Andreas Hein: Von Kathedralen und Sternenschiffen

Der Astronaut Russell Schweickart im Zustand der Kontemplation (NASA/gemeinfrei)

Der Raumfahrtingenieur und Systemwissenschaftler Andreas Hein forscht an der Université Paris-Saclay. In einem aktuellen Aufsatz beschreibt er die Errichtung der christlichen Kathedralen des Mittelalters als ein Beispiel für komplexe technische Vorhaben, deren Durchführung mehrere Jahrhunderte umfasst. Die Planer künftiger Raumflüge zu Zielen jenseits des Sonnensystems, die ähnlich komplex seien und sich über ähnlich lange Zeiträume erstrecken würden, könnten von den Erbauern der Kathedralen lernen. Diese würden in der Raumfahrtforschung daher als Archetypen langfristig orientierter Projekte gelten. Wir nehmen seinen Text zum Anlass, um uns mit der kulturellen Bedeutung der bemannten Raumfahrt, ihrem Wesen als Ausdruck abendländischen Geistes und dem mit ihr verbundenen besonderen Zugang zu religiösen Fragen auseinanderzusetzen.

Hein schreibt, dass es ihm zunächst als unplausibel erschienen sei, dass Menschen des Mittelalters Lösungen für Aufgaben entwickelt hatten, die auch die Erbauer möglicher künftiger Sternenschiffe einst bewältigen müssten. Die Ansätze, denen die Erbauer der Kathedralen folgten, seien jedoch hochgradig resilient und leistungsfähig gewesen und dazu geeignet, auch bei der Vorbereitung und Durchführung von Weltraummissionen außerhalb des Sonnensystems zum Einsatz zu kommen.

Die von Hein stellenweise verwendete poetische Sprache, die einen „Griff nach den Sternen“ beschreibt, sowie von ihm aufgegriffene Zitate, die Kathedralen als „erhabene Verbindung von hoher Spiritualität und fortgeschrittener Technologie“ bezeichnen, deuten darauf hin, dass er vom Gegenstand seiner Betrachtung über die technisch-organisatorische Ebene hinaus fasziniert ist. Dies scheint auch bei den von ihm zitierten Raumfahrtexperten der Fall zu sein, welche immer wieder auf das Bild der Kathedrale zurückgriffen, um das Selbstverständnis ihrer Berufung und die Höhe der von ihnen angestrebten Werke zu beschreiben. Für einen Bereich, der allgemein als Sinnbild für die säkulare Moderne gilt, erscheint dies zunächst als ungewöhnlich. Als ebenso ungewöhnlich erscheint es, dass die Urheber der derzeit visionärsten technischen Vorstellungen der Moderne sich auf Werke des christlichen Mittelalters als Vorbild und Referenzpunkt beziehen.

Raumfahrt als Ausdruck abendländischen Geistes

Der kulturelle Impuls, der die Raumfahrt hervorbrachte, ist nicht erst in der Moderne entstanden, sondern tief in jenem kulturellen Erbe verwurzelt, aus dem auch die christlichen Kathedralen des Mittelalters entstanden. Die Bezugnahme von Raumfahrtexperten auf das Erbe der Erbauer der Kathedralen bzw. ihre offensichtliche Wahrnehmung von Verbundenheit mit ihnen wird dadurch nachvollziehbar.

Der Historiker Kendrick Oliver, der kulturelle und religiöse Aspekte des amerikanischen Weltraumprogramms untersucht hatte, wies darauf hin, dass der Mensch von Beginn an den Anblick des Sternenhimmels als religiöse Inspiration wahrgenommen habe. Die Mythen der Antike würden den vertikalen Aufstieg des Menschen zum Himmel bzw. zur Sonne und zu den Sternen als Sinnbild für eine in der Seele des Menschen angelegte Sehnsucht nach Transzendenz und Einheit mit dem Heiligen sowie für das Emporwachsen der Seele hin zu diesem verwenden. Der Astronaut Edwin Aldrin, der als zweiter Mensch den Mond betrat, habe vor seinem Flug mit einem Geistlichen über die religiöse Symbolik seiner Mission gesprochen. Dieser habe den Mondflug im Sinne der erwähnten mythologischen Bilder gedeutet.1

