Ronald Inglehart: Beschleunigte Entchristianisierung westlicher Gesellschaften

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Ronald F. Inglehart leitet das Projekt „World Values Survey“, das seit 1981 mittels Umfragen kulturelle und religiöse Einstellungen weltweit untersucht. In einem aktuellen Aufsatz beschreibt er aktuelle Erkenntnisse des Projekts, die darauf hindeuten, dass bereits um das Jahr 2007 herum eine beschleunigte Entchristianisierung westlicher Gesellschaften eingesetzt hat.1

Inglehart hat für seinen Aufsatz die Entwicklung der Religiosität in 49 Gesellschaften weltweit untersucht und stellt einen allgemeinen globalen Rückgang der Religiosität seit 2007 fest. In den Jahren davor sei dieser Trend noch nicht zu beobachten gewesen. Beim Großteil der von ihm betrachteten Gesellschaften handelt es sich allerdings um westliche Gesellschaften, die auch die Gruppe derer dominieren, in denen der Rückgang der Religiosität besonders stark ausfällt. Unter den betrachteten Gesellschaften ist nur eine mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, so dass seine Analyse keine Aussagen über islambezogene Trends zulässt. Auch wenn Inglehart diese Schlussfolgerung nicht direkt zieht, so wird doch deutlich, dass seine Erkenntnisse vor allem einen Trend zur beschleunigten Entchristianisierung westlicher Gesellschaften dokumentieren.

Laut Inglehart gingen aus den von seinem Projekt gewonnenen Daten zudem die folgenden Erkenntnisse hervor:

  • Der Rückgang existenzieller Unsicherheit sei der wichtigste Treiber des Rückgangs von Religiosität in einer Gesellschaft. Wo Gesellschaften wohlhabender und sicherer würden, gehe die Religiosität bzw. das Interesse an Religion zurück.
  • Ein weiterer wichtiger Treiber der Entwicklung seien Vorstellungen über Sexualität. Religionen würden allgemein Ehe und Familie sowie Nachkommen bejahen und Ehebruch, Ehescheidung, Homosexualität sowie Abtreibung negativ bewerten. Unter den Bedingungen existenzieller Unsicherheit seien diese Einstellungen für das Überleben von Individuum und Gesellschaft notwendig. Verbesserte Lebensbedingungen würden dazu führen, dass dies für eine wachsende Zahl von Menschen nicht mehr einsichtig sei, die sich aus dem Wunsch nach sexueller Selbstverwirklichung heraus von der Religion abwenden würden. Die Akzeptanz von Homosexualität und Abtreibung korreliere stark mit dem Rückgang von Religiosität.
  • Es gebe Hinweise darauf, dass in westlichen Gesellschaften wie den USA um das Jahr 2007 herum ein Kipppunkt erreicht worden sei. Beginnend bei jüngeren Bevölkerungsgruppen mit höheren Bildungsabschlüssen sei ungefähr zu diesem Zeitpunkt eine nichtreligiöse Weltanschauung zur kulturellen Norm geworden. Sozialer Konformismus habe dazu geführt, dass in ihrer Religiosität nicht gefestigte Menschen sich der neuen Norm verstärkt angepasst hätten und nichtreligiös geworden seien.

Er weist außerdem darauf hin, dass andere im Rahmen seines Projekts gewonnene Daten belegten, dass im islamischen Kulturraum abweichend von anderen Religiosität anhaltend stark ausgeprägt sei und traditionelle Einstellungen zu Fragen sexueller Identität ungebrochen bejaht würden.

Bewertung und Hintergrund

Inglehart geht davon aus, dass der von ihm beobachtete Trend sich umkehren könnte, wenn existenzielle Unsicherheiten in westlichen Gesellschaften wieder zunähmen, etwa im Zuge einer größeren Krise. Wenn die Hypothesen Ingleharts zutreffen, dann könnten vor allem die Strömungen und Bewegungen im Christentum, die sich in besonderem Maße mit den erwähnten Unsicherheiten auseinandersetzen und Antworten auf die durch sie aufgeworfenen Fragen haben, eine Renaissance erfahren, wenn die gegenwärtige Phase des Wohlstands und des Friedens in westlichen Gesellschaften endet. Da Gesellschaften in Folge religiöser und kultureller Auflösung instabil werden, ist das Ende dieser Phase bereits absehbar. Erste Anzeichen dafür sind gegenwärtig vor allem in den USA beobachten, die in Folge des Verlustes ihres kulturellen Zentrums in eine zunehmend von Gewalt begleitete Phase des gesellschaftlichen Zerfalls eingetreten sind.

