Stefan Zweig: Der Fall der Hagia Sophia als Warnung an Europa

Iwan Aiwasowski - Ansicht Konstantinopels (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die geplante Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul (dem ehemaligen Konstantinopel) in eine Moschee unterstreicht, dass sich die islamistische Regierung der Türkei zunehmend als Gegner Europas versteht. Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) hatte die symbolische Bedeutung der Eroberung der Kirche durch die Osmanen im Jahre 1453 in seinem Band „Sternstunden der Menschheit“ beschrieben. Den Fall Konstantinopels deutete er als historische Warnung an Europa, dem das gleiche Schicksal drohe, wenn es ihm an Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft gegenüber den radikalen Strömungen im Islam mangele, die es seit über 1400 Jahren bedrohen.1

Hintergrund

Die Hagia Sophia war ein Jahrtausend lang die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser und gehört zu bis heute zu den wichtigsten Bauwerken des christlichen Kulturerbes. Die Kathedrale wurde im Zuge der Vernichtung des Byzantinischen Reiches durch die Osmanen 1453 unter Mehmed II. in eine Moschee umgewandelt. Während der Herrschaft Atatürks wurde sie 1934 zu einem Museum.

  • Der Fall Konstantinopels sowie die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee gelten für Islamisten als Symbole für den Sieg des Islam über das Christentum. Viele türkische Moscheen in Europa sind daher nach Mehmed II. bzw. nach dessen Beinamen „Fatih“ („Der Eroberer“) benannt.
  • Der im sunnitischen Islam weltweit sehr einflussreiche und auch bei Islamverbänden in Deutschland positiv angesehene islamische Rechtsgelehrte und Prediger Yusuf al-Qaradawi kündigte unter Bezugnahme auf dieses Motiv an, dass der Islam als „Eroberer und Sieger“ nach Europa zurückkehren werde. Nach Konstantinopel müsse auch Rom fallen.

Mit ihrer aktuellen Entscheidung knüpft die türkische Regierung somit an ein wichtiges islamistisches Propagandamotiv an, was von ihren Anhängern auch dementsprechend verstanden wird. Regierungsnahe türkische Medien begrüßten die Maßnahme daher als bedeutenden Schritt im islamischen Kampf gegen „Kreuzfahrer“, was in der islamistischen Propagandasprache ein Synonym für Christen ist.

Die schützenden Mauern Konstantinopels

Während Europa in der Erzählung Zweigs gleichgültig gegenüber der Gefahr ist, dass die „Hagia Sophia, die herrlichste Kirche des Abendlandes, in Gefahr schwebt, eine Moschee des Unglaubens zu werden“ und „noch immer nicht die Gefahr für die Kultur des Abendlandes“2 erkennt, bewahren nur seine Mauern Byzanz vorläufig noch vor dem Untergang. Diese Mauern, die „von jedem Kaiser der tausend Jahre abermals ergänzt und erneuert“ wurden, schützen die Stadt nicht nur vor „dem zügellosen Ansturm der Barbarenhorden und den Kriegsscharen der Türken“, sondern sind auch ein Symbol für seine Kultur.3

Die Worte Zweigs stellen zugleich auch eine Anklage gegen utopische Ideologien dar, die Mauern und Grenzen als mutmaßliche Ursache von Unfrieden und Ungleichheit ablehnen und durch ihre Abschaffung eine bessere Welt zu schaffen glauben. Zweig hingegen bejaht Mauern bzw. verteidigte Grenzen: Keine Stadt Europas sei „fester und besser geschirmt“ gewesen „als Konstantinopel durch die Theodosische Mauer“. Der von Zweig wiedergegebenen historischen Überlieferung nach fiel Konstantinopel, weil seine Mauer eine Lücke hatte bzw. weil es zu offen und zu wenig wachsam war. Seine Verteidiger vergaßen demnach, eines seiner Tore, die Kerkaporta, zu bewachen. Eine Neigung zum Pazifismus, die Zweig nachgesagt wird, ist zumindest in dieser Erzählung nicht zu erkennen.

Der Überlebenskampf einer sterbenden Kultur

Zweig schildert die letzten Tage von Konstantinopel als den Überlebenskampf einer sterbenden Kultur, die noch einmal alle Mittel mobilisiert, über die sie verfügt:

„Damit allen gewärtig sei, was ihnen zu verteidigen obliege: der Glaube, die große Vergangenheit, die gemeinsame Kultur, ordnet der Basileus eine ergreifende Zeremonie an. Auf seinen Befehl sammelt sich das ganze Volk, Orthodoxe und Katholiken, Priester und Laien, Kinder und Greise, zu einer einzigen Prozession. […] Nicht kann er zwar wie Mahomet ihnen unermeßliche Beute versprechen. Aber die Ehre schildert er ihnen, die sie für die Christenheit und die ganze abendländische Welt erwerben, wenn sie diesen letzten entscheidenden Ansturm abwehren, und die Gefahr, wenn sie den Mordbrennern erliegen: Mahomet und Konstantin, beide wissen sie: dieser Tag entscheidet auf Jahrhunderte Geschichte.“4

Für das zu schwach gewordene und von Europa im Stich gelassene Konstantinopel gibt es jedoch keine Rettung mehr, sondern nur eine „unvergeßliche Ekstase des Unterganges“.  In Hagia Sophia ertönt „die ewige Stimme des Abendlandes“ in Form der Chöre der Gläubigen am Vorabend seiner Niederlage daher für viele Jahrhunderte zum letzten Mal.5

Erst rund fünfhundert Jahre später sollte es einem Priester in Begleitung einer Gruppe griechischer Soldaten noch einmal gelingen, die griechisch-orthodoxe Liturgie in der Kirche zu feiern. Der Bericht über dieses Ereignis könnte auch einem Roman Jean Raspails entsprungen sein.

