Robert Pfaller: Identitätspolitik, „Cancel Culture“ und gesellschaftliche Infantilisierung

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Robert Pfaller lehrt an der Kunstuniversität Linz. In seinem Buch „Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ kritisiert er die zunehmende Infantilisierung westlicher Gesellschaften durch identitätspolitischen Aktivismus und das zuletzt als „Cancel Culture“ bekannt gewordene Phänomen. Dieser Aktivismus gehe nicht mehr vom Erwachsenen als Standard aus und betrachte den Menschen stattdessen als betreuungsbedürftigen Träger von Befindlichkeiten. In Folge dieser Entwicklung drohten westlichen Gesellschaften ihren freiheitlichen Charakter zu verlieren.1

Die identitätspolitische Linke als Feind der abendländisch-westlichen Kultur

Während die Linke in der Vergangenheit danach gestrebt habe, die Errungenschaften der „weißen, anglosächsischen protestantischen Männer“ allen Menschen zugänglich zu machen, würden diese Leistungen heute pauschal abgelehnt. Man sei dazu übergegangen, diese als „partikulare Erfindung alter, wenn nicht toter, weißer Männer zu diffamieren“.2

Identitätspolitik als Ausdruck von Narzissmus und Regression

Identitätspolitische Ideologien hätten sich zuerst an Eliteuniversitäten in den USA durchgesetzt, an denen sich die privilegiertesten Menschen der Welt versammelten. Diese seien in besonderem Maße narzisstisch veranlagt. Sie hätten ein ausgeprägtes Bedürfnis danach, ihre Empfindlichkeiten zu kultivieren und ihr stetig gesteigertes Gefühl des Verletztseins unmittelbar kundzutun.3 Dazu pflege man einen „Narzissmus der kleinen und kleinsten Differenz“.4

Sie seien zudem in vielen Fällen regressiv veranlagt, was darin zum Ausdruck komme, dass sie gegen jegliche Autorität rebellierten und ihre eigenen Launen und Befindlichkeiten zum Maßstab von Debatten machen wollten.5 Impulse für die Entwicklung der Kultur könnten von ihnen nicht ausgehen, da Kultur immer ins Universelle strebe und ihre Entwicklung auf der Fähigkeit beruhe „von sich selbst abzusehen“.6

Identitätspolitik entmündigt den Menschen

Identitätspolitische Ideologien stünden im fundamentalen Gegensatz zum Ideal des freien Menschen. Der freie Bürger sei der zur Freiheit fähige Erwachsene, dem es gelungen sei, „Widerstandskraft gegenüber den notwendigen Übeln des Lebens auszubilden“.7 Die erwähnten Ideologien würden Erwachsenheit jedoch nicht mehr als öffentlichen Standard betrachten.8 Sie strebten die Verwandlung der Menschen „in infantilisierte, schutzsuchende Bittsteller“ an9 und wollten ihnen „jenes erwachsene, stolze Ich wegnehmen“, das sie zu Bürgern mache, sprächen den Angehörigen von Minderheiten die Fähigkeit dazu ab, „ihre Identitäten und Befindlichkeiten im öffentlichen Raum hinter sich zu lassen“10 und schürten die erwähnten Empfindlichkeiten, weil dies ihnen erlaube, sich zu „Gouvernanten und scheinbaren Beschützern“ der von ihnen herabgesetzten Menschen zu erklären.11

Erwachsenheit als die Fähigkeit, „manche Unannehmlichkeiten oder Übel ebenso als notwendige Begleiterscheinungen des Lebens zu erkennen“ und die „Möglichkeiten, sie zu ertragen oder zu überwinden“, sei jedoch eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Gesellschaften die wirklich wichtigen Herausforderungen bewältigen könnten, denen sie gegenüberstünden.12

Identitätspolitik richtet sich gegen das Gemeinwohl und die Solidarität im Gemeinwesen

Identitätspolitische Ideologien stellten das Gemeinwohl zugunsten der Befindlichkeiten einer stetig zunehmenden Zahl neuer, miteinander konkurrierender narzisstischer Opfergruppen zurück. Durch die „Ermunterung an alle benachteiligten oder marginalisierten Gruppen, ihre Marotten in die Öffentlichkeit zu tragen“, würden sie die Solidarität im Gemeinwesen auflösen. An die Stelle des Strebens nach dem Gemeinwohl trete ein „Opferwettbewerb“, bei dem zu Opfern des Gemeinwesens erklärte Minderheiten nachzuweisen versuchten, stärker als andere diskriminiert zu werden, um damit ihre Ansprüche auf Macht und öffentliche Mittel zu begründen. Dies stelle sicher, das wahrgenommene Benachteiligungen niemals enden, sondern stetig weiter zunehmen. Alle diese Gruppen würden zudem dazu ermutigt, bei jeder Gelegenheit auf ihrer sprachlichen Sichtbarkeit zu bestehen. Worte für das Gemeinsame würden dadurch zunehmend aus der Sprache verdrängt, wodurch auch die Vorstellung verschwinde, in einem Gemeinwesen zu leben.13

