Joel Krotkin: Globale Oligarchen bedrohen freiheitliche Gesellschaften

Pieter Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Sozialgeograph Joel Kotkin forscht an der Chapman University in den USA. In einem aktuellen Gespräch setzt er sich mit der zunehmenden Bedrohung freiheitlicher Gesellschaftsordnungen durch oligarchische Tendenzen auseinander. Gegenwärtig sei die Entstehung einer von superreichen Technologieunternehmern geführten globalen Oligarchie zu beobachten, die ihre Herrschaft auf radikale utopische Ideologien stütze. Die Corona-Krise habe diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt.1

Es habe sich „eine Art Hightech-Aristokratie gebildet und mit der Klasse der Intellektuellen zusammengetan, um so eine neue Gesellschaftsvision zu etablieren“. Diese Allianz strebe danach, „die traditionelleren Werte zu ersetzen, die die Mittelklasse seit der Nachkriegszeit geprägt haben“, und könne zu einer „Tyrannei“ führen:

  • Die Gruppe der neuen Oligarchen stütze sich auf eine bislang in diesem Ausmaß unbekannte Konzentration von wirtschaftlicher Macht. Die globale Wirtschaft werde in immer größerem Maße von wenigen Technologiekonzernen dominiert. Konzerne wie Amazon würden in westlichen Gesellschaften auf Kosten kleiner und mittelständischer Unternehmen expandieren und immer mächtiger werden.
  • Diese Entwicklung sei mit dem Schrumpfen der Mittelschicht verbunden. Westliche Gesellschaften würden sich zunehmend sozial polarisieren. Aus den Räumen, an denen die neue Oberschicht lebe, werde die Mittelschicht durch steigende Mieten auch physisch verdrängt. Die Corona-Krise habe diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt.
  • Außerdem verfüge diese Allianz über ein gefährliches Maß an technologischer Macht. Das Internet entwickele sich gegenwärtig zum „Kontrollorgan für Informationen und Gedanken“. Es würden gegenwärtig Informationsmonopole entstehen, die künftig eine weitgehende Kontrolle darüber ermöglichen könnten, was Menschen denken, lesen und hören.

Die Herrschaft der neuen Oligarchen stütze sich weltanschaulich auf utopische Ideologien mit ersatzreligiösen Zügen, deren fanatisierte und zunehmend intolerant agierende Anhänger die Reste der alten Kulturen der westlichen Welt zu zerstören versuchten:

„Sie versuchen, die Werte der Familie und der individuellen Freiheit, die für den Erfolg Amerikas in der Nachkriegszeit und den Wohlstand der Mittelklasse gesorgt hatten, durch ein Credo zu ersetzen, dass die Verteidigung des Globalismus, der sozialen Gerechtigkeit (definiert als Verteidigung von ethnischen und sexuellen Minderheiten; Anm. d. Red.) und ein dauerhaftes, von oben her vorgeschriebenes Entwicklungsmodell und eine Neudefinition der Rollen innerhalb der Familie verbindet.“

Diese Ideologien strebten nach der Zerstörung von Bindungen innerhalb von Nationen. Gegenwärtig finde beispielsweise in den USA eine kulturrevolutionäre „Zerstörung unserer Vergangenheit“ statt. Außerdem strebe man die Fragmentierung von Gesellschaften in immer kleinere Identitätsgruppen an, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt auflöse und damit auch möglichen Widerstand gegen die neue Oligarchie erschwere. Mittels einer überzeichneten Darstellung von Herausforderungen wie dem Klimawandel oder Themen wie Rassismus solle von den eigentlichen Bedrohungen für freiheitliche Gesellschaften abgelenkt werden.

Hintergrund

Weitere Beiträge zum von Krotkin angesprochenen Problemkomplex haben wir hier zusammengestellt. Von besonderer Relevanz sind in diesem Zusammenhang die Analysen des Sozialgeografen Christophe Guilluy sowie der Soziologen Cornelia Koppetsch und Wolfgang Streeck. Eine Rezension des jüngsten Werks des Soziologen Andreas Reckwitz, der sich ebenfalls mit dem Problem des Globalismus auseinandergesetzt hatte, ist in Vorbereitung. (FG2)

Quellen

  1. „‚Niemand wagt es, die neuen Dogmen infrage zu stellen‘“, Die Welt, 23.07.2020.

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