Christopher Dawson: Die Wächter der heiligen Tradition

Auszug aus Prospero Intorcetta et al. - Confucius Sinarum Philosophus, Paris 1687 (gemeinfrei)

Christopher Dawson (1889-1970) lehrte an der Harvard University und gilt als einer der bedeutendsten christlichen Historiker des 20. Jahrhunderts. In seinem Werk „Religion und Kultur“ behandelt er unter anderem die Ursachen der jahrtausendelangen Kontinuität der chinesischen Kultur. Er sieht diese vor allem im durchgängigen Wirken einer Elite von konfuzianischen Gelehrten, welche die Kultur des Landes in Zeiten der Verwerfung immer wieder erneuert hätten. Kulturen, die nachhaltig Bestand haben wollten, benötigten „einen Orden, der Wächter heiliger Kulturtraditionen“ sei. Dass das moderne Europa nicht mehr über eine vergleichbare Institution verfüge, sei eine der Ursachen seiner geistig-kulturellen Krise.1

Eine Priesterelite habe in den meisten Kulturen der Welt „den unmittelbarsten und nachhaltigsten Einfluß“. Sie verkörpere die Religion, aus der die jeweilige Kultur hervorgehe, und wirke als kulturbildende Macht sowie als „Wächter ihrer heiligen Traditionen“. Diese Rolle der Priesterelite sei Ausdruck einer „Urtradition aller Kultur auf der ganzen Welt“, von der „alle bestehenden höheren Kulturformen abhängen oder sich ableiten“.2 Nachhaltige Kulturen und Gemeinwesen benötigten eine organisierte religiös-kulturelle Elite bzw. „einen Orden, der Wächter heiliger Kulturtraditionen“ ist und eine „Verkörperung des höheren geistigen Prinzips in der Kultur“ darstellt.3

Im europäischen Kulturkreis gäbe es eine solche Institution allenfalls noch in einem sehr eingeschränkten Sinne. In China hingegen (der Autor schrieb vor der kommunistischen „Kulturrevolution“) sei diese Institution noch lebendig.

  • Der Konfuzianismus sei zwar keine Religion im vollständigen Sinne, weil ihr transzendentes Element nur sehr schwach ausgeprägt sei. Man könne „die Leistung der konfuzianischen Tradition“ jedoch „nur schwerlich zu hoch bewerten“, da sie „die ungebrochene Kontinuität der chinesischen Kultur durch Jahrtausende hin gesichert“ habe.
  • Die die konfuzianischen Gelehrten hätten als Erzieher Chinas „mit Erfolg die Lebenskraft der chinesischen Zivilisation durch die Jahrhunderte hindurch erhalten, während jüngere und aktivere Kulturen dahinwelkten und verschwunden sind“. In Zeiten der Verwerfung hätten diese Gelehrten die Gesellschaft immer wieder zur „geheiligten Ordnung der Vergangenheit“ zurückführen können.
  • Der „Orden der konfuzianischen Gelehrten“ sei „in der ganzen Geschichte das erfolgreichste Beispiel eines geistlichen Organs, das seiner sozialen Funktion vollkommen angepaßt ist“.4

Der Konfuzianismus sei in seinem Kern vor allem auch ein System der Heranbildung geistig-kultureller Eliten. Er sei überwiegend von den geistigen und politischen Eliten des Landes praktiziert worden. Konfuzianische Gelehrte kontrollierten über lange Zeiträume das Bildungswesen des Landes und die auf ihren Bildungskonzepten beruhenden strengen Auswahlverfahren für öffentliche Ämter. Ihr Denken beruhe auf einer mit der christlichen Naturrechtslehre vergleichbaren „Idee einer heiligen Ordnung“, von der alle Macht und Autorität abhingen.

