Alexander Grau: Über die Verachtung der eigenen Geschichte

François de Nomé - Der hl. Augustinus inmitten von Ruinen (gemeinfrei)

Der Philosoph Alexander Grau kritisiert in einem heute erschienenen Aufsatz die zunehmende Tendenz zur Verachtung und Abwertung der eigenen Geschichte in westlichen Gesellschaften. Die Ursache dafür sei der Narzissmus bindungsloser Individuen, die jegliche Tradition als Einschränkung ihrer Freiheit ablehnten. Dieser Typus nehme sich zwar als tolerant und weltoffen wahr, scheitere aber bereits daran, das eigene Erbe zu akzeptieren oder zu verstehen. Im antirassistischen oder antifaschistischen Aktivismus finde er eine politische Plattform.1

  • Westliche Gesellschaften bekämpften auf eine bislang ungekannte Weise ihr historisches Erbe, anstatt es zu pflegen. Denkmäler würden zerstört, alte Texte überarbeitet, Straßen umbenannt und Museumsbestände bereinigt. Mit einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit habe dies nichts mehr zu tun.
  • Ideologien wie Antikolonialismus oder Antifaschismus lehnten sowohl die Bewahrung des eigenen Erbes als auch eine ernstzunehmende geistige Auseinandersetzung mit ihm ab und würden eine „Erinnerungskultur im Namen der guten Sache“ betreiben, der es nicht mehr um historische Wirklichkeit gehe. Die Geschichte verschwinde in diesen Ideologien „hinter der Lehre, die man aus ihr zu ziehen vorgibt“, was eine „Haltung ohne Kenntnisse“ produziere.
  • Der eigentliche Zweck dieser Ideologien sei die Selbstbestätigung bindungsloser Narzissten, denen trotz ihrer Selbstdarstellung jegliche Bereitschaft dazu fehle, „sich mit fremden Werten, Gedanken und Idealen auseinanderzusetzen“ und Traditionen als „Hemmnisse bei der persönlichen Selbstverwirklichung“ ablehnten. Die Vergangenheit nähmen diese Narzissten als „bedrohlichen Hort antiemanzipatorischer Vorstellungen, den es zu überwinden gilt“, wahr. Nur „das geschichtsloses Individuum“ sei „aus dieser Perspektive wirklich frei“.

„Erstmals in der historisch überschaubaren Menschheitsgeschichte“ habe „sich eine Alltagskultur entwickelt, die sich nicht nur vollständig von ihrer Vergangenheit emanzipiert hat, sondern diese sogar verachtet“. Die Moderne habe erstmals „eine Gesellschaft hervorgebracht, die ihre Vorfahren offen und gezielt herabsetzt, weil deren Gedankenwelt nicht aktuellen moralischen Normen entspricht“:

„Denn das Fremdartige erträgt der Mensch der westlichen Moderne allenfalls noch in Gestalt anderer, exotischer Kulturen. Die Fremdartigkeit der eigenen Vergangenheit jedoch verstört ihn zutiefst. Historische Neugier ist ihm in höchstem Masse fremd. Sie wird ersetzt durch moralische Besserwisserei.

Doch wer schon die eigene Vergangenheit nicht verstehen will, ist auch unfähig, das wirklich Fremde zu begreifen. Die Ideologie kultureller Offenheit und Toleranz entlarvt sich daher gerade dort als verlogen, wo sie die Geschichte der eigenen Kultur als menschenverachtend aburteilt. Hier hat der xenophobe Reflex lediglich seine Stossrichtung geändert.“

Bewertung und Hintergrund

Die reflektierte Achtung vor dem eigenen historischen Erbe ist die Voraussetzung für kulturelle Kontinuität und Nachhaltigkeit und zugleich eine Forderung der abendländischen Kardinaltugend der Gerechtigkeit und des christlichen Gebots, die eigenen Vorfahren zu ehren. Ein Gemeinwesen, dass diese Forderungen missachtete, könnte nicht dauerhaft bestehen. Aus Neomarxismus und Postmoderne heraus entstandene identitätspolitische Ideologien streben hingegen den revolutionären Bruch mit der Vergangenheit an. Im Kampf gegen das, was sie als „Dreckskultur“ bezeichnen, trennen sie sich und die von ihr zunehmend geprägten Gesellschaften jedoch von den Erfahrungs- und Traditionsbeständen, die ihre Leistungen hervorbrachten, und zerstören dadurch deren kulturellen Grundlagen.

