Werner von Trott zu Solz: Ansätze des christlichen Kampfes gegen den Totalitarismus

Ridolfo di Arpo Guariento - Das Heer der Engel (gemeinfrei)

Werner von Trott zu Solz (1902–1965) war im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv. In seinem 1958 erschienenen Werk „Widerstand heute“ beschrieb er mögliche christliche Ansätze des Kampfes gegen totalitäre Ideologien und Systeme. Dabei griff er auf die Erfahrungen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus zurück. Er entwarf auf dieser Grundlage Antworten auf den von ihm erwarteten Fall, dass es totalitären Kräften erneut gelänge, politische Macht in westlichen Gesellschaften zu erlangen.1

Christen hätten den Auftrag dazu, dem Bösen in der Welt durch Taten zu begegnen. Sie seien zum Kampf berufen. Flucht dürfe für Christen, denen es immer um den Dienst am Nächsten gehen müsse, keine Option sein. In der Vergangenheit seien christliche Orden der Träger dieses Kampfes gewesen. Wo es totalitären Kräften gelinge, politische Macht zu erlangen, sei dieser Kampf noch nicht verloren, solange er in Form von Subversion fortgesetzt werde.

In der Gegenwart könne die Funktion der „Orden alter Ordnung“ durch Männerbünde und Familien geleistet werden, die „in der gegenwärtigen Situation wohl geeignet sind, das klösterliche Hinterland abzugeben, auf dem der Angriff gegen die moderne Gesellschaft vorbereitet“ wird.2

Widerstand und Subversion als christliche Aufträge im totalitären Staat

Christen hätten unter allen Umständen den Auftrag, „dem Unheil entgegenzutreten“3 und eine materialistische oder totalitäre Gesellschaft in „eine freie, in eine christliche Gesellschaft zu verwandeln“.4 Die Behauptung, dass das Christentum eine Privatangelegenheit sei, stelle eine Lüge dar. Christen seien nur dann echt, wenn sie verwandelnd in die Welt hineinwirkten.

Entscheidungen über den Bestand des Gemeinwesens würden im öffentlichen und politischen Raum getroffen werden. Die Träger des christlich-abendländischen Erbes müssten gerade in schwierigen Zeiten in diesem Raum agieren, um dem Gemeinwohl zu dienen und ihren Auftrag als Christen zu erfüllen. Unter den Bedingungen totalitärer Herrschaft könne dies nur auf subversive Weise bzw. durch „geheimnisvolle Unterwanderung“ geschehen. Christen müssten dazu in die Strukturen und Eliten des totalitären Staates eindringen, was ein gewisses Maß an äußerer Anpassung an diese5 bzw. eine „Politik der Tarnung“6 erfordere. Solche Kompromisse sowie „eine gewisse Sicherung und Rechtfertigung unserer gesellschaftlichen Existenz“ könnten auch problematische Folgen haben, da man dadurch „scheinbar des Feindes Geschäfte erledigt“.7 Nur aus dieser Position heraus sei aber eine Verwandlung totalitärer Gesellschaften von innen heraus möglich.

Der Widerstand als sakramentale Gemeinschaft

Eine „Ordnung der Freiheit“ könne für Christen nur als sakramentale, also auf dem Dienst und Opfer Christi beruhende Ordnung gedacht werden, die aus „Gemeinschaften der Heiligen“ bzw. aus „Opfergemeinschaften“ bestehe. Diese sakramentale Ordnung sei das Gegenteil totalitärer Ordnung, die sich auf materialistische Ideologien stützt, in denen „die Materie und die Maschine unmittelbar vergötzt werden“.

Die sakramentale Ordnung entstehe um jene herum, die das Opfer Christi mitvollzögen. Im Zentrum dieser Ordnung stehe daher die Heilige Messe. Diese sei „keine individualistische und keine private Handlung“, sondern die Quelle und Wurzel freien Lebens inmitten einer feindlichen Welt. Die Heilige Messe beinhalte die Forderung nach dem totalen Opfer des eigenen Lebens und der eigenen Existenz in der dienenden Nachfolge Christi. Erst durch die Gemeinschaft mit Christus und die Befreiung aus jeglicher weltlicher Abhängigkeit werde der Mensch dazu befähigt, den Kampf mit dem „Dämon der Zwangsordnung“ aus einer Position der Stärke heraus aufzunehmen.

