Cornelia Koppetsch: Der Aufstand gegen die globale Moderne

Pieter Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Soziologin Cornelia Koppetsch lehrt an der Technischen Universität Darmstadt. In ihrem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ analysiert sie das Scheitern der Ideologie des Globalismus und der auf ihr beruhenden globalen Moderne sowie den zunehmenden Widerstand dagegen durch Akteure, die an historisch gewachsenen Kulturen, Bindungen und Ordnungsmodellen festhalten wollen. Der damit verbundene politische Großkonflikt werde die nähere Zukunft bestimmen. Es stünden „konfliktreiche Zeiten“ bevor.

Das Buch wurde nach zum Teil fragwürdigen Plagiarismusvorwürfen gegen die Autorin vor einiger Zeit aus dem Handel zurückgezogen, was aber den Wert des Werkes nicht schmälert, da dessen Thesen und Argumente inhaltlich bislang nicht ernsthaft herausgefordert wurden. Auf den mutmaßlichen Hintergrund der Vorwürfe gehen wir im letzten Abschnitt dieses Textes ein.

Die Ideologie des Globalismus und ihre Ziele

Zur Bezeichnung der Ideologie des Globalismus verwendet Koppetsch den Begriff des „progressiven Neoliberalismus“, weil diese Ideologie eine Synthese von neoliberalen und progressiven Elementen darstelle. Laut Koppetsch sei der „progressive Neoliberalismus“ ein transnationaler Kapitalismus, der die Aufweichung von Grenzen auf allen Gebieten des Lebens sowie die Ökonomisierung und Flexibilisierung aller Lebensbereiche fordere.1

  • Diese Ideologie sei Teil des modernen Strebens nach „Herauslösung des Einzelnen aus Kollektivbindungen und Traditionen“. Sie lehne alle Formen von stabiler, nicht auf einem liberalen Nutzenkalkül beruhenden menschlichen Bindungen ab, weil diese ihrem Ideal totaler Flexibilität und Entgrenzung im Wege stünden. Dies gelte etwa für die Bindungen an Familie, Heimat und Nation.2
  • Bindungen würden von globalistischer Ideologie nur dann als legitim betrachtet, wenn das Individuum sie frei gewählt habe und sie gemäß des liberalen Vertragsdenkens nur solange aufrechterhalte, wie es ihm Vorteile bringt.
  • Es gehe dieser Ideologie darum, „jede kollektive Identität zerstreuen zu können, um die eigene Gesellschaft und Person vielfältig, multipel, hybrid und damit inklusiv zu gestalten“.3
  • Sie strebe dabei nach der Auflösung von allem, was der Soziologe Anthony Giddens als „Seinsgewissheiten“ bezeichnet hatte, etwa das Gefühl von Heimat, das ein Vertrauen in die Kontinuität der eigenen Identität und eine stabile, als sinnstiftend empfundene affektive Bindung an ein Gemeinwesen ermöglicht habe.4

Das Ziel dieser Ideologie sei die Schaffung einer homogenen Menschheitsgemeinschaft, in der Hemmnisse für wirtschaftliche Effizienz minimiert seien und mit dem Wegfall kultureller Unterschiede jegliche Diskriminierung unmöglich werden solle. Globalistische Ideologie betrachte sich als Träger der globalen Ausbreitung von Frieden, Wohlstand und Zivilisation sowie von Toleranz, Weltoffenheit und Liberalität, die im Zuge von fortschreitender Entgrenzung und Auflösung von Bindungen in immer größerem Maße sichergestellt würden.5 Die traditionsgeleiteten und gemeinschaftsorientierten Kulturideale des Christentums haben in dieser Utopie keinen Platz. Traditionelle Religion werde so wie die Familie oder die Nation als ein Kulturrest aus einer vorrationalen Zeit betrachtet, der dem Fortschritt im Wege stehe und daher nicht zu tolerieren sei.

Die Krise des Globalismus

Westliche Gesellschaften seien in Folge der Durchsetzung globalistischer Ideologie „rapiden Zerfallsprozessen ausgesetzt“, weil von ihr ausgeblendet werde, dass die bekämpften Bindungen die Grundlage für sozialen Zusammenhalt und „für die Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit“ sind. Diese Ideologie könne zudem das Bedürfnis von Menschen nach Stabilität, Sicherheit und Identität nicht erfüllen. Die Bruchlinien zwischen Menschen, welche gewachsene Bindungen und Kulturen bewahren und jenen, die sie auflösen wollten, würden tiefer.

