David Engels: Perspektiven einer abendländischen Erneuerung Europas

Karl Friedrich Schinkel - Mittelalterliche Stadt am Fluss (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Althistoriker David Engels den Band „Renovatio Europae“, der die Namensgebung unseres Vorhabens inspirierte. Zusammen mit anderen Denkern aus West- und Osteuropa beschrieb Engels hier mögliche Ansätze einer Erneuerung Europas im Geist seiner abendländischen Tradition. Europa steuere auf größere Verwerfungen zu, worauf keiner der relevanten politischen Akteure des Kontinents eine Antwort habe. Es sei die Aufgabe der im abendländischen Erbe verwurzelten Kräfte, solche Antworten zu entwickeln, und für den Fall bereit zu sein, dass die bevorstehenden Krisen bei den Menschen Europas den Wunsch hervorbringen, sie zu hören.

Europa am Vorabend der Krise

Laut David Engels steht Europa vor einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber, auf die es derzeit keine tauglichen Antworten habe. Demographischer Niedergang, zunehmende gesellschaftliche Polarisierung, der Verfall traditioneller Werte, die Folgen unkontrollierter Masseneinwanderung, Deindustralisierung und außer Kontrolle geratene Verschuldung der öffentlichen Haushalte könnten mittelfristig zu größeren Verwerfungen in Europa führen. Hinzu komme, dass Europa zunehmend „aus dem Osten, dem Westen oder dem Süden“ bedroht werde.

  • Die Europäische Union in ihrer gegenwärtigen Form zeige in dieser Lage „größten Unwillen“ dazu, „die Lösung der zahlreichen Überlebensfragen, mit denen unser Kontinent konfrontiert ist, in Angriff zu nehmen“. Man weigere sich meist sogar, diese Fragen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, weil dies mit dem Eingeständnis verbunden wäre, dass man über lange Zeiträume eine Politik mit desaströsen Folgen betrieben habe.
  • Gleichzeitig beruhe das Europa der EU auf einem Konstruktionsfehler. Indem man die Themen Identität und Werte vernachlässigt und sich statt dessen auf wirtschaftliche und technokratische  Fragen konzentriert habe, habe man ein kulturelles Vakuum geschaffen. Robert Schuman habe als einer der Gründungsväter der EU bereits frühzeitig vor solchen Tendenzen gewarnt, was man jedoch ignoriert habe. Identität könne jedoch „nicht auf rein humanistischen und universalistischen Werten gegründet werden“, sondern nur auf „einer tiefen Verankerung im kulturellen, historischen und spirituellen Unterbewußtsein einer seit Jahrhunderten geteilten Vergangenheit“.
  • Die Frage, wie der Kontinent einigermaßen durch die anstehenden Jahre selbstgeschaffener Krise und eigenverschuldeten Niedergangs steuern“ könne, sei offen. Sowohl von den paralysierten herrschenden Akteuren als auch von ihren populistischen Herausforderern seien keine Antworten zu erwarten. Zumindest in Westeuropa sei eine demographische, wirtschaftliche und kulturelle Katastrophe daher wahrscheinlich nicht mehr abwendbar.
  • Man müsse daher „heute, am Rande der Krise“, damit beginnen, aus dem historischen und spirituellen Erbe Europas heraus die geistigen Grundlagen für eine künftige Erneuerung Europas zu schaffen. Diese Arbeit müsse spätestens dann abgeschlossen sein, wenn in den bevorstehenden Krisen die „Rückbesinnung auf die wahrhaft zentralen Werte des Abendlandes einsetzen wird“.

In den kommenden Jahren werde es „zur Diskussion um die wirklich zentralen Entscheidungen unserer Zivilisation“ kommen, und in dieser Diskussion müssten die Träger des europäischen Erbes bessere Antworten haben als andere Akteure, wenn Europa nach der Krise noch eine Zukunft haben solle. Die verbliebenen konservativen Kräfte seien dieser Aufgabe jedoch noch nicht gewachsen und würden sich aus Furcht vor weiterer Marginalisierung meist eher passiv an die allgemeine Entwicklung anpassen anstatt zu versuchen, Einfluss auf sie zunehmen. In der gegenwärtigen Lage fehle vor allem ein „positives und stolzes Bekenntnis zu einem konservativen, auf den jahrhundertealten Werten der abendländischen Kultur aufgebauten Europa“, das denen Hoffnung und Mut geben könne die für die Erneuerung Europas einzutreten bereit seien. Engels benennt diesen abendländischen Patriotismus als „Hesperialismus“, abgeleitet vom griechischen Begriff für den äußersten Westen der bekannten Welt.

