Heinrich Böll: Der Reichsgedanke als Option für Europa

Albrecht Dürer - Kaiser Karl der Große (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Begriff „Reich“ wird im Verständnis der Gegenwart vor allem mit dem vor 150 Jahren gegründeten kurzlebigen ersten deutschen Nationalstaat sowie mit dem totalitären NS-Staat verbunden, der sich ebenfalls als „Reich“ bezeichnete. Von einem gänzlich anderen Verständnis gingen der Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur Heinrich Böll (1917-1985) und ein mit ihm in Verbindung stehender Kreis abendländisch orientierter Denker aus, die in den 1960er Jahren im Reichsgedanken eine zeitlos gültige Vision für die Gestaltung Europas sahen. Den Reichsgedanken betrachteten sie als Alternative sowohl zum Nationalismus als auch zur Auflösung gewachsener Identitäten.

Dieser Kreis bildete sich in den 1950er Jahren um Werner von Trott zu Solz und die Zeitschrift „Labyrinth“ und suchte vor dem Hintergrund der Katastrophe des Nationalsozialismus, der anhaltenden Bedrohung Europas durch totalitäre Ideologien und der für den Kontinent gefährlichen Konfrontation der geopolitischen Machtblöcke nach zukunftsfähigen politischen Alternativen. Dabei bezogen sich seine Mitglieder auf Gedanken und Konzepte, die tief in der abendländischen Tradition verwurzelt waren, und in denen sie mögliche Impulse für die Erneuerung Europas sahen.

Es gelang dieser Gruppe jedoch nicht, politischen Einfluss zu entwickeln. Sie löste sich nach kurzem Bestehen in den 1960er Jahren wieder auf, nachdem sich im konservativen Lager die Kräfte durchgesetzt hatten, für die Europa nur ein Wirtschaftsraum war. Angesichts der Krise dieses deformierten Europaverständnisses gewinnen die Gedanken dieser Gruppe heute jedoch wieder an Relevanz. Dazu gehört auch ihr Europaentwurf, der auf dem traditionellen abendländischen Reichsgedanken beruhte.

Die Gruppe unterschied zwischen dem modernen, aus ihrer Sicht pervertierten Reichsgedanken, der die Herrschaft über andere Nationen und Völker anstrebe, und dem traditionellen Reichsgedanken, der im Reich einen Diener der Völker sehe:

  • Heinrich Böll sagte kurz vor seinem Tod 1985, dass dieser Reichsgedanke und der Gedanke eines deutschen Reichsauftrags von zeitlosem Wert sei und „als Gedanke, als Utopie im besten Sinne noch aufgegriffen werden“ könne.1 Er könne auch Teile des monarchischen Gedankens, wie sie vor der wilhelminischen Zeit vorhanden gewesen seien, nachvollziehen.2
  • Böll stellte die Suche nach politischen Alternativen im traditionellen Denken in den Kontext der Suche der erwähnten Gruppe nach einer Form deutscher Identität, die nicht revanchistisch sein solle, und kritisierte in diesem Zusammenhang das Fehlen echter konservativer Kräfte in Deutschland, die traditionelle Werte und Lebensformen bewahren wollten. Die vorhandenen Kräfte strebten nicht nach Bewahrung, sondern nach „Etablierung eines totalen Kapitalismus“.3 Er kritisierte gleichzeitig die politische Linke, welche auf Versuche, konservatives Denken und deutsche Identität in diesem Sinne zu erneuern, mit Nationalismus-Vorwürfen reagiere.4

Böll sah im Reichsgedanken und in der Bejahung der Nation keinen Widerspruch. Der Mangel an nationaler Souveränität Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg habe die Bewältigung der Folgen der NS-Herrschaft erschwert, weil er verhindert habe, dass die Deutschen diese Aufgabe aus eigener geistiger Kraft und mit den eigenen Schlussfolgerungen vollziehen hätten können.5 Aus den Worten Bölls wird deutlich, dass er im abendländischen Denken eine Antwort auf die geistig-kulturelle Krise der Deutschen nach dem Krieg sah.

Der Kreis, der Böll angehörte, sah allgemein im Reich eine primär nicht auf Nationen, sondern auf die „ganze abendländische Christenheit“ gestützte politische Form. Sie müsse von einer Elite getragen werden, der es nicht darum gehe, sich Macht anzueignen, sondern die sich dienend „als Macht zur Verfügung“ stelle. Diese Macht müsse darauf beschränkt bleiben, das Recht durchzusetzen. Die geistige Grundlage dieser Elite müsse das Christliche als das „Dem-Allgemeinen-Dienende“ sein.6

Böll bejahte das Streben von Christen nach Macht in diesem Sinne. Um politisch zu wirken, „darf man die Macht nicht scheuen“. Ein Beispiel dafür seien die Offiziere, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewirkt hätten. Man dürfe nicht „den Reinen spielen, der sagt, ich habe nichts damit zu tun, und die machen die schmutzige Arbeit“.7