Der Fall der Hagia Sophia als Warnung an Europa

Während der Fall Konstantinopels im kollektiven Gedächtnis Europas kaum noch eine Rolle spielt, gilt dieses Ereignis im islamischen Kulturraum verbreitet als Symbol für den Sieg des Islam über das Christentum. Zweig betonte diesen Aspekt in seiner Erzählung:

„Erst am Nachmittag des großen Sieges, da die Schlächterei schon beendet ist, zieht Mahomet in die eroberte Stadt ein. Stolz und ernst reitet er auf seinem prächtigen Roß vorbei an den wilden Szenen der Plünderung, ohne den Blick zu wenden, getreu bleibt er seinem Wort, den Soldaten, die ihm den Sieg gewonnen, ihr fürchterliches Geschäft nicht zu stören. Sein erster Weg aber gilt nicht dem Gewinn, denn er hat alles gewonnen, stolz reitet er hin zur Kathedrale, dem strahlenden Haupt von Byzanz. Mehr als fünfzig Tage hat er von seinen Zelten zu der schimmernd unerreichbaren Kuppel dieser Hagia Sophia sehnsüchtig hingeblickt; nun darf er als Sieger ihre bronzene Tür durchschreiten. […] Und nun […] richtet der Sultan sich hoch auf und betritt, der erste Diener Allahs, die Kathedrale Justinians, die Kirche der heiligen Weisheit, die Kirche Hagia Sophia. […] Sofort läßt er einen Imam holen, der die Kanzel besteigt und von dort das mohammedanische Bekenntnis verkündet, während der Padischah, das Antlitz gegen Mekka gewendet, das erste Gebet zu Allah, dem Herrscher der Welten, in diesem christlichen Dome spricht. Am nächsten Tage schon erhalten die Werkleute den Auftrag, alle Zeichen des früheren Glaubens zu entfernen; weggerissen werden die Altäre, übertüncht die frommen Mosaiken, und das hocherhobene Kreuz von Hagia Sophia, das tausend Jahre seine Arme entbreitet, um alles Leid der Erde zu umfassen, stürzt dumpf polternd zu Boden.“

Zweig deutet dieses Ereignis als Warnung an Europa:

„Laut hallt der steinerne Ton durch die Kirche und weit über sie hinaus. Denn von diesem Sturze erbebt das ganze Abendland. Schreckhaft hallt die Nachricht wider in Rom, in Genua, in Venedig, wie ein warnender Donner rollt sie nach Frankreich, nach Deutschland hinüber, und schauernd erkennt Europa, daß dank seiner dumpfen Gleichgültigkeit durch die verhängnisvolle, vergessene Tür, die Kerkaporta, eine schicksalhaft zerstörende Gewalt hereingebrochen ist, die jahrhundertelang seine Kräfte binden und lahmen wird.“

Die „Idee Europas, der Sinn des Abendlandes“ hätte in dieser Lage die „höchste Zusammenfassung aller geeinten Kräfte zum Schutze der europäischen Kultur“ erfordert. Wenn eine „geeinte Christenheit dieses letzte und schon zerfallende Bollwerk im Osten beschirmt“ hätte, dann hätte „die Hagia Sophia weiterhin eine Basilika des Glaubens bleiben“ können. Byzanz sei „für Europa ein Symbol seiner Ehre“ gewesen, die es verloren habe, als es die Stadt im Stich ließ. Für die Christen Konstantinopels aber bedeutete dieses Versagen Tod, Schändung und Sklaverei.

Der Fall Konstantinopels wirkt bis in die Gegenwart nach und die radikalen Kräfte im Islam, die für dieses Ereignis verantwortlich waren, setzen seit einigen Jahren erneut dazu an, Europa zu bedrohen. Auf relevante Reaktionen stößt dies bislang nicht. Zweig wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass „Bedauern einen verlorenen Augenblick nicht mehr wieder“ bringen könne und tausend Jahre nicht zurück gewinnen könnten, „was eine einzige Stunde versäumt“.6 (FG5)

Nachtrag (26.07.2020): Ali Erbaş, der Leiter der türkischen Religionsbehörde Diyanet, knüpfte bei seinen Auftritt während des ersten islamischen Freitagsgebets, das auf Grundlage der aktuellen Entscheidung in der Kirche durchgeführt wurde, an die von Zweig beschriebene antichristliche Symbolik an. Während einer Predigte trug er ein osmanisches Schwert und erklärte im Anschluss, dass er damit zum Ausdruck bringen wollte, dass Moscheen Symbole der Eroberung von Gebieten durch den Islam seien.

Quellen

  1. Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit, Frankfurt am Main 1998, S. 32-58.
  2. Ebd., S. 47-48.
  3. Ebd., S. 37-38.
  4. Ebd., S. 52.
  5. Ebd., S. 53.
  6. Ebd., S. 57-58.