Johannes Paul II.: Die Theologie der Nation

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In seiner neuen Enzyklika „Fratelli tutti“* knüpft Papst Franziskus an die Theologie der Nation an, die der 2014 von Franziskus heiliggesprochene Johannes Paul II. unter anderem in seinem Werk „Erinnerung und Identität“ entworfen hatte. Er warnte hier vor dem wachsenden Einfluss postmoderner utopischer Ideologien, die nach der Auflösung der Bindung des Menschen an die Nation streben. Die Nation sei als unverzichtbare natürliche Gemeinschaft aus christlicher Sicht ebenso zu bejahen wie die Familie, deren Erweiterung sie darstelle. Patriotismus sei eine Form der gelebten Nächstenliebe.1

Die Theologie der Nation

Bereits im Alten Testament gebe es laut Johannes Paul II. eine „Theologie der Nation“. Familien, Stämme und Nationen seien hier die Träger des Geschehens. Die Offenbarung Gottes habe sich ursprünglich an eine Nation gerichtet. Die Geschichte dieser Nation sei Teil der göttlichen Offenbarung. Weite Teile des Alten Testaments würden davon handeln, wie die in erster Linie durch die Offenbarung und in zweiter Linie durch die Abstammung definierte Nation ihre Identität gegen äußere Angriffe und innere Auflösungstendenzen bewahrt habe. Das Wirken Christi habe den Begriff des Vaterlandes über das Volk Israel hinaus ausgeweitet, „ihm jedoch nichts von seinem zeitlichen Inhalt genommen.“ Alle Nationen und Menschen seien dazu berufen, Teil des größeren Reiches Gottes zu werden, sich in die Heilsgeschichte einzureihen.2 Dieser Schritt stelle jedoch keine Auflösung ihrer Identität dar, sondern deren Vollendung.

Die Nation als Gegenstand des Vierten Gebotes

Vaterland und Nation seien „unersetzliche Realitäten“ und stellten so wie die Familie natürliche Gemeinschaften dar, die den Ausgangspunkt der christlichen Soziallehre bildeten.3 In Familie, Sippe und Nation entfalte sich die Geschichte des Menschen.4

Der christliche Nationalgedanke beruhe auf dem vierten Gebot, Vater und Mutter zu ehren, und erweitert ihn in die Ewigkeit hinein:

„In seinem ursprünglichen Sinn steht ‚Vaterland‘ für das, was wir von unseren Vätern und Müttern auf der Erde geerbt haben. Das Erbe, das wir Christus verdanken, orientiert das, was zum Erbe der menschlichen Vaterländer und Kulturen gehört, auf die ewige Heimat, das ewige ‚Vaterland‘ hin. […] Wenn vom ‚himmlichen Vaterland‘ oder der ‚ewigen Heimat‘ die Rede ist, dann sind das Ausdrücke, die genau das bezeichnen, was sich in der Geschichte des Menschen und der Nationen infolge des Kommens Christi in diese Welt und seiner Rückkehr aus dieser Welt zum Vater vollzogen hat.

Abschied und Rückkehr Christi haben den Begriff des Vaterlands ausgeweitet auf die Dimension der Eschatologie und der Ewigkeit, ihm jedoch nichts von seinem zeitlichen Inhalt genommen.“5

Der Begriff „Vaterland“ sei zudem eng mit dem christlichen Gedanken der Weitergabe des Lebens und geistigen Erbes verbunden:

„Der Begriff ‚Vaterland‘ verbindet sich mit dem Begriff und der Realität von ‚Vater‘ (pater). Das Vaterland ist in gewisser Weise gleichzusetzen mit dem Erbe (patrimonium), d. h. mit der Gesamtheit der Güter, die wir als Hinterlassenschaft von unseren Vätern empfangen haben. […] Vaterland ist also das Erbe und zugleich die ‚Vermögenssituation‘, die sich aus diesem Erbe ergibt; das betrifft auch das Land, das Territorium. Noch mehr jedoch bezieht der Begriff Vaterland die geistigen Werte und Inhalte ein, also alles was die Kultur einer bestimmten Nation ausmacht.“6