Die globale Moderne sei zugleich für immer mehr Menschen mit Verlust- und Abstiegserfahrungen verbunden. Die Sorge vor einer „kulturellen Enteignung“ spiele dabei eine wichtigere Rolle als wirtschaftliche Faktoren. Die Folgen unkontrollierter Migration seien ein Beispiel für das Scheitern „liberaler Gesellschaftsnarrative“, die „einseitig die Segnung von Öffnungen propagieren und mögliche Gefährdungen ausblenden“.6 Grenzöffnungen hätten nicht mehr Offenheit und Solidarität bewirkt, sondern Grenzen nur auf die Ebene unterhalb des Staates verlagert. Die „vermeintlich offenen Kulturkosmopoliten“ würden „ihre ganz spezifischen Grenzanlagen“ errichten. Die Folgen der Offenheit würden hier „kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird“. Die „Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, sondern nach unten“. Es seien „vor allem die ökonomischen Privilegien, die wirkungsvolle Schutzzäune gegenüber unteren Schichten und Migranten darstellen“. Integrationsverweigerer kämen „in den privilegierten Quartieren erst gar nicht vor“, weshalb man sich einreden könne, dass es diesbezüglich keine Probleme gebe.7

Es gebe zudem eine „Hegemonie des Liberalismus“, die von „Kartellierungen zwischen Eliten in Kirche, Staat, Politik und Öffentlichkeit“ als alternativlos dargestellt werde, was eine Korrektur von Fehlentwicklungen verhindere. Die Ansprache von Herausforderungen und Konflikten werde tabuisiert und abweichende Perspektiven denunziert. Auf Kritik reagiere man mit Denkverboten und anderen „oftmals illiberalen Mitteln“. Die Toleranz, die man sich selbst bescheinige, offenbare sich hier als eine „Lebenslüge“.8 Man definiere sich in diesem Lager zudem vor allem über das Gefühl, moralisch besser zu sein als andere Menschen, verbunden mit ausgeprägten Feindbildern, die das kosmopolitische Milieu zusammenhielten.9 Diese Unfähigkeit zur Auseinandersetzung mit Herausforderungen und Kritik führe dazu, dass globalistische Akteure zunehmend im Blindflug agierten.

Globalismus zerstört soziale Bindungen und Solidargemeinschaften

Das oben beschriebene Ziel der Auflösung sozialer Bindungen wird in globalistisch geprägten Gesellschaften zunehmend verwirklicht, was sich in der Zerstörung von Solidargemeinschaften wie der Nation auswirkt. Die „solidarischen Grundlagen der Nation“ würden in Folge der Durchsetzung globalistischer Ideologie „abschmelzen wie Gletscher in Zeiten globaler Erwärmung“. Auf die daraus resultierenden Herausforderungen habe globalistische Ideologie keine Antworten.10

  • Die Vorstellung, dass die eigene Nation oder Kultur schützenswert seien, sei „in progressiven Bevölkerungsschichten“ vielmehr „in hohem Maße suspekt und diskreditiert“. Die Berufung auf eine entsprechend definierte Gemeinschaft werde von den „Vertretern der offenen Gesellschaft als Angriff auf Demokratie und Pluralität“ sowie „als Rückfall in Rassismus und archaische Ausgrenzungsmuster betrachtet“.
  • Dabei werde jedoch übersehen, dass die kulturelle Bindung an das Gemeinwesen bzw. die affektive Identifikation mit diesem zu den „Voraussetzungen auch moderner demokratischer Gesellschaften gehört, weil sie die Bedingung für den sozialen Zusammenhalt und die Bereitschaft, füreinander einzustehen, ist“. Diese Bindung sei auch die Voraussetzung „für alles andere – für die Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit“. Jedes Gemeinwesen sei auf „ein gemeinschaftliches Ethos angewiesen“.
  • Die Nation sei die „allgemeinsamste Form eines solchen ‚Wir‘“, die durch die von ihr erzeugten kulturellen Bindungen integrierend wirke und Identität stifte. Sie beruhe auf einem Minimum an kultureller Homogenität, ohne das es keine gemeinsamen Werte, keine gemeinsame Identität und keinen Gemeinsinn geben könne.11

