Monika Maron: Auf der Suche nach Helden

Edwin Austin Abbey - Galahad erlangt den Gral (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Schriftstellerin Monika Maron gehörte zu den regimekritischen Stimmen in der DDR und wurde kürzlich als „politisch unberechenbar“ eingestuft. In ihrem zuvor erschienenen Roman mit dem Titel „Artur Lanz“ hatte sie sich mit den Themen Tapferkeit und Heldentum auseinandergesetzt, wobei sie vor allem Impulse aus dem christlichen Rittertum aufgriff. Postheroische Gesellschaften müssten scheitern, wenn sie eines Tages ernsten Bedrohungen gegenüberstünden. Da solche Bedrohungen bereits am Horizont sichtbar würden, brauche es intakte Bilder von Männlichkeit, die dazu in der Lage seien, diesen Bedrohungen entgegenzutreten. Im Erbe des christlichen Rittertums gebe es solche Bilder, die Wege zu einem sinnvollen, im Dienst an großen Aufgaben geleisteten Leben erschlössen.1

Der Niedergang des Mannes und die Suche nach Helden

Maron sagte, dass sie „keinem Menschen in einem Buch, keiner Person einen Gedanken unterlegen“ könne, „den ich nicht selber auch denken kann“. Im vorliegenden Werk scheint vor allem die Erzählerin weitgehend die Perspektive Marons wiederzugeben. Sie beobachtet eine Krise des Mannes, dem man seine „Wildheit schon in der Kindheit mit Ritalin ausgetrieben“ habe und den man für alles Böse in der Welt verantwortlich mache.2 Der Begriff „Held“ werde gegenwärtig allenfalls noch als ironischer Namenszusatz von Pizzalieferanten verwendet.

Maron will in ihrem Werk ergründen, „warum Helden so in Verruf geraten und überhaupt nur noch als Helden, am besten Heldinnen des Alltags zu ehren seien, und ob mit den Helden auch die Sehnsucht nach ihnen verloren sei“.3 Sie bewegt zudem die Frage „was mit den Männern unserer Hemisphäre geschehen war, dass man sie sich als Helden nicht einmal mehr vorstellen konnte, auch nicht vorstellen wollte, weil der Held an sich unter Verdacht geraten war“.4

Die Erzählerin muss sich für diese Fragen gegenüber ihrem linksliberalen Umfeld rechtfertigen, das von Ressentiments gegenüber dem Heroischen geprägt ist und dieses für die Ursache der Katastrophen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert hält. Antworten findet sie in Gesprächen mit Artur Lanz; einer mittelalten, wenig maskulinen Person, die sich nach einer ihr Leben veränderten Erfahrung auf die Suche nach großen Aufgaben und nach der eigenen männlichen Identität begibt. Außerdem findet sie Antworten in Gesprächen mit einem gebildeten Freund, der mit dem abendländischen Kulturerbe vertraut ist, und in Gesprächen mit einer Freundin die über eine „Kämpferseele“ verfügt.

Wer ist Artur Lanz?

Artur Lanz, ein „typisches Exemplar des zeitgenössischen Mannes“, ist der Sohn eines schwachen Vaters und einer schüchternen, geistig interessierten Mutter namens Maria, die mit der Literatur über das christliche Rittertums vertraut und angesichts des Kontrasts zwischen dem Gelesenen und dem sie umgebenden Verfall des Maskulinen von der Sehnsucht getrieben war, dass ihr Mann „ein starker, wehrhafter Mann wie aus ihren Büchern“ sein sollte.5 Lanz heißt so, weil seine „heldenverliebte Mutter mit der Verbindung von Artur und Lanz die Geschichte vom Heiligen Gral beschwören wollte“ und ihm „Leidenschaft für diese schwerterschwingenden Helden“ ins „Herz pflanzen“ wollte.6 Sie hatte sich jedoch scheinbar vergeblich bemüht, „ihrem Sohn entgegen dem aufstrebenden Zeitgeist die herkömmlichen männlichen Tugenden einzupflanzen“, denn er wuchs unter der „Ermunterung seiner Lehrerinnen“ heran, „mit Puppen zu spielen und wie ein Mädchen zu weinen“.7 So wurde er ein „gewöhnlicher, liebenswürdiger, zaghafter, an sich selbst leidender, widerstandsloser Mann“8 und „nicht der Kämpfertyp, […] auch nicht besonders sportlich, obendrein anfällig für allerlei Infekte“.9 Sie müsse enttäuscht gewesen sein, „dass aus ihm kein Held, sondern ein ganz durchschnittlicher, unheldischer Mann geworden war“.10

