Papst em. Benedikt XVI.: Äußere und innere Bedrohungen für die Kirche

Die heute erschienene Biographie Joseph Ratzingers (Papst Benedikt XVI.) von Peter Seewald enthält einige aktuelle Äußerungen Benedikts zur Lage der Kirche. Demnach werde die Kirche vor allem durch das „antichristliche Credo“ der modernen Gesellschaft bedroht. Die Kirche stehe aber auch ernsten inneren Bedrohungen gegenüber. Benedikt verweist in diesem Zusammenhang auf Zeiten, „in denen die Macht des Bösen alles verdunkelt“.

Das „antichristliche Credo“ der modernen Gesellschaft

Die Ereignisse der jüngeren Zeit hätten gezeigt, „dass die Krise des Glaubens vor allem auch zu einer Krise der christlichen Existenz geführt“ habe.1 Die „eigentliche Bedrohung der Kirche“ liege „in der weltweiten Diktatur von scheinbar humanistischen Ideologien, denen zu widersprechen den Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Grundkonsens bedeutet“2:

„Vor hundert Jahren hätte es noch jedermann für absurd gehalten, von homosexueller Ehe zu sprechen. Heute ist gesellschaftlich exkommuniziert, wer sich dem entgegenstellt. Ähnliches gilt bei Abtreibung und für die Herstellung von Menschen im Labor. Die moderne Gesellschaft ist dabei, ein antichristliches Credo zu formulieren, dem sich zu widersetzen mit gesellschaftlicher Exkommunikation bestraft wird. Die Furcht vor dieser geistigen Macht des Antichrist ist dann nur allzu natürlich, und es braucht wirklich der Gebetshilfe eines ganzen Bistums und der Weltkirche, um ihr zu widerstehen.“3

Zur inneren Lage der Kirche

Laut Seewald habe Benedikt XVI. viele der an ihn gerichteten Fragen nicht beantwortet, da er sich nicht in das Wirken des gegenwärtigen Papstes einmischen wolle. An einigen Stellen äußert sich Benedikt XVI. aber dennoch zur inneren Lage der Kirche:

  • Man habe es mit „einer von der Macht des Bösen bedrängten Kirche“ zu tun. Wenn man die Geschichte der Päpste studiere, „wird man bald darauf kommen, dass die Kirche immer ein Netz mit guten und schlechten Fischen war.“ Zum katholischen Verständnis von Kirche gehöre es, dies anzuerkennen und unter diesen Bedingungen in der Kirche zu leben und zu wirken.4 In der Kirche wirke nicht nur „die leise Macht der Güte Gottes“. Man begegne hier auch „der verwirrenden Macht des bösen Geistes“. Benedikt spricht an dieser Stelle von den „Dunkelheiten der einander folgenden geschichtlichen Zeiten“, die „nie einfach die ungetrübte Freude des Christseins zulassen“ würden.5
  • Viele seien „nur scheinbar“ Teil der Kirche, lebten „in Wirklichkeit aber gegen die Kirche“. Umgekehrt gebe es „außen viele […], die – ohne es zu wissen – zutiefst zum Herren und so auch zu seinem Leib, der Kirche, gehören“. Christus habe dies in vielen Gleichnissen dargestellt und man müsse sich diese Einsicht immer wieder „neu zu Bewusstsein bringen“. Es gebe in der Geschichte auch Zeiten, „in denen die Macht des Bösen alles verdunkelt“.6

Vor einiger Zeit verwendete Benedikt XVI. in einer seiner seltenen öffentlichen Äußerungen ein sprachliches Bild, das die Kirche mit einem Schiff vergleicht, „das in schweren Stürmen dahintreibt“. Er bekräftigt jetzt, dass „dessen grundsätzliche Wahrheit kaum ernstlich bestritten werden kann“ und weist Vorwürfe, dass seine Äußerung „eine gefährliche Einmischung in die Regierung der Kirche“ darstelle, zurück. Wer ihm dies vorwerfe, beteilige „sich bewusst an einer Stimmungsmache“ gegen ihn, „die nichts mit der Wahrheit zu tun hat“.7 Insbesondere der „deutschen Theologie“ wirft er vor, dass sie „einfach seine Stimme ausschalten will“, was sich daran zeige, dass ihre Reaktion auf einen 2018 veröffentlichten Aufsatz zum christlich-jüdischen Verhältnis „so töricht und so bösartig“ gewesen sei, „dass man lieber nicht davon spricht“.8

Quellen

  1. Zit. nach Peter Seewald: Benedikt XVI.: Ein Leben, München 2020, S. 1074.
  2. Zit. nach Ebd., S. 1074-1075.
  3. Zit. nach Ebd., S. 1075.
  4. Zit. nach Ebd., S. 1075.
  5. Zit. nach Ebd., S. 1079.
  6. Zit. nach Ebd., S. 1079-1080.
  7. Ebd., S. 1075.
  8. Zit. nach Ebd., S. 1078-1079.