Heilige seien die einzigen freien Menschen. Indem sie ihr Leben im Elementaren und Absoluten verwurzelten und sich bedingungslos in den Dienst Christi stellten, seien sie zu allen Zeiten „von den widrigsten Umständen unabhängig“ gewesen. Durch den „Vollzug der Meßhandlung“ trete der Christ als freier Mann „rückhaltlos und mit der ganzen Existenz“ in die Gefolgschaft Christi ein. Er trage sein Schwert nicht mehr zur Durchsetzung des Bösen oder seiner eigenen Interessen, sondern „als Bürde, zum Schutz der Schwachen“.8

Christliche Bünde als Träger des Widerstands

Von Freundschaft getragene christliche Bünde seien ein Beispiel für sakramentale Opfergemeinschaften und wesentliche Akteure des christlichen Kampfes gegen den Totalitarismus. Der Autor verweist darauf, dass auch der militärische Widerstand gegen den Nationalsozialismus bündisch organisiert und von traditionsgemäßer Zusammengehörigkeit sowie von Freundschaft und soldatischer Kameradschaft getragen worden sei.9

  • Der „Freundesbund“ sei ein Bund, der „gemeinsam aus dieser Welt zurücktritt, sich ihr gegenüberstellt, sich im Gegensatz zu ihr zusammenfindet, weil man in diese Welt hinein will, nicht um sich ihr zu fügen, sondern um sie von Grund aus zu wandeln“. Ein solcher Bund sei seinem Wesen nach eine religiöse Gemeinschaft.10 Die „klösterlichen Hinterlande des Freundschaftsbunds“ brächten die handelnden Elemente des Widerstands hervor.11
  • Dieser Bund beruhe auf bedingungsloser „Rückhaltlosigkeit, in der sich die Menschen ohne Rückversicherung einander anheimgeben“. Seine Mitglieder müssten einander vollständig vertrauen, da sie bereits ein verratenes Wort das Leben kosten könne. Man „muß man sich zuerst persönlich begegnet sein, muß man sich zuerst im Privaten gemeinsam der Gefährlichkeit und Ausgesetztheit unserer Lage gestellt haben, muß zuerst im persönlich-verbindlichen Zusammenleben eine ursprüngliche Unabhängigkeit gegenüber dem öffentlichen Räsonnement erreicht“ haben.12
  • Die Mitglieder christlicher Bünde müssten vor allem auch dazu bereit sein, ihr eigenes Leben zu opfern. Es gehe dem Bund und seinen Mitgliedern nicht um Selbstbehauptung, sondern um Dienst an Gott und am Nächsten. Wer seinem eigenen Leben absoluten Wert zuweise und nichts kenne, das größer ist als er selbst, sei für die Mitwirkung in einem solchen Bund untauglich.13

Vor allem junge Erwachsene bräuchten die Unterstützung einer Gemeinschaft, „die sich der zentralen Aufgaben annimmt, die in der Universität und in der beruflichen Lehre nicht erfüllt werden“, nämlich die „Gegenbewegung der Jugend in einer tiefgreifenden und objektiven Tradition zu verwurzeln“. Solche Gemeinschaften könnten es ihnen ermöglichen, sich im totalitären Staat zu entwickeln ohne innerlich gebrochen zu werden und ins Berufsleben einzutreten und hier zu wirken, ohne „ein Opfer der Tagesmeinung und des allgemeinen Geredes“ zu werden.

Eine weitere Aufgabe solcher Gemeinschaften sei die „Zusammenführung der Jugend“ und die „Sammlung […] der echten Rebellen und Außenseiter der Gesellschaft und auch der Kirchen“. Sie müssten dazu eine Auswahl unter den Menschen treffen, in denen „eine ursprüngliche Bewegung“ vorhanden sei. Diese müssten gesammelt, zusammengeführt und eine geistig-weltanschauliche Formung erhalten. Nur wer zuverlässig „in der großen Tradition verwurzelt“ sei, könne „das schwere Werk“ des Kampfes gegen den Totalitarismus aufnehmen.14

Ein Beispiel für sakramentale bündische Opfergemeinschaften seien jene benediktinischen Orden gewesen, die auf der Grundlage der Cluniazensischen Reform im Mittelalter agierten. Die Mönche dieser Orden seien überwiegend aus dem Hochadel gekommen, aber durch ihr Opfer frei von weltlichen Anliegen  und bereit zum „Angriff gegen die christlichen Unterdrücker der Schwachen“ geworden. Sie hätten innerhalb nur weniger Jahrzehnte „die Kommandohöhen der Gesellschaft in die Hand bekommen und sie ein ganzes Jahrhundert gehalten“, was über viele weitere Jahrhunderte hinweg nachwirkte.15

