Die Geburt der Bundeswehr aus dem Geist des Rittertums

Christlicher Ritter - Aus dem Psalter von Westminster (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die geistig-weltanschaulichen Grundlagen für den Aufbau der deutschen Bundeswehr wurden in den 1950er Jahren durch eine Gruppe von Offizieren erarbeitet, zu denen auch Wolf Graf von Baudissin gehörte. Er gilt als geistiger Vater eines 1957 veröffentlichten Leitbildes, das auf der Grundlage abendländischer Weltanschauung und des christlichen Rittertums ein militärisches Ethos für die neue Armee schuf.1 Diese Tradition ist in der Bundeswehr mittlerweile weitgehend in Vergessenheit geraten. Es gibt jedoch erste Anzeichen dafür, dass sich dies künftig ändern könnte.

Die Tradition des christlichen Rittertums in der Frühzeit der Bundeswehr

Das Leitbild wurde aus Beiträgen entwickelt, die namentlich nicht bekannte Referenten im Frühjahr 1956 auf dem ersten Offizierlehrgang der Bundeswehr in Sonthofen vorgetragen hatten. Es handelte sich bei ihnen um militärisch erfahrene ehemalige Offiziere der Wehrmacht, die sich mit der Tradition des 20. Juli 1944 identifizierten. Ihr Ziel war, es, die durch die Verbrechen des Nationalsozialismus diskreditierte Institution der Streitkräfte aus dem abendländischen Erbe heraus geistig zu erneuern und sie zugleich angesichts der Bedrohung durch den Kommunismus „zu einem Instrument von höchster Schlagkraft“ zu machen.2

Sie bezogen sich dabei auf die Tradition des christlichen Rittertums, die über den Deutschen Orden und die preußischen Streitkräfte bis ins 20. Jahrhundert in ununterbrochener Überlieferung weitergegeben worden war. Auch in der Wehrmacht hatte diese Tradition überlebt, obwohl viele ihrer Träger nach dem 20. Juli 1944 getötet worden waren. Der Militärsoziologe Ulrich vom Hagen sah vor allem in Graf Baudissin einen Vertreter der nach dem 20. Juli 1944 „schon tot geglaubten Kaste“ adeliger Offiziere.3 Durch ihn und sein Leitbild hätten die „Vorstellungen des soldatischen Rittertums der alten aristokratischen Elite“ vorübergehend wieder prägende Kraft erlangt.4

Laut der Historikerin Angelika Dörfler-Dierken gründete das erwähnte Leitbild auf den „explizit christlich geprägten ethischen Grundüberzeugungen“ seiner Schöpfer5 sowie auf einem spezifisch christlich-abendländischen Menschenbild, das an die Vorstellungen des militärischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus anknüpfte.6 Das Leitbild habe christliche Konzepte „in säkulare Sprache und unmittelbar ansprechende Bilder“ übersetzt und dadurch sichergestellt, dass nicht nur Christen sie verstehen.7

Ritterlichkeit und Soldatentum

Das Leitbild stellt die Bundeswehr ausdrücklich in die Tradition des Rittertums. Die soldatische Tradition, in der die Bundeswehr stehe, sei eine „eine Überlieferung des Dienen und nicht des Herrschens“ und werde mit dem Begriff der „Ritterlichkeit“ am besten beschrieben.

  • Der Ritter sei das „Urbild des abendländischen Soldaten“, der „auch heute noch allein am ethischen Willen erkennbar“ sei. Er stehe für „Dienstwillen“ und eine „Tradition des Dienens“, die sich auf „abendländische Grundhaltungen und Wertvorstellungen“ stütze, wobei die abendländische Tradition nur als „christlich bestimmte Tradition“ verstanden werden könne. Dies zu leugnen bedeute, „Europa selbst zu verleugnen“. Man müsse nicht gläubig sein, um den Wert dieser Tradition begreifen und sich mit dem soldatischen Urbild des Ritters identifizieren zu können.8
  • Diese Tradition beziehe „ihre Stärke doch aus der vornehmsten Aufgabe des Soldaten überhaupt“ nämlich „aus der Aufgabe, Beschützer und Bewahrer zu sein“.9 Nur derjenige sei „ein ganzer Soldat, der sich des Erbes immer wieder lebensvoll versichert, zu dessen Schutz und Erhaltung er die Waffe trägt“.10

In den „Leitsätzen für die Erziehung des Soldaten“, die das Leitbild enthält, wird „Ritterlichkeit“ zudem als besonderes Erziehungsziel hervorgehoben und neben den abendländischen Kardinaltugenden wie Tapferkeit und Gerechtigkeit erwähnt.11

