Bari Weiss: Die liberale Ordnung zerfällt

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die amerikanische Journalistin Bari Weiss war Redakteurin bei der „New York Times“ und wurde durch ihre Kritik an aktivistischen Tendenzen im Journalismus international bekannt. In einem heute veröffentlichten Beitrag stellt sie den Sturm des Kapitols in der amerikanischen Hauptstadt durch Anhänger des amerikanischen Präsidenten in den Kontext der Unruhen, die seit Sommer 2020 in den USA stattfinden. In ihrer Gesamtheit betrachtet deuteten die Ereignisse darauf hin, dass die liberale Ordnung des Landes im Zerfall begriffen sei.1

Es seien „nicht nur der 45. Präsident der USA und seine Handlanger, die die politische Gewalt, wie wir sie am Mittwoch erlebt haben, zur Normalität machten“. Dies sei „die kollektive Arbeit vieler Hände“ gewesen, und die Unruhen in den USA hätten nicht erst am 6. Januar 2021 in Washington begonnen, sondern im Sommer 2020:

„Statuen von George Washington und Frederick Douglass wurden von begeisterten Menschenmengen niedergerissen. Geschäfte wurden zerstört. Parlamentarier wurden vom Mob belästigt. Mitten in der Nacht marschierten Demonstranten durch gewöhnliche Wohnstraßen der Stadt und wählten Häuser aus, deren einzige ‚Sünde‘ darin bestand, dass dort eine amerikanische Flagge hing. Im Juni verließ die Polizei von Seattle ein Revier im Stadtteil Capitol Hill, was dazu führte, dass Anarchisten im Monat darauf eine autonome Zone einrichteten, die von amerikanischen Kriegsherren regiert wurde. […]

Über den irren Vorschlag, die Polizei abzuschaffen, wurde in führenden Zeitungen diskutiert. Ein Buch mit dem Titel ‚Eine Verteidigung des Plünderns‘ wurde von Hachette, einem renommierten Verlag, veröffentlicht, in dem der Autor argumentiert, dass Juden und Koreaner das Gesicht des Kapitals seien und dass Plündern eigentlich ein Vergehen ohne echte Opfer sei. ‚Die Zerstörung von Eigentum, das ersetzt werden kann, ist keine Gewalt‘, erklärte ein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Journalist. […]

Sprache war Gewalt, erklärten unsere intellektuellen Besserwisser, aber echte Gewalt, wenn sie von den richtigen Leuten mit der richtigen Politik gegen die richtigen Ziele ausgeübt wurde, war etwas näher an der Tugend.

Dies […] ist der entscheidende Kontext für die unentschuldbaren Ereignisse vom Mittwoch. Die Normen waren bereits gebrochen.“

Die liberale Ordnung, in der sie aufgewachsen sei und die von Liberalen und Konservativen gleichermaßen getragen worden sei, zerfalle:

„Das war die Ordnung, die darauf bestand, dass alle Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen wurden und daher nach dem Gesetz Anspruch auf Gleichheit haben. […] Die darauf bestand, eine Person nach ihrer Tat und nicht nach ihrer Abstammung zu beurteilen […] In der die Freiheit des Denkens, des Glaubens und der Sprache das Fundament der Demokratie darstellte. In der Fairness und Chancengleichheit eingefordert wurden, aber keine Gleichheit der Ergebnisse. Dieser liberale Konsens stirbt aufgrund der Ideologen von links und rechts, die die andere Seite mehr hassen als sie das eigene Land lieben, die ihre eigene Macht mehr verehren als das Gemeinwohl, unsere gemeinsame Geschichte und unsere gemeinsame Identität als Amerikaner.“

Das „heilige Erbe“ des Landes werde aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig angegriffen. Die USA drohten, „ein weiteres Land zu werden, das durch die Verwerfungen des 21. Jahrhunderts auseinandergerissen wird“. Es sei vor diesem Hintergrund erforderlich, „eine neue Ordnung zu schaffen“.

Hintergrund und Bewertung

Die Unruhen, die im Sommer 2020 in den USA begannen und auch Europa erreichten, hatten wir hier und hier analysiert und dabei auch auf das Potenzial der Radikalisierung von Teilen des rechtsradikalen Spektrums in den USA hingewiesen. Erfahrungsgemäß vollziehen sich ähnliche Entwicklungen mit einigen Jahren Abstand auch in Europa, was das Geschehen in den USA für Europa relevant macht.

Weiss, die Anhängerin des klassischen Liberalismus ist, stellt in ihrem Beitrag nicht die Frage, warum es den USA mittlerweile an Akteuren mangelt, die (wie von ihr angesprochen) das eigene Land mehr lieben als sie ihre politischen Gegner hassen, die für das Gemeinwohl eintreten und die die Identität und Kultur des Landes verteidigen wollen. Im Sommer 2020 wurde diese Frage in einem der hier veröffentlichten Beiträge so beantwortet:

„In den USA herrscht aufgrund eines fehlenden geistig-kulturellen Zentrums der Gesellschaft bzw. dem Schwinden der früheren Leitkultur seit Langem eine Tendenz zu immer stärkerer ethnischer, sozialer und politischer Fragmentierung und Polarisierung sowie eine Tendenz der Politik zur Betonung von Partikularinteressen und ein identitätspolitischer Aktivismus vor, der gegenüber anderen Gruppen zunehmend aggressiv agiert. Dies hat eine Eskalationsspirale in Gang gesetzt, die das Land an den Rand gravierender Verwerfungen geführt hat.

Akteure aus allen politischen Lagern zeigen in diesem Zusammenhang eine zunehmende Bereitschaft zur Unterstützung extremer Positionen. Sowohl Akteure der radikalen Linken als auch der radikalen Rechten streben in diesem Zusammenhang nicht nach Stabilisierung der Ordnung im Sinne des Gemeinwohls, sondern nach Zuspitzung des Geschehens und einer weiteren Destabilisierung der Lage, was zu einer weiteren Eskalation führen kann.“

Der von Weiss diagnostizierte Zerfall der liberalen Ordnung hat seine Ursachen auch darin, dass diese Ordnung ihre kulturellen Voraussetzungen nicht aus eigener Kraft regenerieren kann, sondern vom Wirken anderer, meist konservativer Akteure abhängig ist. Die von Weiss geforderte Erneuerung der Ordnung des Landes würde eine Erneuerung seines verloren gegangenen geistig-kulturellen Zentrums erfordern. Diese Aufgabe ist in der Geschichte stets nur von gestaltungswilligen und -fähigen konservativen Akteuren erfolgreich geleistet worden, die laut dem Historiker David Engels jeweils die fortgeschrittensten Mittel und Ansätze ihrer Zeit mit traditionellen Bezügen verbunden hätten. Solange Akteure dieser Art sowohl in den USA als auch in Europa nicht vorhanden sind, wird die von Weiss beschriebene Entwicklung wahrscheinlich weiter eskalieren. Engels geht davon aus, dass die von ihm beschriebenen Erneuerungskräfte erst dann die historische Bühne betreten werden, wenn der Zerfall der Ordnung noch weiter fortgeschritten ist als heute. (FG2)

Quellen

  1. Bari Weiss: „Angriff auf das heilige Erbe der USA“, Die Welt, 09.01.2021.