Treffen der Schwarmintelligenz setzt auf christliche Werte

Caspar David Friedrich - Der Wanderer über dem Nebelmeer (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Anfang September fand in Erfurt die fünfte „Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz“ statt. Auf Einladung des Publizisten Klaus Kelle diskutierten hier konservative und liberale Denker über die Lage von Staat und Gesellschaft in Deutschland. Zu den Referenten gehörten unter anderem Hans-Georg Maaßen (ehemaliger Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz), Hermann Binkert (Leiter des Meinungsforschungsinstituts INSA), Todd Huizinga (ehemaliger US-amerikanischer Diplomat) und der Historiker Andreas Rödder. Dr. Christian Steidl nahm an der Veranstaltung teil und berichtet als Gastautor von seinen Eindrücken.

Die meisten Probleme Europas lassen sich ursächlich darauf zurückführen, dass sich zu viele Menschen von den Kernbotschaften des christlichen Glaubens abgewandt haben. Diese Erkenntnis zog sich wie ein roter Faden durch die fünfte „Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz“ am 5. und 6. September 2020 in Erfurt, die der wertkonservative Christ Klaus Kelle organisiert hatte.

Die Rolle des Christentums in der wissenschaftsgläubigen Gesellschaft

Der evangelische Theologe Alexander Garth trat in seinem Vortrag für verstärkte Neuevangelisierung ein. Durch mehrere von ihm initiierte Gemeindeneugründungen hatte er gezeigt, dass diese nicht unmöglich ist. Eine Hürde bei der Vermittlung des Glaubens sei allerdings, dass viele der an Universitäten tätigen Theologen seit Jahrzehnten versuchten, den Glauben ohne Bezug auf das Übernatürliche zu vermitteln. Wunder und die Auferstehung würden dazu zu naturwissenschaftlich erklärbaren Phänomenen umgedeutet. Dieser Versuch der Rettung des Christentums ins wissenschaftsgläubige Zeitalter zerstöre den Glauben vieler Christen. Wichtig für den Glauben sei die persönliche Erfahrung des liebenden Gottes. Mit dieser Gottesbeziehung stehe das Christentum im positiven Kontrast zum Islam, der die „Unterwerfung unter Gott“ bedeutet.

Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!“ (Johannes 13,34) Er ging noch weiter, als er forderte, dass Christen auch ihre Feinde lieben sollen. Der evangelikale Christ und ehemalige US-amerikanische Diplomat Todd Huizinga, der inzwischen Präsident des „Center for Transatlantic Renewal“ (CTR) ist, empfahl dementsprechend, dass man als Konservativer „mit Liebe mit den linken Mitmenschen diskutieren“ solle. Zudem verwies er in Bezug auf den Rückgangs der Zahl der Christen in Deutschland darauf, dass im Jahr 307, als Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion machte, nur 10 Prozent der Bevölkerung des Römischen Reiches Christen gewesen seien. Eine Folge der Maßnahme Konstantins sei gewesen, dass nicht an Jesus Christus glaubende Menschen zur Mehrheit in der verstaatlichten Kirche geworden seien. Fortan war es meist so, dass die Einwohner immer den Glauben des Fürsten annehmen mussten. Erst 1875 wurde die Religionsfreiheit eingeführt. Es sei also nicht so, dass früher immer alles besser gewesen wäre. Der Theologe Alexander Garth verwies zudem auf viele neue Glaubenserweckungen von jungen Menschen und auf einige Bekehrungen von Muslimen.

Die kommunistische Unterwanderung der Bundesrepublik

Todd Huizinga forderte in seinem Vortrag, dass Wertkonservative Versuche von linksgerichteten Aktivisten, sie gesellschaftlich auszugrenzen und zu zerstören, nicht länger hinnehmen dürften. Die Ursache für die Macht der radikalen Linken im öffentlichen Diskurs sei der erfolgreiche „lange Marsch“ neomarxistischer Akteure durch die Institutionen. Hans-Georg Maaßen erklärte dazu, dass bei der neomarxistischen Unterwanderung vor allem der Universitäten ursprünglich der Auslandsgeheimdienst der DDR eine wichtige Rolle gespielt habe. Diese Unterwanderung westlicher Länder hatte unter anderem der KGB-Überläufer Juri Bezmenow offengelegt und im Detail beschrieben.

Die Aufklärung der damaligen Unterwanderung der Bundesrepublik und die Identifikation der daran beteiligten Personen sei höchstwahrscheinlich mithilfe der sogenannten „Rosenholzdatei“ möglich. Diese enthält die Klarnamen der Mitarbeiter der ehemaligen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, die in der Bundesrepublik tätig waren. Die US-amerikanische CIA habe das Datenmaterial in der Wendezeit gesichert und zur Verurteilung der DDR-Spione in den USA genutzt. Dies müsse nun endlich auch in der BRD geschehen. Vera Lengsfeld bekräftigte die Bedeutung dieser Datei und berichtete, dass sie sich in ihrer Zeit als Bundestagsabgeordnete dafür eingesetzt hatte, die Daten von den USA zu erhalten, um sie auszuwerten. Die USA hätten die Datei laut Vera Lengsfeld auch zur Verfügung gestellt, aber sie werde von der Bundesregierung unter Verschluss gehalten.

