James Davison Hunter: Strategische Ansätze der kulturellen Erneuerung von Gesellschaften

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe James Davison Hunter lehrt an der University of Virginia in den USA. In seinem 2010 erschienenen Werk „To Change the World“ untersuchte er die Frage, wie es christlichen Akteuren gelingen könne, westliche Gesellschaften kulturell zu erneuern. Er ging dabei von der Erkenntnis aus, das kultureller Wandel stets von Eliten ausgehe. Wer kulturelle Erneuerung anstrebe, müsse daher auf einer Gegenelite aufbauen, die in etablierte Eliten hineinwirke und sie von innen heraus verwandele. Die Masse hingegen sei unerheblich, was die kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft angehe.1

Christen würden zu der Annahme neigen, dass kulturelle Veränderungsprozesse durch den Wandel individueller Überzeugungen angetrieben würden. Diese Annahme sei jedoch unzutreffend. Das Wesen von Kulturen und Gesellschaften werde nicht durch die Überzeugungen von Mehrheiten bestimmt, sondern durch Eliten. Kleine Gruppen von Menschen hätten immer wieder weit über ihren Bevölkerungsanteil hinaus kulturellen Einfluss entfaltet. Ein aktuelles Beispiel dafür sei die LGBT-Bewegung, der es innerhalb kurzer Zeit gelungen sei, aus einer Außenseiterrolle heraus prägenden Einfluss auf die wesentlichen Institutionen sowie auf die Gesetzgebung westlicher Gesellschaften zu gewinnen.

  • Hunter unterscheidet zwischen etablierten Eliten, die einen Status Quo verteidigen, und Gegeneliten, die diesen herausfordern. Die etablierten Eliten hätten eine Torwächterfunktion und würden darüber entscheiden, welche Ideen in einer Kultur als legitim gelten und welche nicht. Diese Torwächter seien in der Regel Institutionen mit hoher Reputation, etwa Universitäten oder bestimmte Medien.
  • Es sei naiv anzunehmen, dass der Kampf um die Deutungshoheit in einer Kultur bzw. um kulturelle Hegemonie fair verlaufen könne. Auch in Demokratien würden etablierte Eliten Herausforderer als Feinde betrachten und einen fairen Wettbewerb der Ideen nach Möglichkeit unterbinden. Das Etablierte werde dazu als normal und gut dargestellt und das, was es herausfordert, als bösartig oder rückständig.
  • Um kulturellen Wandel zu bewirken, müssten Gegeneliten schrittweise den Rahmen dessen verändern, was als legitim bewertet wird. Dazu müssten sie Einfluss auf die Torwächter-Institutionen gewinnen. Dies könne gelingen, wenn ihre Ideen nicht als Angriff auf die etablierten Eliten wahrgenommen werden, sondern sich innerhalb des akzeptierten Rahmens bewegen, den sie schrittweise in die gewünschte Richtung verschieben. Dazu müssten Gegeneliten Stimmen aufbauen, die als reputabel gelten, weil sie qualifizierte Experten sind oder über die erforderlichen akademischen Grade, beruflichen Hintergründe oder das nötige Habitus verfügen. Dies befähige sie dazu, in Eliten hineinzuwirken.
  • Weitreichende und nachhaltige kulturelle Veränderung sei möglich, wo Netzwerke von Angehörigen der Gegenelite aus sich überlagernden Bereichen der Kultur ihre kulturellen und wirtschaftlichen Ressourcen zur Erreichung gemeinsamer Ziele zusammenfassen.

Das frühe Christentum habe auf diese Weise in der römischen Kultur gewirkt. Der Apostel Paulus habe sich in das Zentrum dieser Kultur begeben und dort erfolgreich Angehörige der Elite angesprochen und für das Christentum gewonnen. Die meisten Kirchenväter hätten einen Hintergrund in den Eliten Roms gehabt und seien dazu in der Lage gewesen, christliche Ideen auf eine elitenkompatible Weise zu vermitteln, was schließlich zu einem Wandel innerhalb dieser Eliten geführt habe. Als Konstantin das Christentum zur Staatsreligion erklärte, seien Christen noch eine Minderheit unter den Bürgern des römischen Reiches gewesen. In der Spätantike hätten christliche Missionare diesen Ansatz weiterverfolgt und vor allem Stammesführer angesprochen, deren Konversion zum Christentum dann die Konversion der von ihnen geführten Stämme nach sich gezogen habe. Auch im Mittelalter habe man diesen Ansatz verfolgt und vor allem auf den Adel eingewirkt. Die protestantische Reformation sei genauso vorgegangen und habe, ausgehend von Universitäten, vor allem Landesfürsten angesprochen.