Sein geistiges Erbe erhalte der Mensch über Vater und Mutter auch von der Nation, der er angehöre. Das Denken des antiken Roms habe die Achtung gegenüber den eigenen Vorfahren daher als eigene Tugend betrachtet.7 Das polnische Volk, dem Johannes Paul angehörte, habe über lange Zeit sein geistiges Erbe auch ohne eigenen Staat bewahren können, weil sein „Sinn für das geistige Erbe der von den Vorfahren empfangenen Kultur nicht versiegte.“8

Das Christentum als Wurzel der nationalen Identitäten Europas

Die Nation stellte zwar als Erweiterung der Familie auch eine Abstammungsgemeinschaft dar. Ihr zentrales Merkmal sei jedoch die gemeinsame Kultur ihrer Mitglieder:

„Die Nation ist tatsächlich die große Gemeinschaft der Menschen, die durch verschiedene Bindungen, vor allem aber durch die Kultur, vereint sind. […] Die Nation existiert ‚durch‘ die Kultur und ‚für‘ die Kultur.“9

Die Frage nach der Identität sei letztlich die Frage nach den Wurzeln des Menschen. Die wichtigste dieser Wurzeln sei der Glaube. Es gebe eine „Bildung der nationalen Identität durch die Kultur“, die sich über Jahrhunderte vollziehe, wobei die Religion der Faktor sei, der Kultur am stärksten präge.

Das Christentum bilde die kulturelle Wurzel der Identitäten der Nationen Europas. Vor dem Christentum habe es in West- und Nordeuropa nur Stammesidentitäten gegeben. Das Christentum habe das römisch-griechische Erbe fortgesetzt und die vorhandenen Stammeskulturen mit ihm befruchtet. Erst mit der Annahme des Christentums durch die Stämme Europas sei jedoch die entscheidende Grundlage für die Entstehung der Nationen Europas geschaffen worden. Indem die Stämme das von Christus gestiftete göttliche Erbe in Form der christlichen Kultur angenommen hätten, sei ihre Kultur durch das Göttliche verwandelt worden.10 Dadurch seien die verbindenden Elemente entstanden, welche die Entstehung der europäischen Völker und Nationen sowie des christlichen Abendlandes ermöglicht habe. Das Christentum habe zudem über Jahrhunderte hinweg Völker und Nationen in seinem Geist geformt und dadurch die Identitäten der Nationen und die Identität Europas geprägt.

Johannes Paul betont, dass die Verwandlung von Identität durch das Christentum nicht gleichbedeutend mit Auflösung sei, sondern mit Vollendung. Die christlich gewordenen Völker Europas hätten ihre Identität nicht verloren, sondern die vorhandene Identität sei durch das Christentum gesteigert worden. Ein in diesem Zusammenhang regelmäßig angeführtes Beispiel sind die christlichen Ritterorden des Mittelalters, die durch die christliche Transformation heidnischer Kriegerbünde entstanden. Das Christentum löschte deren Erbe nicht aus, sondern vollendete es.

Nationale Identitäten müssen geschützt und bewahrt werden

Die christlich geformte Nation als „Patrimonium des Vaters“ sei sowohl ein Werk Gottes als auch des Menschen. Dies verleihe ihr einen besonderen Wert und eine besondere Schutzwürdigkeit.11 Als Pole habe er zwei Versuche totalitärer Ideologien erlebt, sein Volk zu vernichten. Die Vernichtungsversuche seien nicht nur auf physischer, sondern auch auf kultureller Ebene vollzogen worden, indem sie sich gegen den christlichen Identitätskern des Volkes gerichtet hätten. Der aus christlicher Sicht zu bejahende „Kampf um die Wahrung der nationalen Identität“ sei unter der kommunistischen Herrschaft oft „ein Kampf ums Überleben“ gewesen, in dem die Nation sich gegen den Marxismus durchgesetzt habe.12

Dieser Kampf könne für ganz Europa Vorbildcharakter haben, vor allem weil in Westeuropa verstärkt ein Nachgeben gegenüber Ideologien der Auflösung zu beobachten sei, was sich als „kultureller Fortschritt“ tarne. Es finde in dieser Hinsicht „zurzeit eine große geistige Konfrontation“ statt, „von deren Ausgang das Gesicht des Europas abhängen wird, das sich am Beginn dieses Jahrtausends bildet“.13

