Christian Jakob: Die identitätspolitische Kulturrevolution erfasst Deutschland

Nicolas-Antoine Taunay - Triumph der Guillotine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Publizist Christian Jakob ist Redakteur bei der „tageszeitung“. In einem heute erschienenen Aufsatz analysiert er die gegenwärtig stattfindende identitätspolitische Kulturrevolution in Deutschland und anderen westlichen Gesellschaften, für die auch Aktivistinnen wie die taz-Mitarbeiterin Hengameh Yaghoobifarah stünden. Diese Aktivisten hätten bereits die Hegemonie in meinungsbildenden Institutionen erlangt, was nicht nur den Journalismus, sondern die ganze Gesellschaft radikal verändern werde. Dies erzeuge auch bei Linksliberalen der älteren Generation zunehmend Besorgnis.1

Identitätspolitische Aktivisten würden ausgehend vom neomarxistischen Konzept der „Intersektionalität“ annehmen, dass westliche Gesellschaften systematisch Nichtweiße, Frauen, Homosexuelle und andere Gruppen unterdrückten, um „weiße Privilegien“ zu erhalten. Die entsprechende ideologische Prägung hätten die Aktivisten in der jüngeren Vergangenheit an Universitäten erhalten und würden nun versuchen, Gesellschaften in diesem Sinne revolutionär umzugestalten.

  • Entscheidend für die Bewertung einer Position sei für die Aktivisten, wer sie äußere. Menschen würden auf biologistischer Grundlage entweder in Unterdrücker oder Unterdrückte bzw. in Täter und Opfer eingeteilt. Aktivistinnen wie Hengameh Yaghoobifarah dürften in der Wahrnehmung identitätspolitisch fühlender Menschen „alles“, während Weiße, die Kritik an Positionen der Aktivisten übten, als Rassisten dargestellt würden, die ihre Privilegien verteidigen wollten. Nichtweiße Kritiker würden als „von Weißen manipuliert“ dargestellt.
  • Definitionsmacht bzw. das Recht zu bestimmen, was diskriminierend sei, hätten dieser Ideologie zufolge ausschließlich Nichtweiße oder andere Angehörige von Opfergruppen. Entscheidend dafür seien nicht nach universellen Maßstäben diskutierbare, objektive Sachverhalte, sondern Gefühle. Rassistisch sei, was von Nichtweißen als rassistisch empfunden würde. Wer „unterdrückt wird, hat erst mal recht“.
  • Die beschriebenen Aktivisten würden sich als unterprivilegierte Opfer von Diskriminierung darstellen, in Wahrheit aber über enorme Macht verfügen. Es handele sich bei ihnen „ausnahmslos um AkademikerInnen“, deren Denken „teils längst hegemonial“ sei. „Unis, Stiftungen, Beratungsstellen, NGOs, Teile des öffentlichen Dienstes und viele Medien“ seien „heute voller junger AkademikerInnen“, die der beschriebenen Ideologie folgten.

Ziel der Aktivisten sei die Erlangung von Macht bzw. von Kontrolle über staatliche und nichtstaatliche Institutionen. „Institutionell verankerte Diversity“ solle Aktivisten „Zugänge zur Macht verschaffen“, damit sie die Umgestaltung von Kultur und Gesellschaft weiter vorantreiben könnten.

Hintergrund und Bewertung

Der Politikwissenschaftler Eric Kaufmann hatte kürzlich analysiert, wie sich die von Jakob beschriebene Kulturrevolution in den USA vollzieht. Dort sei das Vorgehen der Radikalen, bei denen es sich entgegen ihrer Selbstdarstellungen meist um Weiße handele, zuletzt kaum noch auf Widerstand gestoßen:

  • Im linksliberalen Spektrum habe das oben erwähnte Konzept der Intersektionalität eine quasi-religiöse Bedeutung erlangt. In einem zunehmend von Fanatismus geprägten Wettbewerb um moralischen Status überbiete man sich gegenseitig mit immer schrilleren Verurteilungen von „Rassismus“, „Homophobie“, „Sexismus“ und anderen mutmaßlichen Verfehlungen, wobei die vorgebrachten Anklagen immer weniger Bezug zur Wirklichkeit hätten.
  • Das faktische Ziel dieser Akteure sei die „Ent-Europäisierung“ der amerikanischen Kultur durch die revolutionäre Umgestaltung aller gesellschaftlicher Institutionen sowie die Entfernung aller traditionell-europäischen Bezüge aus dem öffentlichen Leben. Kultur werde schrittweise durch Ideologie als Quelle sozialer Normen ersetzt.
  • Der amerikanische Konservatismus stünde dieser Entwicklung geistig wehrlos gegenüber, da er sich in den vergangenen Jahrzehnten auf Themen wie Steuersenkungen zurückgezogen habe und vor der Konfrontation mit kulturrevolutionären Ideologien zurückgescheut sei.

Jakob betont in seinem Aufsatz die Bedeutung der Universitäten für das von ihm beschriebene kulturrevolutionäre Projekt. Die weitgehende Übernahme der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten durch Anhänger neomarxistischer und postmoderner Ideologien seit den späten 1960 Jahren, die den Ausgangspunkt für die gegenwärtige Phase dieser Entwicklung bildete, hatten wir hier behandelt.

Einen Indikator dafür, wie sich die realen Machtverhältnisse in Deutschland inzwischen gestalten, stellt das Verhalten des Bundesministeriums des Innern dar, das im Zusammenhang mit den gegen Polizeibeamte gerichteten Äußerungen Yaghoobifarahs heute erklärt hat, auf die ursprünglich geplanten Gegenmaßnahmen zu verzichten. Ein anderer Indikator ist das Verhalten der Deutschen Bischofskonferenz, die auf Ihrem Internetportal im Sinne der Forderungen radikaler Aktivisten eine Liste mit „problematischen Kirchenmännern“ veröffentlichte, derer derzeit noch mittels Statuen und Straßennamen öffentlich gedacht wird. Ein Hinweis darauf oder ein Wort der Kritik daran, dass diese Aktivisten, denen man hier eine Liste von Zielen zur Verfügung gestellt hat, auch die Zerstörung von Christus-Statuen fordern und bereits Vandalismus gegen Statuen von Heiligen, gegen Bildnisse der Schwarzen Madonna und gegen Kirchen verübt haben, fehlt.

Der hier sichtbar werdende Unwille und das Unvermögen zentraler Institutionen des Gemeinwesens, den auch gegen sie gerichteten Kampagnen wenigstens auf symbolischer Ebene zu begegnen, dürfte zu einer weiteren Radikalisierung identitätspolitischer Aktivisten und ihres Vorgehens beitragen. Die klassische politische Philosophie beobachtete, dass es kaum etwas gibt, dass die Kontinuität eines Gemeinwesens so sehr bedroht, wie die Kombination aus einem Gegner, der es verachtet, und der inneren Schwäche seiner Verteidiger. (FG2)

Quellen

  1. Christian Jakob: „Die Welt ist nicht schwarz-weiß“, taz – die tageszeitung, 25.06.2020.