Islamistischer Terrorismus in Europa: Kirchen als Ziel

Thomas Gray Hart - Netley Abbey, East Window (gemeinfrei)

Der islamistische Anschlag auf die Basilika Notre-Dame in Nizza, bei dem ein Tunesier am 29. Oktober während der heiligen Messe drei Menschen getötet hatte, steht im Kontext einer Reihe von Anschlägen auf Kirchen und sonstige christliche Ziele in Westeuropa in den vergangenen Jahren. Zudem kommt es immer wieder zu islamistisch motivierten Angriffen auf Kirchen unterhalb der Schwelle des Terrorismus. Diese Vorfälle unterstreichen, dass das Christentum auch in Europa von bestimmten islamistischen Akteuren grundsätzlich als Feind betrachtet und angegriffen wird. Kardinal Robert Sarah forderte daher als Antwort auf den heutigen Anschlag, Islamisten als „Feinde“ zu behandeln und „mit Kraft und Entschlossenheit“ zu bekämpfen.

Christen in Europa als Ziel militanter Salafisten

Terrorismus gegen christliche Ziele in Europa geht fast ausschließlich von militanten Salafisten aus, die wiederholt betonten, dass sie das Christentum grundsätzlich als Feind betrachten und es unabhängig von sonstigen Umständen bekämpfen werden, solange man sie nicht daran hindert.

  • Der später durch amerikanische Spezialkräfte getötete Führer des Islamischen Staates Abu Bakr al-Baghdadi erklärte im April 2019, dass nach der Niederlage der Organisation in Syrien und Irak „Kreuzfahrer” auf globaler Ebene den Schwerpunkt der Angriffe des IS darstellen würden. Der Begriff wird im Sprachgebrauch militanter Salafisten zur Bezeichnung von Christen verwendet. In seinem Video bezeichnete al-Baghdadi daher auch die Opfer der Anschläge kurz zuvor erfolgten Anschläge auf Kirchen auf Sri Lanka als „Kreuzfahrer“.1
  • Akteure aus dem Umfeld des IS hatten bereits 2015 angekündigt, Europa zu einem „Schlachtfeld“ machen zu wollen.2 Ihr Ziel sei die „Eroberung von Rom“, was in der Propagandasprache militanter Salafisten zum Ausdruck bringen soll, dass Europa für sie identisch mit seinem christlich-abendländischen Erbe und dessen Vernichtung das langfristige Ziel ihrer Aktivitäten ist.

Die Einstellung militanter Salafisten gegenüber Christen drückte auch der in Deutschland festgenommene Haidar A. gegenüber dem Richter aus, der ihn wegen eines Mordversuchs an einem christlichen Asylbewerber verurteilt hatte: „Ich verspreche, wenn mir ein Schwein von euch Anbetern des Kreuzes in die Hände gerät, werde ich sein Blut trinken. Ich bespucke euch und euer Kreuz.“3 Der Täter des aktuellen Anschlags in Nizza, der unter anderem eine 70-jährige Frau enthauptete und eine Mutter erstach, die sich noch im Sterben um ihre Kinder sorgte, wurde offenbar von einem ähnlichem Hass auf Christen motiviert.

Der aktuelle Streit über die von vielen Muslimen als blasphemisch wahrgenommene Karikaturen in französischen Medien stellt allenfalls einen Anlass für entsprechende Anschläge, nicht jedoch deren Ursache dar. Kein Repräsentant des Christentums in Frankreich hat sich positiv über diese Darstellungen geäußert, und kein christliches Medium hat sie abgedruckt, was aus der Sicht grundsätzlich christenfeindlicher militante Salafisten jedoch irrelevant ist.

Islamistische Anschläge auf Kirchen in Westeuropa

Seit 2015 nahm in Folge des Erstarkens des Islamischen Staates sowie der Grenzöffnung für irreguläre Migranten die Zahl der geplanten, versuchten oder durchgeführten islamistischen Anschläge auf christliche Ziele in Westeuropa zu. In besonders exponierten Kirchen in Deutschland wurden daher 2017 zeitweise zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen eingeführt, die der erhöhten Bedrohung durch islamistischen Terrorismus begegnen sollten.4 In Folge der militärischen Zerschlagung der in Syrien ansässigen Teile des Islamischen Staates, die für die Planung von Anschlägen in Europa verantwortlich waren, sowie in Folge hoher Verluste unter den dazu befähigten Kämpfern, verloren militante Islamisten ihre Fähigkeit, komplexere Anschläge in Europa zu verüben. Ihre Motivation zur Durchführung solcher Anschläge ist jedoch ungebrochen, wie der aktuelle Vorfall zeigt.