Dienst und Opfer als Sinn des Lebens

Das Leben des Artur Lanz wendet sich durch ein scheinbar banales Ereignis, als eines Tages sein Hund in ein Feld läuft und dort, verschlungen in seine Leine, zu ersticken droht. Da dieser Hund das einzige Wesen ist, das Lanz liebt, rettet er ihn unter einigen Anstrengungen. In der Folge stellt sich bei ihm „ein wunderbares, ja, ein fast heiliges Gefühl“ ein; „nicht nur ein tiefes Glück, sondern etwas Unbeschreibliches, etwas sehr Großes“. Es handelt sich um den inneren Zustand, der  entsteht, wenn Menschen dienende Opfer erbringen. Lanz erkennt, dass er sich nach diesem Zustand immer gesehnt hatte 11 und dass die Suche nach Glück identisch mit der Suche nach einem großen Auftrag ist.12

In Folge seines inneren Erwachsens will Lanz nun dienen, schützen und bewahren und seine „Männerseele“ ist von Unruhe erfüllt. Er sehnt sich nach dem Tag seines großen Dienstes; erkennt, dass es ihm an jeglichen charakterlichen und körperlichen Voraussetzungen dafür fehlt, weshalb er ein Kampfsporttraining aufnimmt und sich „für seinen eines Tages vielleicht notwendigen individuellen Einsatz“ rüstet.13 Der Weg dorthin erweist sich als schwer, und beim Training muss er bald feststellen, „dass weder sein Geist noch sein Körper solchen Anforderungen gewachsen waren“.14 Als eines Tages ein Freund denunziert wird, weil er gegen die Forderungen der politischen Korrektheit verstoßen hat, bricht Lanz angesichts der Bösartigkeit und Feigheit mit der Kraft des gerechte Zorns doch noch „aus seiner lebenslang eingeübten Mutlosigkeit“ aus, stellt sich an die Seite seines Freundes und wird in einer Alltagssituation zum Held.

Der Mann als Held: Das abendländische Ideal

Die Erzählerin beschreibt neben ihren Beobachtungen der Entwicklung von Lanz auch die Eindrücke, welche die Literatur des christlichen Rittertums bei ihr hinterlässt, die sie studiert, um Lanz und dessen Mutter besser zu verstehen:

„Ich las und las, Artus, Ginevra, Merlin, Gawan, Lancelot, und je mehr ich las, umso widerstandsloser versank ich im Reich des Zaubers und der Geheimnisse, der Ritterehre, unerschrockener Helden und der schicksalhaften Liebe. Ein Märchen, an dem Kelten, Franzosen, Engländer, Deutsche Jahrhunderte gedichtet hatten, in dem die Heldentaten mit jeder neuen Erzählung vermutlich größer wurden als die überlieferten und ihre Vollbringer edler, schöner und todesmutiger, als je ein Mensch sein könnte. Aber es lag ja eine Wahrheit unter der vielstimmigen Erzählung, Ereignisse, die der Dichtung über sie vorausgegangen waren. Und auch wenn die Heldentaten geringer waren, der König weniger großmütig und weise, die Liebe irdischer, so lebte in dem endlosen Epos über die versunkene Zeit doch die Sehnsucht, es möge so gewesen sein, die Helden so ehrenhaft, ihre Taten so großartig, ihre Liebe so rein. […] Wo ließ sich ein solches Verständnis von Ehre heute noch finden? […]

Es werden weniger die blutigen Heldentaten gewesen sein, die in der Mutter von Artur Lanz die Begeisterung für König Artus und seine Ritterrunde entzündet haben, sondern die Ritterlichkeit, die Hohe Minne, die Bewunderung der Männer für die Frauen, […] und die Bewunderung der Frauen für die heldenhaften ritterlichen Männer.

Ich stellte mir vor, wie vor fünfzig oder sechzig Jahren ein junges Mädchen in einer kleinen süddeutschen Stadt, das durch Zufall an ein Buch über die Artusrunde geraten war, sich in diese Welt von Treue, Ehre und Heldentum, die nicht besudelt war von der deutschen Schuld, hineinträumte.“15

Im christlichen Rittertum erkennt die Autorin eine überragende kulturelle Antwort auf die „Sehnsucht nach dem idealen Menschen, in diesem Fall nach dem idealen Mann“:

„Was könnte man über eine Mann Schöneres sagen? Sanftmütig und wehrhaft, treu in seiner sündigen Liebe, liebenswürdig und zurückhaltend gegenüber den Frauen – so aufgeschrieben von Sir Thomas Malory gegen Ende des 15. Jahrhunderts. […] ‚Der gütigste Mann, der je das Schwert gezückt hat‘, das war ein Satz über Helden, der so oder ähnlich keinem Postheroen über die Lippen kommen würde. Ob es noch Helden gab, würde sich erweisen, wenn sie sie brauchten, aber, und das was das Schlimmste, wir hatten kein Bild mehr von einem Helden, schon das Wort war verdorben. Penelope Niemann dachte an Nazis, wen sie das Wort hörte, und für Ulrike Zeisig war es ein Synonym für Krieg. Aber ebenso könnte der Held doch der edelste Entwurf von uns sein, mutig, sich selbst und seiner Liebe treue, nicht ein kriegerischer Berserker, sondern einer, der schützte und verteidigte, was er liebte, auch sich selbst. Vielleicht sogar zuerst sich selbst, denn wem könnte er noch dienen, wenn er sich selbst aufgegeben hätte, wenn er nicht sich und seinem Traum von sich treu geblieben wäre. […] Aber wir waren von Heldenverehrern zu Opferverstehern geworden. Und wenn wir schon die Helden nicht verehren wollten, […] sollten wir doch das Heldenhafte schätzen, das irgendwo in jedem von uns schlummerte, bis außergewöhnliche Umstände es weckten, so wie es in Artur Lanz aufgeflammt war, er sein Hund, den er liebte, im Rapsfeld zu verenden drohte.

Zu solchen Gedanken verführten mich die wahrhaft erbaulichen Worte Sir Hectors auf seinen toten Bruder Lancelot.“16

Die Perspektivlosigkeit der postheroischen Gesellschaft

Postheroische Gesellschaften seien das Produkt ungewöhnlich langer Friedensperioden, in denen der Mut verkümmere, weil er nicht gebraucht werde. Wer sich nicht bedroht fühle, gebe sich irgendwann der Illusion hin, keine Helden zu benötigen, „aber wie konnte es sein, dass sie in allen Zeiten vor uns gebraucht und geliebt wurden, dass sie in Märchen und Legenden ein ewiges Leben führten und ausgerechnet mit uns die heldenlose und heldenunbedürftige Zeit angebrochen sein sollte?“ Die Erzählerin spricht zudem von ihrem „Verdacht, dass das ganze Gerede vom Postheroismus eine Verschleierung unserer Feigheit“ sei.17

Die Notwendigkeit von Helden

Wer liebe, müsse auch bereit sein zu kämpfen, denn ihm sei der „Gedanke, dass alles, was einem wertvoll war und was man geliebt hat, nicht mehr da sein soll“ unerträglich.18 Auch der postheroische Mensch könne nicht ausschließen, dass er eines Tages Feinde haben und das, was er liebe, bedroht werde:

„Wer mich zum Feind erkoren hat, den er besiegen, schlimmstenfalls vernichten will, ist auch mein Feind, ob ich will oder nicht, es sei denn, ich kann den Grund seiner Feindschaft beseitigen, indem ich ihm gebe, was er von mir haben will. Wenn das Objekt seiner Begierde aber ein Objekt meiner Liebe ist, muss ich es verteidigen, und bin zum Kampf gezwungen, dann muss ich siegen wollen, auch mit Gewalt. Aber es schien, als ließe die untilgbare Schuld des letzten Krieges die einfache Logik solcher Gedanken in den Köpfen der Deutschen nicht mehr zu. […] Nie wieder Opfer sein, das hatte die Juden aus diesem Krieg gelernt. Der Irrwitz der Geschichte war, dass ich unter den Nachfahren ihrer Mörder genügend Leute kann, die ihnen gerade das verübelten.“19

Der Held „müsste in der Not ein Gewalttäter sein“ und „bereit sein zu töten und zu sterben“. Es gebe aber auch „heldenhafte Opfer“. Sie habe in DDR Helden erlebt „die zwar nicht töteten, es kam aber vor dass sie starben oder für Jahre hinter Gefängnismauern verschwanden, die ihre Lebenspläne opferten, nur weil sie auf ihrem Recht bestanden, auszusprechen oder aufzuschreiben, was sie für wahr hielten“. Diese Form des Heldentums sei nicht notwendigerweise eine Sache des Mannes.20

Die Charaktere in Marons Roman diskutieren allerdings auch die Frage, ob es eine antiheroische „geheime Lust“ der Frau „an der Unterwerfung“ gebe. Maron selbst scheint dieser Annahme nicht abgeneigt zu sein.21 Sie führt diesen Gedanken nicht weiter aus, aber es fällt auf, dass manche Feministin, welche die schwachen Reste abendländischer Kultur als unterdrückerisches „Patriarchat“ verdammt, umso freudiger für die Zuwanderung von Männern aus Kulturen eintritt, deren (kulturell gänzlich andere) Vorstellung von patriarchaler Ordnung keinesfalls von schwächlicher Natur ist.