Patriotismus und christliche Nächstenliebe

Johannes Paul II. verurteilte ein Verständnis von Freiheit, das nach der Auflösung von Bindungen strebe. Ein Liberalismus, der so denke und handele, könne „nur als primitiv bezeichnet werden“ und sein Einfluss sei „potenziell zerstörerisch“.14 Freiheit sei eine Eigenschaft des Willens. Der Mensch werde durch die Erlangung von Tugend frei und diese Freiheit verwirkliche sich in der Bindung bzw. im Dienst am Nächsten. Der freie Mensch sei somit nicht frei von Bindungen, sondern zeichne sich durch die Kraft und den Willen aus, für andere Opfer zu bringen.15

Patriotismus sei eine Forderung des vierten Gebots und Ausdruck einer Haltung der „Vaterschaft und der Weitergabe des Lebens“. So verstanden besitze er einen hohen moralischen Wert.16 Patriotismus beruhe zudem auf der  Wahrnehmung einer inneren Bindung an eine Nation bzw. an eine bestimmte kulturelle Gemeinschaft, die einen geschlossenen Raum bewohne. Patriotismus sei zudem eine Form der praktizierten Nächstenliebe:

„Patriotismus bedeutet Liebe zu allem, was zum Vaterland gehört: zu seiner Geschichte, seinen Traditionen, seiner Sprache und seiner eigenen Beschaffenheit. Es ist eine Liebe, die sich auch auf die Werke der eigenen Landsleute und auf die Früchte ihres Geistes erstreckt. Jede Gefahr, die das große Gut des Vaterlands bedroht, wird zu einer Gelegenheit, diese Liebe zu überprüfen. […] [I]ch glaube, dass das eine Erfahrung jedes Landes und jeder Nation Europas und der Welt ist.

Das Vaterland ist ein gemeinsames Gut aller Bürger und als solches auch eine große Verpflichtung.“17

Wie jede echte Liebe erfordere auch die Liebe zum Vaterland Dienst und Opferbereitschaft:

„Aufgrund der polnischen Geschichte wissen wir aus Erfahrung, wie sehr der Gedanke an die ewige Heimat die Bereitschaft, der irdischen Heimat zu dienen, begünstigt hat, indem er die Menschen veranlasste, für sie Opfer aller Art auf sich zu nehmen – Opfer von nicht selten heroischem Grad. Die Heiligen, die im Laufe der Geschichte, uns besonders in den letzten Jahrhunderten zur Ehre der Altäre erhoben wurden, verdeutlichen dies in eindrucksvoller Weise.“18

Christlicher Patriotismus sei außerdem nicht gegen andere Nationen gerichtet, sondern trete für die „Brüderlichkeit der Völker“ ein, die als gleichwertig betrachtet würden.19

Säkularer Nationalismus als Verfallsform des nationalen Gedankens

Säkularer Nationalismus sei eine Verfallsform des nationalen Gedankens. Er sehe die Nation als Selbstzweck sowie als höchste oder einzige Bindung des Menschen an, auf deren Kosten alle anderen Bindungen abgewertet würden. Nationalismus erhebe zudem eine Nation über alle anderen, deren Rechte geleugnet würden Der christliche Nationalgedanke sei hingegen Teil einer Weltanschauung, die alle Bindungen des Menschen integriere und auf Gott ausrichte. Er erkenne zudem den Wert aller Nationen an und stelle keine von ihnen über andere. Man müsse verhindern, dass die „unersetzliche Funktion der Nation in Nationalismus abgleitet“, wie es im 20. Jahrhundert geschehen sei. Christlicher Patriotismus, der „allen anderen Nationen die gleichen Rechte zuzuerkennen“ bereit ist wie der eigenen, sei das beste Gegenmittel gegen säkularen Nationalismus.20