Auszüge aus der Rosenholzdatei wurden im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie veröffentlicht, was Vera Lengsfeld auf Nachfrage jedoch als “Ablenkungsmanöver” bezeichnete. Die Bundesregierung habe eine Sperre verhängt, die den Bürgern und sogar unabhängigen Wissenschaftlern eine Einsicht in die Originaldatei verwehre. Nach ihrer Einschätzung müsse nicht nur die Linkspartei Entdeckungen befürchten. Auch in der Union habe es Abgeordnete gegeben, die durch die Stasi gelenkt worden seien. Das Misstrauensvotum von Rainer Barzel gegen den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt im Jahre 1972 sei gescheitert, weil zwei Abgeordnete der Union mit 50 000 DM dazu bestochen worden seien, für Brandt zu stimmen.

Die inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi hätten auch in den Redaktionen des Spiegels und der Welt gesessen, aber auch in Behörden wie der Polizei. Lengsfeld verwies auf den DDR-Spion und Polizisten Karl-Heinz Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte und damit die Radikalisierung der Studentenbewegung auslöste. Auch die RAF-Terroristen seien von der Stasi unterstützt und in der DDR beherbergt worden.

Vera Lengsfeld ist sich sicher, dass die ganze Nachkriegsgeschichte neu geschrieben werden müsse. Keine der Parteien wage sich jedoch an diese Aufgabe heran. Die FDP habe während der Zeit ihrer Regierungsbeteiligung zwar einen Antrag auf die Stasiüberprüfung aller Bundestagsabgeordneten gestellt, was jedoch im Sande verlaufen sei.

Es wäre sehr erhellend zu erfahren, welche Politiker und Aktivisten, etwa der Friedens- und Umweltbewegung, für Behörden der DDR tätig waren oder für diese tätige Personen in ihrem Umfeld hatten – eventuell weit über das Jahr 1989 hinaus. Vielleicht würde das viele Entwicklungen in der Bundesrepublik erklären. Hans-Georg Maaßen erwähnte, dass der sowjetische Dissident Andrei Sacharow das Ziel des „ökologischen Sozialismus“ bereits 1968 formuliert hatte. Dies erinnert sehr an die heutigen Behauptungen einiger Parteien, nur eine gelenkte Staatswirtschaft könne die „Klimakatastrophe“ abwenden. Die stellvertretende Bundesvorsitzende der WerteUnion, Simone Baum, erinnerte in diesem Zusammenhang an die vielen Stasi-Mitarbeiter in der Kirche im Osten. Es sei möglich, dass solche auch in die Kirche im Westen eingeschleust worden seien.

Hans-Georg Maaßen verwies noch darauf, dass die DDR-„Oppositionsparteien“, die sich 1989 gründeten, größtenteils von der Stasi aufgestellte „Honigtöpfe“ gewesen seien, mittels derer man Oppositionellen ausfindig machen und kontrollieren wollte. Der Westen sei damals viel zu überheblich und naiv gewesen. Vera Lengsfeld erklärte, dass dies der Hintergrund der guten Finanzausstattung des „Demokratischen Aufbruchs“ 1990 gewesen seien könnte. Der gebürtige Thüringer Holger Thuss, der heute als Präsident des “Europäischen Instituts für Klima & Energie” aktiv ist, berichtete, dass viele DDR-Bürger damals davon ausgingen, dass diese Oppositionsgruppen Fallen der Stasi waren, um Oppositionelle zu enttarnen. Vera Lengsfeld ergänzte, es sei ein grober Fehler gewesen und war wohl eine Folge der westdeutschen Überheblichkeit, dass man die SED 1989/90 nicht verboten und nicht enteignet habe.

Das Schwinden des bürgerlichen Lagers in der Bundesrepublik

Wie weit die Verkleinerung des bürgerlichen Lagers schon fortgeschritten ist, wurde in dem Vortrag von Hermann Binkert vom Meinungsforschungsinstitut INSA deutlich. 1969 hätten CDU/CSU und SPD zusammen noch über rund 89 Prozent der Stimmen der Bürger verfügt. Anfang 2020 habe der Stimmenanteil der Parteien der großen Koalition gerade noch 40 Prozent ausgemacht. Der kürzlich erfolgte Anstieg auf 50 Prozent stelle wohl nur eine Momentaufnahme dar, die auf der Angst vor dem Corona-Virus beruhe.