In Osteuropa entfalte diese Weltanschauung bereits Wirkung. Hier habe man damit begonnen, den utopischen Projekten, die Westeuropa zerstörten, zu widerstehen, und demonstriere zudem seit Langem, das „Vaterlandsliebe und Treue gegenüber der christlichen Tradition eben gerade nicht automatisch zu Nationalismus und Totalitarismus führen müssen, sondern ganz im Gegenteil jene Kräfte sind, mit denen eine Gesellschaft selbst in Situationen nationalistischer und totalitaristischer Unterdrückung überleben kann“.1

Der Kampf der Europäischen Union gegen das Erbe Europas

Zdzislaw Krasnodebski kritisiert, dass die EU zunehmend von Kräften dominiert werde, die das Erbe Europas ablehnten. Das offizielle Geschichtsbild der EU lasse die Geschichte Europas zum Beispiel erst mit der Französischen Revolution wirklich beginnen. Das Erbe der zweieinhalb Jahrtausende vor der Revolution werde nicht als schützenswerte Tradition, sondern als eine zu bewältigende Last wahrgenommen. Dieses Bild präge etwa die Ausstellung im „Haus der Europäischen Geschichte“ in Brüssel. Die EU betreibe mit wachsender Intensität einen auf globalistische Ideologie gestützten autoaggressiven Kulturkampf gegen das Erbe Europas:

„Wir sind in der westlichen Welt mit nichts weniger als einem modernen Klassenkampf konfrontiert. Während wir auf der einen Seite jene Menschen haben, die in ihrer jeweiligen Heimat, ihrer Kultur, ihren Bräuchen und ihrer Identität verwurzelt sind und somit in der Kontinuität eines jahrhundertelang zurückgehenden Menschenbildes stehen, haben wir auf der anderen Seite eine neue, globale Elite, für welche jede Form von ‚Grenze‘ – sei sie national, kulturell, gesellschaftlich, religiös oder sexuell – ein Hindernis darstellt.“

Vor allem der Nationalstaat sowie alle „Formen bürgerlicher Gemeinschaft, sei es Familie, Kirche, Kulturgruppen, Erziehungsgemeinschaften usw., welche […] den Nationalstaat gestützt haben“, würden durch die EU mittels der Durchsetzung von Entgrenzungsideologien auf allen Gebieten des Lebens bekämpft.2

Die Notwendigkeit einer „christlichen Gegenrevolution“

Alvino-Mario Fantini skizziert in seinem Beitrag eine „disruptive christliche Gegenrevolution, welche der kulturellen und zivilisatorischen Verwüstung, die über uns gebracht worden ist, begegnen soll“. Widerstand gegen kulturrevolutionäre Projekte wie die sogenannte „Ehe für Alle“ sei eine Voraussetzung für eine geistig-kulturelle Erneuerung Europas. Das Minimum dieses Widerstands bestehe in der Verweigerung der eingeforderten Akzeptanz gegenüber solchen Projekten sowie in der Weigerung der Forderung nachzukommen, Religion nur unsichtbar im privaten Rahmen zu praktizieren.

Praktischer Widerstand erfordere zunächst die „Re-Sakralisierung“ des eigenen Lebens und anschließen die des eigenen Umfelds. Auf europäischer Ebene müsse der Widerstand eine gemeinsame Vision entwickeln und die besten Köpfe zusammenbringen, damit sie Antworten auf die Herausforderungen entwickeln, denen Europa gegenüberstehe. Außerdem müsse der Widerstand die Menschen sammeln, die die Kulturrevolution ablehnen und sich gegenwärtig oft noch als isoliert wahrnähmen.

Wer sich an diesem Widerstand beteilige müsse sich darüber im Klaren sein, dass dies mit Risiken und Nachteilen für ihn verbunden sein werde. Die Akteure der Kulturrevolution agierten zunehmend intolerant gegenüber jenen, die sich ihren Forderungen nicht fügen. Wer für das Erbe Europas einstehe, werde von ihnen weder gemocht noch geduldet werden.3

