Paul Collier: Solidarische Gesellschaften brauchen Patriotismus

Louis Janmot - Poème de l'âme - Rayons de soleil (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Ökonom Paul Collier lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oxford. In seinem Buch „Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft“ verteidigt er den Solidaritätsbegriff der klassischen politischen Philosophie gegen dessen Negierung durch neoliberalen Globalismus und neomarxistische Identitätspolitik. Diese würden den Zusammenhalt in westlichen Gesellschaften auflösen. Wachsende soziale und ethnische Polarisierung sowie das Erstarken populistischer Gegenbewegungen seien die Folgen. Die Antwort darauf sei ein solidarischer Patriotismus, der die Bindungskräfte in diesen Gesellschaften bewahrt und stärkt.1

Das destruktive Wirken anti-solidarischer Ideologien

Collier sieht den Zusammenhalt in westlichen Gesellschaften in erster Linie durch anti-solidarische Ideologien wie Neomarxismus, Neoliberalismus und Postmodernismus gefährdet. Diese Ideologien würden gegenwärtig zu einer neuen, globalistischen Ideologie fusionieren.

  • Neomarxistische Ideologien wie Feminismus, Antirassismus und Multikulturalismus seien anti-solidarisch ausgerichtet.2 Der Marxismus und die von ihm inspirierten Ideologien stützten sich seit jeher auf ein „hasserfülltes Narrativ“. Diese Ideologien strebten entgegen ihrer Behauptungen nicht Solidarität an und wollten nicht dem Gemeinwohl dienen, sondern nur den Interessen bestimmter Identitätsgruppen oder Klassen, die auf Kosten der Rechte anderer durchgesetzt werden sollten.3
  • Anti-solidarisch sei auch das neoliberale Menschenbild des Homo Oeconomicus, das jegliche Verantwortung des Menschen gegenüber dem Gemeinwohl und dessen gemeinschaftliche Bindungen negiere. Die Durchsetzung dieses Menschenbildes sei mit zunehmender Aggressivität, wachsendem Egoismus und sinkendem Vertrauen verbunden. Eine „Rottweiler-Gesellschaft“ und die Entsolidarisierung Bessergestellter mit den Verlierern der Gesellschaft seien die Folgen.4
  • Das neoliberale Menschenbild habe sich auch im Wirtschaftsleben als defizitär herausgestellt. Im Wettbewerb zwischen japanischen und US-amerikanischen Automobilkonzernen hätten sich die Japaner durchgesetzt, deren Unternehmensphilosophie nicht das Prinzip des „Shareholder Value“ betone, sondern die Pflichten des Unternehmens gegenüber Mitarbeitern und Kunden sowie die Identität des Unternehmens. Sie hätten Fahrzeuge von überlegener Qualität herstellen können und seien am Markt erfolgreicher gewesen als ihre Konkurrenten, weil die Mitarbeiter sich als Teil einer Gemeinschaft wahrnähmen und dazu bereit seien, aus ihrer Bindung an das Unternehmen heraus im Sinne des Ganzen zu handeln. Wenn bei Toyota ein Arbeiter einen Qualitätsmangel entdecke, könne er die gesamte Produktion vorübergehend unterbrechen, bis der Mangel behoben sei. Bei amerikanischen Konzernen sei dies mangels Identifikation der Arbeiter mit dem Unternehmen nicht umsetzbar gewesen.5
  • Anti-solidarisch seien darüber hinaus auch postmoderne Ideologien, die Hedonismus und sexuelle Befreiung an die Stelle von stabilen Bindungen und generationenübergreifenden Denkens stellten.6

Die von diesen Ideologien zunehmend geprägte Politik habe in westlichen Gesellschaften das „Gefühl gemeinsamer Zugehörigkeit aktiv untergraben“ und „den Zerfall der reziproken Verpflichtungen“ beschleunigt, „von denen unser Wohlergehen abhängt“.7 Diese Ideologien hätten „die Bürger aktiv dazu ermuntert, antagonistische Identitäten auszubilden, und solche Identitäten sind Gift für die Gesellschaft“. Sie zerstörten das Gemeinwesen und Fähigkeit der in ihm lebenden Menschen zu gemeinwohlorientiertem Handeln.8

Von diesen Ideologien beeinflusst erfände man inflationär Rechte ohne korrespondierende Pflichten und zerstöre dabei die kulturellen Grundlagen, von denen der Bestand des Gemeinwesens abhänge. In Großbritannien etwa dürften Schulen nicht mehr die Wörter „Vater“ und „Mutter“ verwenden, weil dies die mutmaßlichen Rechte gleichgeschlechtlicher Paare verletze. Diese Begriffe bzw. die damit verbundenen Konzepte seien jedoch von fundamentaler Bedeutung für das Gemeinwesen. Sie im Namen neu erfundener Rechte abzuschaffen, sei Ausdruck eines Egoismus, der keine Rücksicht auf das Gemeinwohl nehme.9

In besonderem Maße zersetzend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wirke sich die gegenwärtige Entsolidarisierung gesellschaftlicher Eliten Europas mit ihren sozial schwachen Landsleuten in Migrationsfragen aus. Die Tatsache, dass man gegenüber Fremden gegenüber größere Solidarität zeige als gegenüber den Armen im eigenen Land habe das Vertrauen sozial schwacher Gruppen in diese Eliten untergraben und Zweifel an der Legitimität ihrer Herrschaft verstärkt. Dass seitens der Eliten darauf vorwiegend mit Verachtung reagiert werde, verstärke die entstandenen Bruchlinien weiter.

