Ulla Hahn: Sprachzerstörung als Akt der Kulturvernichtung

John Martin - Ruins of an Ancient City (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Schriftstellerin Ulla Hahn gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen der Gegenwart. In einem heute veröffentlichten Aufsatz warnt sie vor der Zerstörung der Sprache durch linksliberale Aktivisten. Außerdem kritisiert sie vor dem Hintergrund der Debatte um die Äußerungen der Feministin Hengameh Yaghoobifarah die zunehmende Verrohung der Sprache in Teilen des linksliberalen Spektrums.

Dolf Sternberger habe in seinem Buch „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ gewarnt: „Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen“. Sprache sei die Voraussetzung für soziale und politische Kommunikation, weshalb die Pflege der Sprache „eine ganz besondere Verantwortung für jeden Demokraten“ sei.

Martin Heidegger habe die Sprache als das „Haus des Seins“ bezeichnet. Die neuen Medien würden Aktivisten viele Gelegenheiten dazu bieten, dieses „’Haus des Seins‘ zum Einsturz zu bringen“:

„Als ich kürzlich von dem Wunsch einer Welt ohne Polizei las, verbunden mit dem Vorschlag, die endlich arbeitslosen Polizisten auf der ‚Mülldeponie‘ zu beschäftigen, wo sie ‚unter ihresgleichen‘ dann eben ‚wirklich nur von Abfall umgeben‘ seien, erinnerte ich mich an die diffamierende Sprache vor Jahrzehnten im linksradikalen Lager, als aus Polizisten ‚Bullen‘ wurden, aus Terroristen ‚Kämpfer‘, aus Menschen ‚Typen‘, aus Unternehmern ‚Kapitalisten‘ und aus vielen Politikern ‚Schweine‘ – und am Ende machte die RAF aus gewalttätigen Worten blutige Taten. Worte zeigten und erzeugten Gesinnung.“

Im Roman „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll habe die Figur des Hutmachers das hinter solchen Äußerungen stehende aktivistische Sprachverständnis mit den Worten zum Ausdruck gebracht: „Die Frage ist nicht, was ein Wort wirklich bedeutet. Die Frage ist, wer Herr ist und wer nicht.“

Totalitäre Bewegungen würden „Gehirnwäsche durch Sprachsteuerung“ anstreben, wie Victor Klemperer am Beispiel der politischen Sprache des Nationalsozialismus ausgeführt habe. Die „gedruckte Lüge“ überwältige laut Klemperer den Menschen, wenn sie von allen Seiten auf ihn eindringe und Zweifel immer seltener geäußert würden. Worte könnten ihm zufolge sein „wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da“. Auch Lenin sei sich der Macht der Sprache bewusst gewesen, als er die Zerstörung der Sprache als wesentliche Voraussetzung für die Zerstörung der bestehenden Ordnung beschrieb.

Um totalitären Tendenzen entgegenzuwirken, empfehle es sich laut Hahn, auf Rat aus alter Zeit zu hören:

„Als ein Schüler Konfuzius fragte, was dieser tun würde, hätte er morgen die Leitung des Staates inne, antwortete der: ‚Ich würde zuerst die Bedeutung der Worte festlegen. Wenn die Bedeutungen nicht klar sind, stimmen die Worte nicht. Stimmen die Worte nicht, so kommen die rechten Werke nicht zustande. Kommen die rechten Werke nicht zustande, so gedeihen Kunst und Moral nicht. Darum sorge der Edle, dass er seine klaren Begriffe zu Worten und seine Worte zu Taten werden lasse, und dulde nicht, dass in seinen Worten irgendetwas in Unordnung ist.'“1

Auch die jüdische Tradition betonte die Bedeutung der Sprachpflege, wenn sie fordere, dass man auf seine Worte achten solle, da aus ihnen Handlungen folgten, die zu Gewohnheiten würden, die wiederum den Charakter prägten, der schließlich zum eigenen Schicksal würde.

Hintergrund und Bewertung

Sprachverfall und sprachliche Verrohung sind zunehmend auch in anderen Milieus zu beobachten, wobei sie dort jedoch meist das Ergebnis von Unvermögen oder Bildungsmängeln und nicht von absichtsvollem Handeln sind.