Laut der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann gelte seit dem Erfolg der 68er-Bewegung alle Tradition „bestenfalls als muffig, meist jedoch als vergiftet“. Die Gegenwart präge „ein Bekenntnis zur Diskontinuität“, das mit der angeblich durch die Tradition verursachte oder mit ihr zusammenhängende Katastrophe nationalsozialistischer Herrschaft begründet werde. Der „kulturrevolutionäre Zug zum unbedingten Neubeginn“ strebe nach einer „Stunde Null für das kulturelle Gedächtnis“. Seit der frühen Neuzeit sei die „Infragestellung von Autorität, Diskreditierung von sankrosankten Beständen, Abschaffung der Vergangenheit als normativer Ressource“ prägend für die westliche Kultur gewesen.2

Laut Assmann sei die Achtung gegenüber der eigenen Vergangenheit eine zentrale Voraussetzung kultureller Kontinuität. Auf die Frage eines Journalisten, ob es im von ihr erforschten antiken Ägypten Anstrengungen in die Richtung gegeben habe, „die riesige, mehrere Jahrtausende alte Geschichte einfach mal über Bord zu werfen, sich zu befreien von dem Muff der Vergangenheit“, antwortete sie:

„Nichts läge den alten Ägyptern ferner. Niemand kam dort jemals auf die Idee eines solchen radikalen Modernismus. Niemand dachte dort jemals an Muff. Die Vergangenheit wurde dort niemals als eine Belastung empfunden. Dieses Gefühl findet sich in keinem einzigen altägyptischen Text. Die jahrtausendealte Vergangenheit war die Basis der Welt, in der sie lebten. Sie waren stolz auf sie.“3

Papst Franziskus hatte vor diesem Hintergrund die Bedeutung der Bindung an die eigenen Wurzeln für die Völker der Welt betont und dazu aufgerufen, diese Bindung wiederzuentdecken und zu erneuern. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk“.4 Er kritisierte außerdem kulturrevolutionäre Versuche moderner Ideologien zur Zerstörung und Überformung kultureller Erinnerung:

„Da nehmen sie die Freiheiten weg, man beginnt die Geschichte zu zerstören, also die Erinnerung eines Volkes, und drängt ein bestimmtes Bildungssystem auf. Alle Diktaturen machen das. Manchmal machen sie das sogar mit Samthandschuhen. […] Sie heben die Unterschiede auf, zerstören die Geschichte und sagen, dass ab sofort neu gedacht werden muss. Und wer das nicht gut findet, der wird beiseitegeschoben oder verfolgt.“5

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) beobachtete in europäischen Gesellschaften eine falsche Tendenz zur Selbstanklage, die nicht zu Korrektur von Fehlern führe, sondern „die sich selbst vernichtet“, weil sie auf Selbstverneinung beruhe.6

Auch der katholische Theologe Hugo Rahner sagte das langfristige „Absterben geschichtsleugnender Ideologien“ voraus. Der „jugendliche, der revolutionäre, der unreife Mensch“ sei „in seinem Drang nach Ungebundenheit versucht […] alles Vergangene als überwunden und minderwertig abzutun, er bricht mit seiner eigenen Geschichte – und  stirbt daran“:

„Wer seine eigene Vergangenheit verrät, wer sie umdichtet und umfälscht […] der ist ein Barbar geworden und hat seine eigene Mutter verleugnen müssen. Es ist eine Sünde gegen den heiligen Geist des Abendlandes, wenn man einem Volk mit Gewalt verbietet, sich an seiner eigenen Geschichte zu freuen […].“7