Sonstige Impulse Johannes Paul II. zur Theologie der Nation

Der hl. Johannnes Paul II. hatte sich bereits 1985 in einem Aufruf an Jugendliche zur Frage der christlichen Bewertung der Nation geäußert und dabei das Eintreten für die Nation als Konsequenz aus dem vierten Gebot gefordert.21

Über die eigenen Eltern erhalte man auch das kulturelle Erbe der Gemeinschaft vermittelt, der man angehöre. Vater und Mutter zu ehren erfordere daher auch, dieses Erbe weiterzugeben:

„Das Erbe, das er übernimmt, verbindet ihn fest mit denen, die es ihm übertragen haben und denen er soviel verdankt. Er seinerseits – er und sie – wird fortfahren, dieses Erbe weiterzugeben. Deshalb besitzt auch das vierte der Zehn Gebote eine so große Bedeutung: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ […]. Es handelt sich hier vor allem um das Erbe des Menschseins und dann auch um das Menschsein in einer näher bestimmten persönlichen und sozialen Situation. Hier hat sogar die leibliche Ähnlichkeit mit den Eltern ihre Bedeutung.“

Völker und Nationen seien als Erweiterungen der Familie bzw. als „größere Familie“ zu verstehen, und die Bindung an von Vater und Mutter setze sich entsprechend in der Bindung an ein Volk oder eine Nation fort:

„Diese Bindung hat einen weiteren Rahmen als die Familie mit ihrem Lebensraum. Ein solcher Rahmen ist wenigstens ein Stamm, meistens aber ein Volk oder die Nation, in der ihr geboren seid. So erweitert sich das Erbe aus der Familie. Durch die Erziehung in eurer Familie nehmt ihr an einer bestimmten Kultur und auch an der Geschichte eures Volkes oder eurer Nation teil. Das familiäre Band bedeutet zugleich die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die größer ist als die Familie, woraus sich eine weitere Basis für die Identität der Person ergibt.  […] Wenn ihr dieses gesellschaftliche Band erfahrt, das viel weiter ist als die familiäre Bindung, beginnt ihr auch stufenweise teilzunehmen an der Verantwortung für das Allgemeinwohl jener größeren Familie, die das irdische „Vaterland“ eines jeden von euch ist.“

Es sei daher einer der sozialen Aufträge des Christen, das kulturelle Erbe der eigenen Nation zu pflegen und weiterzugeben:

„Dieses Erbe stellt zugleich eine moralische Aufgabe dar. Indem ihr den Glauben übernehmt und die Werte und Inhalte erbt, die zusammen die Kultur eurer Gesellschaft, die Geschichte eurer Nation bilden, wird jeder von euch in seinem individuellen Menschsein geistig ausgestattet. […] Vor diesem Erbe können wir nicht in einer passiven oder sogar ablehnenden Haltung verharren, wie es der letzte jener Arbeiter gemacht hat, die im Gleichnis von den Talenten genannt werden (Vgl. Mt 25,14-30; Lk 19,12-26). Wir müssen alles tun, was wir können, um dieses geistige Erbe aufzunehmen und zu bestätigen, es zu erhalten und zu fördern. Diese Aufgabe ist wichtig für alle Gesellschaften, besonders aber wohl für jene, die sich am Anfang ihrer autonomen Existenz befinden, oder auch für jene, die diese Existenz und ihre wesentliche nationale Identität vor der Gefahr äußerer Zerstörung oder innerer Auflösung verteidigen müssen.“

Entsprechende Deutungen des vierten Gebotes beziehen sich vor allem auf einen Familien- bzw. Abstammungsbegriff, der in dem Kontext verstanden werden muss, in dem das Gebot offenbart wurde. Zur Zeit des Alten Testaments wurde die Familie nicht als moderne Kleinfamilie betrachtet, sondern als erweiterter Verwandschaftskreis verstanden, der letztlich das gesamte (in diesem Fall jüdische) Volk mit einschloss. Auch wenn es immer wieder Versuche gab, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu leugnen, so ist es doch unmöglich, zentrale Inhalte des Christentums zu verstehen, ohne auch auf diese Wurzeln Bezug zu nehmen.

