Armin Nassehi: Warum westliche Gesellschaften zerfallen

Hubert Robert - Der Brand von Rom (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe Armin Nassehi lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die gegenwärtige Eskalation identitätspolitischer Konflikte in westlichen Gesellschaften führt er in einem heute erschienenen Aufsatz darauf zurück, dass diese ihr kulturelles Zentrum verloren hätten. Wo früher als selbstverständlich geltende Werte zur Disposition gestellt und ständig neu ausgehandelt werden müssten, komme es zwangsläufig zu Konflikten.1

Nassehi verweist in diesem Zusammenhang auf die Kulturtheorie des konservativen Soziologen Talcott Parsons, der beschrieben hatte, dass der Zusammenhalt in einem Gemeinwesen ein Minimum an kultureller Homogenität voraussetze. Solidarität und das Verfolgen gemeinsamer Ziele seien in einem Gemeinwesen nur dann möglich, wenn dessen Grundlagen nicht immer wieder neu ausgehandelt werden müssten, sondern von seinen Mitgliedern als selbstverständlich vorausgesetzt würden:

„Kulturelle Bedeutungen, etwa sprachliche Repräsentation, symbolische Formen, Werte und Hintergrundselbstverständlichkeiten, auch moralische Standards und basale Anerkennungsformen, müssen latente Muster bleiben, damit sie funktionieren können. Es muss gewissermaßen eine nicht-verhandelbare Präsupposition aller Verhandlungen geben, deren Geltung an eine gewisse Unsichtbarkeit gebunden ist.

Wir könnten nicht miteinander sprechen , wenn wir die Bedeutung sprachlicher Symbole permanent sprachlich einholen müssten. Es könnte keine Bedeutung geben, müsste Bedeutung vollständig reflexiv sein. Uns als Menschen wechselseitig zu achten, setzt geradezu voraus, uns unseres Menschseins nicht permanent gegenseitig versichern zu müssen. Wer dem anderen sagen muss, dass er oder sie eine Person mit Menschenwürde ist, könnte auch das Gegenteil sagen. […] Kultur schützt sich selbst durch Invisibilisierung ihrer Bedingungen.“

Zunehmende Heterogenität führe dazu, dass die kulturellen Selbstverständlichkeiten, die früher den Zusammenhalt in einer Gesellschaft ermöglicht hätten, herausgefordert würden und die „latenten Muster auf einmal Gegenstand von kollektiven Aushandlungsprozessen“ seien. Der Anspruch, dass frühere Selbstverständlichkeiten weiter gelten sollten, werde in diesem Zusammenhang als Ausdruck von „Rassismus“ angeklagt. Dass es keine „rechtlich stabilisierte Form der Diskriminierung von Schwarzen, Frauen, Homosexuellen und anderen Gruppen mehr gibt“, löse die entsprechenden Konflikte nicht, weil sie meist nicht mehr die Folge absichtlicher Benachteiligung seien, sondern durch die Konkurrenz unterschiedlicher Identitätsgruppen um die Gestaltung der Gesellschaft entstünden.

Die zugrundeliegenden Identitätsmuster seien außerordentlich stabil und wirkungsmächtig, weshalb es nicht klug sei, sie zu unterschätzen oder zu ignorieren. Nicht klug sei es auch, identitätspolitischen Aktivismus zu unterstützen, weil dies Polarisierung und Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts weiter fördern würde. Die Überwindung identitätspolitischer Konflikte erfordere statt dessen die Reduzierung von Heterogenität bzw. die Schaffung eines geistigen Zentrums, das Gemeinsamkeiten stifte, die die Bedeutung unterschiedlicher Identitäten wieder in den Hintergrund treten ließen.

Bewertung und Folgerungen

Was Nassehi mit großer sprachlicher Vorsicht offenbar sagen möchte ist, dass gesellschaftliche Vielfalt für ein Gemeinwesen keine Bereicherung, sondern ein existenzielles Problem darstellt, wenn sie nicht durch allgemein anerkannte Prinzipien bzw. durch eine Leitkultur geordnet wird. Nassehi scheint davon auszugehen, dass diese Prinzipien technokratischer Natur sein können und zum Beispiel in der Praxis funktionierende Lösungen zur Schaffung von Sicherheit und Wohlstand umfassen können. Es gibt jedoch kein Beispiel dafür, dass der von Nassehi vorgeschlagene Weg so jemals funktioniert hat.

  • In der Geschichte gibt es Beispiele für heterogene Gesellschaften, die über längere Zeiträume bestanden haben und dabei das Gemeinwohl sicherstellen konnten. Dazu gehörten etwa die von den europäischen Monarchien geschaffenen Reiche, die zeitweise Völker aus fast allen Teilen der Welt in sich vereinten und die teilweise von multiethnischen Institutionen getragen wurden.
  • Solche Gesellschaften verfügten immer über eine Führungsschicht, die nicht nur technokratische Prinzipien teilte, sondern auch eine integrierend wirkende Weltanschauung mit universellem Ordnungsanspruch, der ihr eine gemeinsame Vision gab, die auch die tragenden Institutionen dieser Gesellschaften prägte.
  • Diese Gesellschaften waren zudem subsidiär organisiert, d. h. die unterschiedlichen Identitätsgemeinschaften lebten innerhalb eines umfassenden Ordnungsrahmens in abgegrenzten Räumen, die sie weitgehend gemäß ihrer eigenen kulturellen Präferenzen gestalten konnten.

Falls es westlichen Gesellschaften nicht gelingen sollte, erneut ein geistiges Zentrum der beschriebenen Art auszubilden, das hinreichend Integrationskraft entwickelt, werden die Konflikte in ihnen wahrscheinlich nicht nur anhalten, sondern im Zuge wachsender Heterogenität voraussichtlich noch weiter eskalieren. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Eskalation ist besonders dann hoch, wenn Gesellschaften wirtschaftlich unter Druck geraten, was derzeit der Fall ist.

Allerdings würde auch die Schaffung oder die Erneuerung eines integrierenden geistigen Zentrums unausweichlich zu Konflikten führen, da der damit verbundene Ordnungsanspruch auf den Widerstand konkurrierender Ordnungsansprüche stoßen würde. Die Frage, welcher Akteur über den Willen und die Fähigkeiten dazu verfügt, einen solchen Ordnungsanspruch in den zerfallenden Gesellschaften des Westens künftig zu erheben und durchzusetzen, ist noch offen. Da derzeit kein solcher Akteur sichtbar ist, besteht die Möglichkeit, dass diese Gesellschaften mittel- bis langfristig in kleinere Räume zerfallen werden, die von ethnischen, religiösen oder kriminellen Strukturen (oder von einer Verbindung aus diesen) kontrolliert werden, mit denen sich die schwächer werdenden Staaten arrangieren müssen. (FG4)

Quellen

  1. Armin Nassehi: „Eine Gesellschaft vollwertiger Bürger“, Süddeutsche Zeitung, 22.06.2020.

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