Hans Ulrich Gumbrecht: Das Scheitern der Intellektuellen

Arnold Boecklin - Die Toteninsel (gemeinfrei)

Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht lehrte zuletzt an der Stanford University. In einem heute erschienenen Aufsatz diagnostiziert er, dass die im Zuge der Aufklärung entstandene Institution des Intellektuellen gescheitert und „zum historischen Ende gelangt“ sei. Die Masse der Intellektuellen denke nicht mehr, sondern beschränke sich darauf, als Verstärker feststehender, nicht mehr geprüfter Meinungen und eines auf ihnen beruhenden vermeintlichen moralischen Konsenses zu wirken.1

An amerikanischen Universitäten habe dieser Typus mittlerweile „ein Regime des Meinungsterrors etabliert“:

„Wie in den jakobinischen Jahren zwischen 1792 und 1794 werden Denkmäler gestürzt, Gebäude umbenannt, Kollegen geächtet und in der Folge gefeuert, die sich nicht laut genug zu den dominierenden Tugenden bekennen (wie etwa ein Theologe am berühmten Massachusetts Institute of Technology, der seine Stelle verlor, weil er in einem Seminar darauf bestand, die Vorstrafen von George Floyd in eine Analyse der Bedingungen seines Todes einzubeziehen). […]

Längst sind die Intellektuellendiskurse tautologisch geworden. Mit unbeweglichem Ernst wiederholen sie bloss, was als harmonische Mehrheitsmeinung ohnehin feststeht: dass […] die einzigen Tugendwahrheiten den besoldeten Denkern der akademischen Linken gehören; und dass wir als entschlossene Antirassisten den Mitmenschen sämtlicher Minderheiten ein gutes Leben wünschen.

Überall sehen wir nach dem Rechten und kommentieren die Welt im Ton des besten Gewissens, was sich in einer Inflation des ‚Ethischen‘ zeigt, dem Intellektuellen-Zauberwort schon seit einigen Jahren. Doch während es bisher vor allem verwendet wurde, um feststehenden eigenen Meinungen eine Aura unwiderstehlicher Überlegenheit zu verleihen, stellen wir nun auch die Politiker in seinen Glanz.“

Der Typus des Intellektuellen habe schon zuvor dazu geneigt, einen „Gestus des unversöhnlich ‚kritischen Denkers‘“ zu pflegen, dem es mehr um die revolutionäre Pose als um den Inhalt geht. Zum Scheitern des Intellektuellen habe ferner beigetragen, dass Universitäten in den vergangenen Jahrzehnten „von Elite-Institutionen der Wahrheitssuche zur Normalstufe vielfältiger Berufsausbildungen geworden“ seien. Universitäten seien nicht mehr darauf ausgelegt, Denker hervorzubringen. Zudem würden die Minderheiten, zu deren Fürsprechern Intellektuelle sich gerne erklärten, keine Fürsprecher brauchen, sondern „praxisorientierte Denker mit unmittelbarer Erfahrung“, die zur Lösung tatsächlicher Probleme fähig seien. Man werde den Intellektuellen daher nicht vermissen.

Hintergrund

Vor einigen Wochen hatte Gumbrecht am Beispiel der sogenannten „Postcolonial Studies“ die fortschreitende Zerstörung der Geistes- und Sozialwissenschaften durch die zunehmende Durchdringung der entsprechenden Disziplinen durch postmoderne Ideologie kritisiert. Analytisches Denken sei hier weitgehend von politischem Aktivismus verdrängt worden. Er habe die destruktive Wirkung dieser Entwicklung in den Literaturwissenschaften beobachten können:

„Mit der Hermeneutik war erstens – fern von allem neuen Inhalten – eine Perspektive der Textauslegung in den Vordergrund getreten, der es mehr um Einstellungen und Absichten hinter den Texten ging als um deren Wörtlichkeit. Dies beflügelte zweitens die Auffassung von Wirklichkeits-Bildern als ’sozialen Konstruktionen‘ auf der Grundlage solcher Absichten, was drittens zu dem Habitus führte, ‚Fakten‘ als Produkte eines naiven Glauben an Konstruktionen von Wirklichkeit zu entlarven. Als der philosophischen Wahrheit vermeintlich letzter Schluss gab viertens die rationalitätskritische Attitude der Dekonstruktion diesem Entsubstantialisierungs-Schub ihren Segen. An die Stelle von Faktengenauigkeit konnte so fünftens eine Empathie mit den Opfern der Geschichte als Imperativ der Wissenschaft treten. Und unter der seit dem achtzehnten Jahrhundert gepflegten und in ihrem Einfluss gewachsenen Prämisse, dass moralisches Recht immer auf der Seite der Schwächeren liege, wurde schließlich aus Empathie ethische Selbstgewissheit.“

Dieser Zerstörungsprozess sei nicht mehr auf aktivistische Fächer wie die „Postcolonial Studies“ beschränkt, weshalb sich die Frage stelle, „ob denn nicht alle Geisteswissenschaften von solcher Dekadenz bedroht sind“.2

Quellen

  1. Hans Ulrich Gumbrecht: „Die Debatte läuft sich tot“, Neue Zürcher Zeitung, 08.08.2020.
  2. Hans Ulrich Gumbrecht: „Das Ende der Postkolonialisten“, welt.de, 29.05.2020.