J. R. R. Tolkien: Der Männerbund als Beschützer und Erneuerer des Gemeinwesens

Der Schriftsteller J. R. R. Tolkien schuf mit seiner Trilogie „Der Herr der Ringe“ eine christliche Interpretation der Motive der Mythen West- und Nordeuropas im Sinne abendländischer Weltanschauung. Er beschrieb darin mit dem Bund der „Waldläufer des Nordens“ auch die idealtypische Form des Männerbundes, welcher nach dem Verständnis christlich-abendländischer Tradition als Beschützer des Gemeinwesens sowie als Bewahrer und Erneuerer seiner Kultur agiert.

Das Motiv des metaphysischen Kampfes in der Kosmologie Tolkiens

Das in Tolkiens Werken beschriebene Geschehen spielt sich in einer fiktiven Welt ab, die er auf der Grundlage christlicher Kosmologie entwarf. Diese Welt wird von einem Kampf geprägt, der auf einer höheren Ebene der Wirklichkeit stattfindet und zugleich in die Welt hineinreicht. Die Dimensionen und Akteure dieses Kampfes sind für die Menschen nur bruchstückhaft erkennbar. Der Beginn dieses Kampfes ist die Rebellion des Engels Melkor bzw. Morgoth gegen Gott den Schöpfer, der in der Mythologie Tolkiens Eru Ilúvatar („Allvater“) genannt wird.

Von diesem Kampf haben Menschen nur indirektes Wissen, während nichtmenschliche Wesen wie Gandalf (der zu einer Klasse von Wesen gehört, die den christlichen Engeln gleichen) sowie Elben ihn unmittelbar erkennen können. Er wirkt sich jedoch direkt auf die Welt der Menschen aus. In ihm  sollen „alle Reiche auf die Probe gestellt werden, ob sie standhalten“.1 Der Feind in diesem Kampf ist ein Hass, der „aus den Tiefen der Zeit“ kommt.2 Er bedient sich Menschen und anderer Akteure, die er korrumpiert, die jedoch nicht die eigentlichen Feinde darstellen. Sauron, der als höchster direkt sichtbarer Führer in diesem Kampf auf der Seite des Bösen in Erscheinung tritt, ist ein gefallener Engel niederer Ordnung, der durch einen gefallenen Engel höherer Ordnung, Morgoth, korrumpiert wurde. Morgoth ähnelt somit Satan, während Sauron einem Dämon ähnelt.

Sauron tritt in der Geschichte der von Tolkien beschriebenen Welt im Abstand von vielen Jahrhunderten immer wieder als Führer des Bösen in Erscheinung und muss jedes Mal aufs Neue besiegt werden. Gandalf bekennt, dass er an diesem Kampf mitwirke, damit „irgendetwas diese Nacht übersteht, das noch gut werden oder Frucht tragen oder in zukünftigen Tagen wieder blühen kann“.3

Die Welt der Menschen bzw. „Mittelerde“ wird als im Niedergang befindlich beschrieben. Die Reiche der Menschen, von denen überwiegend nur noch Ruinen übrig sind, befinden sich seit Jahrtausenden in einem dauernden Belagerungszustand. Dem Volk der Hobbits des Auenlandes, das einer der wenigen Orte dieser Welt ist, in dem vorübergehend ein trügerischer Frieden herrscht, ist das größere Geschehen und die ihnen drohenden Gefahr nicht bekannt. Sie haben den Krieg, der ihre Welt prägt, vergessen und kümmern sich nicht „um die Welt draußen, wo dunkle Dinge vor sich gingen“ und „glaubten, Frieden und Überfluss seien die Regel in Mittelerde und ein Recht, das allen vernünftigen Lebewesen zustehe“.4

