Carl Amery: Die Notwendigkeit christlich-konservativer Kulturkritik

Darstellung der Erde aus dem 15. Jhd. (gemeinfrei)

Der Schriftsteller Carl Amery (1922-2005) war Mitglied der „Gruppe 47″, gehörte zu den Vordenkern der Umweltbewegung und setzte sich vor allem mit der Frage auseinander, ob und wie die Katastrophen, auf denen die spät- und postmoderne Welt zusteuert, aufgehalten werden können. In einem 1983 entstandenen Aufsatz bedauerte das weitgehende Verschwinden des „alten, metaphysisch orientierten christlichen Konservativismus“ in Deutschland. Dessen weitsichtige Kulturkritik werde zur Abwehr der sich abzeichnenden „Homogenisierung der Welt“ durch eine materialistische Technokratie dringend gebraucht.1

  • Im 19. Jahrhundert habe sich in Deutschland und anderen europäischen Staaten ein christlicher „Bildungs-Konservativismus“ herausgebildet, dessen Kulturkritik und Analyse gesellschaftlicher Fehlentwicklungen sehr weitsichtig gewesen sei. Diese Kritik, etwa an der „Homogenisierung der Welt“ und ihrer „Auslieferung an eine materielle, industrielle, kulturelle Technokratie mit bioziden, ethnoziden, omniziden Folgen“, sei heute noch aktueller als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung.2
  • Dieser Konservatismus habe sich habe sich auf ein kulturelles und religiöses Fundament gestützt, das Amery als „die alte Religion“ bezeichnete, weil ihre Wurzeln in „vorgeschichtliche Tiefen zurück“ reichten. Insbesondere der Katholizismus sei bis in seine „Tiefenschichten“ durch die Assimilation von sehr alten metaphysischen Erkenntnissen geprägt, die er tief in das „Psychogramm vieler Generationen eingeschrieben“ habe, was bis in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus hinein Wirkung entfaltet habe.3
  • Der „alte, gebildete christlich-katholische Konservativismus“ sei durch den Nationalsozialismus schwer geschädigt worden, habe sein „Todesschicksal“ aber erst in der Nachkriegszeit erfahren. Eine geistig unfundierte aber mächtige „Koalition des Geldes, der Technik und der Profitwirtschaft“ und der von ihr geschaffene technokratische Neo-Konservatismus hätten den alten Konservatismus schrittweise verdrängt. Dieser Prozess habe einen Bruch in der deutschen Geistesgeschichte geschaffen, dessen Tragweite noch nicht hinreichend erkannt werde.4

In der Zeit zwischen Kriegsende und Anfang der 1960 Jahre habe der traditionelle Konservatismus noch „eine Abendröte von bewegender Intensität“ durchlaufen und Projekte wie die Zeitschriften „Neues Abendland“ und „Das Labyrinth“ hervorgebracht, sich dann aber in kaum noch sichtbare Subkulturen zurückgezogen.

Der „Konservativismus alter, kulturkritischer Art“ werde aufgrund der ungebrochenen Bedeutung seiner Kulturkritik jedoch dringend gebraucht und müsse „wieder in die deutsche Diskussion oder den deutschen Kontext eingebracht werden“. Amery, der sich als Gründungsmitglied in der Partei „Die Grünen“ engagierte und deren Verengung auf „links-sozialistische Perspektiven“ kritisierte, suchte damals nach einem „Weg in die Zukunft, der zugleich ein Weg der Erhellung der Vergangenheit ist“, und an dem „die Erben der alten großen Kulturkritik“ mitwirken bzw. den sie stärker prägen sollten.5 Diese Hoffnung Amerys erfüllte sich bekanntlich nicht.

Hintergrund

Amery hatte 1972 das Christentum scharf angegriffen, weil es „den gegenwärtigen Krisenzustand der Welt verursacht“ habe. Christen seien „Fachleute für die Ausbeutung der Welt“. Die „Leitvorstellungen der judäisch-christlichen Tradition“ seien in Bezug auf die natürliche Umwelt falsch, weil sie von einer herausgehobenen Rolle des Menschen ausgingen.6 Offenbar führte die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema bei Amery zu einem Umdenken.

Die von Amery geschätzte Skepsis gegenüber Fortschrittsideologien wird heute verbreitet als Ausdruck eines gefährlichen „Kulturpessimismus“ dargestellt, der den Erfolg utopischer Ideologien bedrohe, indem er sie in Frage stelle und den Glauben an sie durch „Schwarzmalerei und Hetze“ untergrabe.

Die christlichen Ursprünge des Umwelt- und Heimatschutzgedankens im 19. Jahrhundert haben wir hier näher beschrieben. Das ganzheitliche, auf den Schutz aller Lebensgrundlagen des Menschen ausgerichtete christlich-konservative Ökologieverständnis, das sich deutlich von den gegenwärtig vorherrschenden utopischen Umweltideologien unterscheidet, haben wir hier vorgestellt.

Die von Amery angeregte Analyse der von ihm beschriebenen ideologischen Überformung des Konservatismus in Deutschland durch materialistische Ideologien hat der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher vor kurzem unter dem Titel „Geistig-moralische Wende – Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus“ vorgelegt. Unsere Rezension des Werkes findet sich hier. (FG3)

Quellen

  1. Carl Amery: „Das Schicksal des deutschen Konservativismus und die neuen sozialen Bewegungen“, in: Ders.: Bileams Esel. Konservative Aufsätze, München 1991, S. 30-49.
  2. Ebd., S. 44.
  3. Ebd., S. 34.
  4. Ebd., S. 35-36.
  5. Ebd., S. 46 ff.
  6. Carl Amery: Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, Reinbek 1972, S. 191, 29.