Charles J. Chaput: Die zeitlose Botschaft des Rolandsliedes

Simon Marmion - Darstellung der Inhalte des Rolandslieds (Detail, Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Charles Joseph Chaput war bis 2020 Erzbischof von Philadelphia und gilt als einer der führenden katholischen Denker in den USA. In einem jetzt veröffentlichten Aufsatz setzt er sich mit der zeitlosen Botschaft des Rolandslieds auseinander. Das um das Jahr 1100 entstandene Werk gehört zu den wichtigsten Heldenepen des Mittelalters und behandelt den Kampf eines von Karl dem Großen geführten Heeres gegen sarazenische Invasoren auf der spanischen Halbinsel. Laut Chaput illustriere das Lied vor allem die Bedeutung der tätigen christlichen Nächstenliebe.1

Das Werk, das nur einen losen Bezug zum tatsächlichen historischen Geschehen aufweist, beschreibt unter anderem den Kampf und Tod Rolands, eines der Offiziere Karls, in der Schlacht am Gebirgspass von Roncesvalles im Jahre 778. Durch Verrat wird Roland dort mit seinen Gefährten in einen Hinterhalt gelockt, als er den Marsch des Heeres über die Pyrenäen sichert.

Bei den ausführlichen Beschreibungen der Schlacht steht der selbstlose Einsatz und die Sorge der Gefährten füreinander neben ihrem Opfer im Dienst an Gott und Kaiser im Vordergrund. So betet Olivier, einer der Gefährten Rolands, mit seinen letzten Worten um „Segen für Karl und das süße Frankreich“, und „Roland, der Held, beweint ihn voller Klagen; mehr trauern wird kein Mensch jemals auf Erden“:

„Als Roland seinen Freund erschlagen sah,
am Boden liegend, das Gesicht nach Osten,
hob er zu klagen an, mit sanfter Stimme:
‚Zum Unheil, lieber Freund, wart Ihr so kühn!
Zusammen sind wir Jahr und Tag gewesen;
nie kränktest du mich, noch tat ich dir unrecht.
Nun da du tot bist, jammert mich mein Leben.“2

Über den Tod des Erzbischofs Turpin, der sich am Gefecht beteiligt („Ein Schuft, der hier nicht dreinhaut!“), und der zusammen mit seinen Gefährten als „kampferprobter Held“ stirbt, er heißt es:

„Tot ist Turpin, der Streiter Karls des Großen;
in schönen Predigten und großen Schlachten
stritt er zu jeder Zeit gegen die Heiden.
Gewähre Gott ihm seinen heilgen Segen! […]

Roland beklagt ihn sehr nach Landessitte:
‚Ach, edler Mann, Ritter von guter Art,
dem Herrn im Himmel heut ich dich befehle.
Nie wird ein Mann sein, der ihm lieber diente;
solch ein Prophet war nicht seit den Aposteln;
den Bund zu halten, Menschen zu bekehren.'“3

Einen Eindruck davon, wie das Werk zu seiner Zeit (wahrscheinlich zu musikalischer Begleitung mit Saiteninstrumenten) vorgetragen worden sein könnte, gibt der Mediävist Daron Burrows hier.

Laut Chaput lebe man heute in einer anderen Zeit, und gegenüber dem Islam strebe „die Kirche nach gegenseitigem Respekt, nicht nach Konflikten, wo immer das möglich ist“. Das Epos vermittele unabhängig davon jedoch eine zeitlose Botschaft, da es vor allem von Taten der christlichen Nächstenliebe erzähle. Es sei „Teil der christlichen DNA unserer Zivilisation“ und „der DNA dessen, was wir als Gläubige sind“. Roland und seine Begleiter hätten „ihre Pflicht getan und ihre Freunde geschützt, aber sie haben dabei ihr Leben gegeben“:

„Er und seine Männer sterben in dem Gedicht, weil sie ihre Pflicht ehren. Aber keine Pflicht kann das Verhalten eines Menschen gebieten, wenn sie nicht einem tieferen Bund entspringt. Ein Ehemann ist seiner Frau treu, weil das seine Pflicht ist. Seine Pflicht gründet jedoch in der Liebe, oder sie hat keine Kraft. Liebe – wirkliche Liebe – ist niemals ein Geschäft. Sie ist immer ein Bund, ein Geschenk des Selbst, ohne Vorbehalte oder Ausstiegsklauseln.

Roland und seine Kameraden kämpften, weil es ihre Pflicht war. Aber sie opferten ihr Leben, weil ihre Liebe größer war als ihre Furcht – ihre Liebe zu Gott, zu ihrem König, zu ihren Brüdern […] und zueinander. Die Wurzel des Wortes ‚opfern‘ ist bezeichnend. Es kommt von den lateinischen Worten sacrum facere: heilig machen […]. Wenn wir unser Leben einer Sache widmen, anerkennen und bekräftigen wir die Wahrheit, dass sie höher und wichtiger ist als wir selbst. Wir heiligen es – entweder mit unserem Blut oder mit unserer Zeit und der Leidenschaft unseres Herzens.“

Christen hätten die Pflicht dazu, ihren „Glauben zu leben und für die Wahrheiten, die er lehrt, zu kämpfen“, allerdings auf friedliche Weise und mit Respekt gegenüber der Würde anderer. Es gebe angesichts der Lage der Kirche und der Lage in Staaten wie den USA „Zeiten, in diesen Tagen, in denen sich jeder von uns ein bisschen wie Roland an der Mündung dieses Passes fühlen kann“. Gott könne jedoch nicht unterliegen und die Kirche könne es auch nicht, wenn Christen als ihre Söhne und Töchter an ihrer Geschichte, ihrer Identität und an ihrem Auftrag festhielten, „Gottes Wahrheit in Liebe auszusprechen“ und „die Welt im Namen Jesu Christi zu verändern“. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise in den USA erinnerte er daran, dass Christen der Nation, deren Teil sie seien, am besten dienen, in dem sie an erster Stelle Gott dienen.

Hintergrund

Chaput hat sich in seinen Texten wiederholt mit dem christlichen Rittertum auseinandergesetzt, etwa hier und hier. Außerdem hat Chaput mehrfach krisenhafte Entwicklungen in westlichen Gesellschaften behandelt, etwa hier und hier. In seinem 2017 erschienenen Buch „Strangers in a Strange Land“ hatte er sich ausführlich mit kulturellen Auflösungserscheinungen in westlichen Gesellschaften und möglichen christlichen Antworten darauf befasst. Christen müssten sich darauf einstellen, einem biblischen Bild entsprechend in diesen Gesellschaften „Fremde in einem fremden Land“ zu werden.4 Dies stelle für das Christentum jedoch keine neue Herausforderung dar. (FG1)

Quellen

  1. Charles J. Chaput: „God never loses“, firstthings.com, 21.09.2020.
  2. Rudolf Besthorn (Hrsg.): Das Rolandslied, Leipzig 1972, S. 97.
  3. Ebd., S. 104.
  4. 2 Mose 2,22.