Der Bund der Waldläufer als Ritterorden

Dass diese Bedrohungen das Auenland vorläufig nicht erreichen, liegt am im Verborgenen stattfindenden Kampf des Geheimbunds der „Waldläufer des Nordens“. Diese stellen eine Mischung aus einem religiösen Orden und einer leichten Kavallerieeinheit dar und sind in dieser Hinsicht mit einem christlichen Ritterorden vergleichbar. Sie seien diejenigen, „die den langen Frieden im Auenland ermöglichten“. Die Hobbits „wurden in Wirklichkeit beschützt, aber sie erinnerten sich dessen nicht mehr“.5

Die Waldläufer sind die Nachkommen eines alten Königsgeschlechts und die Träger dessen nur noch im Verborgenen existierenden Tradition, die ihren Kampf auf scheinbar verlorenem Posten fortsetzen und so den Menschen, die davon nichts ahnen, einen wichtigen Dienst erweisen. Sie leben auf dem Gebiet ihres untergegangenen Reiches Arnor im Norden der Welt in unzugänglichen Waldgebieten, führen Patrouillen an den Grenzen durch und kämpfen unter der Führung Aragorns einen verdeckten Kampf gegen die Kreaturen und Diener des Bösen, die über die Grenzen zwischen dem Bereich relativer Ordnung und des Chaos in die Länder der Menschen einzudringen versuchen. Außerdem beraten die Waldläufer einige Herrscher der Menschen. Dieser Dienst bleibt den meisten anderen Menschen verborgen. Sie seien „fast ausgestorben“ weshalb ihnen nur noch sehr begrenzte Kräfte, vielleicht nur wenige Dutzend Männer, zur Verfügung stehen. Angesichts ihres absehbaren Erlöschens und des Erstarkens des Bösen bereiten sie sich auf ihren letzten Kampf.6

Im Werk Tolkiens werden die Waldläufer als stille und weise Männer beschrieben, die ein ganz auf ihren Auftrag konzentriertes, materiell einfaches Leben führen und über ein hohes Maß an soldatischer Tugend verfügen. Über die Waldläufer heißt es, dass sie „tapfere und edle Männer sind“. Andere Krieger „sehen fast wie Knaben neben ihnen aus; denn die meisten haben grimmige Gesichter, zerfurcht wie verwitterter Fels, wie Aragorn auch; und sie sind schweigsam“, aber „ebenso wie Aragorn sind sie höflich, wenn sie ihr Schweigen brechen“.7

Ihr Zeichen ist eine als silberner Stern ausgeführte Brosche, die sie als Mantelschließe ihrer ansonsten schmucklosen dunkelgrauen Mäntel auf ihrer linken Schulter tragen. Dieser Stern wird auch als „Stern der Dúnedain“ bezeichnet.

Tom Bombadil, ein sehr altes und mächtiges nichtmenschliches Wesen, beschreibt sie als „Feinde des Dunklen Herrschers“ und „Söhne vergessener Könige, die in Einsamkeit wandern und sorglose Leute vor bösen Dingen behüten“.8

Die Menschen nehmen die Waldläufer so wahr:

„Doch waren in den Wilden Landen jenseits von Bree geheimnisvolle Wanderer unterwegs. Die Leute in Bree nannten sie Waldläufer und wussten nichts über ihre Herkunft. Sie waren größer und dunkler als die Menschen in Bree, und man glaubte von ihnen, dass sie ein besonderes Sehvermögen und einen ungewöhnlichen Gehörsinn besäßen und die Sprachen der Tiere und Vögel verstünden. Sie wanderten, wie es ihnen gefiel, nach Süden und Osten und sogar bis zum Nebelgebirge; aber es gab ihrer nur noch wenige, und man bekam sie selten zu Gesicht. Wenn sie kamen, brachten sie Neuigkeiten von weither mit und erzählten merkwürdige, vergessene Geschichten, denen gespannt gelauscht wurde; doch waren die Leute in Bree nicht gut Freund mit ihnen.“9

In Tolkiens Buch „Die Gefährten“ beschreibt Aragorn, der Führer des Bundes, die Waldläufer und ihren Auftrag so:

„Unsere Tage haben sich verdunkelt und wir sind wenige geworden; doch immer ist das Schwert in neue Hände übergegangen. […] Einsame Männer sind wir, Waldläufer in der Wildnis, Jäger, aber gejagt haben wir immer die Diener des Feindes; denn sie sind an vielen Orten zu finden, nicht nur in Mordor.