Der Sprachforscher Leo Weisgerber bezeichnete Sprache als geistschaffende, kulturtragende und geschichtsmächtige Kraft.2 In der Sprache lebt ein großer Teil der Tradition einer Kultur. Damit eine Tradition gepflegt werden kann, braucht sie Mittel und Symbole, die das Überlieferte ausdrücken. Die überlieferte Sprache ermöglicht dabei eine Verständigung über viele Generationen hinweg. Die Pflege des klassischen Griechisch und Latein gab einigen Institutionen eine dauerhafte Form und ein Gedächtnis, das mittlerweile Jahrtausende umfasst.

Sprache ist zudem Ausdruck eines spezifischen Denkens, das nur noch bedingt ausgedrückt werden kann, wenn die Sprache dazu verloren geht. Wilhelm von Humboldt zufolge stirbt oder verkümmert eine besondere Art, die Welt wahrzunehmen und zu deuten, wenn eine Sprache stirbt.3

Neomarxistische und postmoderne Aktivisten betreiben die gezielte Zerstörung der Sprache, weil sie die Vorstellung ablehnen, dass Sprache Wahrheit ausdrücken solle. Sprache wird stattdessen als Machtmittel bzw. als Werkzeug von Unterdrückung verstanden. Jede Behauptung einer Bedeutung impliziere eine Abgrenzung und Unterscheidung und diene der Ausübung und Festigung von Macht. Sprache solle daher „dekonstruiert“ werden. An die Stelle der kritisierten Machtausübung soll die eigene Machtausübung treten. Unerwünschte politische Positionen sollen dazu durch Sprache delegitimiert und unerwünschte Tatsachen der Wahrnehmung entzogen werden. Man erwartet, dass der Anpassung der Sprache an die Ideologie die gewünschte Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse folge.

Diese gezielte Zerstörung der Sprache wird durch allgemeine kulturelle Auflösungserscheinungen begünstigt. Der Sprachwissenschaftler Stefan Barme beobachtete kürzlich einen „dramatischen Abbau der muttersprachlichen Fähigkeiten“ in Deutschland seit den 2000er Jahren. Ursachen dafür seien die Erosion des Bildungswesens, das Verschwinden der Lesekultur, eine negative Einstellung zur Muttersprache sowie die wachsende Zahl kulturell nicht hinreichend integrierter Migranten. Bei Studenten würden sowohl der Umfang des Wortschatzes als auch die Fähigkeit, Gedanken schriftlich präzise auszudrücken oder komplexe Sätze zu bilden, zurückgehen.4 (FG2)

Quellen

  1. Ulla Hahn: „Wort wird Handlung“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2020.
  2. Leo Weisgerber: Das Menschheitsgesetz der Sprache als Grundlage der Sprachwissenschaft, Heidelberg 1964, S. 33.
  3. Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Sprache, Stuttgart 1995.
  4. Stefan Barme: „Verlieren wir unsere Sprache?“, Tumult, Frühjahr 2020, S. 41-43.

1 Kommentar

  1. Für Linguisten ist klar: Sprachwandel geht von der Sprachpraxis aus und ist nicht intendiert. Selbst der Duden, der vordergründig normativen Charakter hat, bildet den erfolgten Sprachwandel letztendlich nur ab, den die Duden-Redaktion beispielsweise durch langfristige Medienbeobachtung empirisch festgestellt hat. Sprachwandel geschieht nur langfristig und unter Mitwirkung der „wichtigen“ Sprecher (Intellektuelle, Schriftsteller, Medien etc.). Linksidentitäre Aktivisten, die man auch immer häufiger in der Linguistik antrifft, wissen das natürlich und versuchen daher, sprachliche Tabus durchzusetzen oder – wie im Fall des sogenannten Genderns – in den Hochschulen die zukünftigen Eliten mit Zwang auf das identitätspolitische Sprachumbauprogramm zu verpflichten. Solche Strategien hatten noch nie Erfolg, nicht in den Zeiten der Aufklärung, nicht im Dritten Reich, und auch nicht in den sozialistischen Staaten. Jeder kann zu diesem Scheitern beitragen, indem er auf seine Sprache achtet, soweit es geht, nicht „gendert und nicht die sprachlichen Tabus der Linksidentitären übernimmt.

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