Intakte Bindungen und kulturelle Homogenität als Voraussetzungen solidarischer und freiheitlicher Gesellschaften

Die Alternative zu den oben beschriebenen Ideologien der Auflösung sei klassischer Patriotismus, der als „Kraft des Zusammenhalts“ die Bindungskräfte in westlichen Gesellschaften stärke und der „Betonung fragmentierter Identitäten, die sich aus Ressentiments speisen“, entgegentrete.10

Solidarität beruhe auf der Wahrnehmung von Menschen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, deren Mitglieder einander verpflichtet seien. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Identität, Zugehörigkeit und Heimat sei Teil der Natur des Menschen. Eng damit verbunden sei ein Bedürfnis nach Narrativen, die die eigene Gemeinschaft definieren, sowie nach Abgrenzung gegenüber anderen Gemeinschaften sowie nach Solidaritätsgrenzen.11 Wo diese Narrative mit der gelebten Erfahrung von empfangener Solidarität und altruistischem Handeln in der Gesellschaft übereinstimmten, wachse gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Bereitschaft von Menschen, ihrerseits solidarisch zu handeln.12

Intakte Bindungen und relative kulturelle Homogenität seien die Voraussetzungen dafür gewesen, dass sich in westlichen Gesellschaften liberale politische Ordnungen herausbilden konnten, die auf freiwilliger Regelkonformität beruhen. Es sei ein Fehler, diese kulturellen Voraussetzungen für selbstverständlich zu halten. Sie seien über lange Zeiträume gewachsen und müssten gepflegt werden, wenn freiheitliche Gesellschaften eine Zukunft haben sollen.13

Insbesondere ethnische Bindungen, auf denen der freiheitliche Nationalstaat westlicher Art beruhe, seien ein kostbares Gut, da Staaten diese nicht selbst schaffen könnten, sondern von ihrem Vorhandensein abhängig seien.14 Der Nationalstaat stelle „die zweckmäßigste Einheit der meisten politischen Ordnungen“ dar, weshalb nationale Identität und Homogenität (und nicht Vielfalt bzw. Heterogenität) zu schützende Werte darstellten. Staaten wie Dänemark oder Norwegen befänden sich mit ihrer „markanten gemeinsamen Kultur“ in einer günstigen Position, was ihr Solidaritätspotenzial angehe.15

Wo es hingegen an solchen Bindungen und an kultureller Homogenität mangele, entstehe nicht Gleichheit, sondern die Verlagerung der Suche nach Gemeinschaft von der nationalen Ebene auf kleinere Ebenen, etwa auf die Ebene identitätspolitischer Opfergruppen oder ethnischer Subkulturen.16 Die Frage, wie in solchen Gesellschaften Bindungen erneuert werden könnten, sei noch unbeantwortet und stelle eine der zentralen Herausforderungen der Gegenwart dar.

Hintergrund: Heterogenität schwächt die Solidarität in einem Gemeinwesen

Collier, der sich in seinen früheren Schriften vor allem mit Migrationsfragen auseinandergesetzt hatte, beobachtete, dass die durch kulturfremde Migration erzeugte gesellschaftliche und kulturelle Heterogenität die Grundlagen von Solidarität in einem Gemeinwesen schwäche. Die Bereitschaft, Opfer für das Gemeinwesen zu bringen und Rücksicht gegenüber den Interessen anderer zu nehmen, auch wenn dies mit eigenen Nachteilen verbunden sei, gehe parallel zur Zunahme von Heterogenität zurück. Der Grund dafür sei, dass Solidarität auf Bindungen beruhe, die zwischen Menschen bzw. Gruppen von Menschen, die wesentliche Merkmale wie Kultur und Religion nicht teilten, nur schwach oder gar nicht vorhanden seien.17 Kulturelle Heterogenität schwäche zudem das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft in einem Gemeinwesen. Da kulturell verankerte Normen mit steigender Heterogenität nicht mehr als allgemein gültig wahrgenommen würden, gehe die Erwartung zurück, dass das Gegenüber sich konform zu solchen Normen verhalte.18

Eine 2020 veröffentlichte Metastudie wertete die Ergebnisse von 87 Studien über die Auswirkungen von ethnischer und kultureller Heterogenität auf die Solidarität in einem Gemeinwesen aus. Alle diese Studien bestätigen demnach den von Collier beobachteten signifikant negativen Zusammenhang zwischen Heterogenität und Solidarität.19

  • Unsere Themenseite über den Solidaritätsbegriff der christlichen Soziallehre und der klassischen politischen Philosophie findet sich hier.
  • Mit Solidaritätsgrenzen bzw. mit der zur Sicherstellung von Gerechtigkeit notwendigen Abstufung von Solidarität nach dem Grad der Nähe haben wir uns hier auseinandergesetzt.
  • Patriotismus als Ausdruck praktischer Solidarität gegenüber einem Gemeinwesen beschreiben wir hier. (FG4)

Quellen

  1. Paul Collier: Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft, München 2019.
  2. Ebd. S. 77.
  3. Ebd., S. 292.
  4. Ebd., S. 73-76.
  5. Ebd., S. 104 ff.
  6. Ebd., S. 143.
  7. Ebd. S. 100,
  8. Ebd., S. 102.
  9. Ebd., S. 71 ff.
  10. Ebd., S. 39.
  11. Ebd, S. 57.
  12. Ebd., S. 66 ff.
  13. Ebd., S. 87-88.
  14. Ebd., S. 75.
  15. Ebd., S. 96.
  16. Ebd., S. 82.
  17. Paul Collier: Exodus, München 2014, S. 67.
  18. Collier 2014, S. 70-72.
  19. Peter Thisted Dinesen et al.: „Ethnic Diversity and Social Trust: A Narrative and Meta-Analytical Review“, Annual Review of Political Science, Vol. 23 (2020), S. 441-465.