Wenn Gondor, Boromir, eine tapfere Feste gewesen ist, dann haben wir eine andere Rolle gespielt. Viele böse Dinge gibt es, denen Eure starken Mauern und blitzenden Schwerter nicht Einhalt gebieten. Ihr wißt wenig von den Ländern jenseits Eurer Grenzen. Frieden und Freiheit, sagt Ihr?

Der Norden hätte wenig Frieden und Freiheit gehabt, wenn wir nicht gewesen wären. Angst hätte diese Länder vernichtet. Aber wenn finstere Wesen aus den hauslosen Bergen kommen oder aus sonnenlosen Wäldern herauskriechen, dann fliehen sie vor uns. Welche Straßen würde man noch entlangzuziehen wagen, welche Sicherheit gäbe es in ruhigen Ländern oder nachts in den Häusern der einfachen Leute, wenn die Dúnedain nicht wachten oder wenn sie schon alle ins Grab gesunken wären?

Und doch ernten wir weniger Dank als Ihr. Wanderer betrachten uns mit Argwohn, und die Leute vom Lande geben uns verächtliche Namen. ‚Streicher‘ bin ich für einen dicken Mann, der nur einen Tagesmarsch von Feinden entfernt lebt, die sein Herz erstarren lassen oder seine kleine Stadt in Trümmern legen würden, wenn er nicht unablässig beschirmt würde. Und doch möchten wir es nicht anders haben. Wenn einfältige Leute frei sind von Sorgen und Furcht, werden sie immer einfältig sein, und wir müssen im Geheimen wirken, damit sie es bleiben. Das ist die Aufgabe meiner Familie gewesen, während die Jahre verstrichen und das Gras wuchs.

Aber jetzt ändert sich die Welt wieder einmal. Eine neue Stunde bricht an. Isildurs Fluch ist gefunden. Kampf steht uns bevor. Das Schwert soll neu geschmiedet werden.“10

Die „Waldläufer von Ithilien“ sind ein ähnlicher Bund, der auf die gleichen Wurzeln zurückgeht und im Raum des südlichen Reiches Gondor aktiv ist. Ihr Führer ist Faramir, der als klug „und bewandert in den alten Schriften der Lehre und des Liedes“ beschrieben wird, aber „dennoch ein Mann von Beherztheit und rascher Entscheidung auf dem Schlachtfeld“ sei.11 Tolkien beschreibt ihn als Philosophen, religiösen Mystiker und ritterlichen Kämpfer. Wie Aragorn kämpft er für den Schutz und die Erneuerung seines Reiches:

„Ich möchte den Weißen Baum wieder in Blüte sehen in den Höfen der Könige, und dass die Silberne Krone zurückkehre und Minas Tirith Frieden haben: dass es wieder das Minas Anor von einst sei, voll von Licht, erhaben und lieblich, schön wie eine Königin unter anderen Königinnen.“12

Nach dem Ende des Ringkrieges begaben sich die meisten Waldläufer nach Minas Tirith, um dort die Herrschaft Aragorns bzw. Elessars zu unterstützen (siehe unten). Andere beteiligten sich am Wiederaufbau des nördlichen Teils des neu entstandenen wiedervereinigten Königreiches. Nachdem sie zuvor verborgene Kämpfer gegen die Kräfte des Bösen wirkten, dienen sie nun als Erneuerer von Gemeinwesen und Kultur.

