Levent Tezcan: Kritik an Rassismusvorwürfen gegen die westliche Zivilisation

Mathias Grünewald - Der heilige Märtyer Mauritius (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe Levent Tezcan lehrt an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. In einem heute erschienenen Aufsatz kritisiert er die Maßlosigkeit und Irrationalität antirassistischer Diskurse. Die westliche Zivilisation habe als erste in der Geschichte der Menschheit den Schwachen eine Stimme gegeben. Nichtwestliche Kulturen hätten nichts Vergleichbares hervorgebracht und würden fragwürdige Aspekte ihrer Geschichte meist ausblenden. Es sei daher absurd, wenn nichtwestliche Aktivisten unter Berufung auf ihre kulturelle Identität ausgerechnet der westlichen Zivilisation eine pauschale Neigung zum Rassismus vorwerfen würden:

„Die westliche Zivilisation ist wohl die erste, deren Selbstverständnis es nicht nur zulässt, sondern geradezu vorschreibt, dass die Schwachen den Mächtigen vorwerfen dürfen, dass diese eben die Mächtigen sind. Als Nachfahre von Osmanen, deren Eroberungssinn dem der Europäer lange in nichts nachstand, kann ich mir schwer vorstellen, dass so etwas dort, aber auch bei den Römern, antiken Griechen, Mongolen, in den Hindureichen, um vom Reich der Mitte ganz zu schweigen, je denkbar gewesen wäre. Für viele People of Color beginnt aber die Geschichte mit dem westlichen Kolonialismus und sie wird auch, darin belehren uns täglich die Postkolonialen, nie enden. Umso absurder wird das Bild, wenn immer mehr Nachfahren von Osmanen und Arabern ins Outfit von People of Colour schlüpfen und den Kolonialismus als nie enden werdenden Beginn der Geschichte der Ursünde anprangern.“

Es habe in der europäischen Geschichte menschenverachtende Formen von Rassismus gegeben, etwa in der Ideologie des Nationalsozialismus. Die Absurdität antirassistischer Diskurse erkenne man daran, dass diese sich in diesem Zusammenhang nicht über reale gegenwärtige Probleme empörten, sondern über Harmlosigkeiten wie die Frage „Woher kommst du eigentlich?“

Die Unterstützung der entsprechenden Ideologie sowie deren quasireli­giö­ser Furor seien möglicherweise eine Folge des Wunsches postchristlicher Linksliberaler, sich zu einer säkularisierten Form von Ursünde zu bekennen. Diese Ideologie bewege sich zudem in einer gefährlichen Nähe zu rassenideologischem Denken, weil sie politische Fragen grundsätzlich ethnisiere und Konflikte ethnisch auflade.1

Hintergrund und Bewertung

Der Philosoph Alain Finkielkraut erläuterte kürzlich, warum antirassistische Ideologie sich in Wahrheit nicht gegen Rassismus, sondern gegen die europäische Zivilisation richte. Der Publizist Kacem El Ghazzali hatte dieser Ideologie vorgeworfen, zu einer postchristlichen Ersatzreligion der radikalen Linken geworden zu sein. Laut dem Politikwissenschaftler Francis Fukuyama zerstöre diese Ideologie zunehmend den gesellschaftlichen Zusammenhalt in westlichen Gesellschaften. Die anhaltenden Unruhen in den USA stellen ein praktisches Beispiel für das destruktive Wirken dieser Ideologie dar.

Der laut antirassistischen Ideologen in der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte strukturell angelegte Rassismus ist für die Blütezeit der abendländischen Kultur im Mittelalter sowie im Mitteleuropa der frühen Neuzeit nicht nachweisbar. Dies illustriert das Beitragsbild, das eine um 1520 entstandene Darstellung des heiligen Mauritius von Matthias Grünewald zeigt:

  • Der heilige Mauritius war der Überlieferung nach ein Offizier der Thebäischen Legion, deren Soldaten aus Nordafrika stammten und im dritten Jahrhundert Christen wurden.
  • Im deutschsprachigen Raum spielte die Verehrung der zu Märtyrern gewordenen Legionäre seit der Spätantike über viele Jahrhunderte hinweg eine herausgehobene Rolle, vor allem im Rheinland und in der Schweiz.
  • Das Reichsschwert und die Heilige Lanze und damit zwei der wichtigsten Artefakte der deutschen Geschichte werden seit dem Hochmittelalter auf ihn zurückgeführt. Otto der Große (912-973), der eigentliche Begründer Deutschlands, verehrte den heiligen Mauritius in besonderem Maße und trug die Heilige Lanze während der Schlacht auf dem Lechfeld, die zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte Europas gehört.

Dass antirassistische Aktivisten gegenwärtig die Existenz der oft nach diesem Heiligen benannten „Mohrenstraßen“ oder dessen Abbildung in Stadtwappen anprangern, offenbart vor diesem Hintergrund sowohl Bildungsmängel als auch mangelnde Gerechtigkeit gegenüber der Tradition, die unter anderem den Gedanken der Gleichheit aller Menschen vor Gott in die Welt hineintrug und dadurch die geistige Grundlage schuf, ohne die keine tragfähige Vorstellung der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Völker oder Kritik an materialistischen Rassenideologien formuliert werden könnte.

Kennzeichnend für die Geschichte Europas sind nicht die historischen Verfehlungen von Europäern, die sich nicht wesentlich von denen der Menschen anderer Kulturen unterscheiden, sondern das Handeln von Männern wie den Dominikanern Antonio de Montesinos und Bartolomé de las Casas, die vor 500 Jahren als erste Menschen überhaupt eine fundierte Zurückweisung von Rassenideologien formulierten und gegen die mit ihnen verbundenen Verbrechen vorgingen. Dass antirassistische Ideologie sich nicht gegen Rassismus, sondern gegen europäische Kultur und ihre Leistungen richtet, zeigt sich auch daran, dass ihre Anhänger Stätten der Erinnerung an solche Männer zerstören, anstatt sie zu achten und zu ehren. (FG2)

Quellen

  1. Levent Tezcan: „Alles Rassisten?“, taz – die tageszeitung, 28.07.2020.