Die bemannte Raumfahrt sei laut Oliver ein Vorhaben, das die Erkenntnisse der Naturwissenschaft und die Mittel der Technik dazu nutze, um einem mythisch-religiösen Streben des Menschen Ausdruck zu verleihen.2 Ihre Leistung bestehe davor allem darin, dem Menschen Impulse über die Schöpfung, das Wesen des Schöpfers, die Ordnung des Kosmos und die Berufung des Menschen zu vermitteln.3 Die beschriebenen Raumfahrtprogramme und der Bau von Kathedralen beruhen auf dem gleichen vertikalen Impuls, der die abendländische Geistes- und Kulturgeschichte prägt:

  • Der Philosoph Oswald Spengler hatte ein spezifisch europäisches Streben ins Ewige und Unendliche beobachtet, das sich im europäischen Christentum bzw. im Katholizismus und seinem universellen Anspruch in besonderem Maße verwirklicht habe. Die Kathedralen des Mittelalters seien „steingewordener Ausdruck“ dieses Geistes, der auch die Ritter des Mittelalters sowie die Entdecker der Neuzeit bewegt habe.4
  • Der katholische Publizist Ross Douthat schrieb, dass die Gesellschaften des europäischen Kulturraums technische Innovation und naturwissenschaftliche Erkenntnis seit der Zeit der Errichtung der großen Kathedralen dazu genutzt hätten, Werke zu schaffen, die Transzendenz erfahrbar machen sollten. Auch die bemannten Mondlandungen seien ein Beispiel dafür. Dass westliche Gesellschaften heute nicht mehr zu einer solchen Leistung fähig seien, sei ein Besorgnis erregender Indikator für ihren geistig-kulturellen Zustand. Der hinter solchen Taten stehende Drang ins Unendliche sowie der Drang zu forschen, zu entdecken und die Grenzen der eigenen Kultur zu erweitern, sei hier ebenso zum Erliegen gekommen wie die für abendländische Kulturen typische gegenseitige Befruchtung von Naturwissenschaft und Religion.5
  • Auch neomarxistische und postmoderne Gegner der abendländischen Kultur erkennen indirekt an, dass die bemannte Raumfahrt westlicher Gesellschaften im spezifischen Kontext abendländischer Kultur entstanden ist, wenn sie etwa die bemannten Mondlandungen in der ihnen eigenen biologistischen Sprache als eine Tat weißer Männer bezeichnen, um ihre universelle historische Bedeutung abzustreiten.

Ein aktuelles Beispiel für das Fortwirken des beschriebenen Geistes sind die Ästhetik der Auftritte sowie die Äußerungen des Astronauten Alexander Gerst, der die durch die Raumfahrt zugänglich werdenden neuen Welten mit neuen Kontinenten verglich. Er begründete dies nicht mit dem dadurch möglicherweise erzielbaren praktischen Nutzen, sondern setzte voraus, dass das Streben ins Unendliche grundsätzlich gut sei. Dadurch stellte er die Raumfahrer der Gegenwart in die christlich-abendländische Entdeckertradition und brachte die Tugend zum Ausdruck, die Thomas von Aquin als „magnanimitas“ bezeichnet hatte, als er den aus christlicher Sicht zu bejahenden Drang nach großen Taten beschrieb.

Ein Beispiel für die in der abendländischen Tradition angelegte, bereits in der Antike praktizierte Verbindung zwischen naturwissenschaftlichem Denken und religiöser Kontemplation sind die Gedanken des von Hein im oben erwähnten Text zitierten Astrophysikers Neil deGrasse Tyson. Dieser bezeichnet sich als Agnostiker, weist aber darauf hin, dass religiöser Glaube bei Forschern in den Naturwissenschaften nicht, wie von einigen Atheisten angenommen, in Folge der Praxis wissenschaftlichen Denkens verschwinde, was Umfragen belegten. Er führt dies darauf zurück, dass die Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Grundfragen häufig mit Transzendenzerfahrungen verbunden seien. Ein Naturwissenschaftler könne durch seine Tätigkeit einen besonderen Zugang zum Erhabenen gewinnen, was mit religiösen Erfahrungen verbunden sei. Der Astronom Carl Sagan, ein weiterer unter Raumfahrtexperten stark wahrgenommener Agnostiker, sprach seinerseits davon, dass es für ihn mit einer „Art religiöser Erfahrung“ verbunden gewesen sei, als er sich als Kind erstmals mit kosmischen Maßstäben beschäftigt habe.

