Peter Turchin: Westliche Gesellschaften stehen vor einer Zivilisationskrise

Marcus Larson - In der Nacht auf See (gemeinfrei)

Peter Turchin lehrt an der University of Connecticut und ist vor allem durch seine Forschung über Zivilisationskrisen bekannt geworden. Mittels des von ihm geschaffenen Ansatzes der „Kliodynamik“ versuchen er und andere Forscher, auf Grundlage von mathematischen Modellen Prognosen bezüglich solcher Krisen zu erstellen. In einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Gespräch sagte er, dass sich westliche Gesellschaften wahrscheinlich bereits am Beginn einer solchen Krise befänden. Insbesondere die USA stünden vor der „Wende zu einem Kollaps“.1

Grundlage seiner Prognosen sei die Auswertung historischer Krisenverläufe. Es seien sowohl Muster des Ablaufs von Zivilisationskrisen als auch Faktoren erkennbar, welche wiederholt „die treibende Kraft für Instabilität bis hin zum Zusammenbruch von Gesellschaften“ gewesen seien.

  • Die USA, aber auch europäische Staaten wie Großbritannien seien bereits um 1980 „in eine Phase der Desintegration eingetreten, die seit 2010 eskaliert und nun bedrohliche Formen annimmt“. Eine „Revolution oder ein Bürgerkrieg“ seien insbesondere in den USA „wahrscheinlich“. Die Unruhen des Jahres 2020 sein ein Indikator dafür.
  • Eine größere Krise sei dort wahrscheinlich, weil es „zu breiter Verelendung mit sinkenden Realeinkommen und hoher Arbeitslosigkeit gerade bei den 20- bis 29-Jährigen“ komme, „die besonders für eine politische Radikalisierung empfänglich sind“. Unkontrollierte Migration, wachsende Staatsschulden und zunehmende politische Polarisierung in Folge einer „Überproduktion“ von Eliten würden die Wahrscheinlichkeit einer größeren Krise zusätzlich erhöhen.

Historische Krisen seien häufig die Folge von Konkurrenzkämpfen zwischen etablierten Eliten und Akteuren gewesen, die in Zeiten des Wohlstands und der Stabilität einen sozialen Aufstieg erfahren hätten. Wo es einen „Überhang von gut ausgebildeten Leuten“ gebe, komme es zu Konkurrenzkämpfen, die zu einem „Zusammenbruch sozialer Normen und Institutionen“ führen könnten.

In den USA gebe es heute eine große Zahl von Akademikern ohne berufliche Perspektiven, die zu „Fusssoldaten der Revolution“ werden könnten. Es sei auffällig, dass in linksradikalen Bewegungen wie der Antifa oder „Black Lives Matter“ viele „weisse College-Abgänger“ aktiv seien, „die keine beruflichen Aussichten haben“.

In Gesellschaften mit stark entwickelter staatlicher Ordnung würde die Phase der Krise voraussichtlich fünf bis zehn Jahre dauern. Solange dauere es üblicherweise, bis die Konfliktparteien erschöpft seien und sich ein neuer Status Quo herausbilde.

Hintergrund und Bewertung

Hans-Georg Maaßen, Nouriel Roubini und Führungskräfte amerikanischer Finanz- und Technologieunternehmen hatten in den vergangenen Monaten ähnliche Prognosen abgegeben. Bereits vor längerer Zeit hatten sich Vertreter amerikanischer und europäischer Sicherheitsbehörden mit ähnlichen Erwartungen geäußert. Allen diesen Prognosen ist gemeinsam, dass ihre Urheber eine Reihe konvergierender Krisentendenzen in westlichen Gesellschaften beobachten, die zunehmend akut würden, ohne dass eine Trendwende absehbar sei. An einem zeitlich nicht bestimmbaren Zeitpunkt in der Zukunft könnten diese sich gegenseitig verstärkenden Tendenzen die Resilienz westlicher Gesellschaften überfordern und innerhalb kurzer Zeit zu größeren Verwerfungen führen.

Auch Deutschland stehen in diesem Zusammenhang 2021 erhebliche Herausforderungen bevor. Ein günstiges Szenario geht davon aus, dass die COVID-19-Pandemie hier in der ersten Hälfte des Jahres unter Kontrolle gebracht werden kann. Die staatlichen Hilfen für Unternehmen könnten bis dahin im günstigsten Fall eine größere Wirtschaftskrise verhindern. Nach dem Ende der Pandemie könnte in Folge steigender Nachfrage eine rasche wirtschaftliche Erholung einsetzen, wodurch die oben beschriebenen Entwicklungen und Ereignisse vorerst abgewendet würden, allerdings um den Preis stark wachsender öffentlicher Schulden.

Ein ungünstigeres Szenario geht hingegen davon aus, dass die Pandemie kurzfristig nicht eingedämmt werden kann. Die Fähigkeit des Staates, eine Wirtschaftskrise durch Hilfen für Unternehmen abzuwenden, würde dann an ihre Grenzen stoßen. Die in Folge anhaltender und möglicherweise ausgeweiteter staatlicher Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung einsetzende Wirtschaftskrise könnte zu wachsender sozialer und politischer Polarisierung, Verlust des Vertrauens größerer Teile der Bevölkerung in die politische Ordnung sowie zu Verteilungskämpfen führen. Die Ereignisse des Jahres 2020 lassen es als möglich erscheinen, dass in diese auch von Gewalt begleitet sein könnten. (FG2)

Quellen

  1. Andreas Mink: „Bürgerkrieg in den USA, Unruhen in Europa“, NZZ am Sonntag, 20.12.2020.