Traditionelle konfuzianische Erziehung sei „ein intensiver Prozeß moralischer Zucht“, der nicht nur darauf abzielte, Gelehrte im europäischen Sinne des Wortes heranzubilden, sondern ‚überlegene Menschen‘, zu schaffen, nämlich Glieder einer geistigen Elite“.5 Diese versuchten, sich ihrer Vorstellung von kosmischer Ordnung durch „aktive moralische Zucht und die Beobachtung der Zeremonien und Riten anzugleichen“. Dabei gehe man davon aus, dass die Riten ohne Tugenden wie selbstlose Güte und Treue an Wirksamkeit verlören.6 Die auf diesem Weg herangebildeten Männer hätten die Kontinuität der chinesischen Kultur über Jahrtausende hinweg gewährleistet.

Hintergrund

Das von Dawson beschriebene Phänomen der Prägung und Aufrechterhaltung ganzer Kulturen durch zahlenmäßig kleine Eliten haben andere Denker unter dem Begriff der „schöpferischen Minderheiten“ behandelt.

In seinen Werken „Die Religion im Aufbau der abendländischen Kultur“ und „Die Gestaltung des Abendlandes“ beschreibt Dawson eine Reihe christlicher Priester, Mönche, Herrscher und Krieger, die im Mittelalter in Europa gewirkt hätten, als eine Elite von „Wächtern und Hütern“, die Kultur nicht nur bewahrt, sondern im frühen Mittelalter zunächst vor allem geschaffen hätten. Er hebt zudem die Bedeutung der cluniazensischen Reform im Hochmittelalter hervor. Aus dieser Bewegung seien Päpste hervorgegangen, welche die Bindung der Kirche an die Tradition wieder hergestellt hätten und die zusammen mit Herrschern wie Otto III. das Heilige Römische Reich hervorgebracht hätten. Man kann davon ausgehen, dass Dawson hier das zentrale Vorbild für eine mögliche geistig-kulturelle Erneuerung des europäischen Kulturraums im Sinne der oben beschriebenen Gedanken sah.

Unabhängig von Dawson sah auch Werner von Trott zu Solz, der eng mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus verbunden war, in der cluniazensischen Reform ein Vorbild für eine solche Erneuerungsbewegung. Die Behauptung, dass das Christentum eine Privatangelegenheit sei, stelle eine Lüge dar. Christen seien nur dann echt, wenn sie verwandelnd in die Welt hineinwirkten. Entscheidungen über den Bestand des Gemeinwesens würden im öffentlichen und politischen Raum getroffen. Die Träger des christlich-abendländischen Erbes müssten gerade in schwierigen Zeiten in diesem Raum agieren, um dem Gemeinwohl zu dienen und ihren Auftrag als Christen zu erfüllen.

Von Trott hielt das gegenwärtige Europa für innerlich so stark geschädigt, dass seine Erneuerungsvorstellung nicht das Bewahren betont, sondern die Revolution aus der Tradition heraus. Die von Cluny inspirierten Kräfte hätten innerhalb nur weniger Jahrzehnte „die Kommandohöhen der Gesellschaft in die Hand bekommen und sie ein ganzes Jahrhundert gehalten“, was über viele weitere Jahrhunderte hinweg nachwirkte.7 In der Gegenwart könne die Funktion der „Orden alter Ordnung“ durch bündische Gemeinschaften und durch Familien geleistet werden, die „in der gegenwärtigen Situation wohl geeignet sind, das klösterliche Hinterland abzugeben, auf dem der Angriff gegen die moderne Gesellschaft vorbereitet“ wird.8 (FG3)

Quellen

  1. Christopher Dawson: Religion und Kultur, Düsseldorf 1951.
  2. Ebd., S. 119-120.
  3. Ebd., S. 144.
  4. Ebd., S. 229-231.
  5. Ebd., S. 219-220.
  6. Ebd., S. 224.
  7. Werner von Trott zu Solz: Widerstand heute, Düsseldorf 1958, S. 17.
  8. Ebd., S. 19.