Identitätspolitik verhindert die Ansprache und Bewältigung existenzieller Herausforderungen

Es sei zunehmend schwierig, die Aspekte der Wirklichkeit zu beschreiben, die narzisstische Identitätsgruppen ausblenden wollten und dazu ihre Ansprache als verletzend darstellten. Die Begriffe identitätspolitischer Diskurse dienten nicht der Beschreibung der Wirklichkeit, sondern dem Management von Gefühls- und Befindlichkeitszuständen.

Durch „peinlich genaue Sprachregelungen“ werde zudem die Thematisierung von immer mehr existenziellen gesellschaftlichen Herausforderungen verhindert. Der Raum für Debatten über große und wichtige Fragen werde enger. An die Stelle von Debatten über echte Herausforderungen träten Sprachspiele, etwa über die Einführung von Gendersternchen, die keine realen Probleme lösten und deren Zweck ausschließlich die Befriedigung des Narzissmus und des Distinktionsbedürfnisses privilegierter Menschen sei:

„Und wozu auch über neue Armut reden oder gar etwas dagegen tun, wenn man mit schwullesbischen Ampelmännchen (freilich nur in den touristischen Innenbezirken) Aufgeschlossenheit demonstrieren und sogar internationalen Applaus einfachen kann?“14

Dieser Aktivismus betreibe „Pseudopolitiken“ und sei „unrettbar bankrott“, weil er weil große Fragen weder stelle noch beantworte.15

Identitätspolitik zerstört öffentliche Debatten

Echte Debatten seien in der Welt des identitätspolitischen Aktivismus nicht mehr vorgesehen, weil sachliche Argumentation „als verletzend empfunden werden könnte“.16 An die Stelle rationaler Diskurse trete daher zunehmend „die Unterwerfung des öffentlichen Raumes unter die Kriterien persönlicher Empfindlichkeit“.17 In öffentlichen Debatten agierten die Aktivisten grundsätzlich als „Mimosen“:

„Anstatt die Universität als den offensten Raum der Gesellschaft zu konzipieren, in dem alles einer kritischen Prüfung unterzogen werden kann und nichts als das bessere Argument, ohne Ansehen der Personen, zu zählen hat, definiert man die Universität hier als einen extremen geschlossenen Raum, in dem nichts mehr zählt als die größte Empfindlichkeit und das Ansehen der Person.“

Die Vertreter anderer Positionen würden dabei nicht als Diskussionspartner, sondern als Feinde betrachtet. Die bloße Aussprache ihrer Positionen stelle aus Sicht der Ideologen und Aktivisten bereits einen Angriff auf die fragilen Persönlichkeiten der Mitglieder von Opfergruppen dar, weshalb sie für ihre Ansichten bestraft und aus der Debatte verbannt werden müssten.18

Die zugleich geforderte Durchsetzung von „Inklusion“ trage weiter dazu bei, Debatten unmöglich zu machen. Räume, in denen es möglich sei Streit geordnet auszutragen, seien notwendigerweise exklusiv, weil es „Voraussetzungen zum Mitreden“ gebe. Diese beträfen nicht die politischen Positionen, sondern die allgemeine Mündigkeit von Menschen.19 (FG2)

Quellen

  1. Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur, Frankfurt am Main 2017.
  2. Ebd., S. 20-21.
  3. Ebd., S. 47.
  4. Ebd., S. 25.
  5. Ebd., S. 58.
  6. Ebd., S. 24.
  7. Ebd., S. 11.
  8. Ebd., S. 9.
  9. Ebd., S. 54.
  10. Ebd., S. 62.
  11. Ebd., S. 158-159.
  12. Ebd., S. 10.
  13. Ebd., S. 24-32.
  14. Ebd., S. 28-29, 40-41.
  15. Ebd., S. 42.
  16. Ebd., S. 19.
  17. Ebd., S. 24.
  18. Ebd., S. 48-54.
  19. Ebd., S. 50.