Auch der Soziologe Ruud Koopmans hatte darauf hingewiesen, dass Kultur sich nur aus historischer Kontinuität heraus entwickeln könne, nicht jedoch auf Grundlage einer rein negativen Darstellung der eigenen Vergangenheit.8

Kardinal Robert Sarah kritisierte, dass der moderne westliche Mensch die Vergangenheit verachte, weil seine Vorstellung von Fortschritt mit dem Bruch mit dem Vergangenen verbunden sei. Der moderne Mensch lehne es zudem ab, Bindungen wertzuschätzen, weil er diese als Einschränkung seiner Freiheit verstehe. Dazu gehöre auch die Bindung an ein Erbe und an eine Tradition. Eine „erinnerungslose Gesellschaft“ sei eine „tote Gesellschaft“, welche die Errungenschaften und Erfahrungen der Vergangenheit nicht mehr annehmen oder weitergeben könne.9

Der katholische Theologe Dietrich von Hildebrand kritisierte einen „Epochalismus“, den er als Form des Chauvinismus bewertete. Die „Eingebildetheit auf die eigene Zeit“ und das „Gefühl der Überlegenheit allen gegenüber, die nicht in der gleichen historischen Epoche leben“ würden, würden für viele Menschen die gleiche psychologische Funktion erfüllen wie die Berufung auf die mutmaßlich überlegene eigene Abstammung im Nationalsozialismus. Hier werde der Stolz des Menschen angesprochen bzw. sein Streben nach Kompensierung von Unterlegenheitsgefühlen.10 Das auch in der Kirche zu beobachtende Vorbringen öffentlichkeitswirksamer Schuldbekenntnisse für mutmaßliche Verfehlungen anderer in der Vergangenheit sei nicht Ausdruck von Demut, sondern von Arroganz, die nach der Erhöhung der eigenen Person auf Kosten anderer strebe. Die „Verurteilung der Vergangenheit unter dem Schein der Selbstanklage“ sei „pharisäisch“.11

Der jüdische Philosoph Alain Finkielkraut schrieb 1999 über den modernen Umgang mit der Geschichte:

„Wenn die Memorialkultur überwiegend Verbrechen erinnert, dann wird der Bezug auf die kollektive Vergangenheit negativ; und dann entschwindet die Dankbarkeit gegenüber jeglicher vorangegangenen Generation und verkehrt sich in Ablehnung. Geschieht das, dann kommt der Gegenwart die Orientierung abhanden, und sie findet nur noch Halt in einem Hypermoralismus, der selbst keine Maßstäbe mehr hat.“12

Laut dem Althistoriker Egon Flaig sieht die Ursache der Ablehnung der eigenen Geschichte in mangelnder kultureller Dankbarkeit gegenüber den eigenen geistigen Vorfahren. Die Ansicht, dem Werk früherer Generationen nichts zu verdanken sowie die Ansicht, dass es kein Erbe gebe, dass man zu übernehmen und zu pflegen habe, seien „selbstmörderisch“. Wenn diese Undankbarkeit weiter zunehme, könne dies das kulturelle Erbe Europas gefährden, vor allem dessen Werke Demokratie, Menschenrechte und Wissenschaft:

„Demokratien sind Gemeinschaften; sie beruhen auf der Zusammengehörigkeit ihrer Bürger. Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit benötigt einen intensiven Bezug zur eigenen Vergangenheit. Da nirgendwo die Menschen als Erwachsene geboren werden, fungieren die Generationen als Scharnier zwischen der biologischen Reproduktion eines jeden Staates und der Sterblichkeit seiner Individuen.“13

Die Vorstellung eines Gemeinwohls beruhe auf einer geteilten Bindung an eine kulturelle Tradition. Nur auf dieser Grundlage könne der republikanische Pluralismus im Sinne seines Leitsatzes „e pluribus unum“ aus kulturell unterschiedlichen Gruppen eine Einheit formen und Fremde, aber auch nachfolgende Generationen integrieren.