Sagan hat vor allem durch seine Fernsehserie „Kosmos“ und das auf ihr beruhende, bis heute in neuen Auflagen erscheinende Buch größere Bekanntheit erlangt. Darin bezieht er sich zwar positiv auf die abendländische Tradition des Denkens, klammert aber deren christliche Bezüge weitgehend aus. Dazu trug mutmaßlich bei, dass die Impulse des christlich-abendländischen Erbes, welche etwa im Mittelalter zur Gründung der ersten Universitäten führten, im Christentum in westlichen Gesellschaften seit langer Zeit in den Hintergrund getreten sind. Oliver bemerkte in diesem Zusammenhang, dass christliche Theologen zu den fundamentalen Fragen, welche Raumfahrt und Weltraumforschung im 20. Jahrhundert aufwarfen, meist nichts mehr zu sagen gehabt hätten. Andere Weltanschauungen, etwa Materialismus, Pantheismus oder esoterische ökologische Vorstellungen, seien in das entstandene Vakuum eingedrungen.6

Raumfahrt als Ausdruck männlicher Spiritualität

Kendrick Oliver beobachtete, dass nicht wenige der Mitwirkenden der frühen amerikanischen Weltraumprogramme einer vorwiegend protestantisch geprägten männlichen Spiritualität gefolgt seien. Die allgemeine Atmosphäre sei insbesondere im Raumfahrerkorps „klösterlich“ gewesen. Man habe die eigene Tätigkeit als Berufung verstanden und sich zu ihrer Verfolgung von der Welt abgesondert.7 Raumfahrt symbolisiere nicht den Sieg der Technik über die Metaphysik, sondern die gesteigerte Bedeutung der Religion an den Grenzen menschlicher Erfahrung.8

  • Der Großteil der amerikanischen Astronauten sei in der Pfadfinderbewegung aktiv gewesen, die in den USA bis in die jüngere Vergangenheit christlich ausgerichtet war und eine männliche Spiritualität vermittelte, die unter dem Begriff „Muscular Christianity“ bekannt war. Das Konzept wird auch hier näher beschrieben. Von den zwölf Männern, die bislang die Oberfläche des Mondes erreichten, waren elf Pfadfinder.
  • Die Mitglieder der Besatzung von Apollo 8, die als erste Menschen in die Umlaufbahn einer anderen Welt vordrangen, hätten auf eigenen Wunsch zur Feier des Augenblicks den Schöpfungsbericht aus dem Buch Genesis rezitiert. Edwin Aldrin habe auf der Oberfläche des Mondes vor der Öffentlichkeit verborgen die protestantische Kommunion gefeiert, weil er seine Mitwirkung an der Mission bewusst in einen christlichen Kontext stellen wollte.
  • Der deutsche Raketeningenieur Wernher von Braun, der nach dem Zweiten Weltkrieg Christ wurde und eine zentrale Rolle bei der technischen Verwirklichung der Mondlandungen spielte, habe Raumfahrt als eine christliche Berufung verstanden. Der Mensch habe einen Auftrag dazu, Leben in das Universum zu tragen.9
  • Andere Mitwirkende von Weltraumprogrammen hätten ihre Tätigkeit als christlich motivierten Dienst am Gemeinwesen oder an der ganzen Menschheit verstanden und ihre fliegerischen, technischen, naturwissenschaftlichen und organisatorischen Fähigkeiten unter möglichst fordernden Bedingungen in diesen Dienst stellen wollen. Einige, darunter der Astronaut John Glenn, seien zudem aus religiösen Gründen davon ausgegangen, dass sie einen Auftrag dazu hätten, als Vorbilder für junge Männer zu wirken.
  • Für einige der beteiligten Wissenschaftler hätte ihr Streben nach Erkenntnis über den Kosmos und den Menschen einen religiösen Bezug gehabt. Wernher von Braun habe gesagt, dass das Verständnis der Schöpfung zu einem tieferen Verständnis des Schöpfers führen könne. Für seinen Grabstein wählte er einen Vers aus dem Psalm 19: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände.“