Das Christentum befindet sich davon abgesehen in allen westlichen Gesellschaften derzeit im Übergang von einer kulturell prägenden Religion zu einer religiösen Minderheit.2 Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hatte 2016 auf die ungünstige religionsdemographische Lage des Christentums in Europa hingewiesen und gewarnt, dass es hier durchaus erlöschen könnte, „wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren“.3 Zuvor hatte er darauf hingewiesen, dass in Folge des „Absterben[s] der tragenden seelischen Kräfte […] auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint“.4

In weiten Teilen Europas sinkt seit ca. Mitte der 1960er Jahre sowohl die absolute Zahl von Christen als auch ihr Anteil an den jeweiligen Bevölkerungen. Auch in Deutschland schrumpft das Christentum in Deutschland seit Jahrzehnten bei gleichzeitiger Überalterung. Die Zahl der Sterbefälle und Kirchenaustritte liegt deutlich höher als die der Taufen, Übertritte und Wiedereintritte.

  • Einer 2017 erschienenen Studie des Pew Research Center zufolge werde in Europa der Anteil der Muslime an Bevölkerungen europäischer Staaten aufgrund von höheren Geburtenraten und Migration weiter zunehmen, während der Anteil der Christen vor allem aufgrund niedrigerer Geburtenraten sowie schwächeren religiösen Bindungen künftig noch stärker zurückgehen werde als in den vergangenen Jahren.5
  • Laut einer Studie des Forschungszentrums Generationenverträge zufolge werde sich die Zahl der Christen in Deutschland bis 2060 im Vergleich zu 2017 voraussichtlich von ca. 45 auf ca. 23 Millionen halbieren.6 In Ost- und Norddeutschland würden Christen dann nur noch eine kleine Minderheit darstellen. Wesentliche Treiber dieser Entwicklung seien neben der demographischen Entwicklung steigende Austrittszahlen sowie die Entscheidung christlich getaufter Eltern, ihre Kinder nicht zu taufen bzw. religiös zu erziehen.7

Dem Religionssoziologen Stephen Bullivant zufolge sei der Wegfall von Identitätsmarkern im Katholizismus nach dem II. Vatikanischen Konzil in vielen westlichen Gesellschaften eine der Ursachen für schwächer werdende religiöse Bindungen, die zur Abwendung von der Religion führten. Identitätsmarker seien Eigenschaften, die eine Gruppe in einer Gesellschaft von anderen unterscheiden und gemeinschaftsstiftend wirken. Der postkonziliare Katholizismus habe tendenziell nach Abschwächung der Unterschiede zu den ihn umgebenden Gesellschaften gestrebt. Dies habe jedoch nicht die beabsichtigte Folge gehabt, den Katholizismus diesen Gesellschaften näher zu bringen, sondern kulturell-religiöse Bindungen bzw. die Wahrnehmung von Gemeinschaft unter Katholiken geschwächt. Getaufte Katholiken hätten sich in Folge dessen in westlichen Gesellschaften in großer Zahl von der Kirche entfernt und die Religion nicht mehr an ihre Kinder weitergegeben.8 (FG2)

Quellen

  1. Ronald F. Inglehart: „Giving up on God. The Global Decline of Religion“, Foreign Affairs, Vol. 99, No. 5 (September/October 2020), S. 110-118.
  2. Stephen Bullivant: „Europe’s Young Adults and Religion. Findings from the European Social Survey (2014-16) to inform the 2018 Synod of Bishops“, St Mary’s University, Benedict XVI Centre for Religion and Society, 2018.
  3. Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger): Letzte Gespräche, München 2016, S. 230.
  4. Joseph Kardinal Ratzinger: „Die Seele Europas“, Süddeutsche Zeitung, 13.04.2005.
  5. „The Changing Global Religious Landscape“, Pew Research Center, 05.04.2017.
  6. „Kirchen droht Schwund an Mitgliedern und Finanzen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2019.
  7. „Die Christen werden zur Minderheit“, Süddeutsche Zeitung, 03.05.2019.
  8. Stephen Bullivant: Mass Exodus. Catholic Disaffiliation in Britain and America Since Vatican II, Oxford 2019.