Das „Volk der alten Könige“ als Herkunft des Bundes

Der Bund der Waldläufer besteht aus den Nachkommen des Königshauses der Dúnedain, bei denen es sich um die Nachkommen der überlebenden menschlichen Bewohner von Númenór, einer mit dem Atlantis der europäischen Mythologie vergleichbaren Insel, handelt. Sie werden daher auch als das „Volk der alten Könige“ beschrieben.13

Den Dúnedain gelang es zu überleben, weil sie die Folgen der Rebellion des korrumpierten Herrschers dieser Insel rechtzeitig erkannten und fliehen konnten, bevor die Insel durch numinose Mächte vernichtet wurde. Sie hörten jedoch selbst nach langen Zeitaltern nie auf, sich gewissermaßen als Vertriebene zu betrachten“.14 Sie gründeten das Reich Arnor auf dem Kontinent Mittelerde, das aber von den Dienern des Bösen vernichtet wurde. Laut dem durch das Böse korrumpierten Weisen Saruman gebe es für sie als „sterbende Númenórer“ keine Hoffnung mehr.15

Ihr jeweiliger Führer gilt als Anwärter auf den Thron des Reiches Gondor. Nachdem ihr Reich vernichtet worden war, entschieden sich die Dúnedain auf den Rat des Elben Elrond hin dazu, ihr Reich nicht wiederaufzubauen, sondern sich in den Untergrund zu begeben und der Welt im Verborgenen zu dienen. Sie und ihre Verbündeten wussten, dass der Krieg, in dem sie sich befanden, noch für sehr lange Zeit andauern würde und dass die Kräfte des Bösen immer wieder in den Lebensraum der Menschen eindringen würden. Da diese Kräfte sich vorläufig als stärker erwiesen haben, entschlossen sich die Waldläufer dazu, möglichst nicht für den Feind sichtbar zu agieren.

Nach dem Ende ihres Reiches tauchten die Dúnedain deshalb „in den Schatten unter und wurden ein geheimes und wanderndes Volk, und ihre Taten und Mühen wurden selten besungen oder aufgezeichnet“. Ihre Zahl nahm allerdings stetig ab, ebenso ihre Macht und ihre Lebensspanne.16 Grund dafür waren nicht nur verlustreiche Kämpfe, sondern auch, dass sich „das Blut des königlichen Hauses und anderer Häuser der Dúnedain mit dem geringerer Menschen“ vermischte. Diese Vermischung „beschleunigte den Verfall der Dúnedain zuerst nicht“, der jedoch allmählich fortschritt, je stärker diese sich mit Mittelerde verbanden und daher ihre Gaben als Númenórer „nach dem Untergang des Landes des Sternes“ verloren“.17 Tolkien bezieht sich hier nicht auf moderne biologistische Konzepte, sondern auf ein mythologisches Motiv, das Menschen die in heiliger Zeit leben ein höheres Alter zuschreibt, wie etwa Adam, Noah und Methusalem im Alten Testament.

Die Verbindung der Waldläufer zu übernatürlichen und numinosen Akteuren

Der Bund der Waldläufer steht in enger Verbindung zu Gandalf, der ein übernatürlicher Akteur ist, oder zu Akteuren wie den Elben, die eine stärkere Verbindung zum Übernatürlichen haben als Menschen.

Gandalf gehört in der Kosmologie Tolkiens zu einer Klasse von Wesen, die den christlichen Engeln entsprechen. Er trägt insbesondere Attribute des Erzengels Michaels und wird als Akteur beschrieben, der die Gestalt eines Menschen angenommen hat, um die in Tolkiens Werk beschriebenen Elben, Menschen, Hobbits und Zwerge im Kampf gegen das Böse zu unterstützen. Gandalf zufolge hätten die Waldläufer ihm dabei häufig geholfen. Aragorn sagt, dass Gandalf „das Auenland selten unbewacht“ gelassen habe.18 Gandalf selbst sagt über sich, dass „alles, was Wert hat in der Welt […], das steht unter meinem Schutz“.19 Als das in der Trilogie beschriebene Geschehen beginnt, unterstützen die Waldläufer die von Gandalf und dem Elben Elrond geführten Anstrengungen, den laufenden Krieg zu beenden.

