Michael Bröning: Globale Konzerne als kulturrevolutionäre Akteure

Pieter Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Michael Bröning ist Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung. In einem aktuellen Aufsatz analysiert er die Gründe für die Unterstützung der laufenden Welle von kulturrevolutionärem Aktivismus durch multinationale Konzerne. Diese würden verstärkt versuchen, sich „als moralisch gute Instanzen in Szene zu setzen“, indem sie jene politischen Anliegen unterstützten, die bei den konsumfreudigen Anhängern radikaler linksliberaler Ideologien populär seien.1

Der „identitätspolitisch aufgeladene Aktivismus“ scheine „mit den Parametern kapitalistischer Wertschöpfung selbst und mit emblematischem Markenfetischismus kein grundsätzliches Problem mehr zu haben“.

  • Ein wesentlicher Grund dafür sei, dass „Millennials und die nachfolgende Generation Z“, welche die Träger von identitätspolitischem Aktivismus seien, „mittlerweile für einen Großteil der weltweiten Konsumausgaben verantwortlich“ seien.
  • Das Konsumverhalten dieser Gruppe sei von „ethisch aufgeladenen Kaufentscheidungen“ geprägt. Moralisches Verhalten werde an Unternehmen delegiert. Zwei Drittel der amerikanischen Millennials machten „ihren Konsum bewusst von den repräsentierten Werten der Hersteller abhängig“. In der Generation Y liege dieser Anteil sogar deutlich über 90 Prozent.

Es handele sich dabei um ein „rein symbolhaftes Virtue Signaling“. Manch ein „rhetorisch besonders engagierter Konzern“ zahle „nicht einmal angemessene Steuersätze“.

Hintergrund und Bewertung

Durch „purpose-driven branding“ versuchen Unternehmen, eine Verbindung zwischen ihren Marken und den Themen zu schaffen, die in ihren Zielgruppen für relevant gehalten werden. Durch die Schaffung eines progressiven „Brand Ethos“ sollen konsumfreudige jüngere Zielgruppen mit höheren Einkommen angesprochen werden. Als besonders attraktiv gilt für Marktforscher in diesem Zusammenhang das LGTB-Milieu, dessen Anliegen größere Unternehmen daher auch in Deutschland schon seit Längerem demonstrativ unterstützen. Vor allem in den USA ist es darüber hinaus üblich, dass solche Unternehmen sich gegen den Schutz von Ehe und Familie sowie gegen den Schutz des Lebens ungeborener Kinder engagieren.

Betriebswirtschaftliche Gründe sind aber nicht die einzigen Ursachen für die Unterstützung von radikalem politischem Aktivismus durch Unternehmen. Bei Technologieunternehmen wie Google wird eine linksliberale Einstellung nicht nur nach außen suggeriert, sondern prägt die Unternehmenskultur. Auch der Vorstandsvorsitzende von Twitter erklärte, dass die Kultur des Unternehmens „linksgerichtet“ sei.

Die Soziologin Cornelia Koppetsch führt diese Entwicklung auf eine sich gegenwärtig herausbildende Synthese liberaler und radikaler progressiver Ideologien zurück, die sie als „progressiven Neoliberalismus“ bezeichnet. Laut Koppetsch strebe diese Ideologie die Aufweichung von Grenzen auf allen Gebieten des Lebens sowie die Ökonomisierung und Flexibilisierung aller Lebensbereiche an.

Diese Ideologie sei Teil des modernen Strebens nach „Herauslösung des Einzelnen aus Kollektivbindungen und Traditionen“. Sie lehne alle Formen von stabilen, nicht auf einem Nutzenkalkül beruhenden menschlichen Bindungen ab, weil diese ihrem Ideal totaler Flexibilität und Entgrenzung im Wege stünden. Dies gelte etwa für die Bindungen an Familie, Heimat und Nation. Es gehe dieser Ideologie darum, „jede kollektive Identität zerstreuen zu können, um die eigene Gesellschaft und Person vielfältig, multipel, hybrid und damit inklusiv zu gestalten“.

Das abendländische Kulturerbe und seine Institutionen haben in dieser Utopie keinen Platz, weshalb sie von ihren Anhängern mit wachsender Aggressivität bekämpft werden. Aus der Kombination von wirtschaftlicher bzw. politischer Macht und ideologischer Radikalität ergeben sich dabei jene totalitären Potenziale, die sich gegenwärtig Bahn brechen, ohne noch auf nennenswerten Widerstand zu stoßen.

Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die ehemals konservativen Volksparteien in westlichen Gesellschaften ebenfalls zu einem treibenden Akteur des oben beschriebenen Geschehens geworden seien. In ihnen dominierten heute Forderungen nach flexiblen Lebensentwürfen und man nehme den Menschen in Abkehr vom abendländischen Menschenbild nur noch als hedonistischen Egoisten wahr, der nach Verwirklichung physischer Bedürfnisse strebe. Diese Parteien hätten spätestens seit den 1980er Jahren damit aufgehört, „aus der Tiefe der konservativen Tradition zu schöpfen, um ehedem zum konservativen Kernbestand gehörende Positionen noch plausibel […] zu erläutern“ oder zu verteidigen. Bereits in den späten 1960er Jahren seien konservative Akteure in Deutschland „weitgehend verbraucht“ und nicht mehr dazu fähig gewesen, sich gegen radikale utopische Ideologien durchzusetzen. (FG2)

Quellen

  1. Michael Bröning: „Moralische Gesten fürs Geschäft. Unternehmen solidarisieren sich mit Aktivisten – die Geschäftspraktiken bleiben“, Der Tagesspiegel, 03.07.2020.