Ein weiterer maskuliner spiritueller Impuls, der bei bei Astronauten sichtbar wird, ist das Streben danach, die eigenen Fähigkeiten so zu entwickeln und auszubilden, dass man zur Konfrontation mit den Bedingungen des Weltalls fähig wird. Einige Bergsteiger äußerten sich ähnlich und erklärten, dass der Vorstoß an die Grenzen der Welt, wo besondere religiöse Erfahrungen möglich seien, spezielle Fähigkeiten sowie die Beherrschung der Technik und des eigenen Körpers voraussetze, wodurch diese zu einem Bestandteil einer im Kern religiösen und sowohl kontemplativen als auch praktischen Aktivität würden. Zunächst im christlichen Rittertum und später im christlichen Humanismus findet sich die Vorstellung, dass der Mann alle seine Fähigkeiten ausbilden muss, um für seine religiöse Berufung und seinen Dienst tauglich zu werden.

Raumfahrt als inneres Erlebnis

Der Raumfahrtmediziner Mark Shelhamer erklärte, dass Astronauten nach ihrer Rückkehr nicht selten von religiösen Erfahrungen berichten würden. Solche Erfahrungen werden von einigen Astronauten hier geschildert. Auch Kendrick Oliver stieß bei der Auswertung der Berichte von Astronauten auf zahlreiche Äußerungen, aus denen solche Erfahrungen hervorgehen. Er bewertete dies als auffällig, da Astronauten eine Auswahl der am wenigsten kontemplativ veranlagten Menschen darstellten. Außerdem seien die von hohen Belastungen geprägten Bedingungen des Raumflugs allgemein nicht dazu geeignet, Kontemplation zu fördern.

Diese geschilderten Erfahrungen sind im Sinne der Definition des Religionswissenschaftlers Rudolf Otto als religiöse Erfahrungen oder Vorstufe zu dieser identifizierbar und von rationaler Erkenntnis, starken Emotionen oder psychischen Reaktionen auf extreme Belastungen unterscheidbar. Religiöse Erfahrung entstehe demnach in der Seele des Menschen, wenn er etwas unendlich Übermächtigem in Form eines Geheimnisses begegne, das ihn im tiefsten Inneren erschüttere und zugleich anziehe.10

Einige Raumfahrer treten den vorliegenden Beschreibungen nach während ihrer Mission in einen Zustand der Kontemplation ein, der durch die Konfrontation mit bestimmten Eindrücken ausgelöst wird, die mit den Bedingungen des Weltalls verbunden sind. Dies ermöglicht ihnen das intuitive Erkennen metaphysischer Sachverhalte.

  • Zu diesen kontemplativ gewonnenen Einsichten gehört unter anderem die Erkenntnis der Einbindung des Menschen in eine kosmische Ordnung. Der Astronaut Edgar Mitchell erklärte etwa, dass der Anblick der Sterne auf dem Rückflug vom Mond bei ihm die religiöse Erkenntnis ausgelöst habe, dass alle Dinge im Universum aus einem gemeinsamen Ursprung hervorgegangen seien.
  • Der Astronaut Tim Peake erklärte, im Zuge seiner Mission zu der inneren Überzeugung gelangt zu sein, dass das Leben und das Universum Ergebnisse einer Schöpfung und keine Zufallsprodukte seien. Der Astronaut Gene Cernan sprach davon, dass der Anblick von Schönheit und Vollkommenheit, dem er begegnet sei, eine ähnliche Erkenntnis bei ihm ausgelöst habe.
  • Ehrfurcht gegenüber der Ordnung des Kosmos und dem, was sie hervorgebracht habe, sowie die Tatsache der Abhängigkeit des Menschen von dieser Ordnung und die Notwendigkeit von Demut sind weitere Erkenntnisse, von denen Astronauten berichten.
  • Einige Astronauten erklärten, dass sie die Existenz des Lebens als Wunder erfahren hätten, was sie dazu veranlasst habe, für einen stärkeren Schutz und die Bewahrung des Lebens oder für Frieden zwischen den Völkern und Nationen einzutreten.

