Ahmad Mansour: Deutschland ist blind gegenüber islambezogenen Herausforderungen

Michelangelo - Die delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Psychologe Ahmad Mansour ist im Bereich Islamismusbekämpfung tätig. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk kritisiert er den mangelhaften Umgang der öffentlichen Diskussion in Deutschland mit den Bedrohungen, denen das Land gegenüberstehe. Dies sei vor allem beim Umgang mit islambezogenen Herausforderungen zu beobachten.

Es gebe in der Auseinandersetzung mit Bedrohungen in Deutschland die Tendenz, sich auf unkontroverse Themen zu konzentrieren, während wesentliche Herausforderungen weitgehend ausgeblendet würden:

„Wenn wir einen Terrorismus von Rechtsradikalen haben, dann diskutieren wir über Rechtsradikale, als ob das die einzige Gefahr wäre, die wir in dieser Gesellschaft haben. Und keiner ist bereit, über Islamismus oder Linksextremismus zu sprechen.“

Man konzentriere sich auf Themen, die „sehr bequem sind, die wir moralisierend darstellen und aufnehmen können“ und unterlasse es gleichzeitig, im Umgang mit islambezogenen Herausforderungen die notwendigen grundsätzlichen Fragen zu stellen:

„Was sind die Werte, die wir als Gesellschaft haben sollten, die uns einigen, die uns zusammenbringen, die wir unseren Kindern beibringen? Wenn wir das nicht tun und immer wieder nur reagieren auf Ereignisse, werden wir in zehn Jahren aufwachen und sagen: Wo sind wir hier? Warum entwickeln sich manche Sachen, wie sie sich entwickeln gerade?“

Eine Ursache für diese Ausblendung sei die vor allem in der Mitte der Gesellschaft verbreitete Angst, als „fremdenfeindlich“ zu gelten, wenn man „bestimmte Islamverständnisse kritisiere“. Über solche Themen zu schweigen sei „attraktiver, denn dadurch kriege ich nicht diese Wut, diese Kritik aus den Blasen, die immer passiert, wenn jemand einen Zentimeter abweicht von dem, was die Blasen als Wahrheit oder als Mainstream betrachten“. Ihm selbst sei bereits vorgeworfen worden, dass er „islamfeindlich“ oder „assimiliert“ sei, wenn er islambezogene Herausforderungen anspreche.

Diese Angst vor Debatten habe auch ein „Kuscheltierphänomen“ hervorgebracht bzw. einen Drang dazu, Muslimen zu sagen, „wie großartig sie sind, wenn sie etwas gut gemacht haben“ und sie gleichzeitig vor jeglicher Kritik in Schutz zu nehmen. Auch die aktuelle Rassismusdebatte sei von der Ausblendung wesentlicher Sachverhalte geprägt. Rassismus sei „keine Einbahnstraße und vor allem keine weiße Einbahnstraße“. Muslime „können auch diskriminierend sein gegenüber Ungläubigen“.

Hintergrund und Bewertung

Der Begriff der „islambezogenen Herausforderungen“ umfasst jene Herausforderungen, die in Folge des Wirkens islamistischer Akteure entstehen und jene, die eine Folge der ausbleibenden Integration von Muslimen sind. Wie das Beispiel Mansours und anderer pro-europäisch eingestellter Muslime zeigt (hier sind etwa Mouhanad Khorchide, Abdel-Hakim Ourghi, Seyran Ateş oder Bassam Tibi zu nennen), wäre es unzutreffend anzunehmen, dass Muslime einen homogenen, gegen Europa und seine kulturellen Grundlagen gerichteten Block darstellen.

Ein krisenfestes Gemeinwesen muss Bedrohungen möglichst frühzeitig und vollständig erkennen, um ihnen angemessen und wirksam begegnen zu können. Einige spät- und postmoderne Ideologien schwächen Gesellschaften, weil sie aus utopischem Denken und Fortschrittsoptimismus heraus dazu neigen, Bedrohungen auszublenden, oder weil sie deren Ansprache als diskriminierend ablehnen. In diesem Zusammenhang wird Muslimen wie Mansour regelmäßig von meist nichtreligiösen Kritikern unterstellt, dass sie „islamfeindlich“ handelten, wenn sie islambezogene Herausforderungen ansprechen.

Die Anhänger utopischer Ideologien neigen außerdem dazu, die Ansprache von Herausforderungen zur angeblichen Ursache des Ausbleibens der Verwirklichung der versprochenen utopischen Zustände zu erklären. Da sie (im Falle postmoderner Ideologie) davon ausgehen, dass Sprache Wirklichkeit schafft, betrachten sie die Leugnung der oben beschriebenen Bedrohungen als einen Akt politischer Tugend, durch den eine diskriminierungsfreie Wirklichkeit geschaffen werden könne.  Je gravierender die Herausforderungen werden, desto aggressiver versuchen sie, deren Ansprache zu unterbinden. (FG2)