Alain Finkielkraut: Antirassismus als antieuropäische Ideologie

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Alain Finkielkraut ist Mitglied der Académie française. Vor dem Hintergrund der laufenden Unruhen in Frankreich und anderen Staaten hat er in einem kürzlich veröffentlichten Gespräch die neomarxistische Ideologie des Antirassismus als den „Kommunismus des 21. Jahrhunderts“ kritisiert. Diese Ideologie strebe unter dem Deckmantel der Gleichheit nach der Zerstörung der europäischen Zivilisation. Westliche Gesellschaften würden nicht durch einen angeblichen systematischen Rassismus oder durch Institutionen wie die Polizei bedroht, sondern durch ihr Unvermögen, dem Wirken radikaler Aktivisten Einhalt zu gebieten.

Das Problem der Schwäche des Staates gegenüber radikalen Akteuren

Die Unruhen offenbarten, dass die zunehmende kollektive Gewaltbereitschaft von Angehörigen bestimmter ethnischer Minderheiten sowie „die Schwäche und Resignation des Staates gegenüber dem, was man – nicht zu Unrecht – die verlorenen Gebiete der Republik nennt“, das eigentliche Problem Frankreichs darstelle. Hier seien es „die Polizisten, die Angst haben“, weil sie „dort, wie auch die Feuerwehrleute, in Hinterhalte gelockt“ würden.

Das Geschehen offenbare zudem den zunehmenden Realitätsverlust im progressiven Spektrum. Die Fähigkeit von dessen Angehörigen, „sich gegenseitig irgendwelche Geschichten zu erzählen“, sei  „wirklich grenzenlos“. Gegenüber den meist aus ethnischen Franzosen bestehenden „Gelbwesten“ gehe die Polizei deutlich härter vor als gegen Migranten. Wenn es tatsächlich einen institutionellen Rassismus in relevantem Ausmaß in Frankreich gäbe, dann würden es radikale Angehörige von Minderheiten kaum wagen, die Konfrontation mit der Polizei so zu suchen, wie es derzeit zu beobachten sei. Illegale Migranten könnten dann nicht „durch Paris marschieren, ohne befürchten zu müssen, dass man sie verhaftet und ohne viel Federlesen in ihre Heimatländer zurückschickt“. Migrantische Rapper würden dann auch davor zurückschrecken, sich in ihren Texten in Vergewaltigungsphantasien gegen die Ehefrauen von Polizeibeamten zu ergehen, wie es in Frankreich der Fall sei.

Der Kampf gegen die europäische Zivilisation als Motiv radikaler Akteure

Finkielkraut bezeichnet die Ideologie des Antirassismus als den „Kommunismus des 21. Jahrhundert“. Sie strebe nach der revolutionären Zerstörung der europäischen Zivilisation. Bereits vor Beginn der Corona-Krise hätten entsprechende Aktivisten „intensiv an der kulturellen Auflösung der Alten Welt gearbeitet“. Seit Beginn der Krise hätten sie ihre Anstrengungen noch weiter verstärkt:

„Genau wie in Yale, Columbia oder Berkeley steht die westliche Zivilisation in den meisten Europäischen Universitäten des Alten Kontinents unter Beschuss. Man zeigt mit dem Finger auf die ‚Dead White European Males‘. Sie und ihre Kultur sind an allem schuld, was sich auf der ganzen Welt verbreitet hat: Die Sklaverei, der Kolonialismus, der Sexismus und die LGBT-Phobie. Diese Kultur zu studieren, das bedeutet jetzt, sie anzuklagen und auseinanderzunehmen, ihr Prestige zu ruinieren, damit die Minderheiten ihren Stolz wiederfinden und sich die kulturelle Vielfalt ungehindert entfalten kann. Daher auch dieses starke Echo nach dem Tod von George Floyd in Paris oder in Stockholm und Montreal.“

Es gehe dieser Ideologie entgegen den Behauptungen ihrer Anhänger nicht darum, „die Gleichheit der Menschenwürde zu verteidigen“, sondern darum, ethnische Bruchlinien in westlichen Gesellschaften zu vertiefen und der Integration von Migranten entgegenzuwirken. Die Rassismen nicht-weißer Akteure, etwa der arabisch-islamische Antisemitismus, würden von antirassistischer Ideologie daher vollständig ausgeblendet. Die „weißen Männer über 50“ seien das zentrale Feindbild dieser Ideologie, weil sie als „letzte Eckpfeiler des Establishments“ wahrgenommen würden, die im Zuge der Durchsetzung der „Ideologie der Vielfalt“ aus gesellschaftlichen Positionen entfernt werden müssten.