Geistiges Zentrum der Waldläufer ist der von Elben bewohnte Ort Bruchtal. Tolkien beschreibt sie als numinose Wesen bzw. als eine höhere Form von Menschen, die den Sündenfall nicht durchlaufen haben (die Elbin Galadriel ähnelt Maria) und als Wesen mit edlem und gutem Wesen sowie mit übermenschlichen Eigenschaften, die über größere spirituelle Kraft verfügen als Menschen und die zudem unsterblich sind. Als Personen verfügen sie  über archetypische Eigenschaften und treten entweder ritterlich, priesterlich oder königlich in Erscheinung, aber auch als vollkommene Heiler oder Künstler. Sie „leben in beiden Welten zugleich“, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Sie würden eine Macht darstellen, „die der Gewalt von Mordor eine Zeitlang widerstehen kann“.20

Über einen anderen ihrer Orte, Lórien, sagt einer der Gefährten, dass er den Eindruck habe, „er habe über eine Brücke der Zeit einen Winkel der Altvorderenzeit betreten und ergehe sich jetzt in einer Welt, die nicht mehr war.“ Während in Bruchtal die Erinnerung an die alten Dinge noch lebe, existierten diese Dinge in Lórien noch in der lebendigen Welt. Es schien ihm, als ob er „durch ein hohes Fenster getreten“ sei, „das auf eine verwunschene Welt blickt“. Diese sei von einem Licht erfüllt, „für das seine Sprache keinen Namen hatte“. Es sei „kein Fehl […] am Lande Lórien“, einem „zeitlosen Land, das nicht verging oder sich veränderte oder in Vergessenheit geriet“21, und dessen Bewohner „ein lebendiges Bild dessen“ waren, „was die fließenden Ströme der Zeit bereits weit zurückgelassen haben“.22

Als Träger höherer Weisheit und einer hohen und alten Kultur bilden sie die Waldläufer für ihren Dienst aus und bewahren auch einzelne übrig gebliebene Artefakte bzw. das Erbe des untergegangenen Reiches der Dúnedain auf. Das im Kampf gegen Sauron zerbrochene Schwert und Herrschaftssymbol Elendil etwa werde an einer ihrer Stätten in Bruchtal „wie ein Schatz gehütet“, um eines Tages neu für den Kampf gegen das Böse geschmiedet zu werden. Dieser Ort befindet sich in klosterartiger Abgeschiedenheit. Nichts Böses kann ihn vorläufig erreichen und an ihm wird neben den erwähnten Artefakten auch altes Wissen bewahrt.

Das Wesen Aragorns, des Führers des Bundes

Bei seiner Beschreibung Aragorns bezog sich Tolkien mutmaßlich auf das von Platon beschriebene Ideal des Wächters bzw. des in jeder Hinsicht tüchtigen Kriegers, der zugleich philosophisch gebildet und dazu berufen sei, Herrscher zu werden.

  • Aragorn sagt von sich, dass er „zu viele dunkle Dinge“ wisse. Er habe „viele wilde und wachsame Geschöpfe gejagt“ und könne es „gewöhnlich vermeiden, gesehen zu werden“. Er sei älter, als er aussehe und er „sehe gemein aus und denke anständig“. Er wird zudem als in jeder Hinsicht stark beschrieben und sei „ebenso beschlagen […] in alten Sagen wie im Leben in der Wildnis“. Er sei „groß und hart wie Stein, die Hand auf dem Heft seines Schwertes; er sah aus, als habe ein König aus den Nebeln des Meeres die Gestade geringerer Menschen betreten.“23
  • Aragorn wird als unbedingt bereit dazu dargestellt, sein Leben in den Dienst an höheren Dingen zu stellen und dafür Opfer zu bringen. Er habe über Jahre hinweg „oft an den Grenzen des Auenlands Wache gehalten“ und erklärte sich dazu bereit, die Gefährten, die Hobbits auf ihrem Weg zu beschützen, „durch mein Leben oder meinen Tod“. Während sie schlafen, hält er Wache: „Seine Augen glänzten im Schein des Feuers, das er in Gang gehalten hatte und das hell brannte; aber er gab kein Zeichen und bewegte sich nicht.“24