Glaube und Soldatentum

Die Autoren waren aufgrund eigener Erfahrungen skeptisch, was die Fähigkeit von Agnostikern und Atheisten angeht, in Extremsituationen richtig zu handeln. Das Versagen deutscher Offizieren dabei, gemäß der Forderung des Christentums Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, habe die Verbrechen des Nationalsozialismus mit ermöglicht. Die Verteidiger einer gerechten Ordnung müssten daher fest an die transzendente Ordnung gebunden sein und „kompromißlos zu den Grundwerten des abendländischen Menschentums“ stehen, wenn man weitere Katastrophen dieser Art verhindern wolle. Wer keine letzte moralische Instanz über ihm selbst anerkenne, der „einzig und allein totaler Gehorsam gebührt“, sei dazu kaum in der Lage und stelle „sich selbst im Grunde außerhalb unserer Ordnung“.12 Man dürfe nicht vergessen, das „außerhalb freiheitlicher Ordnung sich nur noch Helden und Heilige für das Sittliche entscheiden können“.13

Soldatentum als geistige Berufung

Das Leitbild versteht das Soldatentum in erster Linie als eine geistige Berufung. Sittliche, geistige und seelische Kräfte bestimmten, mehr noch als fachliches Können, den Wert des Soldaten in Frieden und Krieg.14 Waffen alleine seien nicht schlagkräftig. Ihre Qualität sei wichtig, aber mindestens ebenso wichtig sei „die menschliche Haltung des Waffenträgers“. Die Anforderungen an die geistig-seelischen Kräfte des Soldaten nähmen zudem aufgrund der immer größeren Wirkung der Waffen eher zu als ab.15 Außerdem sei das Erbe der abendländischen soldatischen Tradition „nur geistig zu erringen“. Dies sei schwierig in einer Welt, „deren Menschen zu einem erheblichen Teil eine lebendige Beziehung zum Christentum nicht mehr besitzen“.16

Die Gedanken der Inneren Führung der Bundeswehr sollten angesichts der Tatsache, dass man sich in einem „Krieg der politischen Ideen“ zwischen freiheitlichen und totalitären Ordnung befinde, zudem als „geistige Rüstung“ dienen und „einen festen geistigen Standort“ schaffen. Der Soldat müsse wissen, „wofür und wogegen er kämpft“, um entschlossen kämpfen zu können. Man stehe „bereits im Frieden an der Front einer geistigen Auseinandersetzung“ mit dem Kommunismus und befinde sich in einem dem physischen Krieg vorausgehenden geistigen Kampf, „in dem der Gegner in mannigfacher Tarnung sowohl die Schwächen unserer Lebens- und Gesellschaftsform als auch die geistigen und moralischen Schwächen jedes einzelnen ausnutzt“.17

Der freiheitliche Staat benötigt dienstbereite Männer

Der Soldat sei Verteidiger der „auf dem Recht begründeten Lebensordnungen, die der europäische Geist seit Jahrhunderten formt“ sowie Verteidiger seiner Familie, seines Volkes und seiner Heimat.18 Die freiheitliche Ordnung stehe in „einem Kampf auf Leben und Tod mit dem Totalitären“19 und benötige zu ihrer Verteidigung Männer, die zu Dienst und Opfer bereit seien, und „die nicht über den Werteschwund der anderen klagen, sondern die gewillt sind, sich selbst diesen Werten zu beugen; die bereit sind, für die Verwirklichung und Sicherung von Recht und Freiheit des Geringsten auch im Alltag alles zu wagen“.20 Soldaten müssten außerdem Patrioten sein, die mit den Worten Scharnhorsts „die Lage des Staates fühlen“.21

Das Leitbild versteht Streitkräfte in diesem Zusammenhang als Männerbund, was nicht nur in der Berufung auf die Tradition des Rittertums zum Ausdruck kommt. Die Soldaten der Bundeswehr hätten das große Erbe der Männer des 20. Juli übernommen, das „nachzuleben ganze Männer fordert“.22 Landesverteidigung sei außerdem „fast zu allen Zeiten eine selbstverständliche Sache aller Männer“ gewesen.23

Bewertung

Das Wirken der Autoren des zitierten Dokuments stellt ein Beispiel dafür da, wie Christen als kreative Minderheit Institutionen so prägen können, dass sie dem Gemeinwohl besser dienen und Menschen hervorbringen, die sich ebenfalls als dessen Diener verstehen. Das Leitbild unterstreicht außerdem, dass jede große Institution eine transzendente Grundlage benötigt, ohne die sie verfällt.