Zu den von Astronauten angegeben Auslösern kontemplativer Zustände und religiöser Erfahrung gehören der Anblick des Planeten Erde, der Kontrast zwischen der Erde und dem unendliche Tiefe, Kälte und Dunkelheit ausstrahlenden Weltall oder der toten Oberfläche des Mondes, die Wahrnehmung kosmischer Größenverhältnisse sowie der Anblick des radikal Fremdartigen. Die Astronauten Frank Borman und Jim Lovell erklärten, dass es ihnen nicht möglich gewesen sei, die Erfahrung von Ehrfurcht mit Worten auszudrücken, den der Anblick eines Sonnenaufgangs im Weltall bei ihnen ausgelöst habe. Oliver spricht im Sinne der oben erwähnten Definition von religiöser Erfahrung von einem Schrecken erzeugenden Eindruck „negativer Erhabenheit“, den der Anblick des Weltalls und der in ihm auftretenden Phänomene bei vielen Astronauten erzeuge. Der Astronaut James Irwin berichtete von einer intensiven religiösen Erfahrung, die sich über einen Großteil seiner Mondmission hingezogen habe und einen Zusammenhang mit dem Anblick einer Berglandschaft auf dem Mond gehabt habe.

Astronauten traten offenbar dann besonders häufig in kontemplative Zustände ein, wenn sie die Gelegenheit dazu hatten, ihr Raumfahrzeug zu verlassen oder es während ihrer Mission Zeiträume der Stille gab. Laut Oliver entstehe dann der Eindruck der „Begegnung mit dem Unendlichen“. Der Astronaut Russell Schweickart hatte eine der intensivsten bislang von Astronauten beschriebenen religiösen Erfahrungen, als er kurzzeitig sein Raumfahrzeug verließ und einige Minuten lang in völliger Stille den Planeten Erde betrachten konnte. Ein während dieser Zeit entstandenes Bild gibt einen Eindruck dieses Ereignisses wieder. Seine Erfahrungen schildert er hier. Der Astronaut Chris Hadfield beschreibt hier seine Eindrücke während eines Außeneinsatzes.

Das Gedicht „High Flight“ des kanadischen Luftwaffenpiloten John Gillespie Magee sei laut Oliver unter Astronauten beliebt, weil es die Eindrücke wiedergebe, die im Zusammenhang mit ihren religiösen Erfahrungen auftraten. Eine zufriedenstellende deutsche Übersetzung des Gedichts, das beschreibt, wie ein Pilot auf seiner Reise in die heilige Sphäre des Alls vorstößt und das Antlitz Gottes berührt, existiert leider nicht:

„Oh! I have slipped the surly bonds of Earth
And danced the skies on laughter-silvered wings;
Sunward I’ve climbed, and joined the tumbling mirth
of sun-split clouds, — and done a hundred things
You have not dreamed of – wheeled and soared and swung
High in the sunlit silence. Hov’ring there,
I’ve chased the shouting wind along, and flung
My eager craft through footless halls of air….

