David Engels: Gegen den neuen Bildersturm

Joseph-Noël Sylvestre - Die Plünderung Roms durch die Barbaren (Detail, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der Althistoriker David Engels kritisiert die laufende Kampagne gegen europäisches Kulturgut, die von Gewalt gegen Kulturdenkmäler in weiten Teilen der westlichen Welt begleitet ist und sich zunehmend weiter radikalisiert. Laut Engels habe man es mit einem beispiellosen „bilderstürmerischen Angriff auf Statuen, Büsten, Kirchen, Bücher, Filme oder Gemälde“ zu tun, der orwellsche Züge aufweise und dessen eigentliches Ziel das kulturelle Gedächtnis der westlichen Zivilisation darstelle.

  • Das Motiv hinter dieser Kampagne sei der Selbsthass einer jungen Generation von Aktivisten bzw. deren Hass auf das eigene kulturelle Erbe. Dieser Hass sei das Produkt des langjährigen Wirkens von Akteuren in Politik, Schulen, Universitäten und Medien und zugleich Ausdruck der Zurückweisung jener Tatsache, dass der Mensch sich nicht selbst definiere, sondern im Guten wie im Schlechten von dem abhängig sei, was frühere Generationen geschaffen hätten.
  • Die Aktivisten hofften, sich durch ihre nihilistischen Werke der Zerstörung von einer Last zu befreien, würden sich und die Gesellschaft, in der sie leben, dadurch aber ebenso zerstören wie man einen Baum zerstöre, wenn man dessen Wurzeln kappe.
  • Es gehe den verantwortlichen Akteuren offensichtlich nicht darum, historische Missstände zu diskutieren oder gegenwärtige Übel zu korrigieren, was sich daran zeige, dass Vandalismus sich auch gegen Statuen von Persönlichkeiten wie Winston Churchill richte, der eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den Nationalsozialismus gespielt hatte.
  • Die Auseinandersetzung mit der Geschichte drohe zu einem Wettbewerb darum zu werden, wer das größere Opfer des historischen Geschehens sei und wer die stärksten Gefühle von Gekränktheit ausdrücken könne.

Das Zurückweichen vor dieser Kampagne durch staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure sei „Symptom einer bedrückenden Feigheit“ und werde „früher oder später die gleichen Folgen haben wie alle anderen Formen der Beschwichtigung, d. h. eine Verschärfung des Problems“.1

Hintergrund

Der Kreis der historischen Persönlichkeiten, die unter Rassismusverdacht gestellt werden um ihre Auslöschung aus dem kulturellen Gedächtnis zu begründen, wurde zuletzt laufend ausgeweitet. Neben Winston Churchill, George Washington, Charles de Gaulle, Christoph Kolumbus, Abraham Lincoln und William Shakespeare waren zuletzt auch Immanuel Kant, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Voltaire und Hannah Arendt und viele andere Ziel entsprechender Angriffe. Diese werden nicht nur von (oft staatlich finanzierten) radikalen Aktivisten vorgebracht, sondern auch von Hochschullehrern, Kulturfunktionären, den meisten Parteien und großen Teilen der Medien, wobei zum Teil auch Gewalt bzw. Vandalismus gebilligt und Verachtung gegenüber der deutschen „Dreckskultur“ bekundet wird. „Rassismusforscher“ fordern dabei nicht nur die Zerstörung oder Entfernung von Kulturdenkmälern, sondern auch, dass Werke der erwähnten Autoren an Universitäten nicht mehr in der Lehre behandelt werden sollten. In den USA, wo es zu Fällen von Vandalismus gegen Kirchen kam und eine Statue des katholischen Heiligen Junipero Serra zerstört wurde, entwickelt sich diese Kampagne außerdem in eine christenfeindliche Richtung.

Der Althistoriker Egon Flaig beschrieb den Verlust der „kulturellen Dankbarkeit“ gegenüber den eigenen Vorfahren als ein Symptom der kulturellen Auflösung westlicher Gesellschaften. Die Vorstellung eines Gemeinwohls beruhe auf einer geteilten Bindung an eine kulturelle Tradition. Nur auf dieser Grundlage könne der republikanische Pluralismus im Sinne seines Leitsatzes „e pluribus unum“ aus kulturell unterschiedlichen Gruppen eine Einheit formen und Fremde, aber auch nachfolgende Generationen integrieren.

Postmoderne und neomarxistische Ideologien, die seit den 1970er Jahren in Europa die kulturelle Hegemonie erlangt hätten, würden hingegen zunehmend eine Erinnerungskultur durchsetzen, welche die europäische Geschichte und Tradition als eine Serie von Verbrechen an der Menschheit darstelle. Um ihre kulturrevolutionären Ziele voranzutreiben, versuchten diese Strömungen, die Bindungen der Völker Europas an ihre Tradition und Kultur zu zerstören. Dazu würden sie ein „radikal neues Bild der Weltgeschichte“ konstruieren, das „mittels offenherziger Verfälschung von historischen Tatsachen“ eine allgemeine Schuld der Völker Europas gegenüber der Menschheit behaupte. Gleichzeitig werde diesen Völkern „Erlösung“ von ihrer angeblichen Schuld in Aussicht gestellt, sofern sie sich gegen ihre Tradition, Geschichte und Kultur wendeten. Dieses „selbstmörderische“ Vorhaben sei in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend erfolgreich gewesen.