Laut einer 2020 veröffentlichten Analyse der deutschen Bundesministeriums des Innern besitzen kirchliche Einrichtungen „als Symbol beziehungsweise Zeichen christlicher Werte eine besondere Ausstrahlungskraft und wurden/werden durch islamistische Organisationen, Gruppierungen und (Einzel-)Personen kontinuierlich als mögliche Ziele direkt benannt“. Es bestehe eine „anhaltend hohe Gefahr jihadistisch motivierter Gewalttaten“.5

  • 2019 wurde vor dem Landgericht Köln ein militanter Islamist aus dem Umfeld des IS angeklagt, der damit gedroht hatte, einen Sprengstoffanschlag auf den Kölner Dom zu verüben. Das Gericht sowie ein psychiatrisches Gutachten hielten seine Drohungen für ernstzunehmend.6
  • Die dem IS nahestehende britische Konvertitin Saffiya Amira Shaikh spähte 2019 die St. Pauls Cathedral als Anschlagsziel aus. Sie wurde festgenommen, weil sie versucht hatte, bei verdeckten Ermittlern der Polizei Sprengstoff für einen Selbstmordanschlag auf einen Gottesdienst zu beschaffen. Den Ermittlern gegenüber erklärte sie, dass sie solch einen Anschlag vorzugsweise an Weihnachten oder Ostern habe durchführen wollen, um eine möglichst große Zahl von Christen zu töten.7
  • Im Januar 2019 gestand ein militanter Salafist, dass er 2017 zusammen mit anderen einen Sprengstoffanschlag auf die Sagrada Familia in Barcelona geplant habe, was durch die Zerschlagung der dem IS nahestehenden Zelle, der er angehörte, verhindert worden sei.8
  • Der für den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 verantwortliche Anis Amri hatte möglicherweise auch den Berliner Dom oder dessen unmittelbare Umgebung als mögliches Anschlagsziel ausgespäht. Dies legten von ihm gemachte Aufnahmen nahe.9
  • Eine Propagandazelle aus dem Umfeld des IS hatte im November 2017 Aufrufe zu Anschlägen auf Kirchen und Weihnachtsmärkte in Europa veröffentlicht.10
  • In einer dem IS nahestehenden deutschsprachigen Publikation wurde die Dresdner Frauenkirche im Juli 2017 als „beliebter Versammlungsort der Kreuzzügler, der darauf wartet, niedergebrannt zu werden“, bezeichnet.11
  • Eine Zelle des IS unter der Führung von Rachid Kassim versuchte im September 2016, einen Anschlag in der Nähe der Kathedrale Notre Dame in Paris durchzuführen. Sie hatten dazu ein Fahrzeug mit mehreren Gasflaschen abgestellt, das sie versuchten, mit Diesel in Brand zu setzen. Der Anschlag scheiterte am technischen Unvermögen der Täter.
  • Im Juli 2016 kam es in Saint-Etienne-du-Rouvray in Frankreich zum ersten islamistischen Terroranschlag gegen eine Kirche in Westeuropa. Die Täter nahmen während einer Heiligen Messe mehrere Personen als Geiseln und ermordeten den Priester Jacques Hamel.12  Yad A., der im November 2016 beim Versuch gescheitert war, einen Anschlag gegen den Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen zu verüben, orientierte sich mutmaßlich an dieser Tat und wollte ursprünglich eine evangelische Kirche angreifen13 und einem christlichen Geistlichen die Kehle durchschneiden.14
  • Die IS-Zelle, die im März 2016 Anschläge auf den Flughafen und den öffentlichen Nahverkehr in Brüssel verübte, plante laut Angaben festgenommener IS-Mitglieder ursprünglich, Anschläge auf Ostergottesdienste in mehreren westeuropäischen Ländern zu verüben. Laut Claude Moniquet, einem ehemaligen Mitarbeiter des französischen Nachrichtendienstes DGSE, hätten die Täter die Anschläge über mehrere Tage versetzt verüben wollen. Mögliche Ziele seien Kirchen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien gewesen.15
  • Im April 2015 wurde in Frankreich ein Anschlag eines Algeriers auf die Kirchen Saint Cyr und Sainte Thérèse in Villejuif im Süden von Paris verhindert. Der Täter wollte offenbar während der heiligen Messe angreifen und war im Besitz von Schusswaffen und Munition. Er stand dem IS nahe.16