Der Nationalstaat zeichne sich zudem durch eine „Zusammenführung von hoher Steuerungsfähigkeit mit Mobilisierungs- und Opferbereitschaft“ aus. Keine Ordnung habe in diesem Maße die Zustimmung ihrer Bürger erlangt und „ein solches Maß an solidaritätsgestützter Wohlfahrtssicherung und ein deratiges Niveau an öffentlichen Dienstleistungen herzustellen“ vermocht.12 In Gesellschaften mit offenen Grenzen hingegen schwinde die Solidarität. Hier „multiplizieren sich die Möglichkeiten des Trittbrettfahrens“, zum Beispiel durch Steuerflucht oder Migration in die Sozialsysteme. Offene Gesellschaften seien daher wenig solidarisch. Solidaritätsstiftende Inklusion funktioniere umso besser, „je schärfer und stärker auch ihre Exklusionsmechanismen ausgeprägt sind“. Je „exklusiver die Gemeinschaft, desto größer die Selbstbindung sowie die Bereitschaft, sich den normativen Zwängen und Anforderungen der Gemeinschaft freiwillig zu unterwerfen“.13

Der Nationalstaat schaffe dadurch kollektive Güter, wodurch alle seine Angehörigen gewinnen. Einer Krankenschwester in Deutschland stehen trotz mittlerer Bindung und vergleichsweise geringem Einkommen sehr gute Schulen, medizinische Versorgung und öffentliche Sicherheit zur Verfügung. Das Streben nach Auflösung des Nationalstaats durch gesellschaftliche Eliten sei daher ein Akt ihrer Entsolidarisierung gegenüber sozial Schwächeren.14

Die Auflösung der Hochkultur

Auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens würde globalistische Ideologie das Gewachsene auflösen. Die Idee einer christlich-abendländischen Leitkultur oder das Streben danach, sie zu bewahren, werde von kosmopolitischen Eliten als „in hohem Maße suspekt“ wahrgenommen.15 Die „traditionelle Hochkultur – die bildende Kunst, die klassische Musik, die traditionelle Gelehrsamkeit“ sei für Kosmopoliten allgemein nicht mehr wichtig. An die Stelle humanistischer Bildung treten marktorientierte Kompetenzen, kulturelle Flexibilität und „transnationales kulturelles Kapital“, das nicht mehr an eine gewachsene Hochkultur gebunden sei.16

Der Typus des Bildungsbürgers werde von wirtschaftlichen Eliten ausgehend von einem Typus mit kosmopolitischem Habitus verdrängt, der Grenzüberschreitung, Internationalität, Flexibilität und Selbstoptimierung verkörpere und Status an ökonomischem Erfolg festmache.17 In der Kunst würden nicht mehr die Maßstäbe der Hochkultur gelten, sondern die der Aufmerksamkeitsökonomie.18 Über den Status eines Werkes, entscheide „kein übergreifendes Wahrheits- oder Glaubenskriterium mehr, sondern Märkte“. Die kulturelle Identität von Nationen und Völkern und der Stellenwert der Religion in der Kultur würden aufgeweicht.19

Der Aufstand gegen die globale Moderne

Das Erstarken von Parteien und Bewegungen, die verbreitet als „rechtspopulistisch“ bezeichnet werden, sei eine Antwort auf das oben beschriebene Scheitern globalistischer Ideologie. Der Begriff des „Rechtspopulismus“ sei zur Beschreibung dieses Phänomens jedoch untauglich, weil es sehr heterogen sei. Gemeinsam sei den so bezeichneten Akteuren einzig die Wahrnehmung, dass die auf allen Gebieten des Lebens durchgesetzte Entgrenzung, Auflösung und Flexibilisierung keinen Fortschritt darstelle und dass die Verwirklichung der globalistischen Utopie nicht mit einer besseren Zukunft verbunden sein werde.

