John Gray: Die Mächte des Chaos erheben sich

William Blake - The Number of the Beast is 666 (gemeinfrei)

Der Philosoph John Gray war Professor für europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. Die seit einigen Wochen laufende Welle nihilistischer Gewalt, die viele westliche Gesellschaften erfasst hat, deutet er als Folge der Freisetzung chaotischer Impulse durch neomarxistische und postmoderne Ideologien. Diese hätten die Gründungsmythen der westlichen Welt in ihr Gegenteil verkehrt und die Vorstellung durchgesetzt, dass westliche Kulturen und Gesellschaften unheilbar korrumpiert seien und sich allenfalls durch kollektive Selbstzerstörung von ihrer vermeintlichen historischen Schuld befreien könnten.

  • Die Urheber der Gewalt seien häufig junge Erwachsene, die aus den Mittelschichten ihrer Gesellschaften stammten und meist über höhere Bildungsabschlüsse verfügten. Sie seien über viele Jahre hinweg durch eine systematische Delegitimation der westlichen Zivilisation in einen geistigen Zustand versetzt worden, in dem ihnen die Zerstörung dieser Zivilisation als ein Ausweg aus den bei ihnen gezielt erzeugten Schuldgefühlen erscheine.
  • Akteure wie die Extremisten der „Antifa“ oder antirassistische und sonstige identitätspolitische Bewegungen glichen Endzeitsekten. Ihre Gewalt sei nihilistisch und diene letztlich nicht politischen oder strategischen, sondern psychologischen bzw. therapeutischen Zwecken. Ihre Ziele beschränkten sich auf die Zerstörung der gewachsenen Ordnung und Kultur, was als befreiend und erlösend empfunden werde.
  • Der entsprechende Aktivismus habe keine Vorstellung davon, wie eine bessere Gesellschaftsordnung aussehen könne, sondern lebe vollständig aus der Verneinung der bestehenden Ordnung heraus. Er werde nicht zu mehr Gerechtigkeit und zur Beilegung gesellschaftlicher Konflikte führen, sondern zu Chaos und Balkanisierung. In den USA seien in Folge der Gewalt anarchische Räume entstanden, in die Extremisten, Akteure der Organisierten Kriminalität und Bürgerwehren eindringen würden. Die USA seien im Begriff, in Folge dieser Entwicklung zum ersten gescheiterten Staat der westlichen Welt zu werden.

Dieser Sturm werde nicht so bald vorübergehen, sondern wahrscheinlich weiter an Stärke zunehmen. In dieser Lage müssten die Verteidiger des westlichen Erbes die verbliebenen Kräfte der Ordnung stärken und die noch vorhandenen Enklaven des Geistes und des freien Denkens verteidigen, damit zumindest einige von ihnen die Zeit des heraufziehenden Chaos überstehen könnten.1

Bewertung

Mit seinem Verweis auf das Wirken chaotischer Kräfte deutet Gray an, dass die laufende Welle der Gewalt und des gegen die Grundlagen westlicher Gesellschaftsordnungen gerichteten Aktivismus nicht nur einen Ausdruck planvollen Handelns, sondern vor allem auch ein Symptom eines metaphysischen Problems darstellt. Der Kunsthistoriker Arnold Bartetzky betonte ebenfalls die nicht-politischen Aspekte des Geschehens, als er eine kürzlich vollzogene Denkmalzerstörung als eine „Orgie der Gewalt“ beschrieb, „bei der sadistische Reflexe ausgelebt werden“.2

Der Politikwissenschaftler Eric Voegelin wies dementsprechend darauf hin, dass sich hinter dem Wirken totalitärer Akteure „ein tieferes und gefährlicheres Übel verbirgt“, das unsichtbar und unverstanden bleiben müsse, wenn man die metaphysische Dimension des Geschehens ausblende. Totalitäre Akteure bewiesen, dass das Böse „als eine echte, in der Welt wirksame Substanz und Kraft“ existiere. Man habe es mit einer „bösen, satanischen Substanz“ zu tun, der „nur aus einer gleich starken religiös guten Kraft der Widerstand geleistet werden“ könne. Man käme den hier wirkenden Kräfte nicht mit bloßer Sittlichkeit bei, sondern nur auf eine radikale, bis an die metaphysischen Wurzeln des Problems reichenden Weise.3

Christliche Weltanschauung setzt sich seit zwei Jahrtausenden mit diesem Problem auseinander. Zu den ältesten Überlieferungen der abendländischen Tradition gehört die Erzählung von der Korrumpierbarkeit des Menschen durch utopische Versprechen, die von Akteuren vorgebracht werden, die im Gewand des Guten und des Gerechten auftreten und die den Menschen zur Rebellion gegen die metaphysische Ordnung bewegen wollen, von der er abhängig ist.

Der evangelische Theologie Dietrich Bonhoeffer schrieb, dass es für solche Ideologien typisch sei, dass Sie sich als Träger von Fortschritt und Gerechtigkeit darstellen:

„Daß das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgrundtiefen Bosheit des Bösen.“4

Das Streben nach der Freisetzung von Leidenschaften, die Verherrlichung von Gewalt, die Ablehnung der Anerkennung metaphysischer Grenzen des eigenen Handelns sowie des Gedankens des Gemeinwohls und das Streben nach revolutionären Brüchen bzw. nach der Zerstörung des Gewachsenen als angeblicher Voraussetzung für die Verwirklichung der jeweiligen Utopie gehörten über die Jahrhunderte hinweg zu den stets wiederkehrenden Eigenschaften der politischen Bewegungen, die von den erwähnten korrumpierenden Kräften geprägt sind. (FG2)

Dieser Beitrag wurde am 22.06. mit dem Hinweis auf den Artikel von Arnold Bartetzky ergänzt.

Quellen

  1. John Gray: „The woke have no vision of the future“, unherd.com, 17.06.2020.
  2. Arnold Bartetzky: „Kommentieren statt zerstören“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2020.
  3. Eric Voegelin: Die politischen Religionen, München 1993, S. 6.
  4. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Gütersloh 2016, S. 10.

1 Kommentar

  1. Ausgezeichnet. Ich bin froh, dass ich seit kurzem Ihren Newsletter abonniert habe. Ich glaube, die Wurzel dieser Bewegung ist der Hass, aus welchen Gründen auch immer, meist aus der Kindheit stammend, in diesen Personen. Dieser Hass wird dann anders verkleidet, damit man das Destruktive nicht erkennt!

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