Bewertung

Die von Maron aufgeworfenen Fragen sind noch größer und die von ihr angesprochenen Probleme sind noch größer, als es auf den ersten Blick scheint. Sie will die Themen Tapferkeit und Heldentum nicht ironisieren, indem sie das von ihr beschriebene Erwachen von Artur Lanz an einem scheinbar banalen Anlass festmacht, sondern nimmt diese Themen im Gegenteil äußerst ernst; möglicherweise weil ihr bewusst ist, dass sie in ihrem Werk die äußeren Bereiche religiöser Erfahrung berührt, auch wenn sie nicht direkt auf religiöse Fragen eingeht. Der Gralsmythos, auf den sie Bezug nimmt, ist aber mehr als nur eine Sammlung von Heldenerzählungen und muss ohne die Betrachtung seines christlichen Kerns unverständlich bleiben.

Die Erfahrung, die Artur Lanz erwachen ließ, haben über die Jahrtausende hinweg immer wieder Männer beschrieben, die in Berufungen tätig waren, welche die Begegnung mit Risiken zum Inhalt haben. In solchen Berufungen ist eine spezifische Begegnung mit dem Heiligen möglich, das in erhabenen Taten bzw. in Dienst und Opfer erfahrbar wird. Solche Erfahrungen können den Blick des Menschen über sich selbst hinausweisen und tiefere religiöse Erfahrungen vorbereiten. Der Journalist Sebastian Junger, der einige Zeit mit Soldaten in einem Kampfeinsatz Afghanistan verbrachte, hatte dieses Phänomen näher beschrieben:

  • Die Begegnung mit existenziellen Risiken habe die von ihm begleiteten Soldaten dazu gezwungen, ihr Leben für einander einzusetzen.
  • Die „Bereitwilligkeit, für einen anderen Menschen zu sterben“, habe anschließend „eine Form von Liebe“ freigesetzt, wie sie nicht einmal Religionen wecken können, und sie zu erfahren verändert einen Menschen zutiefst“.
  • Es stelle „eine tiefe und auch rätselhafte Genugtuung“ dar, „aus der gegenseitigen Übereinkunft schöpfen, zum Schutz einer anderen Person das eigene Leben einzusetzen“. Militärische Einsätze gehörten zu den wenigen Situationen, in der man diese Erfahrung überhaupt machen könne.22

Westliche Gesellschaften haben nicht nur den Sinn von Tapferkeit und Heldentum überwiegend vergessen, sondern kennen auch die religiöse Bedeutung von Dienst und Opfer meist nicht mehr. Dies gilt auch für die Kirchen in Europa, die auf das Auftauchen von Bedrohungen fast ausschließlich mit einer unmännlich anmutenden Rhetorik der Öffnung und des passiven Erduldens antworten. Die mit der Übernahme von Verantwortung durch den Mann verbundenen Begriffe, die Maron in ihrem Roman beschreibt, warten hingegen weiter darauf, neu entdeckt zu werden, spätestens wenn die Umstände, die die postheroische Gesellschaft hervorgebracht haben, plötzlich nicht mehr gegeben sein sollten. (FG1)

Quellen

  1. Monika Maron: Artur Lanz, Frankfurt a. M. 2020.
  2. Ebd., S. 104.
  3. Ebd., S. 35.
  4. Ebd., S. 56-57.
  5. Ebd., S. 42.
  6. Ebd., S. 21-22.
  7. Ebd., S. 64.
  8. Ebd., S. 56.
  9. Ebd., S. 22.
  10. Ebd., S. 25.
  11. Ebd., S. 18-19.
  12. Ebd., S. 219.
  13. Ebd., S. 59.
  14. Ebd., S. 56.
  15. Ebd., S. 40-42.
  16. Ebd., S. 165-166.
  17. Ebd., S. 58.
  18. Ebd., S. 139.
  19. Ebd., S. 186.
  20. Ebd., S. 56-57.
  21. Ebd., S. 153-154.
  22. Sebastian Junger: War. Ein Jahr im Krieg, München 2012, S. 279-286.