Marco Gallina: Europa braucht Ritter

Gralsritter - Darstellung in einem Gralsroman des 14. Jhd. (gemeinfrei)

In einem kürzlich erschienenen Aufsatz setzte sich der katholische Publizist Marco F. Gallina mit der strategischen Lage der westlichen Welt und möglichen christlichen Antworten auf die damit verbundenen Herausforderungen auseinander. Das säkulare Europa erkenne weder die Lage, in der es sich befinde, noch habe es Antworten auf die erwähnten Herausforderungen. Das Christentum könne hier helfen, denn es habe mit dem Mönch und dem Ritter zwei strategische Archetypen hervorgebracht, die sich in historischen Krisen bewährt hätten. In der gegenwärtigen Lage benötige Europa vor allem den Typus des Ritters.1

Gallina betont neben dem 2020 verstärkt in Erscheinung getretenen Problem der linksradikalen „Bilderstürmer und Anarchisten“ die folgenden unbewältigten Herausforderungen:

  • Ereignisse wie der jüngste Anschlag in Nizza zeigten, dass „die islamische Nemesis“ als die „älteste Herausforderung“ Europas ungebrochen aktiv sei. Nicht „die Stärke des Islam, sondern die Ohnmacht Europas erlaubt es, dass dieses auf importierten Tribalismus, demographische Herausforderungen und eine unbekannt gewordene rohe Gewalt keine Antwort weiß“. Dass die Türkei im Fall Griechenlands „den ältesten Vorposten Europas mit der Grenzöffnung erdrücken und Europa seine Regeln aufoktroyieren“ wollte, habe Europa ebenso mit Schweigen beantwortet wie den von der Türkei unterstützten Angriff auf das christliche Armenien.
  • Die „wahre Bedrohung des Abendlandes“ läge im Fernen Osten, wo China nicht nur nur über wachsende wirtschaftliche und politische Kraft verfüge, sondern auch über die enorme zivilisatorische Stärke seiner jahrtausendealten Kultur, deren Ordnungs- und Harmoniedenken im Begriff sei, einen universellen Anspruch zu erheben.

Der „mythische Mangel“ einer Europäischen Union, die mit der europäischen Tradition gebrochen habe und sich ausschließlich auf das Erbe der Französischen Revolution stütze, verhindere, dass diese den „zivilisatorischen Kontrast“ erkenne, der hinter den erwähnten Herausforderungen stehe. Diese Union sei in ihrer gegenwärtigen nihilistischen Form unfähig dazu, das Eigene gegen die erwähnten Herausforderungen zu bewahren. Es sei nicht realistisch anzunehmen, dass sich dies mittelfristig ändern werde.

Christen seien in dieser Lage zu einer Entscheidung gezwungen. Das Christentum in Europa sei in ein „Greisenalter“ eingetreten, und die Idee der Volkskirche sei „ein Auslandmodell“. Christen bliebe nur die Wahl, in ihrer Antwort auf die Herausforderungen der Zeit entweder an das strategische Archetyp des Mönches oder des Ritters anzuknüpfen. Es reiche jedoch nicht aus, „sich zurückziehen und das Erbe der Zeiten“ zu bewahren, indem man „in privaten Zirkeln Tradition und Überzeugung mit gleichgesinnten teilt und die Welt im Kleinen erhält.“ Was das  Abendland wirklich brauche seien  Ritter bzw. „christlich geprägte Entscheidungsträger an den (nicht nur politischen) Schaltstellen, die – anders als ihre populistischen Vorläufer – als Vorbilder dienen, die inspirieren, aufbauen und zur Rückbesinnung auf die wahre Identität Europas beitragen“.

Hintergrund

Der Publizist Ross Douthat, der zu den führenden katholischen Stimmen in den USA gehört, äußerte sich kürzlich ebenfalls zu den von Gallina aufgeworfenen Fragen. In den USA seien die „culture wars“ bzw. der jahrzehntelange Versuch gescheitert, die Erlangung der kulturellen Hegemonie durch linksgerichtete Kräfte zu verhindern. Die kulturellen Institutionen des Landes würden mittlerweile fast vollständig von diesen Kräften kontrolliert. Auch die Kirche selbst sei mittlerweile innerlich ausgehöhlt und von linksliberalen Ideologien überformt. Die Kirche sei hier nur noch an ihren konservativen, traditionellen und (im Fall des Protestantismus) evangelikalen Rändern lebendig. Politischer Aktivismus werde an der von kulturellen Faktoren getriebenen Krise des Landes nichts ändern.

In der gegenwärtigen Lage komme es vielmehr darauf an, in die kulturellen Eliten des Landes hineinzuwirken und diejenigen für das Christentum zu gewinnen, die Zweifel den den vermeintlichen Gewissheiten linksliberaler Ideologien hätten. Es gehe dabei letztlich nicht um die Alternativen „Kloster oder Kreuzzug“ bzw. die Wahl zwischen Vorbildern wie dem heiligen Benedikt oder Kaiser Konstantin. Die Lage werde sich erst zum Besseren wandeln, wenn ein neuer Apostel Paulus auftrete und Konversionen in den Eliten des Landes bewirke.

Der Soziologe James Davison Hunter hatte sich aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive mit der kulturellen Erneuerung von Gesellschaften auseinandergesetzt und beobachtet, dass kultureller Wandel stets von Eliten ausgehe. Wer kulturelle Erneuerung anstrebe, müsse daher auf einer Gegenelite aufbauen, die in etablierte Eliten hineinwirke und sie von innen heraus verwandele.

Quellen

  1. Marco F. Gallina: „Ritter gesucht“, Die Tagespost, 26.11.2020.