1995 betonte er in einer Rede vor den Vereinten Nationen, das aus dem Existenzrecht der Nationen das Recht jeder Nation auf ihre eigene Kultur folge. Die Kultur sei das Wesen einer Nation und ermögliche es ihr, auch unter extremen Bedingungen, etwa nach dem Verlust der politischen Unabhängigkeit, fortzubestehen.22

Papst Franziskus und die Theologie der Nation

Papst Franziskus äußerte sich mehrfach zu Fragen der Theologie der Nation, u. a. in seiner 2020 erschienenen Enzyklika „Fratelli tutti“ und seinem aus dem selben Jahr stammenden Schreiben „Querida Amazonia“. Abgesehen von einigen unaufgelösten Widersprüchen und ungeklärten Fragen, die sich aus seinen persönlichen Ansichten zu Migrationsfragen ergeben*, fällt die Bejahung der Nation hier stellenweise noch deutlicher aus als bei Johannes Paul II. So habe laut Franziskus „die Zugehörigkeit zu einem Volk […] einen großen theologischen Wert“. Gott habe „in der Heilsgeschichte ein Volk erlöst“. Dies unterstreiche, dass es „keine volle Identität ohne die Zugehörigkeit zu einem Volk“ geben könne.23

Der Nationalstaat sei ein subsidiärer Rahmen der Gestaltung des globalen Gemeinwohls. Er könne zur Bewältigung globaler Herausforderungen durch konkretes Handeln innerhalb seines Territoriums beitragen.24 Den Machtverlust des Nationalstaates an wirtschaftliche Akteure im Zuge der Globalisierung bewertetet Franziskus negativ, weil dadurch die Kräfte gestärkt würden, die ursächlich für wesentliche globale Herausforderungen verantwortlich seien.25

  • Franziskus kritisiert zudem eine „Offenheit, die ihr Wertvollstes preisgibt“, um dadurch vermeintlichem Nationalismus entgegenzuwirken. Es gebe jedoch „keine Offenheit zwischen den Völkern ohne die Liebe zum eigenen Land und seinen Menschen sowie zu ihren jeweiligen kulturellen Eigenheiten“. Man könne dem Fremden nicht begegnen, „wenn ich keinen Nährboden habe, in dem ich fest verwurzelt bin, denn auf dieser Grundlage kann ich das Geschenk des anderen annehmen und ihm etwas Authentisches anbieten“. Man könne Fremde „nur dann annehmen und ihren spezifischen Beitrag anerkennen, wenn man selbst fest mit dem eigenen Volk und seiner Kultur verbunden ist“. Jeder Mensch müsse Verantwortung für sein Land übernehmen und „sein Zuhause lieben und pflegen […] damit es nicht zusammenbricht, denn die Nachbarn werden das nicht tun“. Das Wohl der Welt erfordere es, „dass jeder sein eigenes Land schützt und liebt“. Das christlich verstandene Recht auf Eigentum äußere sich darin, die Dinge, die man besitze, so zu bewahren und zu pflegen, dass sie allen zum Wohl gereichen.26
  • Die Verwurzelung in einer nationalen Identität bzw. die „Erfahrung, an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Kultur zu leben“, sei die „Voraussetzung für einen gesunden und bereichernden Austausch“ zwischen den Völkern und Kulturen. Er kritisierte in diesem Zusammenhang das Streben nach „einer homogenen, einheitlichen und standardisierten“ Welt, in der die Unterschiede zwischen den Völkern und Kulturen ausgelöscht seien. Dieses sei Ausdruck der „Versuchung, von der die uralte Geschichte des Turmbaus zu Babel handelt“. Der „Bau eines Turms, der bis in den Himmel ragen sollte, drückte nicht die Einheit unter den verschiedenen Völkern aus, die in der Lage waren, entsprechend ihrer Verschiedenheit zu kommunizieren“, sondern stelle einen aus Stolz geborenen Versuch dazu dar, „eine andere Art von Einheit zu schaffen als die, die Gott für die Völker vorgesehen hatte“.27
  • Er verurteilte zudem „eine falsche Offenheit für das Universale, die von der leeren Oberflächlichkeit derjenigen herrührt, die nicht in der Lage sind, ihr eigenes Heimatland wirklich zu verstehen, oder von denen, die einen nicht überwundenen Groll gegen ihr eigenes Volk hegen“. Der Einsatz für Anliegen jenseits der eigenen Nation dürfe nicht den „Charakter einer Flucht oder einer Entwurzelung haben“. Es sei „notwendig, die Wurzeln in den fruchtbaren Boden zu senken und in die Geschichte des eigenen Ortes, die ein Geschenk Gottes ist“. Man „arbeitet im Kleinen, mit dem, was in der Nähe ist“, ohne dabei die größere Perspektive aus den Augen zu verlieren.28
  • Gleichzeitig kritisierte Franziskus „lokalen Narzissmus“, der „nicht Ausdruck einer gesunden Liebe zum eigenen Volk und zur eigenen Kultur“ sei. Man könne „nicht auf gesunde Weise lokal denken ohne eine aufrichtige und von Herzen kommende Offenheit für das Universale, ohne sich von dem, was anderswo geschieht, hinterfragen zu lassen, ohne sich von anderen Kulturen bereichern zu lassen oder sich mit den Nöten anderer Völker zu solidarisieren“.29 Eine solche „gesunde Offenheit“ stehe „nie im Gegensatz zur eigenen Identität“.30 Es sei „ein gesundes Verhältnis zwischen der Liebe zum eigenen Land und der inneren Verbundenheit mit der gesamten Menschheit zu fördern“. Jede Nation und Kultur sei ein Teil der „größeren Familie“ der Nationen sowie ein Teil „dieses Geflechts universaler Gemeinschaft und findet dort zu ihrer je eigenen Schönheit“.31 Die Besonderheiten der Völker und Kulturen dürften sich „nicht in der Universalität auflösen“. Eine „echte Weltoffenheit“ öffne sich „dem Nächsten in einer Familie von Nationen“. 32

