Kardinal Robert Sarah: Kolonisation als europäische Kulturleistung

In den USA und vielen Staaten Westeuropas läuft derzeit eine von Gewalt und Vandalismus begleitete Kampagne, die sich nicht nur gegen Institutionen wie die Polizei, sondern auch gegen Teile des Kulturerbes richtet. Dabei kam es zuletzt zu zahlreichen Fällen der Zerstörung von Kulturdenkmälern, welche im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialerbe stehen, sowie zu Forderungen nach Entfernung entsprechender Bezüge aus dem öffentlichen Leben.

Die Akteure dieser Kampagne behaupten, im Namen von Menschen nichteuropäischer Herkunft zu sprechen, lassen diese aber nur dann zu Wort kommen, wenn sie deren Ideologie teilen. Der aus Guinea stammende Kardinal Robert Sarah, der als einer der wichtigsten afrikanischen Repräsentanten der katholischen Kirche gilt, hatte im Gegensatz zu den erwähnten Aktivisten die Kolonisation als Kulturleistung Europas ausdrücklich gewürdigt. Kardinal Sarah sprach von „den wunderbaren Früchten der Kolonisation durch den Westen“ in Afrika. Europa habe die historische Berufung gehabt, das Christentum in die Welt zu tragen:

„Als ich noch in Afrika lebte, durfte ich von den wunderbaren Früchten der Kolonisation durch den Westen zehren. Die kulturellen, moralischen und religiösen Werte, welche die Franzosen uns brachten, waren für uns eine große Bereicherung. Die Kolonisatoren brachten viele lebendige, durch das Christentum geadelte Traditionen ihrer Vorfahren mit. Ihre Auffassung von der Würde des Menschen, seinen Rechten und Werten waren etwas absolut Neues. Frankreich hat mich eine hervorragende Sprache gelehrt. Seine Missionare brachten mir den wahren Gott. Ich bekenne mich gerne dazu, Kind einer konstruktiven Kolonisation zu sein.“1

Auch der aus Nigeria stammende katholische Kardinal Francis Arinze würdigte dieses Erbe. Er sei dankbar dafür, dass europäische Missionare es ihm ermöglicht hätten, Christ zu werden. Diese Missionare hätten für ihn große Opfer gebracht.2

Hintergrund und Bewertung

Neben den erwähnten Äußerungen sprechen auch die historischen Tatsachen für eine differenzierte Bewertung des europäischen Kolonialerbes bzw. für eine Bewertung, die neben seinem historischem Kontext und seinen Verfehlungen auch seine Leistungen betrachtet. Diese Leistungen werde vor allem dort sichtbar, wo nicht das Streben nach Macht und Reichtum, sondern der Wille zum Dienst an den Völkern der Welt sowie der Wille dazu, das christlich-abendländische Erbe Europas und dessen Errungenschaften mit ihnen zu teilen, die treibende Kraft darstellten.

Der Politikwissenschaftler Bruce Gilley trat 2017 aufgrund dieser Leistungen für eine positivere Bewertung der europäischen Kolonisation ein. Diese habe die Lebensbedingungen großer Teile der Menschheit nachhaltig verbessert. In fast allen Staaten Subsahara-Afrikas habe sich die allgemeine Lage erst nach dem Ende der europäischen Kolonialherrschaft verschlechtert, während sie sich zuvor verbessert habe. Dies gelte insbesondere für Staaten, deren Regierungen antikoloniale Ideologien vertreten, etwa wie Zimbabwe, die ehemalige britische Kolonie Rhodesien. Nicht die europäische Kolonisation, sondern anti- und postkoloniale Ideologie müsse daher im Mittelpunkt der Kritik stehen, wenn man die Lage der in Armut und Unfreiheit lebenden Teile der Menschheit verbessern wolle.3

Laut dem Historiker John Roberts sei die europäische Kolonisation in weiten Teilen von materiellen Zielen getrieben und mit gravierenden Vergehen verbunden gewesen. Christen hätten diesen negativen Phänomenen entgegengewirkt und sich unter anderem dafür eingesetzt, dass europäische Kolonialmächte im 19. Jahrhundert die Sklaverei abschafften, die bereits vor ihrer Ankunft dort praktiziert worden sei. So sei es letztlich der europäischen Kolonisation zu verdanken gewesen, dass die Sklaverei weltweit zurückgedrängt wurde und heute nur noch in Regionen existiere, in denen der Einfluss Europas zu schwach gewesen sei.4

Der Historiker Rodney Stark zählte die erfolgreiche Bekämpfung der Sklaverei ebenfalls zu den großen Errungenschaften des europäischen Kolonialerbes. Diese sei dem Einsatz von Christen zu verdanken, die sich dazu sowohl gegen den Widerstand der Kulturen Subsahara-Afrikas, Süd- und Mittelamerikas sowie des islamischen Raums als auch gegen den Widerstand säkularer, von Streben nach materiellem Gewinn motivierter europäischer Akteure hätten durchsetzen müssen.5

Die globale Ausbreitung des Christentums zähle laut Robert zu den wichtigsten Leistungen der europäischen Kolonisation. Das Christentum habe dadurch aufgehört, eine nur europäische Religion zu sein. Die Geschichte des Weltchristentums sei „überwiegend die Geschichte eines abendländischen Erfolges bei der Verbreitung seines Ideengutes“, das in diesem Punkt von den Menschen vieler nichteuropäischer Kulturen freiwillig angenommen worden sei. Europa habe dadurch die erste Weltkultur geschaffen, und diese Kultur sei die Kultur des Abendlandes.6 Es gehöre es zu den inneren Widersprüchen antikolonialer Ideologien, dass sie unfähig dazu seien, sich ohne Rückgriff auf die Werke europäischer Kultur zu artikulieren.7

Auch der 2018 verstorbene, von indischen Vorfahren abstammende Nobelpreisträger für Literatur V. S. Naipaul würdigte in seinen Schriften das europäische Kolonialerbe. Es sei nicht ohne Fehler und Schwächen, habe jedoch eine universelle Zivilisation geschaffen, die allen Menschen Wege zu einem gelingendem Leben aufzeigen könne. Auch andere Kulturen hätten Kolonialismus betrieben, aber keine habe dadurch auch nur annähernd vergleichbare Werke geschaffen. Das Erbe Europas sei vielen der Menschen in den Kolonien, darunter auch ihm selbst, deshalb als Verheißung und nicht als Bedrohung erscheinen.8 (FG5)

Quellen

  1. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 298.
  2. „‚You ask them: Are you serious?’: An interview with Cardinal Arinze“, catholicherald.co.uk, 25.07.2019.
  3. Bruce Gilley: „The Case for Colonialism“, Academic Questions, Vol. 31, No. 2 (June 2018), S. 167-185.
  4. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986.
  5. Rodney Stark: For the Glory of God: How Monotheism Led to Reformations, Science, Witch-Hunts, and the End of Slavery, Princeton 2003, S. 291 ff.
  6. Roberts 1986, S. 40 ff.
  7. Ebd., S. 38 ff.
  8. V. S. Naipaul: „Our Universal Civilization“, The New York Times, 05.11.1990.