Rémi Brague: Das aristokratische Wesen des Christentums

Christus als König - Darstellung über dem Königsportal der Kathedrale von Chartres (gemeinfrei)

Der Philosoph Rémi Brague lehrte an der Sorbonne und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In einem vor einiger Zeit erschienenen Aufsatz beschrieb er das aristokratische Wesen und Ethos des Christentums, das eine universelle aristokratische Ordnung mit Christus als König darstelle. Freiheitliche Gemeinwesen seien im christlichen Kulturraum entstanden, weil dieser Gedanke Absolutheitsansprüchen menschlicher Herrscher klare Grenzen gesetzt und zudem freie Menschen hervorgebracht habe, die sich solcher Herrschaft im Wissen um ihre Würde und ihren Adel nicht beugen würden.1

Das Christentum als universelle aristokratische Ordnung

Das Christentum enthalte in seinem Kern die universelle Ausweitung aristokratischer Prinzipien. Der Satz „Jesus ist der Herr“ drücke aus, dass das Christentum eine universelle Ordnung darstelle, die über allen anderen Ordnungen stehe. Taufe und Firmung seien Initiationsrituale, durch die der Mensch in ein persönliches Gefolgschaftsverhältnis zu Christus dem König und somit in den „hohen Adel der Menschheit“ eintrete.

Bereits im Alten Testament sei das Volk Gottes als „Königreich von Priestern“2 bezeichnet worden. Die katholische Kirche spreche zudem vom dreifachen Amt Christi als Priester, Prophet und König. Diese Ämter kennzeichneten auch „jegliche menschliche Elite“, die im christlichen Verständnis niemals absolut oder totalitär agieren darf, weil sie der absoluten Autorität Christi untergeordnet und ihr gegenüber rechenschaftspflichtig ist.

Die Zehn Gebote als das Gesetz freier Menschen

Die Zehn Gebote seien die „Weisungen einer aristokratischen Ethik“ und das Gesetz freier Menschen, welches dem Volk Gottes nach seiner Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei gegeben worden sei, damit es sich auch innerlich aus der Sklaverei befreie. Der britische Schriftsteller Sir Pelham Grenville Wodehouse (1881-1975) habe die Zehn Gebote daher als „eine Art Ehrenkodex des freien Mannes, des Gentleman“ gesehen. Der freie Mann verneige sich nicht vor Götzenbildern, lüge nicht, stehle nicht, sehe den Sinn des Lebens nicht nur in Erwerbstätigkeit, ehre seine Ahnen, sei seiner Ehefrau treu und zeige die „erhabene Gesinnung“, die auch in den Geboten zum Ausdruck komme.

Brague zufolge drücke vor allem das Vierte Gebot zur Ehrung der eigenen Ahnenreihe einen aristokratischen Gedanken aus. Ein freier Mann verstehe das eigene Leben nicht als das Produkt eines Zufalls, sondern wisse um seine Abhängigkeit von früheren Generationen, denen er Dankbarkeit schulde:

„Wir sind aufgerufen, nicht nur unsere Mütter und Väter zu würdigen, sondern die ganze lange Galerie unserer Ahnen. Wie können wir diese Abfolge des Zeugens und Gezeugtwerdens ehren, die bis in die dunkle Vorgeschichte zurückreicht, und mehr noch den unendlich langen Fruchtbarkeitszusammenhang der Schöpfung mit ihrem schier unerschöpflichen Hervorbringen und Hervorgebrachtwerden? […] Erstens können wir die Legitimität unserer Abstammung anerkennen. Ein Aristokrat zweifelt nicht an seiner Genealogie. Für ihn wurden seine Vorfahren zu Recht nobilitiert, weil sie kühn und vorbildlich gehandelt haben – auf eine Weise, die auch unsere eigene Existenz durch verdienstvolle, das heißt gute Lebensführung veredelt. Zweitens können wir dafür danken, daß die Kontinuität gesichert wurde, der wir unser Dasein verdanken, und insbesondere die Tatsache anerkennen, daß der einstige Gründungsakt unseres Geschlechts nicht umsonst war.“3

Die Menschheit habe erst damit begonnen, die Forderungen des Vierten Gebotes vollständig zu verstehen. Es lehre den Menschen, zu ehren, was vor ihm war und wovon er abhängig ist. Es beziehe sich in seiner Erweiterung nicht nur auf die eigenen Vorfahren, sondern auch auf die natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen.4

Freie Gemeinwesen benötigen ein aristokratisches Ethos

Brague erklärt, dass er keine aristokratische politische Ordnung anstrebe, sondern „das Nachdenken über die Aristokratie zum Wohle der Demokratie wiederbeleben“ wolle. Freie Gemeinwesen könnten ohne das aristokratische Ethos des Christentums nicht bestehen. Demokratische Verfahren wie die Wahl von Repräsentanten stammten aus aristokratischen Ordnungen. In einem freien Gemeinwesen hätten Bürger die Rolle, die zuvor Adeligen zugekommen sei. Dies könne auf Dauer nur funktionieren, wenn die Bürger über den nötigen inneren Adel verfügen. Politische Eliten, die sich nicht als Diener am Gemeinwohl verstünden, und populistische Strömungen, die als Reaktion darauf pauschal Eliten ablehnten, könnten ein freies Gemeinwesen nicht aufrechterhalten.

Hintergrund

Der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof, der bis 1999 Richter am Bundesverfassungsgericht war, äußerte sich über die Zehn Gebote ähnlich wie Brague. Moses sei ein „Kämpfer für sein Volk“ gewesen. Die durch ihn an das Volk verkündeten Gebote hätten „sein Volk wehrhaft“ gemacht und eine freie Nation geschaffen, die sich nicht mehr mit der Versklavung durch andere abgefunden habe. Moses sei dadurch ein „früher Vordenker für eine Gerechtigkeit durch einen verfassten Staat“ geworden. Das Verhältnis dieser Nation zu Gott sei dabei nicht eines der Unterwerfung gewesen (wie es im Islam der Fall ist), sondern das eines Bundes.5

Quellen

  1. Rémi Brague: „Gott als Gentleman“, Cato, Nr. 3/2019, S. 57-63.
  2. 2. Mose 19,6.
  3. Brague 2019, S. 60.
  4. Ebd., S. 59.
  5. Paul Kirchhof: Das Maß der Gerechtigkeit, München 2009, S. 93-94.

1 Kommentar

  1. Dem „zeitgeistigen Multikulturalismus“ wohnt kein „Innerer Adel“ inne. Er lebt nicht den freiwilligen Dienst an der Gemeinschaft, siehe das egoistische Handeln der neuen Kaste der Berufspolitiker. Er ersetzt Verantwortungsethik durch Beliebigkeit und hypertrophem Scheinmoralismus. Er ist der sozialistische Widersacher. Geprägt durch Chauvinismus und partiellem Rassismus, etabliert, um ein neues Feudalsystem einzurichten.
    Diese Ideologie, sowie den politischen Islam, gilt es zu überwinden und zu isolieren. Andernfalls verlieren wir unsere politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Freiheiten.

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