Up, up the long, delirious, burning blue
I’ve topped the wind-swept heights with easy grace.
Where never lark, or even eagle flew —
And, while with silent, lifting mind I’ve trod
The high untrespassed sanctity of space,
– Put out my hand, and touched the face of God.“

Anders als es die Zeilen des Gedichts nahelegen, scheinen religiöse Erfahrungen bei Weltraummissionen jedoch nicht gezielt herbeizuführen oder kontrollierbar zu sein. Wo sie stattfanden, berührte nicht der Astronaut Gott, sondern Gott den Astronauten, und zwar unabhängig von vorhandenem Glauben, was den christlichen Astronauten Edwin Aldrin enttäuschte, der sich eine solche Erfahrung erhofft hatte, die aber erst nach seiner Mission und unabhängig davon eintrat. Für die Interpretation der Erfahrungen sowie für ihre Bewältigung spielen vorhandene religiöse Vorstellungen jedoch eine wesentliche Rolle. Außerdem scheinen diese Erfahrungen nicht immer leicht zu bewältigen gewesen sein. Einige Astronauten erhielten dabei von christlicher Seite nicht die Unterstützung, die sie gebraucht hätten, weshalb ihre durch ihre Erfahrungen ausgelöste religiöse Suche sie in Sackgassen führte. Andere verzweifelten an mangelhaft bewältigten Erfahrungen, etwa der Astronaut William Anders, der in eine Glaubenskrise geriet und zum Nihilisten wurde, weil er angesichts des Anblicks kosmischer Größenverhältnisse den Eindruck gewann, dass der Mensch unbedeutend sei.

Kulturelle und religiöse Risiken im Zusammenhang mit bemannter Raumfahrt

Oliver beschrieb eine Reihe von kulturellen und religiösen Risiken, die im Zusammenhang mit bemannter Raumfahrt auftreten können. Bei einigen Beobachtern hätten die Leistungen der Raumfahrt oder der Technik im Allgemeinen zum Beispiel zu Hybris und zu einer Überschätzung des Menschen geführt, dem man zugetraut habe, mittels der Erkenntnisse der Naturwissenschaft und auf Grundlage einer immer leistungsfähigeren Technologie selbst gottähnliche Eigenschaften zu erlangen. Der Flugpionier Charles Lindbergh habe solchen Ideen ebenso nahegestanden, bevor er unter dem Eindruck der Folgen dieses Denkens nach dem Zweiten Weltkriegs zum Christentum fand. Dieser Gedanke sei auch in den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts sehr verbreitet gewesen. Wernher von Braun, der sich zumindest indirekt an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligte, um seine technischen Visionen in die Tat umsetzen zu können, habe nach dem Krieg erklärt, dass der Mensch nicht über die Fähigkeit verfüge, die ihm in Folge des technischen Fortschritts zur Verfügung stehende, immer größere Macht aus eigener Kraft zu kontrollieren. Er benötige dazu die Religion.11

Gegenwärtig ist in Teilen der Technologieszene eine ausgeprägte Weltraumbegeisterung zu beobachten, zu deren Vorreitern der Unternehmer Elon Musk gehört. Diese Szene ist in besonderem Maße gefährdet, sich auf der Grundlage eines unzulänglichen Menschenbildes für fundamentale Missdeutungen des Menschen zu begeistern und stellt eine potenzielle Gefahr dar, weil das Maß der philosophischen und religiösen Kompetenz ihrer Mitglieder meist nicht annähernd das Maß ihrer naturwissenschaftlichen und technischen Kompetenz erreicht. Das daraus entstehende Missverhältnis zwischen exponentiell zunehmender technologischer Macht einerseits und mangelnder Weisheit andererseits ist potenziell in höchstem Maße gefährlich, weil es dazu führen kann, dass die oben beschriebenen Fehler mit noch katastrophaleren Folgen wiederholt werden. Eine christliche Auseinandersetzung mit den entsprechenden Fragen ist daher wichtiger denn je. (FG5)

Quellen

  1. Kendrick Oliver: To Touch the Face of God. The Sacred, the Profane and the American Space Program, 1957-1975, Baltimore 2013, S. 11-12.
  2. Ebd., S. 9-12.
  3. Ebd., S. 136.
  4. Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, Band 1, München 1920, S. 258.
  5. Ross Douthat: The Decadent Society. How We Became the Victims of Our Own Success, New York 2020, S. 36.
  6. Oliver 2013, S. 45.
  7. Ebd., S. 16-18.
  8. Ebd., S. 10.
  9. Ebd., S. 23-24.
  10. Rudolf Otto: Das Heilige, München 2004.
  11. Oliver 2013, S. 23-24.