Mittlerweile hat die Bundeswehr sich von den zentralen Inhalten des Leitbildes abgewandt, weil sie als nicht mehr zeitgemäß gelten. In der gegenwärtigen Debatte über die Tradition der Bundeswehr werden die Wurzeln der Institution im abendländischen Erbe ebenfalls weitestgehend ausgeblendet. Dazu trägt auch bei, dass die beiden großen Konfessionen in Deutschland dieser Tradition sowie Streitkräften und der Berufung des Soldaten allgemein mehrheitlich ablehnend gegenüberstehen und keinerlei Versuche unternehmen, an die beschriebene Tradition zu erinnern. Dieser scheinbare Gewinn an weltanschaulicher Modernität brachte jedoch weder eine glaubwürdigere Kirche noch eine leistungsfähigere Armee hervor. Der innere Zustand der Bundeswehr hat im Gegenteil gegenwärtig laut Experten einen Tiefpunkt erreicht.

Während es zunächst so aussah, als gehe im Offizierkorps das Interesse an geistigen Grundsatzfragen des Dienstes zurück weil der Anteil der religions- und traditionsfern sozialisierten Offizier immer stärker zunimmt, zeigte sich zuletzt eine gegenläufige Tendenz. Bei jüngeren einsatzerfahrenen Offizieren nimmt seit einigen Jahren das Interesse an solchen Fragen wieder zu, weil sie in den Einsätzen mit Erfahrungen und Fragen konfrontiert werden, auf die die im Lauf der Jahre immer weiter entkernte offizielle Führungsphilosophie der Bundeswehr keine Antworten mehr geben kann. Generalmajor Christian Trull hielt 2005 eine Rede, die unter Rückgriff auf die oben beschriebene Tradition solche Antworten gab, weshalb sie auch heute noch von Soldaten sehr positiv aufgenommen wird.

Bei Streitkräften, deren Soldaten größeren Belastungen im Einsatz unterworfen sind, ist diese Tendenz zur Retraditionalisierung noch deutlicher zu beobachten. Ein Beispiel dafür ist die durch den amerikanischen Militärpsychologen Dave Grossman für die militärische und polizeiliche Ausbildung verwendete Erzählung von den Schäferhunden und den Wölfen, die sich mit Grundfragen des schützenden Dienstes auseinandersetzt und wesentlich auf christlichen Impulsen aufbaut bzw. an das biblische Bild des guten Hirten anknüpft. Unter amerikanischen Soldaten und Polizeibeamten stoßen die Gedanken Grossmans auf außerordentlich starke Resonanz.

Angesichts wachsender Herausforderungen für die innere wie auch die äußere Sicherheit westlicher Gesellschaften werden Soldaten und Polizeibeamte künftig wahrscheinlich immer häufiger Situationen gegenüberstehen, zu denen die postmoderne Ideologien, die Streitkräften und Polizei zunehmend aufgezwungen werden, nichts Sinnvolles zu sagen haben. In Einzelfällen führt dies leider dazu, dass manche auf der Suche nach vermeintlich wirklichkeitsgerechteren Weltanschauungen auf falsche Vorbilder stoßen. Umso wichtiger ist es, deutlich aufzuzeigen, dass es eine intakte europäisch-abendländische Tradition des schützenden und bewahrenden Dienstes gibt, die nicht nur ihren totalitären Gegnern überlegen war, sondern sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder im Ernstfall bewährt hat und die dazu beitrug, das Erbe Europas zu schaffen und zu bewahren. (FG1)

Quellen

  1. Bundesministerium der Verteidigung – Führungsstab der Bundeswehr I 6 (Hrsg.): Handbuch Innere Führung. Hilfen zur Klärung der Begriffe, 2. Aufl., Bonn 1960.
  2. Ebd., S. 17.
  3. Ulrich vom Hagen: Homo militaris. Perspektiven einer kritischen Militärsoziologie, Bielefeld 2012, S. 163.
  4. Ebd., S. 71.
  5. Angelika Dörfler-Dierken: „Ethische Fundamente der Inneren Führung. Baudissins Leitgedanken: Gewissensgeleitetes Individuum – Verantwortlicher Gehorsam – Konflikt- und friedensfähige Mitmenschlichkeit“, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Juni 2005, S. 29.
  6. Ebd., S. 115.
  7. Ebd., S. 189.
  8. Bundesministerium der Verteidigung 1960, S. 74-76.
  9. Ebd., S. 59.
  10. Ebd., S. 165.
  11. Ebd., S. 91-95.
  12. Ebd., S. 9-11.
  13. Ebd., S. 21.
  14. Ebd., S. 100.
  15. Ebd., S. 143.
  16. Ebd., S. 74.
  17. Ebd., S. 169-170.
  18. Ebd., S. 91-95.
  19. Ebd., S. 74.
  20. Ebd., S. 11.
  21. Ebd., S. 67.
  22. Ebd., S. 74.
  23. Ebd., S. 19.