Die Tatsache, dass sich auch viele derjenigen Menschen, die auf diese Weise angegriffen würden, aus „Beschämung, weiß zu sein“ und aus einem falschen Streben nach Erlösung von der ihnen unterstellten Schuld an solchem Aktivismus beteiligten und ihr eigenes Verschwinden feierten, sei Ausdruck eines „Auto-Rassismus“, der zu den „erschütterndsten und groteskesten“ Phänomenen unserer Zeit“ gehöre.1

Hintergrund

Finkielkraut vertritt eine traditionelle Weltanschauung, die er aus dem klassischen Bildungsideal und dem Denken der Aufklärung herleitet. Er gehört neben Persönlichkeiten wie dem Schriftsteller Michel Houellebecq und dem Journalisten Éric Zemmour zu den „neoreaktionären“ französischen Denkern, die vor einem säkularen weltanschaulichen Hintergrund die kulturelle Entwicklung in westlichen Gesellschaften im Zuge der ausbleibenden Integration mancher Gruppen von Migranten wiederholt kritisch kommentierten.2

Sein 2013 erschienenen Buch „L’identité malheureuse“ wurde in Frankreich stark wahrgenommen. Hier beschrieb er, dass Frankreich zunehmend von „nationalem Zerfall“, „Entnationalisierung“ und einem permanenten Prozess der „Entidentifizierung” und der „Desintegration“ geprägt sei, was die Folge eines „antifranzösischen Ressentiments“ sei. Die Ideologie der Vielfalt lehne Integration und Assimilation ab und dulde alle Kulturen in Frankreich mit Ausnahme der französischen, was die ethnische und kulturelle Zersplitterung des Landes bzw. „kulturellen Separatismus“ vorantreibe. Die kulturelle Identität des Landes erodiere zusehends und im Land breiteten sich für die französische Kultur „verlorene Gebiete“ aus. Wer dies anspreche, werde unter Verdacht gestellt. Angesichts dieser Lage müsse es darum gehen, die noch vorhandene kulturelle Substanz vor dem endgültigen Zerfall zu retten und aus fehlgeschlagenen utopischen Experimenten auszusteigen.3

Er bezeichnete sich selbst als „Waise der republikanischen und laizistischen Linken“, welche die französische Kultur verrate, indem sie deren Existenz bestreite, wie es unter anderem der französische Präsident Macron tue. Man könnte Integrationsprobleme jedoch nicht lösen, indem man die Leitkultur der Nation auflöse. Nur diese könne die Grundlage einer gemeinsamen Identität aller Franzosen darstellen. Ohne eine Leitkultur führe Migration „zu einem Nebeneinander von feindlichen Gemeinschaften, die sich aus der Kultur ihrer Herkunft definieren und abschotten“.4

Finkielkraut hatte zuletzt vor einem neuen Antisemitismus in Europa gewarnt. Dieser würde von radikalen progressiven Akteuren und Islamisten ausgehen, die ihre gemeinsame Ablehnung der europäischen Zivilisation vereine:

  • Durch „die massive Immigration in Frankreich und anderswo“ habe sich „in Europa etwas radikal verändert.“ Juden würden zu den ersten Opfern dieser Entwicklung gehören.
  • Städte wie das schwedische Malmö, dessen Bevölkerung einen besonders hohen Anteil von Muslimen aufweist, seien mittlerweile „judenrein“. Juden würden solche Orte verlassen, „weil das Leben für sie dort zur Hölle geworden ist“.
  • Diese Entwicklung werde sowohl von radikalen Linken als auch von radikalen Muslimen gefördert. Zwischen „der Jugend der Vorstädte und einer radikalen Linken“ entstehe „eine Verbindung, die ich beängstigend finde“.

In der gegenwärtigen Lage komme es darauf an, Antworten auf die Frage zu finden, wie Europa angesichts dieser Herausforderungen und angesichts des Unvermögens europäischer Regierungen, diesen Herausforderungen zu begegnen, eine Zukunft haben könne. Die europäische Zivilisation und die Nationen, die ihre Träger seien, müssten „ihr Wesen bewahren“. Europa müsse auch dazu da sein, „die Europäer zu schützen“.5

Nach dem Beginn der Corona-Krise sagte Finkielkraut, dass diese „ziemlich unvermittelt“ gezeigt habe, „dass Grenzen hilfreich sein können“. Diese Krise habe zudem die Spaltung der französischen Gesellschaft offen gelegt. Als positiv bewertete er, dass die Lage zu einem wachsenden Bewusstsein für die Tatsache existenzieller Bedrohungen sowie zu Zweifeln an der „exzessiven Individualisierung“ in Frankreich geführt habe, „in der jeder Appell zur Disziplin als Machenschaft, ja Manipulation der Macht denunziert wird“. Man dürfe angesichts der Pandemie nicht vergessen, dass Gesellschaften auch menschliche Feinde hätten.6 (FG2)

Quellen

  1. „‚Es gibt keine Sühne für ihr Schuldgefühl‘“, Die Welt, 15.06.2020.
  2. Georg Blume: „Der Mann, der Frankreich spaltet“, Die Zeit, 22.01.2015.
  3. Alain Finkielkraut: L‘identité malheureuse, Paris 2013.
  4. Jürg Altwegg: „Linke ohne Leitkultur. Für Alain Finkielkraut ist der Wahlkampf ein Schock“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2017.
  5. „‚Wir schaffen das!‘ war Unsinn“, Die Welt, 20.02.2019.
  6. „‚Wir bleiben eine Zivilisation'“, Die Weltwoche, 08.04.2020.