Franziskus argumentiert vor allem auf der Grundlage des Konzepts der „ganzheitlichen Ökologie“, das Teil der christlichen Soziallehre ist. Dieses Verständnis von Ökologie strebt nach dem umfassenden Schutz sowohl der natürlichen als auch der kulturellen Lebensgrundlagen des Menschen.33 Zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem eigenen Erbe, der „die Ressourcen für die nachfolgenden Generationen bewahrt“, gehöre auch der Schutz kultureller Ressourcen.34 Vor diesem Hintergrund tritt Franziskus für die Bewahrung der Völker und der Kultur ein, „die ihnen Identität und Sinn“ gebe.35 Die „menschliche Vielfalt“ der Völker und Kulturen und ihre kulturelle Identitäten stellten einen „einzigartigen Reichtum“ dar. Dieser müsse ebenso erhalten werden wie die natürliche Umwelt.36 Es sei diese kulturelle „Vielfalt, die unsere Menschheit schön macht“.37 Ihre Träger glichen den „Hütern eines Schatzes“.38

Franziskus kritisiert materialistische Ideologien, die sich im Zuge der Globalisierung entfalteten und dazu neigten, „die Kulturen gleichförmig zu machen“ und „die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen“. Diese Ideologien strebten danach, jegliche „Unterschiede aufzulösen“ und die Menschen „in manipulierbare serienmäßig hergestellte Individuen zu verwandeln“.39 Sie beschädigten „den menschlichen, sozialen und kulturellen Reichtum schamlos“.40

Um die materialistische „Dynamik menschlicher Verarmung zu vermeiden“, müssten die Völker und Kulturen ihre „Wurzeln lieben und pflegen“, aus denen sie wachsen.41 Es gebe in diesem Zusammenhang „mehr als nur eine ethnische Identität“. Die Menschen müssten sich als „Hüter wertvoller persönlicher, familiärer und kollektiver Erinnerungen“ verstehen. Es sei positiv zu bewerten, wenn „diejenigen, die den Kontakt zu ihren Wurzeln verloren haben, versuchen ihre beeinträchtigte Erinnerung zurückzuerlangen“ und ein größeres Bewusstsein für ihre Identität entwickeln.42

