Andreas Rödder: „Cancel Culture“ als Angriff auf westliche Gesellschaftsordnungen

Nicolas-Antoine Taunay - Triumph der Guillotine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Andreas Rödder lehrt an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In einem jetzt erschienenen Aufsatz beschreibt er das Phänomen der „Cancel Culture“ als Teil eines laufenden Angriffs radikaler identitätspolitischer Bewegungen auf westliche Gesellschaftsordnungen. Dieser Angriff gewinne gegenwärtig an Dynamik, und es sei „höchste Zeit“, dass bürgerliche Kräfte ihm entgegentreten.1

  • Der Begriff „Cancel Culture“ bezeichne „das Bestreben, Äußerungen andersmeinender Personen als moralisch oder politisch unzulässig zu unterbinden“. „Moralisierung als Methode der Exklusion“ stelle den Kern des Konzepts dar. Äußerungen, die nicht linksradikalen Ideologien entsprächen, würden dazu als „menschenfeindlich“ dargestellt und die Menschen, die sie vorbrächten, als Rechtsextremisten oder Rassisten denunziert. Der Einstieg in solche Denunziation sei die Bezeichnung von Menschen als „umstritten“. Dies sei ein „Synonym für ‚Vorsicht: moralisch toxisch‘ und somit aus dem Diskurs auszuschließen“.
  • Das Konzept sei Teil linksradikaler Machtspiele, mit denen die entsprechenden Akteure kulturelle Hegemonie erlangen wollten. Sie beanspruchten dabei, festlegen zu dürfen, wer sich öffentlich äußern dürfe und was Teil des öffentlichen Gedächtnisses sein dürfe. Außerdem gehe es ihnen um „Normierungen des Sprechens“ im Sinne ihrer Ideologie bzw. darum festzulegen, „wie man sprechen soll“. Solche Normierungen würden an Universitäten von Aktivisten im Zusammenwirken mit Gleichstellungsfunktionären durchgesetzt und verbreiteten sich von hier aus in den öffentlichen Raum.
  • Dieser Kontrollanspruch werde mit subjektiven angeblichen Diskriminierungsempfindungen begründet, die zur Quelle moralischer Autorität erklärt werden und die keiner Begründungspflicht oder rationalen Diskussion unterliegen sollen. Je benachteiligter eine Person sei, als desto größer gelte ihrer Autorität. Eine „junge Transperson of Color mit Migrationshintergrund maximiert Rederecht und Ansprüche gegenüber dem notorischen alten weißen Mann, aber auch gegenüber einer nicht ganz so alten weißen Frau“.
  • Die identitätspolitische Ideologie, auf der die „Cancel Culture“ beruht, weise fundamentale Widersprüche auf. Während man einerseits erkläre, dass Geschlecht oder Rasse“ nur „machtbedingte Konstrukte der bürgerlichen Ordnung“ seien, würden gleichzeitig „ebenjene Kategorien wieder zu unauflöslichen Merkmalen der Unterscheidung essentialisiert“.
  • Solche Widersprüche zeigten, dass es dieser Ideologie und ihren Anhängern um Macht gehe und nicht um rationale Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Dies erkläre auch andere Widersprüche dieser Ideologie, etwas von ihr „Kritik am muslimischen Kopftuch als islamophob geächtet wird, während Religionskritik an der katholischen Kirche selbstverständlich ist, wenn Kritik an Homosexualität als homophob zurückgewiesen, aber nicht weiter problematisiert wird, wenn sie von muslimischen Sprechern stammt, oder wenn Rechtsextremismus bekämpft, Islamismus hingegen verharmlost wird“.
  • Außerdem strebe diese Ideologie eine „eine neuständisch formierte Ordnung“ an, wenn sie die „Zugehörigkeit zu einer als benachteiligt geltenden Gruppe“ zum „Kriterium für die Zuteilung von Positionen oder Ressourcen“ mache und nicht Eignung, Leistung und Befähigung.
  • Die „Debatten um Cancel Culture, Identitätspolitik und Wokeness“ legten „nicht weniger als die Systemfrage auf den Tisch“, weil sie westliche Gesellschaftsordnungen für „strukturell rassistisch“ erklärten. Der Begriff „strukturell“ hebe „das Phänomen auf eine abstrakte Ebene, die ohne konkreten Beleg gültig ist und den Vorwurf der weiteren Begründungspflicht enthebt“. Dies sei „Intellektuell unredlich, aber kommunikativ erfolgreich“.

Gegenwärtig entstehe eine „neue soziale Bewegung“, die von einer „antiwestlichen Attitüde“ geprägt sei und verschiedene Formen von Aktivismus zusammenführe, denen gemeinsam sei, dass sie sich gegen die Grundlagen und die Ordnungen westlicher Gesellschaften richteten:

„‚No borders, no nations‘, lautet die postkolonial inspirierte identitätspolitische Devise, und hier schließen sich die Kreise. Nachdem die Fridays-for-Future-Bewegung im Spätsommer 2020, ausgestattet mit dem symbolischen Kapital eines Empfangs bei der Bundeskanzlerin, den identitätspolitischen Schulterschluss mit Antirassismus und ‚gender politics‘ proklamiert hatte, solidarisierte sich Luisa Neubauer in einem gemeinsamen Artikel zur Unterstützung der Aktivisten im Dannenröder Forst mit Carola Rackete, der Kapitänin der ‚Sea Watch 3‘ und Aktivistin für ‚Extinction Rebellion‘, unter der gemeinsamen Maßgabe: ‚Wir brauchen einen Systemwandel.‘

Tatsächlich wächst hier zusammen, was zusammengehört: eine neue soziale Bewegung. Sie hält die westliche Gesellschaftsordnung für strukturell diskriminierend, rassistisch und zerstörerisch, und ihr offen eingestandenes Ziel liegt nicht in deren Reform, sondern ihrer Überwindung.“

Es sei „höchste Zeit“, dass bürgerliche Kräfte dieser das Gemeinwesen bedrohenden Ideologie und den ihr folgenden Aktivisten mit Gegenkonzepten entgegentreten.

Quellen

  1. Andreas Rödder: „Die neue Systemfrage“, Der Spiegel, 19.12.2020, S. 136-137.