Alexander Solschenitzyn: Das Wesen der Ehre und die Selbstbehauptung des Menschen

Christliche Heilige - Aus den Heures de Louis de Laval, 15. Jhd. (gemeinfrei)

Der russische Schriftsteller Alexander Solschenitzyn erhielt 1970 den Nobelpreis für Literatur für sein Werk „Der Archipel Gulag“, in dem er die Erfahrungen von Menschen in sowjetischen Arbeitslagern schildert. Am Beispiel von Gefangenen, die sich seelisch gegen alle Versuche behaupteten, sie zu zerbrechen, illustriert er hier das Wesen des christlichen Ehrbegriffs. Dieser versteht Ehre vor allem als die innere Qualität, die durch das tapfere Festhalten eines Menschen an den Forderungen des Gewissens unter Druck entsteht.

Die sowjetischen Lager seien darauf ausgelegt gewesen, die Seelen der Insassen zu zerstören. Im Sinne des Gedankens von Karl Marx, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, habe man materielle Bedingungen erzeugt, die Menschen dazu zwingen sollten, im Kampf ums Überleben oder aus Hoffnung auf geringfügige Erleichterung ihrer Bedingungen gegen ihr Gewissen zu handeln und andere Menschen zu verraten oder sich auf ihre Kosten Vorteile zu verschaffen. In vielen Fällen seien die Kommunisten dabei erfolgreich gewesen. Es habe jedoch Menschen gegeben, bei denen ihn dies nicht gelungen sei. Diese Menschen hätten dafür meist mit ihrem Leben bezahlt, aber seelisch überlebt. Sie hätten marxistische Ideologie und ihr Menschenbild widerlegt. Nicht das Sein bestimme das Bewusstsein, sondern vom Bewusstsein hänge es ab, ob man in Extremsituationen zum Tier werde oder sich als Mensch seelisch behaupte 1

Der Weg der Ehre sei der Weg des unbedingten Festhaltens an den Forderungen des Gewissens. Dieser Weg führe die Seele des Menschen gerade unter extremen Bedingungen aufwärts und stehe ihm auch unter den widrigsten Bedingungen offen. Ihn könnten jedoch nur diejenigen gehen, die anerkannten, dass das Überleben ihrer Seele wichtiger sei als ihr physisches Überleben. Ein Beispiel dafür unter vielen seien das Leben und das Sterben des Gefangenen Grigorij Iwanowitsch Grigorjew, der aus unbekannter Quelle die Kraft dazu gehabt habe, unter allen Umstände das von ihm geforderte Handeln gegen sein Gewissen zu verweigern und sich Vorteile auf Kosten anderer oder Erleichterungen auf Kosten seiner Würde zu verschaffen:

„Wie oft hat er das schlechtere und schwerere Los gewählt, nur um sein Gewissen nicht zu verraten! Er hat es nicht verraten. Das kann ich bezeugen. […] Das Lager kann denen nichts anhaben, die einen heilen Kern besitzen und nicht jene erbärmliche Ideologie ‚Der Mensch ist für das Glück geschaffen‘ […].

Im Lager verrotten die, deren Leben vorher durch keine sittlichen Prinzipien und keine geistige Erziehung bereichert war. […]

Im Lager verrotten die, die schon in der Freiheit von Verrottung befallen oder zu ihr bereit waren. Seelische Verrottung gibt es auch in der Freiheit, manchmal noch perfekter als im Lager. […]

Es stimmt, die seelische Zersetzung im Lager war eine Massenerscheinung. Aber nicht nur, weil die Lager schrecklich waren, auch darum, weil wir Sowjetmenschen den Boden des Archipel geistig ungewappnet betraten, längst zur Verrottung bereit, schon in der Freiheit von ihr befallen […]. […] Doch wie man leben (und sterben) muß, das zu wissen sind wir auch ohne Lager verpflichtet.“2

Grigorjew habe für das Überleben seiner Seele den Preis des physischen Todes bezahlt. Aufgrund seiner ungebrochenen Haltung habe man ihn in ein Straflager verlegt, dessen Bedingungen er nicht überlebt habe.