Die Familie als Schule des Widerstands

Die Mitglieder der Bünde würden in christlichen Familien geprägt. Die Familie „ragt […] wie ein Rudiment aus versunkener Zeit und wie ein Fremdkörper in diese ihr von Grund auf feindliche Maschinenwelt“ des Totalitarismus. Sie sei die „Einübungsstätte eines persönlichen Einbruchs in die Welt“, der nur dann gelingen könne, „wenn sie ihre Glieder vorbereitet, der modernen Gesellschaft nicht zum Opfer zu fallen, sondern sich für ihre Wandlung aufzuopfern“.

Kinder seien im totalitären Staat besonders großem Anpassungsdruck ausgesetzt. Dieser versuche, sie an Schulen im Sinne seiner Weltanschauung zu formen und von ihren Familien zu entfremden. Um dies zu verhindern, benötigten Kinder nicht nur den Rückhalt ihrer Familie, sondern vor allem auch Freunde, die sie unterstützen. Besonders schwierig sei die Lage für Kinder, deren Eltern nicht auf gefestigte Weise Teil der christlich-abendländischen Tradition seien. Hier „wird es die Aufgabe der wirklichen Familie sein, eine geheime Patenschaft für die Freunde ihrer Kinder zu übernehmen“.16

Warnung vor totalitären Tendenzen in modernen Ideologien

Das gemeinsame Element totalitärer Ideologien sei ihr Materialismus. Am Beispiel des Nationalsozialismus könne man besonders deutlich erkennen, was geschehe, wenn die „entwurzelte Masse regiert“ und ein Staat „nur von Massensehnsüchten getragen“ wird.17 Nationalsozialismus und Kommunismus seien jedoch nicht die einzigen Ideologien mit totalitärem Potenzial, da alle modernen Ideologien ihrem Wesen nach materialistisch seien.

Auch die im Westeuropa der Nachkriegszeit vorherrschenden Ideologien seien im Kern materialistisch, weshalb sie in Zukunft eine totalitäre Richtung einschlagen würden. Diese Ideologien seien besonders gefährlich, weil ihre totalitären Tendenzen zunächst nicht direkt sichtbar seien. Unter kommunistischer Herrschaft könne es keine Illusionen darüber geben, womit man es zu tun habe. Die „Ideologien des Westens“ hingegen seien „wie ein Narkotikum“, das den „Prozeß der Entmenschlichung“ und der materialistischen Zerstörung von Kultur und Gesellschaft erträglich erscheinen ließe. In höchstem Maße gefährlich würden diese Ideologien, wo sie sich mit christlichen Elementen tarnten.18

Werner von Trott zu Solz übte scharfe Kritik an der deutschen Gesellschaft der 1950er Jahre, die er als „Schwindelunternehmen“19 bezeichnete, weil sie sich vorgemacht habe, christlich fundiert zu sein, in Wahrheit aber in höchstem Maße materialistisch gewesen sei. Die „natürlichen Ordnungen“, die auf dem christlich-abendländischen Erbe beruhen, würden „sich in rapider Auflösung befinden“. Sie seien „in unaufhaltsamem Verfall begriffen“ und würden zunehmend einer „widernatürlichen Maschinenwelt“ weichen.20 Er warnte, dass die verbliebene christliche Fassade eines Tages fallen werde. Die materialistische Masse würde in Christen dann „ihre schlimmsten Feinde wittern, die ihr die Befriedigung ihrer Bedürfnisse versagen“, und sich gegen sie und die Restbestände an christlicher Ordnung und Kultur wenden. Wenn die „Gattungstriebe über den Menschen Macht gewonnen haben“, würden westliche Gesellschaften erneut in eine totalitäre Phase eintreten und eine Zeit der Herrschaft der „ordinären Werte“ anbrechen.21 Im „feindlichen Medium dieser produzierenden und konsumierenden Gesellschaft“22 würden die Träger der christlichen „Ordnung der Freiheit“ dann „gegen die Ordnung des ‚letzten Menschen‘“ Widerstand leisten müssen.23

