ gefolgt, der ihn beinahe zerstört habe. Andere Personen sagen im Film, dass sie ihre „Seele an den Teufel verkauft“ hätten.

In einer Reihe von Beiträgen und Gesprächen stellte Greenfield nach dem Erscheinen des Films ihre Analyse der amerikanischen Konsumkultur vor:

  • Die amerikanische Kultur habe sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal gewandelt und sich von den früher vorherrschenden protestantischen Kulturidealen wie Arbeit, Sparsamkeit, Disziplin und emotionaler Selbstkontrolle abgewandt. An deren Stelle seien Narzissmus und die Demonstration von Status durch Konsum getreten.
  • Dieser Prozess, der die USA von einer produzierenden zu einer konsumierenden Gesellschaft gemacht habe, sei vor allem durch die Unterhaltungsindustrie vorangetrieben worden. Diese spreche gezielt die Schwächen von Menschen an und erzeuge in ihnen das Gefühl, gewöhnlich, uninteressant und unattraktiv zu sein. Sie korrumpiere die Menschen, indem sie ihre Leidenschaften bzw. ihr Verlangen nach Reichtum, Anerkennung und Befriedigung anspreche, und verspreche ihnen, dass Konsum es ihnen ermögliche, das Leben der reichen, beliebten und begehrten Menschen zu führen, die in den Produkten dieser Industrie dargestellt würden.
  • Dadurch setze diese Industrie Impulse frei, die der Mensch nicht kontrollieren könne, sondern die ihn kontrollierten und abhängig machten, wenn er sich darauf einlasse. Da die Befriedigung durch Konsum nicht lange anhalte, würden die Anhänger der Konsumkultur eine immer größere Dosis und stärkere Reize brauchen, damit ihre Illusion von Glück intakt bleibe. Auf diese Weise würden immer mehr Menschen zu Gefangenen eines „Hamsterrades der Abhängigkeit“.
  • Die amerikanische Konsumkultur vermittele außerdem ein Menschenbild, das den Wert bzw. den Status des Menschen an seinem Markterfolg festmache. Dies könne beruflicher, aber auch sexueller Erfolg sein. Von Menschen werde dabei erwartet, dass sie sich verkaufen. Vor allem Frauen werde vermittelt, dass ihr Status von körperlicher Attraktivität und sexueller Verfügbarkeit abhänge.
  • Das damit verbundene Identitätsmodell habe traditionelle Identitäten in den USA verdrängt und breite sich nun global aus. In diesem Modell sei Liebe auf sexuelles verlangen und Freiheit auf Konsumoptionen reduziert.

Diese Konsumkultur sei laut dem protestantischen Kulturkritiker Christopher Hedges, der in ihrem Film ebenfalls zu Wort kommt, Ausdruck einer sterbenden Zivilisation, welche die Welt auf ihrem Weg in die Katastrophe mit sich zu reißen drohe.

Greenfield erklärt, sie wolle dazu beitragen, die „Matrix zu dekonstruieren“, in der immer mehr Menschen gefangen seien. Ihrer Erfahrung nach bewirken jedoch nur individuelle Krisen das Erkennen dieser Matrix und die Möglichkeit einer Befreiung. Dies gelte ihr zufolge wahrscheinlich auch für die Gesellschaft als Ganzes.

Hintergrund: Die Kultur des Todes

Papst Johannes Paul II. prägte zur Beschreibung des Komplexes, den Greenfield anspricht, den Begriff der „Kultur des Todes“. Diese Kultur werde „aktiv gefördert von starken kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Strömungen“, die von einem falschen Freiheitsbegriff ausgingen.1 Für diese Akteure bestehe Freiheit im Ausleben egoistischer Interessen und Launen und nicht in deren Überwindung oder Kontrolle. Wer sich von dieser „perversen Freiheitsvorstellung“ anstecken lasse, gerate „leicht in den Strudel eines furchtbaren Teufelskreises“ und verliere „bald auch den Sinn für den Menschen, für seine Würde und für sein Leben“.2

Die „Verfinsterung des Sinnes für Gott und den Menschen“ führte „unvermeidlich zum praktischen Materialismus, in dem der Individualismus, der Utilitarismus und der Hedonismus gedeihen“. Die „Werte des Seins“ würden in dieser Weltanschauung „durch jene des Habens ersetzt“, und das „einzige Ziel, auf das es ankommt“, sei hier „die Erlangung des eigenen materiellen Wohlergehens“:

„Die sogenannte ‚Lebensqualität‘ wird vorwiegend oder ausschließlich als wirtschaftliche Leistung, hemmungsloser Konsumismus, Schönheit und Genuß des physischen Lebens ausgelegt, wobei die tiefer reichenden — beziehungsmäßigen, geistigen und religiösen — Dimensionen des Daseins in Vergessenheit geraten.“

Am Ende dieses Prozesses werde der Mensch nur noch nach den materialistischen Kriterien „Leistungsfähigkeit, der Zweckmäßigkeit und der Nützlichkeit“ bewertet und getötet, wenn er sie nicht erfülle. Westliche Gesellschaften würden dies gegenüber ungeborenen Kindern bereits so praktizieren, aber dabei werde es voraussichtlich nicht bleiben.3

Das Christentum stelle dieser „Kultur des Todes“ eine „Kultur des Lebens“ gegenüber. Der Mensch habe die Freiheit, sich zwischen beiden zu entscheiden:

„Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“4

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) knüpfte daran an, als er von einer „Antikultur des Todes“ sprach:5

„Wie ihr wohl wißt […] ist unsere Welt Schauplatz eines Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen; da sind mächtige negative Kräfte am Werk, die jene dramatischen Situationen geistiger und materieller Versklavung unserer Zeitgenossen verursachen, gegen die ihr, wie ihr wiederholt erklärt habt, ankämpfen wollt, indem ihr euch zum Dienst am Glauben und zur Förderung der Gerechtigkeit verpflichtet. Solche negativen Kräfte treten heute in vielfältiger Weise in Erscheinung, aber besonders offenkundig durch kulturelle Strömungen, die häufig vorherrschend werden, wie der Subjektivismus, der Relativismus, der Hedonismus, der praktische Materialismus.“6

Georges Bernanos sprach bereits einige Jahrzehnte zuvor von einer „Weltverschwörung gegen jedes innere Leben“. Man sei Zeuge „der Geburt einer unmenschlichen Zivilisation, die sich nach einer ungeheuren, maßlosen und die ganze Welt umfassenden Auslaugung der höchsten Werte des Lebens ausbreiten wird“.

Quellen

  1. Evangelium vitae 12.
  2. Ebd., 19-21.
  3. Ebd. 23.
  4. 5 Mose 30,19.
  5. „Begegnung mit den Priestern der Diözese Rom. Ansprache von Benedikt XVI.“, 02.03.2006.
  6. „Ansprache von Benedikt XVI. an die Teilnehmer der 35. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu“, 21.02.2008.