Werner von Trott zu Solz sprach vom Reich in der Zeitschrift „Labyrinth“, der publizistischen Plattform des Kreises, als dem „dem einzigen Vaterland der Deutschen“:

  • Es sei fraglich, ob „wir Deutschen in dieser Welt je ein Vaterland gehabt hätten“. Dies sei Ausdruck einer universellen religiösen Berufung der Deutschen, deren historische Aufgaben nicht auf ihre eigene Nation beschränkt seien. Die Deutschen hätten daher „mit dem Reich mehr verloren als das natürlich begrenzte Vaterland, das den anderen Völkern, niemals aber den Deutschen zuteil geworden“ sei. Sie hätte „mit dem Reich die Welt verloren, die uns nur durch die Erfüllung oder den Mißbrauch des Reichsauftrags gegeben war“.
  • Er sprach von der „Gnade des Reichsauftrags“, die darin liege, das die Deutschen „sich im Mitvollzug des Kreuzesopfers und der Auferstehung hineinopfern durften in die ihnen anvertrauten Völker der christlichen Welt, um sich aus ihnen und mit ihnen dem Herrn darzubringen“.
  • Die Deutschen versagten jedoch seit Langem dabei, dieser Berufung nachzukommen. Vor allem der deutsche Adel habe dabei versagt, sein „weltliches Amt“ als Bürde zu tragen, sondern Vorteile daraus ziehen wollen. Er habe in weiten Teilen nicht gedient, sondern die Religion in den Dienst seiner Macht gestellt, was zum Zusammenbruch seiner Herrschaft und der Katastrophe danach geführt habe.

Er klagte nach dem Zweiten Weltkrieg jene an, die sich angesichts dieses Versagens und dem dadurch ermöglichten Missbrauch des Reichsgedankens „vor dem Reich zurückgezogen“ hätten, „statt dem Reichsauftrag sich zu stellen und für ihn gegen seine Schänder einzustehen“.8

Hintergrund und Bewertung

Gedanken von Angehörigen des Labyrinth-Kreises hatten wir bereits hier und hier vorgestellt. Weitere Details über das Denken dieses Kreises sowie der ihm vorausgehenden „Gesellschaft Imshausen“ werden in einem der kommenden Beiträge vorgestellt werden.

Die Relevanz der oben geschilderten Gedanken ergibt sich daraus, dass das Reich in der Form, auf die Böll sich bezieht, bis heute die einzige langfristig in der Praxis bewährte Form der politischen Organisation multiethnischer Staaten ist, welche die kulturelle Vielfalt der in ihnen lebenden Völker achtet. Da bislang keine tragfähige Lösung dafür gefunden wurde, wie politische Ordnungen in Europa nach der derzeit stattfindenden Auflösung der Nationalstaaten dauerhaft stabil und gemeinwohlorientiert gestaltet werden können, liegt es nahe, sich mit den vorhandenen Erfolgsbeispielen auseinanderzusetzen.

Der abendländische Reichsgedanke als einer völkerübergreifenden politischen Ordnung auf Grundlage christlicher Ordnungsvorstellungen und Kultur entstand zur Karolingerzeit. Es geht auf den römischen Reichsgedanken zurück und lebt im christlich-konservativen Ideal der europäischen Einheit fort. Das christlich gedachte Reich ist eine subsidiäre, auf kleineren, im Innern weitgehend autonomen politischen Einheiten beruhende Ordnung und ist kein zentralistisches Imperium. Seine Herrschaft ist an das Naturrecht gebunden und nicht absoluter Natur, wie es in anderen Imperien der Fall war.

Die Europaentwürfe, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg durchsetzten, knüpften anfänglich noch an den abendländischen Reichsgedanken an, wandten sich jedoch zunehmend von diesem ab. Ganz verschwunden ist der Reichsgedanke in seinem abendländischen Sinne jedoch nie: Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck etwa würdigte 2013 den Reichsgedanken als eine der Grundlagen europäischer Identität.9

Quellen

  1. Zit. nach Wolfgang Matthias Schwiedrzik: Konservativ und rebellisch, Neckargemünd 2000, S. 64.
  2. Zit. nach Ebd., S. 54.
  3. Zit. nach Ebd., S. 46.
  4. Zit. nach Ebd., S. 59-63.
  5. Zit. nach Ebd., S. 45.
  6. Ebd., S. 112-114.
  7. Zit. nach Ebd. S. 48-49.
  8. Werner von Trott zu Solz: „Der Untergang des Vaterlandes“, Labyrinth, Nr. 1 (1960), S. 4-20, hier: S. 4-6.
  9. Joachim Gauck: „Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken“, sueddeutsche.de, 22.02.2013.