Andreas Reckwitz: Folgerungen aus der Corona-Krise

Ludolf Backhuizen - Schiffe im Sturm (gemeinfrei)

Der Soziologe Andreas Reckwitz lehrt an der Humboldt-Universität Berlin. In einem heute erschienenen Aufsatz schreibt er, dass die Corona-Krise zahlreiche Defekte der globalistischen Spätmoderne offenlege. Die Folgerung aus der Krise sei die Schaffung eines resilienten Staates, der sich vom Ziel der Entgrenzung und Deregulierung abwende, sich auf Krisen verschiedener Art vorbereite und Themen wie soziale Grundsicherung, ökologische Nachhaltigkeit und öffentliche Sicherheit stärker in den Vordergrund stelle.1

Die Krise der Spätmoderne

Die Corona-Krise wäre eine „banale Pandemie“ geblieben, wenn sie nicht durch die allgemeine „Krise der Spätmoderne“ verstärkt worden wäre:

  • Seit den 1980er Jahren habe eine „Spätmoderne“ schrittweise die „industrielle Moderne“ abgelöst. Die Spätmoderne sei eine „Moderne der Entgrenzung“, die in „vieler Hinsicht eine radikalisierte Moderne“ darstelle und von Prozessen wie Globalisierung, Digitalisierung, Deregulierung, Postindustrialisierung und kultureller Liberalisierung angetrieben werde.
  • Die Umgestaltung aller Bereiche von Kultur und Gesellschaft sei die Folge dieser Entwicklung, die neben gestiegenem Wohlstand und wachsender individueller Freiheit zunehmend auch „verschärfte soziale Ungleichheit, kulturelle Desintegration, psychische Frustrationen, Vernachlässigung öffentlicher Güter, Marktüberhitzungen und verstärkte ökologische Gefährdungen“ hervorbringe.

Folgerungen aus der Krise

Die Kraft der Faktoren, welche die Spätmoderne antrieben, sei vorläufig ungebrochen. Außerdem seien derzeit keine Alternativen zur Spätmoderne zu erkennen, weshalb die gegenwärtige Krise wahrscheinlich noch nicht zu einem Epochenbruch bzw. zu einem Ende der Moderne führen werde, sondern bestenfalls zur Einhegung ihrer destruktiven Potenziale. Reckwitz formuliert in diesem Zusammenhang eine Reihe von Folgerungen aus der Krise:

  • Es sei allgemein ein Staat erforderlich, „der nicht noch weiter mobilisiert und dereguliert, sondern der stabilisiert und reguliert“ und der „nicht beschleunigt, sondern eindämmt“.
  • Staaten müssten außerdem resilienter werden, indem sie sich auf den Ernstfall vorbereiteten und Vorsorge für die permanenten Gefährdungen schaffen, denen sie ausgesetzt seien. Pandemien seien nur eine der in der Vergangenheit vernachlässigten Gefährdungen und Bedrohungen. Ein resilienter Staat müsste Themen wie „soziale Grundsicherung, ökologische Nachhaltigkeit oder öffentliche Sicherheit“ wieder stärker in den Vordergrund stellen.
  • Gesellschaften, die „sich der Verletzlichkeit des Sozialen und seiner Bürger bewusst“ sind, seien „auf eine resiliente Infrastruktur angewiesen“. Staaten müssten stärker als bisher dazu in der Lage sein, „die Qualität basaler öffentlicher Güter und Einrichtungen – Gesundheit, Bildung, Wohnen, Verkehr, Energie“ zu sichern.

Es sei jedoch „naiv“ zu erwarten, dass die erforderlichen Korrekturen durch das Handeln von Staat und Politik allein herbeigeführt werden könnten. Diese seien nicht dazu in der Lage, Gesellschaften beliebig zu steuern oder kulturelle Dynamiken zu beeinflussen. (FG4)

Quellen

  1. Andreas Reckwitz: „Verblendet vom Augenblick“, Die Zeit, 10.06.2020.