Die Ursachen dafür sei neben einer allgemeinen Linksverschiebung der politischen Landschaft, dass die Parteien sich nicht mehr am Artikel 21 des Grundgesetzes orientierten, der vorsieht, dass sich „die Parteien an der politischen Willensbildung teilnehmen“. Stattdessen würden Politiker bei den Meinungsforschungsinstituten nachfragen, wie die Stimmung im Volk sei, um sich dann anzupassen. Was die Menschen für richtig hielten, müsse jedoch nicht mit den Fakten übereinstimmen. So glaubten die Menschen seit Aristoteles lange Zeit, dass ein doppelt so schwerer Stein doppelt so schnell zu Boden falle – bis Galileo dies im 17. Jahrhundert experimentell widerlegte. Binkert verwies in diesem Zusammenhang auf ein Zitat von Franz-Josef Strauß: „Wer mit der Zeit geht, der geht dann mit der Zeit.“ Hans Georg-Maaßen sprach in seinen Ausführungen diesbezüglich von „Schwarmdummheit“, die die Anpassung an die vorherrschenden Tendenzen darstelle. Bürgerliche Kräfte dürften zudem nicht vergessen, dass sie gegenwärtig Fußball spielten, während die Linke mit ihnen American Football spiele.

Ist Deutschland ein Einwanderungsland?

Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz und Mitglied des Vorstands der Konrad-Adenauer-Stiftung, rief Konservative in seinem kontrovers diskutierten Vortrag dazu auf, ihren Frieden mit der „Tatsache“ zu machen, dass „Deutschland ein Einwanderungsland ist”. Abrücken möchte Rödder auch vom Begriff der Leitkultur und stattdessen von “bürgergesellschaftlichen Leitplanken” sprechen, wobei der Eindruck entstand, dass er mit den Migranten darüber diskutieren wolle, welche Kultur und welche Werte in Deutschland gelten sollten.

In der Diskussion wurde ihm entgegnet, dass dies gleichbedeutend damit sei, den eigenen Untergang wertzuschätzen. Illegale Masseneinwanderung stelle keine hinzunehmende Naturerscheinung dar, sondern einen Gesetzesverstoß. Es deutet sich zudem an, dass Deutschland in Folge der sich möglicherweise noch deutlich verschärfenden Corona-Lockdown-Wirtschaftskrise eher zu einem Auswanderungsland werde. Gesellschaftliche Verwerfungen sind die Folge, wenn man trotz fehlenden Geldes zur Finanzierung von Sozialausgaben für die eigenen Bürger in großem Maßstab Mittel zur Versorgung illegal eingereister oder ausreisepflichtiger Personen einsetzt. Vor einem entsprechenden wirtschaftlichen Zusammenbruch hatte Markus Krall, (Geschäftsführer der Degussa Goldhandel GmbH) in seinem Vortrag gewarnt.

Kontrovers diskutiert wurden auch Rödders Gedanken zum Thema “Gender Mainstreaming”, das er als einen Ansatz dazu betrachtet, Chancen zwischen Männern und Frauen anzugleichen. Dies wird der Tatsache nicht gerecht, dass die entsprechenden Ideologen mittlerweile über 40 Geschlechter entwickelt haben, was in klarem Widerspruch zum christlichen Menschenbild steht. Positiver zu bewerten ist Rödders Idee, an die Stelle des “Gender Mainstreamings” ein „Family Mainstreaming“ zu stellen. Jedoch birgt diese Bezeichnung die Gefahr, dass dieser Ansatz nicht als Gegenpol zur Gender-Ideologie, sondern als eine ihrer Varianten wahrgenommen wird. Der gesamte Begriff ist im bürgerlichen Spektrum bereits so negativ besetzt, dass ein komplett neuer Begriff besser geeignet wäre – beispielsweise „family fortification“ (dt. „Familienstärkung“).

Absagen katholischer Referenten nach öffentlichem Druck

Johannes Hartl vom Gebetshaus Augsburg, der alle zwei Jahre die charismatische MEHR-Konferenz organisiert, hatte – wie auch der Erfurter Weihbischof Reinhard Hauke – kurzfristig seine Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt. Der wahrscheinliche Hintergrund der Absagen war, dass Klaus Kelle ursprünglich zehn Thesen zur Diskussion bzw. zur Abstimmung stellen lassen wollte, darunter ein Bekenntnis zum Grundgesetz, Kritik an Abtreibung sowie eine Forderung nach der Stärkung christlicher Werte. Linksgerichtete Aktivisten und Medien versuchten jedoch im Vorfeld, die Veranstaltung und ihre Teilnehmer in die Nähe rechtspopulistischer Strömungen zu rücken, etwa durch einen Verweis darauf, dass diese bereits vor einigen Jahren eine „Erfurter Resolution“ verabschiedet hatten. Klaus Kelle verschob zwar die geplante Diskussion seines Resolutionsentwurfs auf das nächste Schwarmtreffen im Mai 2021, was aber offenbar die Sorgen einiger Referenten vor weiteren Angriffen nicht entkräftete. Das ist einerseits menschlich verständlich, denn Christen, die an der Lehre der Kirche festhalten, haben es so schon schwer genug. Andererseits sind sie solchen linken Anfeindungen ohnehin ausgesetzt,  und das bürgerliche Lager hat nur eine Chance, wenn es zusammen hält. Daher ist zu hoffen, dass der Mut bis zum nächsten Treffen wächst. Die Mitwirkung engagierter Christen in diesem bürgerlichen Netzwerk kann dazu beitragen, das gesellschaftliche Klima zugunsten von mehr Toleranz, Akzeptanz und Wertschätzung für Christen zu verändern. (Dr. Christian Steidl)