Über sein Leben heißt es:

„Fast dreißig Jahre lang mühte er sich in der Sache gegen Sauron; und er wurde ein Freund Gandalfs des Weisen, von dem er viel Weisheit erlangte. Mit ihm unternahm er viele gefährliche Fahrten, aber im Laufe der Jahre ging er öfter allein. Seine Wege waren hart und lang, und mit der Zeit bekam er ein etwas grimmiges Äußeres, es sei denn, er lächelte zufällig; und doch erschien er den Menschen der Ehrerbietung würdig wie ein König in der Verbannung, wenn er seine wahre Gestalt nicht verbarg. Denn er ging in vielen Verkleidungen und errang Ruhm unter anderem Namen. Er ritt im Heer der Rohirrim und focht für den Herrn von Gondor zu Lande und zur See; und in der Stunde des Sieges verschwand er dann, und die Menschen des Westens wussten nichts mehr von ihm, und allein ging er weit in den Osten und tief in den Süden, erforschte die Herzen der Menschen, der bösen und guten, und deckte die Verschwörungen und Pläne von Saurons Dienern auf.

So wurde er schließlich der tapferste der lebenden Menschen, bewandert in ihren Künsten und Überlieferungen, und doch war er mehr als sie; denn er war elbenweise, und es war ein Glanz in seinen Augen, den, wenn sie aufleuchteten, wenige ertragen konnten. Sein Gesicht war traurig und streng wegen des Schicksals, das ihm auferlegt war, und dennoch hegte er Hoffnung in den Tiefen seines Herzens, aus dem zuzeiten Fröhlichkeit hervorsprudelte wie eine Quelle aus dem Felsen.“25

Aragorn als sakral legitimierter Herrscher sowie als Bewahrer und Erneuerer der Kultur

Aragorn bereitet sich im Verborgenen auf sei künftiges Amt als König vor. Über ihn existieren prophetische Verse, die sein künftiges Königtum voraussagen:

„Nicht alles, was Gold ist, funkelt,
Nicht jeder, der wandert, verlorn,
Das Alte wird nicht verdunkelt
Noch Wurzeln der Tiefe erfrorn.

Aus Asche wird Feuer geschlagen,
Aus Schatten geht Licht hervor;
Heil wird geborstnes Schwert;
Und König, der die Krone verlor.“26

Er führt ein geborstenes Schwert, ein im Kampf gegen Sauron zerstörtes Herrschaftssymbol seiner Vorfahren mit sich, über das er sagt: „Die Zeit ist nahe, da es neu geschmiedet werden wird.“27 Sein von der Elbin Arwen gefertigtes Königsbanner wird erstmals „verborgen in der Dunkelheit“ entrollt, als er sich auf den Pfaden der Toten gegenüber einem Heer Gefallener, die ihren Eid brachen, zum ersten Mal auf seine Autorität als König beruft.28 Später wird er durch Gandalf zum König gekrönt und trägt nun den Namen Elessar. Dieser weist ihm auch seinen Auftrag zu:

„Dies ist dein Reich und das Herz des größeren Reiches, das sein wird. Das Dritte Zeitalter der Welt ist zu Ende, das neue Zeitalter hat begonnen; und es ist deine Aufgabe, seinen Beginn zu ordnen, und das zu bewahren, was bewahrt werden kann.“29