George Orwell schrieb in seinem dystopischen Roman „1984“ über den Umgang des von ihm beschriebenen totalitären Staates mit der Geschichte:

„Jede Aufzeichnung wurde vernichtet oder verfälscht, jedes Buch überholt, jedes Bild übermalt, jedes Denkmal, jede Straße und jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Und dieses Verfahren geht von Tag zu Tag und von Minute zu Minute weiter. Die geschichtliche Entwicklung hat aufgehört. Es gibt nur noch eine unabsehbare Gegenwart, in der die Partei immer recht behält.“2

Zahlreiche christliche Denker haben diesen Umgang mit der Geschichte ebenfalls kritisiert:

  • Kardinal Robert Sarah schrieb, dass die moderne Vorstellung von Fortschritt den Bruch mit dem Vergangenen voraussetze. Der moderne Mensch lehne Bindungen jeglicher Art ab, weil er sie als Einschränkung seiner Freiheit verstehe. Dazu gehöre auch die Bindung an ein Erbe, an eine Tradition und an eine Geschichte. Eine „erinnerungslose Geselllschaft“ sei jedoch eine „tote Gesellschaft“, welche die Errungenschaften und Erfahrungen der Vergangenheit nicht mehr annehmen oder weitergeben könne.3
  • Der katholische Theologe Hugo Rahner sprach von einem „Absterben geschichtsleugnender Ideologien“. Der „jugendliche, der revolutionäre, der unreife Mensch“ sei „in seinem Drang nach Ungebundenheit versucht […] alles Vergangene als überwunden und minderwertig abzutun, er bricht mit seiner eigenen Geschichte – und  stirbt daran“. Der Bruch mit der Vergangenheit sei ein Kennzeichen totalitärer Ideologien. Wer „seine eigene Vergangenheit verrät, wer sie umdichtet und umfälscht […] der ist ein Barbar geworden und hat seine eigene Mutter verleugnen müssen. Es ist eine Sünde gegen den heiligen Geist des Abendlandes, wenn man einem Volk mit Gewalt verbietet, sich an seiner eigenen Geschichte zu freuen […].“4
  • Dem katholischen Theologen Dietrich von Hildebrand zufolge sei das in allen Teilen der Gesellschaft (auch in der Kirche) zu beobachtende Vorbringen öffentlichkeitswirksamer Schuldbekenntnisse für mutmaßliche Verfehlungen anderer in der Vergangenheit nicht Ausdruck von Demut, sondern von Arroganz, die nach der Erhöhung der eigenen Person auf Kosten anderer strebe. Die „Verurteilung der Vergangenheit unter dem Schein der Selbstanklage“ sei „pharisäisch“.5 Von Hildebrand warnte außerdem vor einem „Epochalismus“, den er als Form des Chauvinismus bewertete. Die „Eingebildetheit auf die eigene Zeit“ und das „Gefühl der Überlegenheit allen gegenüber, die nicht in der gleichen historischen Epoche leben“ würden, erfüllten für viele Menschen die gleiche psychologische Funktion wie die Berufung auf die mutmaßlich überlegene eigene Abstammung im Nationalsozialismus. Hier werde der Stolz des Menschen angesprochen bzw. sein Streben nach Kompensierung von Unterlegenheitsgefühlen. 6
  • Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) warnte vor einer falschen Form der Reue für historisches Unrecht, die „sich selbst vernichtet“ anstatt zur Erneuerung und zur Korrektur von Fehlern zu führen. Eine „falsch vergrößerte Selbstverurteilung, die schließlich zur totalen Selbstverneinung wird“, sei „nicht die angemessene Art, mit Schuld umzugehen“.7

Auch Papst Franziskus kritisierte den aktivistischen Umgang mit der Geschichte und rief zum Widerstand gegen Versuche auf, die kulturelle und religiöse Identität von Völkern durch „ideologische Kolonisierung“ zu zerstören. Außerdem kritisierte er kulturrevolutionäre Versuche der Zerstörung und Überformung kultureller Erinnerung, welche damit verbunden seien, „die Erinnerung eines Volkes“ zu zerstören.“8 (FG2)

Quellen

  1. „Déboulonnage des statues mémorielles: Contre le nouvel iconoclasme“, b-mag.news, 17.06.2020, Übers. Renovatio-Institut.
  2. George Orwell: 1984, Berlin 1994, S. 184.
  3. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 249 f.
  4. Hugo Rahner: Abendland, Freiburg i. Br. 1966, S. 15-16.
  5. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 316.
  6. Ebd., S. 195.
  7. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 355.
  8. Frühmesse: Erinnerung beseitigt kulturelle Kolonialisierung“, radiovaticana, 23.11.2017.