Identität und Offenheit seien keine Gegensätze. Alle Menschen würden einander von ihren Wurzeln her begegnen und einander so bereichern. „Echte Bewahrung“ einer Kultur erfolge immer durch ihre organische Weiterentwicklung aus ihren Wurzeln heraus. Wo eine Kultur eine andere jedoch nicht achte, finde hingegen eine kulturelle „Invasion“ statt. In diesem Fall könne man von den Betroffenen keine Offenheit gegenüber jenen erwarten, die sie nicht achten.43 Verschiedenheit stelle nur dort keine Bedrohung dar, wo die Kulturen einander in Achtung begegnen.44

Laut Franziskus müssten Christen der auf materialistischen Ideologien beruhenden Globalisierung mit christlichen Alternativen begegnen, die Entwurzelung, Homogenisierung, Verelendung und Materialismus entgegenwirkten. Diese christlichen Alternativen müssten eine „Globalisierung in Solidarität“ hervorbringen, anstatt Völker und Kulturen aufzulösen.45 (FG4)

* Die Aussagen der Enzyklika u. a. zu den Themen Sicherheit, Wirtschaft und Migration werfen unabhängig vom Thema des vorliegenden Textes zahlreiche Fragen auf, auf die hier nur Rande eingegangen werden kann. Franziskus erweckt etwa den Eindruck, Migration uneingeschränkt zu bejahen und eine Steuerung von Migration abzulehnen. Gleichzeitig bejaht er die Bewahrung nationaler Identität. Bestimmte Formen von Migration sind jedoch mit Herausforderungen für die nationale Identität von Gesellschaften verbunden, wie hier vielfach nachgewiesen wurde, weshalb man sie nicht uneingeschränkt bejahen und zugleich für die Bewahrung nationaler Identität eintreten kann, ohne in einen Widerspruch zu geraten. Die Ursache dieses Widerspruchs ist offenbar, dass Franziskus mit den erwähnten Herausforderungen und der diesbezüglichen Lage in Europa nicht hinreichend vertraut ist und daher in seinen Ausführungen von einer unzutreffenden Beurteilung der Lage ausgeht. Das richtige Erkennen der Lage stellt jedoch den Ausgangspunkt des Denkens im Rahmen katholischen Soziallehre dar.46 Der Wert seiner Gedanken zur Theologie der Nation bleibt davon unberührt.

Quellen

  1. Johannes Paul II.: Erinnerung und Identität. Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden, Augsburg 2005.
  2. Ebd., S. 94-97.
  3. Ebd., S. 91.
  4. Ebd., S. 181.
  5. Ebd., S. 85-86.
  6. Ebd., S. 82.
  7. Ebd., S. 89.
  8. Ebd., S. 82.
  9. Ebd., S. 111.
  10. Ebd., S. 86.
  11. Ebd., S. 86.
  12. Ebd., S. 179.
  13. Ebd., S. 179.
  14. Ebd., S. 52.
  15. Ebd., S. 58-59.
  16. Ebd., S. 89.
  17. Ebd., S. 90.
  18. Ebd., S. 86.
  19. Ebd., S. 139.
  20. Ebd., S. 91-92.
  21. Papst Johannes Paul II.: „Apostolisches Schreiben Dilecti amici“, 31.03.1985.
  22. „The Fiftieth General Assembly of the United Nations Organization. Address of his Holiness John Paul II“, United Nations Headquarters (New York), 05.10.1995.
  23. „Interview mit Papst Franziskus“, L‘Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 27.09.2013.
  24. Laudato si‘ 177.
  25. Ebd., 175.
  26. Fratelli tutti 143.
  27. Ebd., 144.
  28. Ebd., 145.
  29. Ebd., 146.
  30. Ebd., 148.
  31. Ebd., 149.
  32. Ebd., 151.
  33. Querida Amazonia 8.
  34. Ebd., 70-71.
  35. Ebd., 13.
  36. Ebd., 31-32.
  37. Ebd., 37.
  38. Ebd., 29.
  39. Ebd., 33.
  40. Ebd., 39.
  41. Ebd., 33.
  42. Ebd., 35.
  43. Ebd., 37.
  44. Ebd., 38.
  45. Ebd., 17.
  46. Mater et magistra 236.