Seine ersten Handlungen als König sind es, einen besonderen Baum zu pflanzen, der die Kontinuität des von ihm geführten Reiches symbolisiert und die „Wächter die Mauern“ zu stellen bzw. den Schutz des Gemeinwesens wieder zu gewährleisten. Anschließend führt er die Erneuerung der sterbenden Kultur des Reiches an:

„In seiner Zeit wurde die Stadt schöner gemacht, als sie je gewesen war, selbst in den Tagen ihrer ersten Blüte; […] und alles wurde heil und gut gemacht, und die Häuser wurden mit Männern und Frauen und dem Lachen von Kindern gefüllt, und kein Fenster war öde und kein Hof verlassen; und nach dem Ende des Dritten Zeitalters der Welt bewahrte die Stadt bis in das neue Zeitalter hinein die Erinnerung und den Glanz der Jahre, die vergangen waren.“30

Tolkien beschreibt seine Herrschaft auf eine ähnliche Weise, wie im Alten Testament das Wirken guter Könige des Volkes Israel oder auch das Handeln Nehemias, des Retters und Erneuerers Jerusalems, beschrieben werden. Außerdem schreibt er über Aragorn als König: „Hochbetagt erschien er, und doch in der Blüte der Manneskraft; und Weisheit lag auf seiner Stirn, und Kraft und Heilung waren in seinen Händen, und ein Licht war um ihn.“31

Er heiratete die Elbin Arwen, die der „Abendstern“ ihres sich aus der Welt zurückziehenden Volkes genannt wurde, und die für ihn ihre irdische Unsterblichkeit ablegte. Sie sagte ihm voraus, dass er „unter den Großen sein“ werde, dessen Tapferkeit das Böse vernichten werde, welches ihre Welt bedrohte.32 Später dann „trat er das Erbe seiner Väter an und erhielt die Krone von Gondor und das Zepter von Arnor“.33 Als er nach einem langen Leben als König verstarb, da „wurde eine große Schönheit in ihm offenbar, sodass alle, die nachher kamen, ihn voll Staunen anblickten; denn sie sahen, dass die Anmut der Jugend und die Kraft seiner Mannesjahre und die Weisheit und königliche Würde seines Alters miteinander verschmolzen waren“; und „lange lag er dort, ein Abbild der Erhabenheit der Könige der Menschen in nicht verdunkelter Pracht vor dem Bruch der Welt“.34

Quellen

  1. J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe, Stuttgart 2009, S. 841.
  2. Ebd., S. 841 f.
  3. Ebd., S. 833.
  4. Ebd., S. 21 f.
  5. Ebd., S. 22.
  6. Ebd., S. 251.
  7. Ebd., S. 853.
  8. Ebd., S. 171.
  9. Ebd., S. 175.
  10. Ebd., S. 281.
  11. Ebd., S. 843.
  12. Ebd., S. 740.
  13. Ebd., S. 251.
  14. J. R. R. Tolkien: „Die Insel Númenor“, in: Das HobbitBuch, München 1988, S. 180-189, hier: S. 180.
  15. Tolkien 2009, S. 293.
  16. Ebd., S. 1150 f.
  17. Ebd., S. 1156.
  18. Ebd., S. 200.
  19. Ebd., S. 833.
  20. Ebd., S. 253.
  21. Ebd., S. 391 f.
  22. Ebd., S. 418.
  23. Ebd., S. 554.
  24. Ebd., S. 190-232.
  25. Ebd., S. 1171 f.
  26. Ebd., S. 198.
  27. Ebd., S. 200.
  28. Ebd., S. 868.
  29. Ebd., S. 1068.
  30. Ebd., S. 1065.
  31. Ebd., S. 1065.
  32. Ebd., S. 1172.
  33. Ebd., S. 1174.
  34. Ebd., S. 1175 f.