Kulturelle Selbstbehauptung als politischer Auftrag Europas

Chantal Delsol bezeichnet kulturelle Selbstbehauptung als den wichtigsten politischen Auftrag Europas.4 Vor allem in der Migrationsdebatte werde gegenwärtig eine Bereitschaft sichtbar, die eigene Kultur zu opfern, um bestimmten Vorstellungen von politischer Moral zu genügen. Ein solches Verhalten sei aus der Perspektive des abendländischen Gemeinwohlgedankens als unethisch abzulehnen. Cicero habe diese Grundlagen dieses Gedankens formuliert, als er von der Pflicht jedes Gemeinwesens dazu sprach, die Kontinuität des eigenen kulturellen Erbes sicherzustellen. Der heilige Augustinus habe dies aufgegriffen und gefordert, dass ein Staat so eingerichtet sein müsse, „daß er ewig ist“. Der einzelne Mensch könne sterben, aber wenn „ein Staat beseitigt, vernichtet, ausgelöscht wird, so ist es, um Kleines mit Großem zu vergleichen, in gewisser Weise dem ähnlich, als ob diese ganze Welt zugrunde ginge und zusammenstürze“.

Die Grundlagen einer künftigen Ordnung Europas

David Engels beschreibt in einem weiteren Beitrag die Grundlagen einer europäischen Verfassung sowie einer subsidiären Ordnung Europas auf der Grundlage abendländischer Weltanschauung, welche die kulturelle Identität Europas sowie die Vielfalt seiner Nationen und Regionen achtet und schützt. Sein Entwurf unterscheidet sich von den bislang im Rahmen der EU diskutierten Entwürfen dadurch, dass er sich auf das politische Denken der abendländischen Tradition bezieht und nicht auf utopische oder technokratische Ideologien.

Engels bezieht sich in seinen Ausführungen auf einen Gedanken Robert Schumans, einen der Gründerväter der Europäischen Union. Dieser habe darauf hingewiesen, dass die Demokratie ihre Existenz dem Christentum verdanke und nur auf dieser Grundlage aufrechterhalten werden könne. Eine „anti-christliche Demokratie“ könne laut Schuman „nur zu einer Karikatur werden, welche in Tyrannis oder Anarchie versinken muß“. Ein tragfähiger Entwurf für eine europäische Ordnung und Verfassung müsse auf dieser Erkenntnis aufbauen und sich auf das Christentum als normative Grundlage beziehen. Dies erfordere nicht, individuelle Freiheitsrechte einzuschränken, Europa eine christliche Kultur zu verordnen oder gegen andere Bekenntnisse vorzugehen, so wie es auch der besondere Schutz von Ehe und Familie nicht erfordere, andere Formen des Zusammenlebens zu verbieten.

Die subsidiäre Ordnung der „multiethnischen föderalen Staaten des Mittelalters“ stelle ein mögliches Vorbild für eine künftige europäische Ordnung dar. Europa als politischer Akteur benötige nur minimale Kompetenzen, um die „kulturelle Selbstbehauptung Europas“ zu gewährleisten. Ein Eingreifen in die Autonomie von Nationen, Regionen und Kommunen über das Minimum hinaus, das zur Sicherstellung dieses Ziel erforderlich sei, sei abzulehnen. Diese könnten ihr Leben in einer subsidiären Ordnung nach eigenen eigenen Regeln, Tradition und Interessen gestalten. Die inneren „Grenzen und Barrieren, welche in Krisenzeiten oft genug als Schotten und Brandmauern der Verbreitung von Gefahr und Vernichtung“ dienten, sollten durch Europa nicht angetastet werden. In einem solchen Europa werde wieder echte kulturelle Vielfalt wachsen können.5

Quellen

  1. David Engels: „‚Renovatio Europae‘. Eine hesperialistische Zukunft für Europa?“, in: Ders. (Hrsg.): Renovatio Europae. Für einen hesperialistischen Umbau Europas, Lüdinghausen/Berlin 2019, S. 17-26.
  2. Zdzislaw Krasnodebski: „Fortschritt, Social Engineering und die Frage nach der Identität Europas – Eine Bestandsaufnahme“, in: Engels 2019, S. S. 27-40.
  3. Alvino-Mario Fantini: „Auf dem Weg in die Christenheit des 21. Jahrhunderts“, in: Engels 2019, S. 155-175.
  4. Chantal Delsol: „Immigration: Gastfreundschaft und Allgemeinnutz. Eine alptraumhafte Antinomie“, in: Engels 2019, S. 81-102.
  5. David Engels: „Lokalismus, Regionalismus, Nationalismus – Hesperialismus? Der Weg zu einer neuen europäischen Verfassung – Eine politische Utopie“, in: Ders. 2019, S. 177-204.