Zu den Gegnern der globalen Moderne gehörten nicht nur die klischeehaft als abgehängte wirtschaftliche Verlierer dargestellten Menschen der unteren Mittelschicht, für die die Globalisierung oftmals mit sozialem Abstieg verbunden sei. Diese Menschen störten sich daran, dass globalistische Ideologie zwar eine globale Ausweitung der Solidarität mit sozial schwachen Menschen fordere, ihnen gegenüber aber Solidarität verweigere. Darüberhinaus stoße die globale Moderne aber auch in anderen Teilen der Mittelschicht sowie unter den häufig der Oberschicht zuzurechnenden Wert- und Kulturkonservativen auf Widerstand, da diese durch den Globalismus die Zukunft ihrer Identität bedroht sähen und eine „kulturelle Enteignung“ befürchteten.

Die bevorstehende Rückkehr der Tradition und elementarer Bindungen

Die durch die globale Moderne vorangetriebene Atomisierung stärke den Wunsch nach Bindungen, Kontinuität und Ordnung und löse bei immer mehr Menschen eine Suche nach verbindlichen Identitätskonzepten aus. Koppetsch erwartet, dass sich diese Entwicklung künftig noch verstärken wird, da in Krisenzeiten liberale Wahlbindungen versagen und die Bedeutung von fundamentalen Bindungen wie die an Religion, Familie oder Nation zunehme.20

Koppetsch erwartet für die Zukunft daher die Entstehung von „Neogemeinschaften“ sowie „neue, identitäre Gemeinschaften“21 „als Reaktion auf liberale Gesellschaftsordnungen und den modernen Individualismus“ sowie auf „erlebten Mangel an Ordnung und den Relativismus“ und das „Regime der transnationalen Markt- und Selbstverwirklichungskultur“. Diese Gemeinschaften würden für Menschen immer attraktiver werden, weil sie über ein „verbindliches Identifikationsangebot“ verfügen und sie danach streben, die „verbindende Klammer der Tradition“ und gesellschaftliche Bindungen wiederherzustellen. Innerhalb solcher Gemeinschaften könnte aufgrund von hinreichender Homogenität zudem Solidarität wieder gelebt werden.22

Religiöse, aber auch andere weltanschauliche und kulturelle sowie ethnische Gemeinschaften würden in den zerfallenden westlichen Gesellschaften künftig daher an Bedeutung gewinnen. Wo die Nation bereits aufgelöst sei, würden „neue solidaritätsstiftende Gemeinschaften“ an ihre Stelle treten.23 Immer mehr Menschen, die selbst über keine lebendige Bindung an eine Tradition mehr verfügen, würden eine solche Bindung suchen und sich an Akteure wenden, die sie ihnen vermitteln könnten.24 Die Kirchen in Deutschland würden dabei wahrscheinlich nur eine geringe Rolle spielen, weil ihre Führungen laut Koppetsch größtenteils dem globalistischen Lager zuzurechnen seien.

Abhängig davon, um was für Gemeinschaften es sich handele, könnten das Ergebnis Nationalismus und die weitere identitätspolitische Zersplitterung von Gesellschaften, aber auch die Erneuerung von Bindungskräften sein.25 In jedem Fall aber würden „konfliktreiche Zeiten“ bevorstehen und die großen Fragen wieder auf die Tagesordnung zurückkehren.

Bewertung und Hintergrund

Das Buch der Autorin wurde aus dem Handel zurückgezogen, nachdem Plagiarismusvorwürfe gegen sie erhoben worden waren. Tobias Becker bemerkte dazu, dass einige der kritisierten Stellen „Prinzipienreitern einleuchten“ würden, „normalen Lesern“ jedoch „eher nicht“. Einige der Plagiarismusvorwürfe seien fragwürdig, so zum Beispiel der eines Autors, der den von Koppetsch verwendeten Begriff der „Neogemeinschaften“ für sich beanspruche. Tatsächlich sei dieser Begriff auch vor ihm von anderen Autoren verwendet worden.

Der eigentliche Grund für diese Vorwürfe sei mutmaßlich ein anderer: Koppetsch argumentiere „provozierend unparteilich“ und werfe den Sozialwissenschaften vor, das meist unter dem Begriff des „Populismus“ abgehandelte Phänomen nicht neutral untersucht zu haben, weil die meisten Sozialwissenschaftler selbst „meist Angehörige der kosmopolitischen Mittelklasse“ und somit „Partei in jenem Konflikt“ seien, den Koppetsch analysiere. Die Beiträge solcher Sozialwissenschaftler dienten laut Koppetsch daher „immer auch der Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen“. Wer so argumentiere, mache sich laut Becker zwangsläufig Feinde.