Postmoderne und neomarxistische Ideologien, die seit den 1970er Jahren in Europa die kulturelle Hegemonie erlangt hätten, würden hingegen zunehmend eine Erinnerungskultur durchsetzen, welche die europäische Geschichte und Tradition als eine Serie von Verbrechen an der Menschheit darstelle. Um ihre kulturrevolutionären Ziele voranzutreiben, versuchten diese Strömungen, die Bindungen der Völker Europas an ihre Tradition und Kultur zu zerstören. Dazu würden sie ein „radikal neues Bild der Weltgeschichte“ konstruieren, das „mittels offenherziger Verfälschung von historischen Tatsachen“  eine allgemeine Schuld der Völker Europas gegenüber der Menschheit behaupte. Gleichzeitig werde diesen Völkern „Erlösung“ von ihrer angeblichen Schuld in Aussicht gestellt, wenn sie sich gegen ihre Tradition, Geschichte und Kultur wenden würden.

Dieses „selbstmörderische“ Vorhaben sei in den vergangenen Jahrzehnten sehr erfolgreich gewesen und werde mittlerweile auch durch liberale, globalistische Strömungen unterstützt, „welche die Menschen reduziert auf ihre bloße Eigenschaft, Arbeitskräfte zu sein“ sowie darauf, „ökonomisch motivierte Wesen ohne kulturelle Imprägnierung“ zu sein. In Folge der durch die Durchsetzung dieser Ideologien bewirkten Auflösung von historisch-kulturellen Bindungen würden europäische Gesellschaften zunehmend in Interessengruppen und Parallelgesellschaften zerfallen, die „nicht mehr willens sind, sich einem Gemeinwohl unterzuordnen“.

Diese Auflösungsprozesse seien für kurzfristig denkende Menschen „zunächst kaum wahrnehmbar“, was ihre Identifizierung und Bekämpfung erschwere. Kulturelle Substanz werde über viele Generationen hinweg aufgebaut. Ihre Weitergabe und Weiterentwicklung von Generation zu Generation setze Dankbarkeit gegenüber den eigenen Vorfahren voraus. Diese habe daher im antiken Rom als „Pietas“ den Rang einer politischen Tugend gehabt. Als Vorfahren seien dabei mehr noch als die eigenen biologischen Vorfahren diejenigen wahrgenommen worden, in deren geistig-kultureller Tradition man stehe.14  (FG2)

Quellen

  1. Alexander Grau: „Wir verehren das Fremde und verachten zugleich das Fremdartige in unserer Kultur“, Neue Zürcher Zeitung, 18.11.2020.
  2. Aleida Assmann: Zeit und Tradition. Kulturelle Strategien der Dauer, Köln 1999, S. 67-69.
  3. „Vom Erinnern und Vergessen“, Berliner Zeitung, 09.12.2017.
  4. „Heimweh nach den Wurzeln“, L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 42, 20.10.2017.
  5. „Frühmesse: Erinnerung beseitigt kulturelle Kolonialisierung“, vaticannews.va, 22.111.2017.
  6. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 355.
  7. Hugo Rahner: Abendland, Freiburg i. Br. 1966, S. 15-16.
  8. „Brauchen wir eine Leitkultur?“, Die Welt, 03.05.2017.
  9. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 249 f.
  10. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 195.
  11. Ebd., S. 316.
  12. Zit. nach Egon Flaig: Die Niederlage der politischen Vernunft, Springe 2017.
  13. Egon Flaig: Was nottut. Plädoyer für einen aufgeklärten Konservatismus, Lüdinghausen/Berlin 2019, S. 121-122.
  14. Egon Flaig: „Ohne kulturelle Dankbarkeit keine Demokratie“, achgut.de, 13.12.2017.