Auch christliche Prozessionen werden von Islamisten als legitime Ziele von Anschlägen wahrgenommen. Ein militanter Salafist plante etwa, einen Anschlag auf eine Osterprozession in Sevilla in Spanien im April 2019 zu verüben. Der Anschlag wurde durch seine Festnahme verhindert.17 Darüberhinaus gab es in den vergangenen Jahren zahlreiche versuchte und erfolgreiche Anschläge auf individuelle Christen (vor allem Konvertiten) sowie auf sonstige Ziele mit christlichem Bezug, etwa Weihnachtsmärkte.

In Deutschland sind außerdem zunehmend Angriffe auf Kirchengebäude unterhalb der Schwelle des Terrorismus zu beobachten, etwa in Form von Vandalismus, bei denen islamistisch motivierte muslimische Jugendliche als Verdächtige oder als Täter identifiziert werden konnten oder vermutet wurden. Zudem kam es seit 2019 zu mehreren Fällen, bei denen islamistisch motivierte Täter während und vor Gottesdiensten in Kirchen in Deutschland eindrangen und Teilnehmer bedrohten oder islamistische Parolen riefen.

Bewertung

Beim Täter des Anschlags von Nizza, dem Tunesier Brahim Aioussaoi, handelt sich so wie beim Anschlag auf einen Lehrer in Frankreich und dem Anschlag auf Touristen in Dresden vor einigen Wochen um einen irregulären Migranten. Insgesamt reisten bislang mindestens mehrere Dutzend Terroristen als irreguläre Migranten nach Europa ein. Dies unterstreicht, dass von unkontrollierter Migration weiterhin erhebliche Risiken für die öffentliche Sicherheit in Europa ausgehen. Gerhard Schindler, der bis 2016 Präsident des Bundesnachrichtendienstes war, hatte erst kürzlich gewarnt, dass durch die Präsenz solcher Migranten ein „riesiges Potenzial für Frust, für Radikalisierung und Rekrutierung, für Gewalt, auch für Terrorismus“ entstehe, das „für die Zukunft eine enorme Herausforderung für unsere Sicherheit“ darstelle.

Trotz der Tatsache, dass Christen und christliche Ziele seit einigen Jahren im Fokus islamistischer Gewalt in Europa stehen, betrachtet der deutsche Staat weiterhin Islamfeindlichkeit, die sich in Europa weitgehend auf den virtuellen Raum beschränkt, als das größere Problem. Er schützt dadurch  islamistische Akteure, die berechtigte Warnungen unter Verweis auf die Aussagen von Politikern und Behörden als Ausdruck einer angeblichen Islamfeindlichkeit darstellen können. Gleichzeitig begünstigt der Staat durch den Verzicht auf Kontrolle seiner Außengrenzen die Infiltration Europas durch militante Islamisten. Die Leiter von Sicherheitsbehörden, die dies kritisierten, wurden aus ihren Ämtern entfernt. Islamistische Christenfeindlichkeit wird derzeit hingegen trotz der oben beschriebenen Vorfälle von keiner deutschen Behörde gezielt bekämpft oder überhaupt in einer wahrnehmbaren Form als Bedrohung erkannt.

Auch die Kirchen scheuen bislang vor der Auseinandersetzung mit dieser Bedrohung zurück. Die Islamexpertin Susanne Schröter hatte ihnen in diesem Zusammenhang eine Mischung aus Feigheit und Naivität sowie „absolute Unkenntnis“ vorgeworfen.

  • Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, wollte in seinen Äußerungen zum aktuellen Vorfall den konkreten Hintergrund der Tat und des des Täters nicht benennen. Er sprach statt dessen nur von einer abstrakten „Gewalttat“, die sich ereignet habe. Zudem vermied er es, Folgerungen aus dem Anschlag zu formulieren. Auf die Frage nach der möglichen Mitverantwortung der Kirche dafür, dass islamistische Terroristen die von der ihr ausdrücklich bejahten offenen Grenzen zur Infiltration Europas nutzen konnten und weiterhin können, ging er nicht ein.
  • Papst Franziskus weigerte sich ebenfalls, den ideologischen Hintergrund der Tat zu benennen. Er wünsche sich, dass Menschen einander „nicht als Feinde“ sondern als „Brüder“ betrachten. Darüber, ob ein Feindschaftsverhältnis vorliegt, entscheidet jedoch nicht der Angegriffene, sondern ausschließlich der Angreifer. Leugnet der Angegriffene solch ein Verhältnis, führt dies nicht zum Frieden, sondern zu noch größerem Schaden in Folge des Angriffs. Ein objektiv vorhandenes Feindschaftsverhältnis zu leugnen würde christlichem Denken widersprechen, weil es eine Forderung der Klugheit ist, Bedrohungen richtig identifizieren. Außerdem ist es eine Forderung der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit und der Solidarität, Menschen durch angemessene Maßnahmen vor Bedrohungen zu schützen.

Diejenigen, die diese Maßnahmen in Nizza ergriffen, Nächstenliebe und Gerechtigkeit praktizierten und dadurch mutmaßlich vielen Menschen das Leben retteten, waren die vor Ort anwesenden Polizeibeamten der Spezialeinheit RAID sowie andere Einsatzkräfte, denen eine zunehmend realitätsblinde Kirche die Anerkennung für ihren unter großen Risiken verrichteten Dienst am Nächsten Dank verweigert.

Realitätsgerechter als die oben widergegebenen Stimmen äußerte sich allerdings der aus Westafrika stammende Kardinal Robert Sarah, dem aus eigener Anschauung bekannt ist, was Christen und anderen Nichtmuslimen in Europa langfristig droht, wenn es nicht gelingt, die Aktivitäten militanter Islamisten wirksam und dauerhaft zu unterbinden. Er bezeichnete Islamisten als „Barbaren“ und als „Feinde“, die „mit Kraft und Entschlossenheit bekämpft werden“ müssten. (FG2)

Quellen

  1. „In First Appearance Since Declaration Of Caliphate, ISIS Leader Abu Bakr Al-Baghdadi Calls For Attacks Against France, Its Allies, And Saudi Arabia, Urges Algerians, Sudanese To Wage Jihad Against Their Regimes“, MEMRI Special Dispatch, Nr. 8036, 29.04.2019.
  2. „Der neue Kampf um Rom”, faz.net, 02.01.2016.
  3. „Angeklagter kündigt in Brief blutige Rache an“, augsburger-allgemeine.de, 19.09.2019.
  4. „Kirchen in Deutschland erhöhen Sicherheitsvorkehrungen“, tagesspiegel.de, 23.08.2018.
  5. „Bundesregierung: Kirchen in Deutschland im Visier von Islamisten“, jungefreiheit.de, 18.06.2020.
  6. „Selbsternannter ISIS-Kämpfer muss 10 Jahre in Haft“, bild.de, 16.05.2019.
  7. „St Paul’s bomb plot: IS supporter Safiyya Shaikh pleads guilty“, bbc.com, 21.02.2020.
  8. „Medien: Terrorist gesteht Plan zum Anschlag auf die Sagrada Familia“, fr.de, 06.01.2019.
  9. „Breitscheidplatz-Attentäter fotografierte Merkels Wohnhaus“, faz.net, 24.10.2019.
  10. „ISIS Group Threatens Christmas Attack on Vatican“, cbn.com, 15.11.2017.
  11. „Frauenkirche durch IS bedroht?“, sächsische.de, 23.08.2017.
  12. „Saint-Etienne-du-Rouvray: L‘un des assassins était connu des services antiterroristes“, lefigaro.fr, 27.07.2016.
  13. „Anschlagsversuch in Ludwigshafen. Zwölfjähriger bastelte Bombengürtel”, spiegel.de, 13.01.2018
  14. Ahmad Mansour: Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache, Frankfurt a.M. 2018, S. 219.
  15. „Brussels bombers’ plot ‘involved church services’“, churchtimes.co.uk, 01.04.2016.
  16. „Attentat auf zwei Kirchen bei Paris vereitelt“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2015.
  17. „Polizei verhinderte islamistischen Anschlag in Spanien“, kleinezeitung.at, 17.04.2019.