Hugo Micheron: Islamistische Enklaven als Bedrohung für Europa

Michelangelo - Die delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Hugo Micheron lehrt an der Princeton University und setzt sich im Schwerpunkt mit der Bedrohung Europas durch militante Salafisten auseinander. In einem jetzt veröffentlichten Gespräch warnt er, dass diese Bedrohung langfristig wahrscheinlich weiter zunehmen werde. Sie gehe nicht mehr nur von einzelnen Organisationen oder Netzwerken aus, sondern von wachsenden Subkulturen, die zunehmend islamistische „Enklaven“ in Europa schafften. Lösungen für dieses Problem seien nicht in Sicht.1

  • Die Zahl militanten Islamisten in Europa habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die Zahl der Muslime in Europa, die in dschihadistischen Organisationen in Syrien aktiv gewesen seien, sei mit rund 5900 insgesamt hundertmal so groß wie die Zahl derer, die in den neunziger Jahren aktiv waren. Die Zahl militanter Islamisten werde voraussichtlich weiter zunehmen, da entsprechende Akteure heute breitere Kreise unter Muslimen ansprechen würden als früher und die Zahl der Anhänger islamistischer Ideologie in Europa zunehme.
  • Islamistische Ideologie sei „in europäischen Gesellschaften so tief eingegraben wie noch nie“. Nichtmilitante Islamisten, etwa Salafisten und Muslimbrüder, würden dies durch eine Infrastruktur als karitativen Organisationen und Schulen vorantreiben und damit die Grundlagen für das Erstarken des militanten Islamisten schaffen.
  • Islamistische Ideologie stelle davon abgesehen grundsätzlich eine Bedrohung für Europa dar, weil sie desintegrierend wirke. Viele Muslime, die sich noch vor einigen Jahren als Bürger europäischer Staaten wahrgenommen hätten, würden sich in Folge der Verbreitung dieser Ideologie mittlerweile von europäischer Identität abgrenzen und dabei auf den Islam berufen.

In Deutschland und anderen europäischen Staaten gebe es mittlerweile „Enklaven“, die von der Ablehnung europäischer Werte und Kultur zusammengehalten würden. Diese Enklaven seien potenzielle Rückzugsräume militanter Islamisten. Sie würden auch dort wachsen, wo sich die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung verbessere. Lösungen für dieses Problem seien nicht in Sicht. Weder Maßnahmen zur Deradikalisierung noch Haftstrafen für militante Islamisten hätten sich als wirksames Mittel der Islamismusbekämpfung erwiesen.

Bewertung

Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban beschrieb kürzlich analog zu den Beobachtungen Micherons, dass sich islamische Parallelgesellschaften zunehmend zu „Gegengesellschaften“ entwickelten. Vor allem unter jungen Muslimen werde der Islam zunehmend als Gegenidentität zur von ihnen abgelehnten deutschen und europäischen Kultur wahrgenommen. Derzeit sei die „Desintegration der dritten und vierten Generation“ von Migranten zu beobachten. Durch unkontrollierte Migration würden sich die damit verbundenen Herausforderungen in Deutschland künftig wahrscheinlich vervielfachen.

Laut dem Islamismusexperten Ahmad Mansour folge Deutschland der Entwicklung im Bereich Islamismus in Frankreich mit einem Abstand von ca. zehn Jahren.

Keine europäische Regierung verfolgt gegenwärtig eine Strategie, die diese Entwicklung aufhalten oder umkehren könnte. Auch die relativ weitreichenden Maßnahmen, die kürzlich von den Regierungen Frankreichs und Österreichs beschlossen wurden, werden diese vor allem demographisch und kulturell getriebene Entwicklung allenfalls verzögern können. Die Zahl und Größe islamistischer Enklaven wird daher wahrscheinlich mittel- bis langfristig in vielen Staaten Westeuropas weiter zunehmen. Die Regierungen dieser Staaten werden langfristig vor der Wahl stehen, solche quasi-separatistischen Tendenzen und die schrittweise Auflösung der staatlichen Ordnungen entweder zu dulden oder weiterreichende Maßnahmen zur Bekämpfung islamistischer Milieus und Subkulturen zu ergreifen und dabei zu riskieren, dass der Konflikt mit islamistischen Akteuren zum nicht-internationalen bewaffneten Konflikt eskalieren könnte. (FG2)

Quellen

  1. „Es gibt einen europäischen Dschihadismus“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.11.2020.