Hintergrund

2017 hatte Hunter vor einer bevorstehenden Krise liberaler Demokratien gewarnt und dabei viele der Entwicklungen vorausgesagt, die im Verlauf des Jahres 2020 eingetreten sind.

Der von ihm beschriebene Ansatz kultureller Erneuerung wird von den Beobachtungen anderer Denker und Forscher gestützt:

  • Der Kulturtheoretiker Arnold J. Toynbee beobachtete, dass Kultur von Eliten bzw. von „kreativen Minderheiten“ geschaffen und entwickelt werde. Benedikt von Nursia etwa schuf im Chaos des untergehenden Römischen Reiches ein alternatives Modell christlichen Lebens, das die guten Teile des griechischen und römischen Erbes mit einschloss. Diesem Modell schlossen sich andere Menschen an, die später in das zerstörte Europa hineinwirkten und so seine Erneuerung ermöglichten. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sprach in Anknüpfung an Toynbee davon, dass Christen in Europa künftig die Aufgabe haben würden, in einem von utopischen und postmodernen Ideologien geistig und kulturell zerstörten Europa als „schöpferische Minderheit“ zu wirken und es im Geist des Christentums kulturell zu erneuern. Er entwarf in diesem Zusammenhang die Grundlagen einer Strategie, die den oben beschriebenen Erkenntnissen Bègues entspricht. Sein Entwurf stützt sich auf Netzwerke aus im Glauben gefestigten „scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen“, die „intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen“. Ziel dieser Strategie sei es, die „innere Identität Europas in allen geschichtlichen Metamorphosen weiterzuführen“.
  • Norbert Elias beschrieb den Prozess der Durchdringung der Völker Europas mit höherer Kultur. Dieser Prozess habe im Mittelalter vom Adel ausgehend begonnen und schrittweise andere Gruppen  durchdrungen, die sich kulturell am Vorbild des Adels orientiert hätten.2
  • Russell Kirk zufolge ist Kultur immer elitär in dem Sinne, dass Eliten sie über lange Zeiträume hinweg schaffen, pflegen und vorleben. Massenkultur sei entweder die Folge der Annahme des Wirkens einer kulturellen Elite oder die degenerierte Karikatur einer sterbenden Kultur.3
  • Dem Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb zufolge gebe es in der Geschichte zahlreiche Beispiele dafür, dass entschlossene kleine Minderheiten, die bereit dazu gewesen seien persönliche Risiken einzugehen, Gesellschaften in ihrem Sinne gestalteten.4. Insbesondere in Krisenzeiten ist der Fortbestand eines Gemeinwesens davon abhängig, dass sich in ihm Strukturen fähiger Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Risiken zu tragen.

Der Sozialpsychologe Laurent Bègue hat ebenfalls Prozesse kulturellen Wandels untersucht und kam zu ähnlichen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen wie Hunter. Gesellschaftliche Veränderungen seien in der Vergangenheit häufig von einzelnen Personen oder kleinen Gruppen ausgegangen, die sich anfänglich in einer schwachen Position befunden hätten. Die größte Herausforderung in dieser Phase sei die Bewältigung dessen gewesen, was Psychologen als „Compliance Bias“ bezeichneten. Der Großteil der Menschen sei vor allem durch das Streben nach sozialer Anerkennung motiviert und orientiere sich aus Furcht vor sozialer Isolation am vermuteten Standpunkt der Mehrheit. Alternative kulturelle und weltanschauliche Positionen und Konzepte könnten unter diesen Bedingungen nur dann Wirkung entfalten, wenn Abwehrreaktionen bei etablierten Eliten vermieden würden. Dann könne man latenten Einfluss in diesen Eliten entfalten und diese über einen längeren Zeitraum hinweg schrittweise von innen heraus verwandeln. (FG4)

Quellen

  1. James Davison Hunter: To Change the World. The Irony, Tragedy, and Possibility of Christianity Today, Oxford 2010.
  2. Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Band 2, Franfurt am Main 1976, S. 342.
  3. Russell Kirk: „T. S. Eliot’s Permanent Things“, in: George A. Panichas (Hrsg.): The Essential Russell Kirk: Selected Essays, Wilmington 2007, S. 166-175, hier: S. 173.
  4. Nassim Nicholas Taleb: Das Risiko und sein Preis. Skin in the Game, München 2018.