Hans-Georg Maaßen: Der Westen steht vor einer Zivilisationskrise

David Roberts - Die Zerstörung Jerusalems (Wikipedia Commons/gemeinfrei)

Hans-Georg Maaßen diente zuletzt als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Zusammen mit Johannes Eisleben veröffentlichte er kürzlich einen Aufsatz, in dem er vor einer bevorstehenden Krise der westlichen Welt warnt. Freiheitliche Ordnungen würden zunehmend durch utopische Ideologien bedroht. Deren Anhänger agierten zunehmend totalitär und hätten den Zusammenhalt in westlichen Gesellschaften soweit geschwächt, dass die nächste Wirtschaftskrise zu größeren Verteilungskämpfen und zum Zusammenbruch von Recht und Ordnung führen könnte. Die bevorstehenden Verwerfungen könnten gleichzeitig dazu führen, dass bürgerliche Kräfte aus ihrer Passivität erwachen und sich dem Niedergang westlicher Gesellschaften entgegenstellen.1

Die westliche Welt befinde sich seit 50 Jahren im Niedergang und befinde sich mittlerweile an einem Punkt, an dem sie gefährlich instabil geworden sei:

  • Die Globalisierung habe zum wirtschaftlichen Abstieg der Mittelschichten geführt. Staaten hätten sich gleichzeitig über das vernünftige Maß hinaus verschuldet und das globale Finanzsystem die Konzentration von Eigentum bei einer kleinen Elite gefördert.
  • Die Migration kulturfremder Gruppen führte zur zunehmenden Fragmentierung westlicher Gesellschaften, zur Überdehnung der Sozialsysteme sowie zu wachsenden Herausforderungen im Bereich Innere Sicherheit.
  • Radikale politische Ideologien, deren Anhänger mit enormen finanziellen Mitteln ausgestattet seien, förderten die oben beschriebenen Entwicklungen sowie die kulturelle Auflösung westlicher Gesellschaften, wobei sie zunehmend totalitär agierten. Familie, Tradition und Nation würden von ihnen als Hindernisse bei der Schaffung einer gerechteren Welt angesehen und bekämpft. Diese Ideologien würden von großen Teilen der Medien unterstützt, dominierten die Universitäten und durchdrängen in immer größerem Maße auch die Politik, staatliche Institutionen und Unternehmen.

Das Bürgertum stehe diesen Bedrohungen weitestgehend passiv gegenüber und lasse zu, dass sie ihre zerstörerische Wirkung entfalten und laufend größere Bereiche der Gesellschaft unterwandern könnten. Von freien Bürgern getragene, durch gemeinsame Kultur verbundene und rechtsstaatlich verfasste Nationalstaaten seien mittlerweile existenziell bedroht. Es sei nicht mehr auszuschließen, dass ein totalitäres globalistisches System an ihre Stelle tritt.

Gleichzeitig hätten die beschriebenen Entwicklungen dazu geführt, dass die Fähigkeit westlicher Gesellschaften, Krisen zu bewältigen, größtenteils erodiert sei. COVID-19 könne kurz- bis mittelfristig zu einer Wirtschaftskrise führen, die Verteilungskämpfe zwischen absteigenden Mittelschichten und nicht integrierten migrantischen Unterschichten auslöse. Diese Verteilungskämpfe könnten zum Zusammenbruch von Recht und Ordnung führen und zugleich den bislang passiven Resten des Bürgertums verdeutlichen, dass nicht nur ihre Freiheit und ihr Eigentum, sondern auch die Zukunft ihrer Kinder existenziell bedroht seien. Vielleicht gelinge es dem Bürgertum dann noch, diese Krise zu bewältigen und totalitäre Zustände abzuwenden. Es stünden interessante Zeiten bevor.

Hintergrund

In der Risikoforschung wird das von den Autoren angesprochene Szenario staatenübergreifender totalitärer Herrschaft als „World in Chains“-Szenario oder als „Singleton-Hypothese“ untersucht. Globale Monopole im IT-Bereich, die steigende Abhängigkeit der Menschen von IT-gestützten Dienstleistungen, die wachsende Bereitschaft auch westlicher Regierungen zu weitreichenden Eingriffen in individuelle Freiheitsrechte sowie zu gesellschaftspolitischen Eingriffen und rasche Fortschritte auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz würden solche Szenarien zunehmend als wahrscheinlicher erscheinen lassen. Der Sozialgeograph Joel Krotkin hatte erste Ansätze der Herausbildung einer gegen freiheitliche Gesellschaftsordnungen gerichteten globalen Oligarchie näher untersucht.

Bewertung

Die Analyse der Autoren deckt sich teilweise mit der, die wir in unserer Schrift über die Krise der europäischen Zivilisation vorgenommen haben. Vor einer durch eine Wirtschaftskrise ausgelösten Zivilisationskrise hatten zuletzt auch der Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini sowie eine Reihe von Führungskräften amerikanischer Unternehmen der IT- und Finanzbranche gewarnt.

Die verbliebene Fähigkeit westlicher Gesellschaften, Krisen zu bewältigen, sowie die noch vorhandenen Bestände an kultureller Substanz, die ihnen dies ermöglichen, wurden in der Vergangenheit allerdings von vielen Beobachtern unterschätzt. Es besteht die Möglichkeit, dass die von den Autoren erwarteten Krisen kontrollierbar bleiben und zugleich als Katalysator zur Beschleunigung der von ihnen angesprochenen Entwicklungen dienen. Der schrittweise Übergang der westlichen Welt von freiheitlichen zu autoritären oder sogar totalitären Ordnungen könnte dann vergleichsweise sanft verlaufen. Der Anteil der Teile des Bürgertums dieser Gesellschaften, der dazu bereit ist, diese Umsetzung der von den Autoren beschriebenen radikalen Agenda als Ausdruck mutmaßlich alternativloser Sachzwänge oder nicht zur Debatte stehender moralischer Prinzipien zu akzeptieren, scheint zumindest im Zuge der Corona-Krise eher zu- als abgenommen zu haben.

Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die von den Autoren erwartete Reaktion auf die beschriebenen Entwicklungen von bürgerlicher Seite tatsächlich erfolgen könnte, falls die Lage sich innerhalb eines kurzen Zeitraums deutlich verschlechtert. Die Soziologin Cornelia Koppetsch war darauf in ihrer Analyse populistischer Bewegungen näher eingegangen. (FG2)

Quellen

  1. Hans-Georg Maaßen/Johannes Eisleben: „The Rise and Fall of Postnationalism“, telospress.com, 11.09.2020.