Der Soziologe Armin Nassehi beobachtete bei manchen Wissenschaftlern und Journalisten ein „geradezu triumphales Gefühl, gepaart mit Häme“, nachdem das Buch zurückgezogen worden war Es gebe in den Sozialwissenschaften Akteure, „die sich damit zufriedengeben“, die Anhänger der von ihnen abgelehnten Weltanschauungen „einfach als Rassisten zu bezeichnen“. Damit sei aber „nichts erklärt“. Koppetsch habe sich „wirklich an die Dinge herangewagt“.26

Sara Rukaj bemerkte, dass das Werk Koppetschs „im linksliberalen Milieu auf wütende Kritik“ gestoßen sei, die nur selten sachlich blieb oder sich auf dessen Inhalt bezog. Sie sei von Anfang an Anfeindungen ausgesetzt gewesen, weil sie in Tabuzonen vorgestoßen sei und eine Gesellschaftsanalyse vorgenommen habe, die politisch unerwünscht sei, weil sie versucht habe zu verstehen, was andere nur moralisch verurteilen wollten. Das Geschehen habe die „Konturen einer gesinnungspolitischen Diskursunfähigkeit“ sowie die „an den Universitäten virulente ‚Cancel Culture'“ offengelegt, die Forschung „als sozialpädagogische Erziehungsmaßnahme“ missverstehe:

„Forschungsergebnisse, die zu anderen als den für politisch probat erachteten Resultaten führen, werden dabei zunehmend moralisch in Verruf gebracht, statt ihnen inhaltlich zu widersprechen.“

Die von Koppetsch kritisierte Denunziation abweichender Stimmen durch kosmopolitische gesellschaftliche Eliten hätten ihre Kritiker im akademischen Milieu nachträglich auch an ihr vollzogen, was Koppetschs Hypothesen eher bestätige als entkräfte. Das „Ansinnen, Forscher, die nach Erklärungsansätzen für den Rechtspopulismus suchen, als Teil des rechten Spektrums darzustellen“, sei „Ausdruck einer moralischen Empörung über alles […] was nicht dem eigenen Weltbild entspricht“. Die „akademische ‚Cancel Culture'“ mache es “ geradezu zum Prinzip, die öffentliche Thematisierung von Dissens und Widerspruch zu vermeiden“. Es werde vielfach keine Wissenschaft mehr praktiziert, sondern statt dessen „Macht- und Geltungskämpfe im hegemonialen Sinne“ ausgetragen. Koppetsch habe mit ihren Analysen „tatsächlich einen wunden Punkt des gegenwärtigen Universitätsbetriebs“ getroffen, „weil sie die Anfälligkeit ihres eigenen Milieus für die politisch-pädagogische Indienstnahme wissenschaftlicher Erkenntnis ausgesprochen und analysiert hat“. Diese Milieu würde „Meinung und Wahrheitserkenntnis, objektive wissenschaftliche Standards und politisch-pädagogische Zwecke immer häufiger absichtsvoll“ miteinander verwechseln.27

Quellen

  1. Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter, Bielefeld 2019, S. 120.
  2. Ebd., S. 181.
  3. Ebd., S. 179-180.
  4. Ebd., S. 234.
  5. Ebd., S. 83.
  6. Ebd., S. 205.
  7. Ebd., S. 244-245.
  8. Ebd., S. 91.
  9. Ebd., S. 82.
  10. Ebd., S. 88 ff.
  11. Ebd., S. 178-179.
  12. Ebd., S. 182.
  13. Ebd., S. 183-184.
  14. Ebd., S. 181.
  15. Ebd., S. 178-179.
  16. Ebd., S. 111-116.
  17. Ebd., S. 116 ff.
  18. Ebd., S. 217.
  19. Ebd., S. 164.
  20. Ebd., S. 180-181.
  21. Ebd., S. 205.
  22. Ebd., S. 162-163.
  23. Ebd., S. 184.
  24. Ebd., S. 167.
  25. Ebd., S. 167.
  26. Tobias Becker: „In zorniger Gesellschaft“, Der Spiegel, 07.12.2019.
  27. Sara Rukaj: „Die Moral der Diskurswächter“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2020.