Hintergrund

Der Autor des beschriebenen Textes war der älteste Sohn des letzten königlich-preußischen Kultusministers August von Trott von Solz und einer der Brüder des bekannteren Widerstandskämpfers Adam von Trott zu Solz. Während der NS-Herrschaft wirkte er als Verbindungsmann zwischen den verschiedenen Widerstandsgruppen und wurde 1942 Katholik. Nach dem Krieg gründete er mit der „Gesellschaft Imshausen“ laut Fritz Raddatz einen Kreis von Männern „aus bester deutscher Tradition“, der ehemalige Widerstandskämpfer verschiedenster weltanschaulicher Hintergründe umfasste. Laut dem mit ihm befreundeten Schriftsteller Heinrich Böll habe eine durch von Trott zusammen mit Geistlichen der beiden großen Konfessionen verfasste Denkschrift „die Tradition des Widerstands als Angebot für eine neue Ordnung“ wiedergegeben. Dort hieß es unter anderem:

„Der Angriff des Nazismus war zentral gegen die Werte der abendländisch-christlichen Tradition gerichtet. Ihm konnte darum schließlich nur widerstehen, wer an diesen unerbittlich festhielt. Solche Menschen fanden sich in allen parteipolitischen Lagern, auch bei den Kommunisten. Zwischen diesen entwickelte sich eine unsichtbare, in Konzentrationslagern, in Verfolgungen, aber auch in den ständigen Gefahren, denen jeder aufrechte Mann tagtäglich ausgesetzt war, erprobte Gemeinschaft… Wenn die politische Neuordnung unseres Volkes nicht von solchen Männern geführt wird, kann sie von keiner eingreifenden Wirkung sein, zu keiner sittlichen Wiedergeburt führen. Denn dieses Volk ist bis in das Mark seiner sittlichen Natur erkrankt.“

Raddatz zufolge sei die geistige Offenheit der Gesellschaft, in der Konservative ebenso vertreten waren seien wie Liberale, Sozialdemokratien und Kommunisten, anfänglich beispiellos gewesen. Die Gesellschaft suchte nach Ansätzen für die Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg, zur Neubegründung nationaler Identität und zur Wiederherstellung der deutschen Einheit. Außerdem habe sie die demokratischen Eliten bilden wollen, die der neue Staat benötigte.

Dem katholischen Publizisten Walter Dirks zufolge habe eine „Front gegen das Bürgertum, gegen die Bürgerlichkeit“ das verbindende Element der Gesellschaft dargestellt. Für sie sei die „eigentliche Gegenwelt“ die „bürgerliche Welt“ gewesen, aus der man „rückwärts in Richtung Mittelalter und verschworene Gemeinschaft aristokratisch zurückging und in die sozialistische Zukunft hinein“.

Das Vorhaben sei laut Dirks vor allem daran gescheitert, dass die „Kommunisten, die stets nur solche Kräfte als ‚Antifaschisten‘ anerkannten, die sich ihnen unterordneten“, Christen “keiner ernsthaften Diskussion gewürdigt“ und „nur nach nützlichen Idioten für ihre ‚Bündnispolitik‘ Ausschau gehalten“ hätten.24

Hinweis: Dieser Beitrag wurde am 16.07.2020 auf der Grundlage von Hinweisen einer Zeitzeugin, die Werner von Trott zu Solz persönlich kannte, überarbeitet.

Quellen

  1. Werner von Trott zu Solz: Widerstand heute, Düsseldorf 1958.
  2. Ebd., S. 19.
  3. Ebd. S. 26.
  4. Ebd., S. 15.
  5. Ebd., S. 33-34.
  6. Ebd., S. 30.
  7. Ebd., S. 24-26.
  8. Ebd., S. 10-17.
  9. Ebd., S. 21.
  10. Ebd., S. 19.
  11. Ebd., S. 26.
  12. Ebd., S. 33.
  13. Ebd., S. 25.
  14. Ebd., S. 32-33.
  15. Ebd., S. 17.
  16. Ebd. S. 27-31.
  17. Ebd., S. 12 f.
  18. Ebd., S. 36.
  19. Ebd., S. 22.
  20. Ebd., S. 21.
  21. Ebd., S. 37.
  22. Ebd., S. 15.
  23. Ebd., S. 24 f.
  24. Fritz J. Raddatz: „Die Gesellschaft Imshausen: Synthese zwischen Westen und Osten“, Die Zeit, 06.09.1991.

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