Solschenitzyn beschreibt in seinem Werk viele solcher Männer und Frauen, wobei häufig offen bleibt, woher diese die innere Kraft für Ihre Tapferkeit nahmen. Dies liegt vermutlich auch daran, dass sie keine Gelegenheit mehr hatten, davon zu berichten. Eine der vorgestellten Persönlichkeiten wird aber mit den Worten zitiert, dass sie die Tage, an denen sie auf ihr Todesurteil gewartet habe, als die „hellsten ihres Lebens“ erfahren habe. Es gebe „jene Ekstase, die der Seele als Lohn zuteil wird, wenn du jede Hoffnung auf mögliche Rettung von dir gewiesen und dich ganz deinem Opfergang geweiht hast“.3 Die Liebe zum Leben hingegen sei eine Schwäche, die die den Menschen egoistisch mache und es den Kommunisten ermöglicht habe, ganze Gesellschaften zu korrumpieren und durch Angst gefügig zu machen.

Hintergrund

Die von Solschenitzyn und vielen anderen Zeugen unter Extrembedingungen beobachteten exotischen Phänomene entziehen sich weitgehend psychologischen Erklärungsansätzen. Das hier sichtbar werdende Belastbarkeit unter Druck übersteigt nicht nur die Fähigkeiten des menschlichen Willens, sondern steht auch im Widerspruch zu den allen Grundannahmen materialistischer Menschenbilder. Religiöse Erklärungsansätze gehen daher davon aus, dass solche Phänomene eine übernatürliche Ursache haben können. Die Ehre bzw. die Anerkennung für das Beschriebene gebühre daher nicht Menschen. Der Mensch habe nicht die Kraft dazu, solche Lasten aus eigener Kraft zu bewältigen, aber er habe die Kraft dazu, den Willen Gottes zu bejahen. Die „große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ bzw. der Menschen, „die aus der großen Bedrängnis kommen“, erhalten den Worten des Apostels Johannes zufolge durchaus eine besondere Form der Anerkennung (wenn auch nicht in dieser Welt), aber keiner beansprucht sie für sich. Diese Menschen werden als ewige Diener beschrieben, die vor dem Thron Gottes stehen und Gott ehren, bei dem allein alle „Ehre und Macht und Stärke“ sind.4

Der ehemalige Atheist Solschenitzyn hatte sich unter dem Eindruck seiner Erfahrungen im Lager dem Christentum zugewandt. Im Lager habe er erkannt, „daß der Sinn des irdischen Daseins nicht im Wohlergehen liegt, wie wir gewohnt sind zu glauben, sondern in der Entfaltung der Seele“.5 Außerdem habe er erkannt, dass die Welt von einem gewaltigen Kampf zwischen dem Gutem und dem Bösem durchzogen werde, wobei „die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz“.6

Der jüdische Psychologe Viktor Frankl, der das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatte, beschrieb anschließend ähnliche Erfahrungen und religiöse Antworten darauf wie Solschenitzyn. Der Sinn des menschlichen Lebens bestehe offensichtlich nicht in individuellem Wohlergehen. Nur durch die Entscheidung zu Dienst und Opfer könne der Mensch unter extremen Bedingungen seelisch überleben.7

Thomas von Aquin stellte im 13. Jahrhundert dem bis dahin üblichen Ehrbegriff, für den Ehre vor allem in Anerkennung durch andere Menschen besteht, einen christlichen Ehrbegriff gegenüber. Das Festhalten am konventionellen Ehrbegriff gefährde die Ehre eines Menschen, anstatt sie zu fördern, denn eine „Gier nach Ruhm“ raube „dem Geist jede innere Größe“. Wer „die Gunst der Menschen sucht“, müsse „notwendigerweise in allem, was er sagt und tut, ihrem Willen zu Diensten sein“ werde dadurch zum Sklaven. Ein solches Streben nach Beifall zerstöre jedoch „die seelische Freiheit, an die Männer von hoher Gesinnung jede Bemühung setzen müssen“. Wer einer Sache nur diene, wenn er dafür Anerkennung durch andere Menschen erhalte, sei untauglich. Es zähle „zu den Pflichten eines jedes braven Mannes, den Ruhm wie alle anderen zeitlichen Güter wenig zu schätzen“ und es sei „die Sache eines tugendhaften und mutigen Herzens, für die Gerechtigkeit den Ruhm wie das Leben gering anzuschlagen“.8(FG1)

Quellen

  1. Alexander Solschenitzyn: Der Archipel Gulag. Folgeband – Arbeit und Ausrottung. Seele und Stacheldraht, Bern 1974, S. 602.
  2. Ebd., S. 601-603.
  3. Ebd., S. 633.
  4. Offb 7,9-17.
  5. Ebd., S. 591.
  6. Ebd., S. 593.
  7. Viktor E. Frankl: …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München 1982.
  8. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 28-30.