Erich Przywara: Vom Dienen

Anne-Louis Girodet de Roussy-Trioson - Jaques Cathelineau (gemeinfrei)

Der katholische Theologe und Philosoph Erich Przywara (1889-1972) war Teil eines Kreises unkonventioneller christlich-konservativer Denker, die einen revolutionären Traditionalismus vertraten und sich in den frühen 1960er Jahren im Umfeld der Zeitschrift „Labyrinth“ bewegten. Dort veröffentlichte er 1960 einen Aufsatz, in dem er sich mit dem Begriff des Dienstes als Schlüsselbetriff christlicher Weltanschauung auseinandersetzte.1

Die Katastrophen der Mitte des 20. Jahrhunderts markierten für Przywara einen „Zeitenbruch“, weil in ihnen das Scheitern der Moderne sichtbar werde. Für Christen sei dieser Bruch ein Zeitpunkt zum Handeln. Die Lage ermögliche eine „ungeahnte Renaissance“ der durch die Moderne „auf Leben und Tod verachteten großen Richtworte des Mittelalters“, etwa „Tradition, Zucht, Gefolgschaft, Gehorsam“, die alle unter Begriff „Dienst“ vereint und ursprünglich als die Eigenschaften des Adligen schlechthin verstanden worden seien.2

Der Dienst als das Werk freier Menschen

Die Moderne verachte den Dienst und das Dienen als Ausdruck von angeblicher Unfreiheit. Der moderne Mensch glaube, frei zu werden, wenn er den Dienst verweigere und sich zum Maßstab aller Dinge erkläre. Dies habe die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hervorgebracht.

Christliche Weltanschauung hingegen betrachte den Dienst als ein Werk, zu dem nur freie Menschen in der Lage seien. Christliche Denker wie Paul Claudel und Charles Péguy hätten den „den adligen Genius einer Göttlichen Ordnung und eines Göttlichen Dienstes“ als den radikalen und „totalen Gegensatz zur ‚Göttin Vernunft und Freiheit‘“ angesehen:3

  • Der Mensch sei frei, weil „gottförmige Freiheit“ Teil seiner Eigenschaft als Person sei. Zugleich sei der Mensch Gott hierarchisch untergeordnet und Teil der von ihm geschaffenen Ordnung. Die Schauung dieser Ordnung durch den Menschen lasse ihn dieses Hierarchieverhältnis erkennen und erzeuge in ihm zum Dienst strebende Ehrfurcht. Diese werde umso größer, je tiefer der Mensch das Geheimnis Gottes betrachte. Der Mensch werde durch die Begegnung mit diesem Geheimnis und mit Kräften, die sein Verstehen übersteigen, „radikal und total“ verwandelt.
  • Das Höchste, das der Mensch erreichen könne, sei es, durch die dienende Nachfolge Christi nicht unter dieser Ordnung und diesem Gesetz zu leben, sondern in ihm. Augustinus habe dies mit den Worten ausgedrückt, „wer im Gesetz ist, wirkt gemäß dem Gesetz; wer unter dem Gesetz ist, wird gemäß dem Gesetz gewirkt“.4

Dienst als Ausdruck von Liebe

Der Dienst des Christen sei nichts Erzwungenes, sondern werde aus Liebe geleistet. Der Begriff der Liebe dürfe in diesem Zusammenhang jedoch nicht auf eine süßlich-sentimentale Weise missverstanden werden. Liebe zu Gott wachse im „hinwegzehrenden Feuer Gott“ und äußere sich in der besonderen Ehrfurcht, welche die Begegnung mit dem Gewaltigen und Erhabenen auslöse. Diese Begegnung finde gerade an den Grenzen zu Tod und Dunkelheit statt, wie der Dichter Josef Weinheber betont habe:

„Dein Reich ist furchtbar, dir zu dienen hart.
Du nimmst das Herz, du formst es, seiner Art
den Schmerz in hohen Bildern zu bewahren.“5

Der Dienst und der katholische Stil des „Geheimen Deutschlands“

Przywara suchte auch jenseits christlicher Quellen nach Zeugnissen eines weitgehend verlorengegangenen „katholischen Stils“, der Bilder und Formen dienenden Lebens beinhaltet. Er fand diesen Stil unter anderem in den Werken des „Geheimen Deutschlands“ bzw. in den Werken des Dichters Stefan George, in denen „der katholische Stil des ‚Ordens‘“ sehr präsent gewesen sei. George habe vor allem die Tempelritter als Symbol des Dienstes betrachtet, weil ihr Orden nicht nur den Tempel von Jerusalem „mächtig umstand“, sondern „das ganze Abendland als ‚Tempel des Neuen Bundes‘“. Auch in den Werken des jüdischen Schriftstellers Rudolf Borchardt, der eine „schöpferische Restauration“ Deutschlands im Geiste des abendländischen Gedankens anstrebte, erkannte er diesen Stil wieder.6

