Susanne Schröter: Das Feindbild „alter weißer Mann“ und seine Quellen

Il Guercino - Der ewige Vater (gemeinfrei)

Die Ethnologin Susanne Schröter ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI).  In einem kürzlich erschienenen Aufsatz analysierte sie das Feindbild des „alten weißen Mannes“ und seine Quellen. Dieses Feindbild sei „das verbindende Element von sozialen Bewegungen“ und stoße „bis weit in die Sozial- und Geisteswissenschaften hinein auf Zustimmung“. Dieser „neue Hass“ sei „im höchsten Maße erklärungsbedürftig“, da gerade diese Akteure vorgeben würden, Diskriminierung auf der Grundlage von Hautfarbe, Geschlecht und Alter abzulehnen.1

Die weltanschaulichen Quellen des Feindbildes

Die weltanschaulichen Quellen dieses Feindbildes seien seien im Umfeld neomarxistischer und postmoderner Ideologien entstandene, im akademischen Umfeld zunehmend verbreitete aktivistische Strömungen:

  • Postkoloniale Theorie: Dieser in der Gegenwart auch als Antirassismus in Erscheinung tretende Aktivismus habe zunächst die „Entzauberung der westlichen Überlegenheitsrhetorik“ angestrebt, „mit der koloniale Herrschaftsverhältnisse gerechtfertigt worden waren“. In der Gegenwart würden die entsprechenden Aktivisten die Idee propagieren, dass sich der Westen „rassistischer Konstruktionen des ‚Anderen‘ bediene, um seine Hegemonie abzusichern“. Das Klischee des „weißen Mannes“ stehe hier für den Unterdrücker, als dessen Opfer alle Nichtweißen wahrgenommen würden.
  • Intersektionaler Feminismus: Postkolonialer Aktivismus habe seit den 1970er Jahren bewirkt, dass die Frauenbewegung sich in einen universalistischen und einen partikularistischen Flügel gespalten habe. Der Letztere würde weiße Frauen grundsätzlich an der Seite der Unterdrücker verorten, als die alle Weißen wahrgenommen würden. Die Ideologie des „intersektionalen Feminismus“ behaupte in diesem Zusammenhang, dass Rasse, Klasse und Geschlecht „interagierende Unterdrückungsmerkmale“ darstellten. Weitere „Opferkategorien“, etwa „Muslimischsein“, seien später hinzugekommen. Dies führe zu „einigen Absurditäten, da Muslime bekanntlich weder eine Hautfarbe noch andere unveränderliche Merkmale miteinander teilen“. Es sei in diesem Zusammenhang auffallend, dass die entsprechenden Aktivisten sich in der Regel mit Islamisten solidarisierten und deren muslimischen Kritikern einen „antimuslimischen Rassismus“ unterstellen.
  • Umwelt- und Klimabewegung: Diese Bewegung betonte das Feindbild des „Alten“ als angeblichem „Weltzerstörer“.

Biologistische Diskursgemeinschaften zerstören die öffentliche Debatte und die Solidarität in einem Gemeinwesen

Wer über die „falsch“ biologische Eigenschaft verfüge, sei in den oben beschriebenen Bewegungen oft von „vorneherein aus der Diskursgemeinschaft ausgeschlossen“. Indem „äußere Attribute zum Zugangskriterium einer Teilnahme an Debatten“ erhoben würden, verhindere man kritische Debatten. Derzeit „vervielfältigen sich identitäre Wir-Gruppen, die ihre Agenda durch eine eigene Diskurspolizei abzusichern suchen“, um sich vor Kritik abzuschotten. Dies macht eine öffentliche Debatte unmöglich.

Das hinter den entsprechenden Ideologien stehende Weltanschauung nehme die Gesellschaft zudem als „Konglomerat von sich feindlich gegenüberstehenden Sondergruppen“ wahr. Solidarität kann in diesem Denken nur innerhalb der eigenen, mit biologischen Merkmalen definierten Gruppe praktiziert werden, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstöre.

Hintergrund und Bewertung

Der von Schröter beschriebene Aktivismus hat seine Wurzeln im marxistischen Denken. Marx und Engels beschrieben in ihren Schriften die Zerstörung der Fundamente des Gemeinwesens als Voraussetzung für die Verwirklichung der von ihnen angestrebten Revolution, wobei sie die Abschaffung des Privateigentums und die Zerstörung von Familie, Nation und Religion in den Vordergrund stellten. Neomarxistische Strömungen, die im Zuge der 68er-Bewegung zunehmend Einfluss im akademischen Leben in westlichen Gesellschaften erlangten, knüpften daran an, wobei sie den Gedanken des Klassenkampfes um die auch von Schröter angesprochenen Kategorien von Rasse und Geschlecht erweiterten.

Postmoderne Strömungen bauten darauf ab den 1970er Jahren auf. Im postmodernen Denken sind Akteure so wie im marxistischen Denken entweder Unterdrücker oder Unterdrückte. Das Sein bestimme das Bewusstsein. Geschlecht sowie ethnische Zugehörigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse würden die eigenen Interessen so stark definieren, dass der Mensch zur Erkenntnis einer diese Eigenschaften transzendierenden Wahrheit unfähig sei. Die Anhänger dieser Ideologien lehnen es daher ab, sich an dem im abendländischen Denken verwurzelten Streben nach Wahrheit zu beteiligen, was sie geistig weitgehend steril macht.

An die Stelle des Kapitalismus als unterdrückendem System setzen postmoderne Ideologien das Feindbild des alten, weißen, heterosexuellen, christlichen Mannes, weil er Träger dessen ist, was von den Grundlagen des Gemeinwesens noch übrig ist. Faktisches Ziel postmoderner Akteure ist es, Macht durch Bekämpfung der Träger der bestehenden Ordnung und ihrer geistigen Grundlagen zu gewinnen. Ihre Weltanschauung macht es diesen Akteuren dabei unmöglich, selbst Beiträge zum Gemeinwohl eines Gemeinwesens zu leisten, da sie die Vorstellung der Existenz eines Gemeinwohls als einen weiteren Ausdruck von Unterdrückung ablehnen.

Die oben beschriebene Verbindung aus totalem Machtwillen, moralischem Nihilismus, aggressiver Betonung von Feindbildern, Streben nach Zerstörung der bestehenden Ordnung und der gewachsenen Kultur sowie Ablehnung des Gemeinwohls lässt den von Schröter beschriebenen Aktivismus aus einer gemeinwohlorientierten, wertegebundenen Perspektive als ernste Bedrohung erscheinen, zumal die entsprechenden Ideologien bereits in der Vergangenheit totalitäre Ausprägungen hervorgebracht haben. Diese Bedrohung wird dadurch verstärkt, dass dieser Aktivismus und das Denken, auf dem er beruht, in immer größerem Maße das Handeln staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen in westlichen Gesellschaften prägen.

Quellen

  1. Susanne Schröter: „Sterbende weiße Männer“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2020.