Nouriel Roubini: Westlichen Gesellschaften drohen „Verderben und Desaster“

Iwan Aiwasowsky - Schwere See (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini lehrt an der New York University und ist vor allem dadurch bekannt geworden, dass er die Finanzkrise von 2008 frühzeitig vorausgesagt hatte. In einem heute veröffentlichten Gespräch prognostiziert er eine weitere Weltwirtschaftskrise, die in Folge der Corona-Krise eintreten und zu gravierenden sozialen und politischen Verwerfungen in westlichen Gesellschaften führen könne. Die 2020er-Jahre würden wahrscheinlich von „Verderben und Desaster“ geprägt sein.

  • Die sich gegenwärtig abzeichnende Krise werde voraussichtlich größere Dimensionen annehmen als die Weltwirtschaftskrise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre. Es sei ein „Trugschluss“ anzunehmen, dass sich die Wirtschaft von Staaten wie den USA von der gegenwärtigen Krise rasch wieder erholen werde, da der eingetretene strukturelle Schaden zu groß sei.
  • Die Erholung des Aktienmarkts sei kein Indikator für eine Erholung der Wirtschaft, weil sie von Konjunkturpaketen angetrieben werde. Banken und größere Konzerne würden die Krise überwiegend überleben, weil Staaten es sich nicht erlauben könnten, sie untergehen zu lassen. Zentralbanken würden zu diesem Zweck die Märkte gegenwärtig mit Liquidität fluten. Die Macht von Banken und Konzernen werde daher weiter zunehmen. Viele kleine und mittlere Unternehmen würden jedoch zusammenbrechen.
  • Die öffentlichen Schulden würden aufgrund von Konjunkturprogrammen weiter steigen und seien bereits jetzt so hoch, dass sich Staaten nur bei dauerhaft niedrigen Zinsen refinanzieren könnten. Zentralbanken müssten dazu langfristig in wachsendem Umfang Staatsanleihen aufkaufen, was zu steigender Inflation führen werde.
  • Die Krise werde zu sozialen Verwerfungen führen, da der Großteil der Menschen in Staaten wie den USA mangels Aktienvermögen zu den Verlierern der Krise gehören werde. Die Arbeitslosigkeit werde sich auf einem hohen Niveau stabilisieren. Die aktuellen Unruhen in den USA seien bereits Teil der sich andeutenden Verwerfungen. Die meisten Teilnehmer der Unruhen würden zum „urbanen Prekariat“ gehören. Es handele sich um, „Zeitarbeiter, Freiberufler, Leute, die auf Stundenbasis arbeiten, obwohl sie vielfach Universitätsabschlüsse haben“, und die mangels Ersparnissen und sozialer Sicherung früher als andere Gruppen von den Folgen der Krise getroffen würden. Gewaltsame Verwerfungen größeren Ausmaßes seien möglich.

Nouriel befürchtet insgesamt, dass die 2020er Jahre „düster“ und von „Verderben und Desaster“ geprägt sein werden.1

Hintergrund und Bewertung

Die Warnungen Roubinis beruhen auf Annahmen, die von den Autoren anderer Prognosen geteilt werden, die Verwerfungen in westlichen Gesellschaften voraussagen. Wir haben solche Prognosen hier zusammengestellt.

Im Zusammenhang mit der laufenden Corona-Krise äußerten mehrere Experten die Sorge, dass diese der Auslöser für größere Verwerfungen sein könne:

  • Laut dem Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanovic drohe in Folge der Corona-Krise mittelfristig „der soziale Kollaps“ vieler westlicher Gesellschaften. Diejenigen, „die nun ohne Arbeit, ohne Vermögen und ohne Hoffnung sind, könnten ihren Frust leicht gegen jene richten, die besser dastehen“.2 Die zu Beginn der Krise sichtbare Solidarität in westlichen Gesellschaften werde schwinden. Dies sei auch in früheren Krisen zu beobachten gewesen, wenn eine Gesellschaft für längere Zeit unter Druck gestanden habe und ein Teil der Bevölkerung dabei ohne Einkommen war. Unruhen und soziale Verwerfungen seien dann möglich. Schon zu Beginn der Krise hätten sich soziale Konflikte angedeutet, weil Geringverdiener in Form von Arbeitsplatzverlust am stärksten von den Folgen der Krise betroffen seien.3
  • Der Rechtswissenschaftler Reinhard Merkel warnte davor, dass Deutschland „harte Verteilungskämpfe“ bevorstünden. Die „Folgen des globalen ökonomischen Absturzes werden eine Verschärfung der Migrationskrise verursachen“. Viele Menschen würden sich im Fall einer Wirtschaftskrise fragen, „ob man sich 25 Milliarden Euro im Jahr für den zusätzlichen Zustrom von Migranten leisten kann, von denen ein erheblicher Teil nicht in die Ökonomie zu integrieren ist.“4

Bereits vor dem Beginn der Corona-Krise gab es Anzeichen dafür, dass unter den Angehörigen wirtschaftlicher Eliten in den USA verstärkt die Möglichkeit gravierender gesellschaftlicher Verwerfungen und einer globalen Zivilisationskrise in Erwägung gezogen wurde. Man befürchte, dass die amerikanische Gesellschaft aufgrund ihrer ethnischen, kulturellen und politischen Polarisierung nicht mehr hinreichend resilient sei, um entsprechende Krisen bewältigen zu können. Die Ereignisse der vergangenen Wochen scheinen diese Sorge zu bestätigen. (FG2)

Quellen

  1. „‚Es ist zu viel kaputt‘“, Der Spiegel, 13.06.2020.
  2. „‚Die echte Gefahr dieser Pandemie ist der soziale Kollaps‘“, NZZ am Sonntag, 19.04.2020.
  3. „‚Die Angst ist das Problem‘“, zeit.de, 27.04.2020.
  4. „‚Wir werden harte Verteilungskämpfe kriegen‘“, Frankfurter Rundschau, 11.05.2020.