Falsche Dienstbegriffe

Przywara  einen unechten „säkular heidnischem Katholizismus“, den etwa der Schriftsteller Charles Maurras vertreten habe. Bei diesem habe es sich um säkularen politischen Aktivismus gehandelt, der sich in eine christlich-abendländische Form gekleidet habe.7 Er betonte zudem, dass eine „höchste Ähnlichkeit zum Christlichen“ das Wesen des Antichristen ausmache. Auch totalitäre Ideologien würden von „Dienst“ sprechen, meinten damit aber die Unterwerfung des freien Menschen unter Staatskollektive, den bedingungslosen Gehorsam ihnen gegenüber und die Normierung des Menschen im Sinne der Ideologie.8

Hintergrund

Der Begriff des Dienstes gehört zu den Schlüsselbegriffen des Christentums. Jesus Christus sagte, „wer unter euch groß werden will, der sei euer Diener, und wer von euch der Erste werden will, der sei aller Knecht“. Er selbst sei „nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“.9

  • Laut Papst Johannes Paul II. habe Jesus Christus dem Menschen einen königlichen Weg zu Gott gezeigt, der die Läuterung des Menschen durch Dienst und Opfer beinhalte. Am Kreuz habe sich Gott als dienende, sich aufopfernde Liebe offenbart. Jesus Christus sei der vollkommene Diener, der Leid und Verfolgung auf sich nahm und sein Leben als Opfer für die Menschen gab. Indem er die Folgen der Sünde aller Menschen aus allen Zeiten auf sich nahm, erfuhrt er das größte nur denkbare Leid und leistete durch die Erlösung den größten denkbaren Dienst.
  • Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) schrieb, dass das ganze Sein Christi „nichts als Dienst“ sei und dieser Dienst seine gesamte Existenz definiere. Er sprach von einer „Dienstchristologie“, die Christus ganz vom Dienst her verstehe. Die Nachfolge Christi bedeute, dass „der, der sich ganz in den Dienst für die anderen, in die volle Selbstlosigkeit und Selbstentleerung hineingibt, sie förmlich wird –  dass eben dieser der wahre Mensch, der Mensch der Zukunft, der Ineinanderfall von Mensch und Gott ist“.10 Dies ist teilweise so missverstanden worden, dass Ratzinger Christus nur als ethisch besonders hoch entwickelten Menschen beschrieben und ihm seine Göttlichkeit abgesprochen habe, was jedoch nicht Ratzingers Absicht war, wie aus seinen Texten hervorgeht.

Robert Spaemann zufolge bestehe die Kirche aus denen, die es als ihren Auftrag anerkennen, „im Dienst Christi zu arbeiten“. Die vorbehaltlose Indienststellung des eigenen Lebens bis hin zum Opfertod im Dienst an Gott und am Nächsten sei das von Jesus Christus gegebene Vorbild, dem Christen zu entsprechen hätten. So würde der einzelne Christ am Auftrag der Gemeinschaft aller Christen mitwirken, in der Welt dem Wort Jesu Christi gemäß „Sauerteig zu sein, der wirkt, indem er verschwindet“.

In einem katholischen Hymnus wird dies mit den Worten ausgedrückt:

„Klein ist die Spanne der Zeit,
durch die unsre Jahrhunderte gleiten,
kurz bemessen die Frist,
heilig zu werden wie du.

König der Welten, lass uns
in Treue dir dienen auf Erden
und zum heiligen Kampf
schenke uns göttliche Kraft.“

Auch der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer bezeichnete den Dienstgedanken als einen Schlüsselgedanken des Christentums. Im Christentum gebe es eine „Umkehrung alles menschlichen Seins“. Die bestehe darin, dass der Christ so wie Christus für andere Menschen da sei. Das „Für-andere-dasein“ Christi bis in den Tod hinein sei die eigentliche Transzendenzerfahrung. Glaube bestehe darin, an diesem Sein Christi teilzunehmen „ein neues Leben im ‚Dasein-für-andere‘“ zu beginnen.11 (FG1)

Quellen

  1. Erich Przywara: „Dienst“, Labyrinth, September 1960, S. 70-90.
  2. Ebd., S. 70.
  3. Ebd., S. 77.
  4. Ebd., S. 71-72.
  5. Zit. nach Ebd., S. 80.
  6. Ebd., S. 78-79.
  7. Ebd., S. 77.
  8. Ebd., S. 81-89.
  9. Mk 10, 42-45.
  10. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum, München 1968, S. 182 ff.
  11. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Gütersloh 2016, S. 204.