Frankreichs Katholiken und der Kampf gegen den Islamismus

Eugène Thirion - Die heilige Johanna (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Zwei französische Erzbischöfe, Éric de Moulins-Beaufort und Luc Ravel, haben in den vergangenen Tagen erklärt, dass sich das Land und die Kirche in einem Krieg gegen den militanten Islamismus befänden. Sie riefen zu verstärkten Anstrengungen zur Bekämpfung dieser Ideologie und ihrer Anhänger auf und betonten zugleich, dass die Angriffe von Islamisten sich auch gegen einen Teil der Muslime richteten.

Éric de Moulins-Beaufort ist Erzbischof von Reims und Vorsitzender der Französischen Bischofskonferenz. Er begrüßt, dass Politiker, Journalisten und muslimische Führer Frankreichs es mittlerweile wagten, „darauf hinzuweisen, woher das Übel kommt“. Man sei zunehmend dazu bereit, die „Pathologie des Islam“ offen anzusprechen, „die der Islamismus darstellt“.

Polizeiliche Maßnahmen zu dessen Bekämpfung seien „absolut notwendig“, reichten aber nicht aus. Er „zögere nicht zu sagen, dass wir uns im Krieg gegen die Ideologie des Islamismus befinden“. Es finde gegenwärtig „ein weltweiter Kampf“ statt, der sich auch gegen friedfertige Muslime richte. Es „müssen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, aber in diesem Krieg, der vor allem ein geistiger Krieg ist“, müsse man sich davor hüten, auf das Handeln des Feindes mit den gleichen Mitteln zu antworten. Christen glaubten, „dass Gewalt durch die Kraft der Liebe und Vergebung überwunden werden kann, was polizeiliche Maßnahmen und die Schutzpflicht des Staates nicht ausschließt“.

Luc Ravel, der Erzbischof von Straßburg und ehemalige Militärbischof des Landes, sprach ebenfalls von einem „Krieg“ und rief dazu auf, den Islamismus in Europa „auszurotten“. Es sei „sinnlos“, die religiöse Dimension dieses Krieges zu leugnen:

„Es ist ein Krieg, und lassen Sie uns aufhören, von Einzeltätern zu sprechen: Es handelt sich nicht um eine Reihe von Geistesgestörten, sondern um Ausgeburten desselben bösartigen Geflechts. Wir können und dürfen nicht jeden Menschen im Auge behalten, aber wir können und müssen diese giftige im Untergrund wachsende Pflanze, den Islamismus, ausrotten, der für alle, auch für die muslimischen Gemeinschaften, schädlich ist.“

Der aus Guinea stammende frankophone Kardinal Robert Sarah sagte, der Islamismus sei ein „monströser Fanatismus, der mit Kraft und Entschlossenheit bekämpft werden muss“. Islamisten seien „Barbaren“ sowie „Feinde des Friedens“ und würden ihren Kampf nicht freiwillig beenden, was die Christen Afrikas nur zu gut wüssten. Der Westen und Frankreich müssten dies ebenfalls verstehen.

Hintergrund und Bewertung

Die Bedrohung durch militante Salafisten ist nicht auf terroristische Zellen oder Einzeltäter beschränkt, sondern geht von Milieus aus, die bestehen bleiben, wenn man diese Zellen zerschlägt. Seit rund zwei Jahrzehnten gehen westliche Akteure weltweit mit großem taktischem Erfolg gegen solche Strukturen vor, die aus den angesprochenen Milieus heraus jedoch immer wieder neu entstehen, so dass strategische Erfolge meist ausbleiben. Eine dauerhafte Beseitigung dieser Bedrohung würde die Auflösung oder Isolation dieser Milieus erfordern. Da keine westeuropäische Regierung derzeit diese Aufgabe angehen will, wird die Bedrohung durch militante Salafisten in Europa wahrscheinlich mittel- bis langfristig weiter zunehmen.

Der französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel hatte gewarnt, dass militante Salafisten langfristig Bürgerkriege in Europa anstrebten. Der salafistische Islam bilde die Grundlage einer Gegenidentität, die sich über die Ablehnung europäischer Kultur definiere. Jüngere Muslime seien in Europa im Durchschnitt schlechter integriert als die Generation ihrer Eltern und würden häufiger radikalen Vorstellungen anhängen. Im Zuge von Migration, demographischer Entwicklung und ausbleibender Integration von Muslimen drohe eine „Balkanisierung Europas entlang religiöser und ethnischer Linien“, in deren Zuge militante islamistische Kräfte weiter erstarken würden. Langfristig sei zu erwarten, dass sie in immer größerem Maße Konfrontation mit den Staaten suchten, in denen sie sich bewegen, um in ihnen islamisierte Räume zu schaffen. Durch terroristische Anschläge wollten sie Staaten zudem zu Überreaktionen provozieren und den Zerfall der öffentlichen Ordnung fördern.

Weder die Gesellschaften Europas, noch die christliche Soziallehre haben bislang Ansätze entwickelt, um dieser Herausforderung wirksam zu begegnen. Die jüngsten Äußerungen der französischen Bischöfe sowie frühere Äußerungen des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer deuten darauf hin, dass unter dem Druck der Ereignisse zumindest in Teilen der Kirche in Europa ein Konfliktbewusstsein und die Bereitschaft entstanden sind, nach Lösungen zu suchen. Auch der wegen seiner als schwach wahrgenommenen Reaktion auf die jüngsten Anschläge in Frankreich vielfach kritisierte Bamberger Bischof Rudolf Schick hatte nach früheren Vorfällen zu „höchster Wachsamkeit“ gegenüber der islamistischen Bedrohung und zu „Entschiedenheit“ im Umgang mit ihr aufgerufen.

Treiber dieses Lernprozesses sind gegenwärtig aber nicht europäische Bischöfe, sondern Vertreter der Kirche aus dem Nahen Osten und Subsahara-Afrika wie Kardinal Robert Sarah, der die Christen Europas bereits mehrfach mit deutlichen Worten vor der Bedrohung durch den Islamismus warnte und zum Kampf gegen sie aufrief. Er hatte europäischen Regierungen zudem Tatenlosigkeit angesichts der zunehmenden Aggressivität islamistischer Akteure vorgeworfen:

„Wie viele Tote braucht es, wie viele abgeschlagene Köpfe bis die europäischen Regierenden die Lage begreifen, in der sich der Westen befindet?“

Eine mögliche Ursache dafür, dass nichteuropäische Christen diese Herausforderung meist klarer erkennen als die meisten Europäer ist, dass sie unmittelbarer mit ihr konfrontiert sind und daher über größere Erfahrungen im Umgang mit ihr verfügen. Die Christen Europas können davon lernen. (FG2)